Klarheit muß werden.
Rußlands avwartende Haltung.
Auf das Eingreifen des Kaisers in die politischen Wirren werden hohe Erwartungen gesetzt, und nach den eingehenden Beratungen, die der Monarch alsbald nach seiner Heimkehr im Neuen Palais im engsten Kreise mit seinen Beratern hatte, hat sich gemäß den Kundgebungen in den offiziösen Organen das Vertrauen belebt, daß der europäische Krieg aller gegen alle noch vermieden werden kann. Da aber der Weltfriede nach wie vor von den Petersburger Entscheidungen abhängt, so wechseln die Anschauungen über die kommenden Ereignisse von Stunde zu Stunde, denn die Meldungen, die von der Newa eintreffen, entrollen immer neue Bilder von den Kursschwankungen der russischen Politik. Allem Anscheine nach kämpfen in Petersburg mächtige Strömungen gegeneinander. Es ist eine nicht mehr in bezweifelnde Tatsache, daß Serbien das österreichische Ultimatum mit Wissen und Willen der russischen Regierung abgelehnt hat!
Ein Kronrat jagt jetzt in Petersburg den andern, denn nach der entschlossenen Haltung des Deutschen Keiches und der bündnistreuen Erklärung Italiens in Wien sind dem Zaren und seinen Ministern Bedenken aufgestiegen, ob der Sprung ins Dunkle zu wagen ist. Der einflußreiche und deutschfeindliche Großfürst Nikolai Nikolajewitsch tritt Hand in Hand mit dem Kriegsminister Sochomlinow für eine' sofortige Einmischung in den österreichisch-serbischen Zwist ein, doch der vorsichtiger abwägende Minister des Aeutzeren, Sasanow, und Finanzmmister Bark verlangen eine abwartende Stellung. Die russische Politik ist im Grunde genommen eine orientalische, die nie zu schnellen Entschlüssen neigt, sondern sich möglichst lange im Versteck hält. Bor allen Dingen wollen die Russen Zeit gewinnen, denn sie sind, wie es sich herausstellt, keineswegs so kriegsfertig, wie es der Kriegsminister den Parisern sagen ließ, als der Kampf um die dreijährige Dienstzeit den Gipfelpunkt erreicht hatte. Trotz der Geheimhaltung der militärischen Vorbereitungen kann nicht mehr geleugnet werden, daß in den Militärbezirken von Kiew und Odessa soeben umfangreiche „Probemobilisierungen" angeordnet worden sind, und daß man sich dort mitten in den Kriegsrüstungen befindet. In dem Wilnaer Bezirk, der an Deutschland grenzt, vermeidet man bisher jede öffentliche Maßnahme, doch die Gouverneure sind angewiesen worden, den Offizieren und Militärärzten keine Auslandspässe zu verabfolgen. Durch die äußerliche Ruhe Rußlands darf man sich nicht täuschen lassen.
Alle Verhandlungen zwischen den Mächten sollen der russischen Heeresverwaltung zunächst nur dazu dienen, ihre Mobilmachungspläne durchführen zu können. Gemäß den russischen Verzögerungsabsichten wird auch Serbien seine politische und militärische Taktik einrichten. Man gibt sich augenblicklich in Nisch, wohin die Regierung verlegt worden ist, den Anschein, als sei man geneigt, nachträglich noch die österreichische Note in ihrer Gesamtheit anzunehmen. In Wirklichkeit denkt der „Srb" garnicht an eine Unterwerfung. Paschitsch und die allmächtigen serbischen Offizieve wissen ganz genau, daß das Zarenreich nicht aus seine Balkanpolitik verzichten wird. Würde Rußland die Serben jetzt von Oesterreich-Ungarn zermalmen lassen, so wäre das russische Ansehen unter den Balkanvölkern für immer versunken, und der große Kampf Oesterreich-Ungarns mit Rußland um die Vormachtstellung im Südosten Europas wäre endgültig zugunsten des Doppelstaates entschieden.
