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Hersfelder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

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für den Kreis Hersfeld

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Zernsprech-slnschlutz Nr. 8

Nr. 176. Donnerstag, den 30. Juli 1»14.

Bus der Heimat.

Sicherheit der Spareinlagen im Kriegsfalle.

Immer wieder wird die Beobachtung gemacht, daß schon bei Kriegsgerüchten Spareinlagen in stärkerem Maße von einzelnen Sparern abgehoben werden, weil ihnen um die Sicherheit ihrer Guthaben bangt. In der Tat ist es aber wirklich albern, sich wegen der Sparguthaben selbst zu Kriegszeiten irgendwelche Ge­danken zu machen. Nirgendwo sind die Spargelder besser aufgehoben und geschützt als gerade auf den Sparkassen. Die gegenwärtigen politischen Verhält­nisse lassen es besonders angebracht erscheinen, auf die Sicherheit der Spareinlagen auch im Kriegsfalle hin­zuweisen. Zunächst ist zu bemerken, daß für die Ver­pflichtungen der Sparkassen die jeweils hinter ihnen stehenden Garantieverbände, das sind in der Regel Kreise oder Gemeinden, mit ihrem ganzen Vermögen haften. Die Möglichkeit, daß eine Sparkasse im Falle eines Krieges in der Rückzahlung der Spareinlagen beschränkt werden könnte insofern, als ihre Forde­rungsrechte, insbesondere die Hypotheken, minder­wertigwerden, besteht wohl auch nur theoretisch,weil die zumeist in Betracht kommenden Hypotheken sich inner­halb der Hälfte des Wertes der verpfändeten Objekte halten und letztere also vorweg um fast die Hälfte im Werte sinken müßten, ehe von einer generellen Ge­fährdung der Sparkassenhypotheken die Rede sein könnte. Würde der Fall dennoch ausnahmsweise eintreten, dann muß, wie schon gesagt, der Garantie­verband der Sparkasse die Ausfälle tragen, gegebenen­falls durch erhöhte Steuern. Weitverbreitet ist die irrige Annahme, daß dem Staate im Falle eines Krieges das Recht zustehe, die in Sparkassen ruhenden privaten Gelder mit Beschlag zu belegen. Demgegenüber sei betont, daß diese Gelder auf Grund gesetzlicher Bestimmung, an die auch der Staat gebunden ist, unantastbar sind. Auch vor dem Feinde ist das Geld sicher: denn der vornehmste Grundsatz des Völkerrechts ist der, daß Privateigentum unverletzlich ist. Der Feind im Lande darf nur Staatseigentum angreifen, das der eigentlich kriegführenden Partei gehört. Im Kriege 1870/71 waren von deutschen Truppen die Bestände einer Filiale der Bank von Frankreich beschlagnahmt worden. Der sofortige Ein­spruch der französischen Regierung bewirkte alsbaldige Aufhebung der Beschlagnahme, weil sie völkerrechts­widrig vorgenommen worden war. Allen Sparern kann daher nur empfohlen werden, das Geld ruhig auf der Sparkasse zu lassen, zumal für im Hause aufbewahrtes Geld große Gefahr des Verlustes besteht. Diebe und Feuer gefährden es, während es in den Sparkassengewölben sicher ruht und Zinsen bringt.

* Vom Kurhessischen Ziegenzucht- Verband. Unter dem Vorsitz des Landrats von Löwenstein-Marburg fand dort eine Sitzung des Vorstandes des Kurhessischen Ziegenzucht-Verbandes statt. Es wurde beschlossen, eine Vertretung des Verbandes bei der Landwirtschaftskammer in Cassel zu beantragen. Ferner genehmigte man den Antrag, fünf Saaner Zuchtböcke in der Schweiz ankaufen zu lassen. Zwei sollen in Niederhessen und je einer in Oberhessen, im Kreise Schmalkalden und in der Hanauer Gegend stationiert werden.