In Petersburg ist man sich der Dinge bewußt, die einer Niederwerfung und auch einer moralischen Züchtigung Serbiens folgen würden. und aus diesem schwer- nnegenden Grunde muß uns eine nüchterne Auffassung der ernsten Lage sagen, daß Rußland nur auf den gegebenen Augenblick lauert, um aus seiner abwarten- oen Haltung zum Angriffe übergehen zu können. Selbst wenn es gelingen sollte, nochmals einen faulen Kompromiß zu schaffen, werden die ungelösten Fragen bald wieder in Erscheinung treten. Aus dieser klaren Erkenntnis heraus haben Graf Berchtold und Graf Tisza gehandelt, als sie den Kaiser Franz Joseph zur Unterzeichnung der Note an Serbien bewogen. Man will die politische Atmosphäre, die seit Jahren wie ein Alb auf dem gesamten wirtschaftlichen Leben Europas ruht, reinigen. Der Konfliktsstoff, der immer von neuem den europäischen Frieden bedroht, soll mit der Nieder- zwingung der Serben ausgetilgt werden. Weicht Rußland jetzt zurück, umso besser! Alsdann ist festgestellt, daß es nicht die Macht ist, die es zu sein vortäuscht, und sie wirb sich wieder nach Asien zurückziehen müssen.
Nur durch ein ruhiges und festes Auftreten der Dreibundmächte kann eine Klärung der unerträglichen europäischen Verhältnisse erfolgen. Deutschland und Italien werden im Notfalle die äußerste Konsequenz
Die «rechte Wahl.
Roman von Helene Merkel.
M (Nachdruck verboten.)
„Hirt etwas gefaßter, endlich einen Blick in sein Gesicht wagend, erwiderte Magöalene:
„Ich danke Ihnen, Herr Doktor! Das Befinden der Mutter ist ziemlich unverändert, und nicht schlechter, als es in^öen letzten Wochen war."
. "So, das ist ja erfreulich," sagte er, „umsomehr er- freulich, als ich fürchtete —" Er brach plötzlich ab und setzte rasch hinzu: „Ich traf nämlich Ihre Frau Mutter E kurzem, sie schien nicht ganz zufrieden, sondern klagte verschiedene Beschwerden. Wegen dieser letzteren hatte ich gern noch einmal mit ihr gesprochen."
Siitig von Ihnen, Herr Doktor!" ver- "AH wußte übrigens weder etwas den der Musters n°$ ^" den neuerlichen Beschwer-
^E^r^uuö umspielte ein leises Lächeln.
fiabÄ^ w r* Ihnen nicht neue Sorge
S nE Ä ^nte er. „Es war auch wohl n ttotifl, denn ich glaube bestimmt, daß die Symptome nicht gerade besorgniserregender Art waren."
und "mifri^ ab^ch öu wünschen," sagte sie warm UNo ausitchtig, aber gleich darauf schoß für der banae Gedanke durch den Kopf, warum er da^
h.bute am Feiertag, wo er doch sicher nur die aller- ^nglichsten Besuche zu erledigen pflegte, gekommen mvcyiv /
--^^.«^nn "doch, überhaupt die Mutter nun heim- kehrte und selbst mit ihm spräche! Magdalene hielt es kaum noch aus in dieser schwülen Lage. So unzählige- male sie es auch gewünscht hatte, in seiner lieben Nähe weilen zu ditrfen, — jetzt, wo sie es durfte, empfand sie habet kaum ein Glück, sondern nur eine heiße Angst, MUMM» GW* »mratM könne. Wenn er
aus ihrer BünSniSpoNtik ziehen müssen, und sie sind dazu entschlossen. Die Kursschwankungen an der Börse und die Abholung der Spargelder dürfen Regierung und Volk nicht beunruhigen. In einem Moment, wie wir ihn durchleben, heißt es, ruhig Blut zu bewahren, denn es geht um die politische und wirtschaftliche Zukunft des Reiches und den dauernden Frieden!