* (Mehr Blitzableiter.) Die zahlreichen schweren Gewitter dieses Sommers haben die König­liche Regierung in Wiesbaden veranlaßt, die Orts- bchörden usw. darauf hinzuweisen, daß es vermieden werden muß, die Anlage von Blitzableitern durch un­begründet strenge Vorschriften und zu hohe An­forderungen der Verwaltungs- und Baubehörden zu erschweren. Vielmehr sollen alle unnötigen Erschwer­ungen beseitigt werden, sodaß die Einführung von Blitzableitern in höherem Maße als bisher ermög­licht wird.

):( Hersfeld, 29. Juli. Gestern abend gegen 8 Uhr landete hier auf dem beim Obersberg belegenen Exerzierplatz ein mit zwei Offizieren besetzter Doppeldecker. Das Flugzeug war auf dem Wege von Köln nach Gotha und mußte hier landen, weil infolge des regnerischen Wetters die Orientierung sehr erschwert war. Führer des Apparates war ^"^"ant Gröbedinkel vom 10. Fuß-Art.-Regt. und SEvbachter Hauptmann Gabriel vom 164. Jnf.-Regt.

tte man in der Stadt die Landung bemerkt, L ' V? auch schon eine wahre Völkerwanderung nach S ^AurMlatze ein, um das seltene Schau- Nähe zu genießen. Die hiesige welM^L- entsandte sofort ein Wachtkommando, Nachdem beut-^Ht über bei dem Flugzeuge blieb, war prsinftUrAmor0enetne kleine Reparatur ausgeführt SSpSL' $ gegen 1210 Uhr der Doppeldecker trotz gneiiichen und windigen Wetters elegant in die

Höhe und verließ nach einer kurzen Schleifenfahrt Hersfeld in der Richtung nach Bebra zu.

Oechsen, 26. Juli. Veim Weiterteufen im Schacht Heiligenmühle brachen plötzlich große Wassermassen ein, so daß die Belegschaft schleunigst die Flucht ergreifen mußten. Die Pumpen wurden gleich in Tätigkeit gesetzt, so daß man das Wasser zu bewältigen hofft. Man hat bereits den Dolomit erreicht. In derselben Tiefe brach zur Zeit das Wasser im dauebenliegenden Schacht Mariengart ein.

Cassel, 28. Juli. Aus Angst vor Kriegsgefahr hatte eine Dame gestern vormittag ihre bet der hiesigen Sparkasse eingelegten Sparpfennige, zirka 300 Mk., abgehoben, um das Geld in ihrem Heim aufzubewahren. Auf dem Rückwege von der Spar­kasse hatte sie vor einem Schaufenster die Kriegs­depeschen gelesen und dabei wurde ihr im Gedränge ihr Portemonnaie mit dem gesamten Inhalt gestohlen.

Göttingen, 27. Juli. Infolge der politischen Lage kam es auf den Straßen und in den Gastwirtschaften zu stürmischen Studenten-Kundgebungen für Oester­reich und gegen Russen und Serben. Die russischen und serbischen Studenten mußten ein Cafe, in dem sie viel verkehren, räumen.

Göttingen, 28. Juli. Infolge der ernsten politischen Lage ist die in hiesiger Gegend dieser Tage abgehaltene Funkerübung am Sonntag abgebrochen worden. Die Offiziere undMannschaftenerhielten den telegraphischen Befehl, nach der Garnison zurückzukehren. Ein solcher Befehl ist an alle Truppenkörper ergangen, die sich im Manöver oder auf Uebungsreisen befanden. Die Abteilungen fuhren teils in schnell zusammengestellten Sonderzügen, teils mit den fahrplanmäßigen Zügen von den verschiedenen Stationen in ihre Garnisonen zurück.

Kahla, 28. Juli. In der vergangenen Nacht sind in der Rudolstädter Straße zehn Scheunen mit Ernte­vorräten niedergebrannt. Die Ursache des Brandes ist nicht bekannt. In dem ganzen Straßenzug, in dem sich früher zahlreiche Scheunen aneinanderreihten, sind nach wiederholten Bränden jetzt nur noch vier Scheunen vorhanden.

Gotha, 28. Juli. Auf dem letzten Schweinemarkt, wo bei nicht allzu zahlreich erschienenen Käufern 98 Körbe Saugschweine angeliefert waren, machte sich ein Preisrückgang bemerkbar, wie er lange nicht in Er­scheinung getreten ist. Der Höchstbetrag für das Paar Saugschweine betrug nur 15 Mk., der niedrigste 8 bis 10 Mk! Nach 9 Uhr waren noch an 50 Körbe vor­handen. Viele Verkäufer hatten bis dahin noch nicht ein einziges Paar verkauft. Selbst die Zwischenhändler zeigten angesichts dieser billigen Preislage keine Kauflust.

Zu Msmarüs Gedächtnis.

(30. Juli.)

Am 30. Juli sind sechzehn Jahre verflossen, seit der erste Kanzler des neuerstandenen Deutschen Reiches seine klaren, leuchtenden Augen für immer schloß. Die Zeit geht schnell. Wenn wir des sonnigen Hochsommertages gedenken, an dem damals die trübe Kunde durchs Land ging, daß das Herz unseres Bis- marck den letzten Schlag getan hatte, da will es uns scheinen, als ob zwischen damals und heute schon schier ein Menschenalter liege. Zeiten, die reich an großen, die Seele bewegenden Erergniffen sind, schwinden schneller als ereignislose oder ereignisarme, denen der graue Alltag sein Gepräge aufdruckt. Und doch, so fern schon der Tag zu sein scheint, der uns den ersten Kanzler des jungen Reiches nahm, sein Bild ist nicht verblaßt, nicht schemenhaft geworden, sondern hat an Tiefe und Leuchtkraft der Farben durch die Zeit nur gewonnen. Es ist beinahe, als ob seine Heldengestalt sich umso markiger und mächtiger auf­rechte, je größer die Zeitspanne wird, die zwischen seinem letzten Atemzüge und dem Heute liegt.

Darum kann auch das deutsche Volk seines größten Sohnes niemals vergessen, es wird des im Schatten seines Sachsenwaldes schlummerndentreuen deutschen Dieners" immer gedenken und an seinem Todestage um sein Bild, das wohl in wenigen echt deutschen Häusern fehlen wird, den unverwelklichen Lorbeer winden. Otto von Bismarck wird immerdar und in allen Verhältnissen des deutichen Volkes Ratgeber und Pfadweiser sein. Seine Staatskunst veraltet niemals. Damit ist nicht gesagt, daß sie sklavisch nachgeahmt und auf anders geartete Verhältmffe mechanisch übertragen werden soll, aber der Geist und die Grundzüge seines Wesens und seiner Politik müssen festgehalten werden und vorbildlich sein. Jeder Versuch, die Bahnen zu verlassen, die er gezeichnet, gezeigt hat und voraus­gegangen ist, wird das deutsche Volk und das Deutsche Reich in Wirrnis führen.

Bewundernd schauen wir zu Bismarck auf, aber auch voller Liebe; denn neben stählernem Willen und unleugsamer Tatkraft wohnte auch ein liebevolles Herz in seiner Brust. Er, der unser Volk wieder zu einer großen Familie einte, hat uns auch ein Muster echten deutschen Familienlebens vorgelebt. Aus seinen Briefen leuchtet die Liebe -zur Gattin, von der er einmal sagte, was er geworden, sei er durch sie ge- worden, leuchtet das Familienglück, an dem er sich erquickte, wenn ihn die Stürme des Weltgetriebes umtobt hatten, nach dem er sich sehnte, wenn er fern von Johanna, seiner treuen Gefährtin, war. Und wie er das Glück der Familie empfand, so empfand er auch die Natur, nicht nur in gewaltigen Land­schaftsbildern, sondern auch im kleinen Blümlein auf der Heide oder am Wege, im Meiseupaar auf früh- lingsgrünen Zweigen. Kernige Frömmigkeit war ihm eigen, wahrhafte Gottesfurcht, die ihn vor Menschenfurcht bewahrte, und neben dieser die glühende Vaterlandsliebe, der wir nacheifern müssen, uncr- schüttert vom Parteigetriebe, wenn wir Bismarcks wert sein wollen. Nicht lockern lassen dürfen wir seinen herrlichen Bau, sondern wir müssen ihn fester fügen und über alles lieben unser teures Vaterland, unser herrliches Deutsches Reich. Darum wollen wir heute an seinem Todestage das alte Gelöbnis erneuen, ihm nachzueifern in dem treuen Dienste fürs Vater­land, und mit aller Kraft darauf bedacht zu sein, daß das Deutsche Reich in den von ihm gewiesenen Bahnen bleibe.

Mtäufchte handweckerhostnungen.

In den Handwerksgesetzesnovellen wird die von vielen Handwerkerkreisen geforderte Aufhebung des 8 100 q der Reichsgewerbeordnung (Festsetzung von Mindestpreisen) nicht enthalten sein. Die Reichs­regierung will, wie aus einer von seitender Regierung an die Presse gegebenen Notiz hervorgebt, eine mittlere Linie in dieser Frage einschlagen und den Zwangs­innungen die Befugnis geben, zwar normale Preise, Richtpreise aufzustellen, ohne, daß aber die Nichtbe­achtung dieser Richtpreise unter Strafe gestellt wird. Die Lösung der vielumstrittenen Frage ist von der Regierung angeregt worden und hat die Zustimmung der im Reichsamt des Innern stattgefundenen Hand­werkerkonferenz, sowie des Deutschen Handwerks- und Gewerbekammertages gefunden. Da dem Reichstage in seiner nächsten Session die Handwerkergesetznovellen zugehen werden, so wird diese Sache bei dieser Ge­legenheit zur Entscheidung kommen. In ihrer Juli­nummer bemerkt die Zeitschrift Der Bund der Hand­werker zu dieser Meldung:

Mit andern Worten: man will den Zwangs­innungen gestatten, Mindestpreise zu beschließen, aber kein Mitglied der Innung soll verpflichtet sein, die Preise zu halten, bezw. darf hierzu nicht gezwungen werden. Daß die von der Regierung ernannten Ver­treter des Handwerks diesem Vorschlag der Regierung zugestimmt haben, nimmt nicht wunder, da sich die Regierung schon ihre gefügigen Werkzeuge ausgesucht haben wird. Daß aber auch die Mitglieder des Handwerks­und Gewerbekammertages einem derartig lächerlichen und für die Jnnuugsorganisation sogar schädlichen Vorschläge zugestimmt haben sollen, ist kaum glaublich, muß aber doch wahr sein."

Wir verstehen es ohne weiteres, daß der Bund derHandwerker von den Entschließungen der Regierung wenig erbaut ist, halten es aber doch für verfehlt, des­wegen auf die eigenen Handwerkskollegen loszuschlagen und die von der Regierung berufenen Mitglieder der Handwerkskonferenz einfach als gefügige Werkzeuge der Regierung abzutun. Das geht doch schon um dessentwillen nicht an, als auch der Handwerks- und Gewerbekammertag sich auf den Standpunkt der Handwerkerkonferenz stellte. Diesen wird man freilich auf rechtsstehender Seite nicht teilen und das um so weniger, als gerade rechtsstehende Politiker schon seit einer ganzen Reihe von Jahren die Abänderung bezw. Aufhebung des § 100 q der Gewerbeordnung verlangt haben. Leider sind sich die Handwerker in dieser Frage selbst nicht einig. So lange aber diese Uneinig­keit und dieser Widerstreit der Meinungen in einer so wichtigen Angelegenheit unter den Beteiligten selbst besteht, darf man sich nicht gar zu sehr darüber wundern, wenn in gewiffen liberalen Regierungskreisen der so berechtigte Wunsch des größten Teiles der deutschen Handwerker auf wenig Gegenliebe stößt. Die rechts­stehenden Parteien im Reichstage werden jedenfalls geschlossen bei Beratung der Handwerkergesetznovelle für die Aufhebung des § 100 q der Gewerbeordnung eintreten: ob sie damit Erfolg haben werden, ist freilich fraglich, denn die Linke des Reichstages bemüht sich zwar um die Stimmen des Handwerks bet den Wahlen, kümmert sich aber nicht um seine Wünsche, wenn sie auf dem Volkstribunensessel sitzt.