Wann ist für uns der BündnissaN gegeben?
Der österreichisch-serbische Konflikt erscheint als eine Angelegenheit, die zunächst nur die beiden beteiligten Staaten angeht, die sie unter sich auszumachen haben, und dennoch ist, wie der Korrespondenz „Heer und Politik" von diplomatischer Seite geschrieben wird, das Deutsche Reich sehr stark an der endlichen Entwicklung der Äffäre interessiert, weil jeden Augenblick für uns der Bündnisfall gegeben sein kann. Noch ist nicht entschieden, ob Rußland, das angeblich in dem Konflikt „nicht indifferent" bleiben kann, in diese Aeußerung mehr als eine imponierende Geste legen will. Trifft dieses zu, glaubt Rußland nicht tatenlos zusehen zu dürfen, so ist der Weltbrand entfesselt, und wir Deutsche sind die ersten, die in ihn hineingezogen werden. Wir haben mit Oesterreich den Bündnisvertrag vom 7. Oktober 1879, der am 3. Februar 1888 der Oeffentlichkeit bekannt gegeben wurde. Der Artikel 1 dieses Vertrages stipuliert für die beiden Kontrahenten die gegenseitige Verpflichtung, sich mit der gesamten Kriegsmacht ihrer Reiche beizustehen, falls einer von ihnen von feiten Rußlands angegriffen würde. Der Artikel 2 Absatz 2 desselben Vertrages erweitert aber die HilfsverpfUch- tung auch auf einen Fall, der auf die gegenwärtige militärisch-politische Konstellation geradezu zugeschnitten erscheint: Wenn nämlich „die angreifende Macht" (in diesem Falle Serbien) von feiten Rußlands, sei es in Form einer aktiven Kooperation, sei es durch militärische Maßnahmen, welche den Angegriffenen bedrohen, unterstützt werden sollte, so tritt die im Artikel 1 dieses Vertrages stipulierte Verpflichtung des gegenseitigen Beistandes mit voller Heeresmacht auch in diesem Falle sofort in Kraft, und die Kriegführung der beiden Kontrahenten wird auch dann eine gemeinsame bis zum gemeinsamen Friedensschluß. Es halt schwer, zu glauben, daß Rußland in einem Augenblick, wo sich seine innerpolitischen Verhältnisse bedenklich trüben, das Schwert ziehen wird.
Politische Rundschau.
Dem Kaiser wurden am Montag nachmittag bei seiner Ankunft auf der Station Wildpark von dem zahlreich versammelten Publikum begeisterte Ovationen bargebracht. Schon lange vor der Ankunft des Kaisers war der Bahnhof Wildpark von einer freudig erregten Menschenmenge umlagert. Die Polizei hatte umfangreiche Absperrungen vorgenommen und nur den Bürgersteig gegenüber dem Bahnhof freigelassen. Offiziere mit Mappen liefen geschäftig vor dem Bahnsteig auf und ab. Punkt drei Uhr kam die Kaiserin im Auto mit ihrer Hofdame vorgefahren und begab sich dann auf den Bahnsteig, wo bereits der Reichskanzler zusammen mit Herrn v. Sydow und dem Generalstabschef von Moltke und der Admiral v. Pohl versammelt waren. Als um 3,09 Uhr der Zug in die Halle einfuhr, verließ der Kaiser als erster den Zug. Er sah sehr gut und erholt aus. Er ging auf die Kaiserin zu, küßte ihr die Hand und überreichte ihr einen Strauß Rosen. Dann begrüßte er die Herren vom Hauptquartier und zog den Reichskanzler in ein kurzes Gespräch. Es wurde bemerkt, daß sich während des Gesprächs die vorher ernste Miene des Kaisers merklich aufheiterte. Während die ernste Miene des Reichskanzlers allgemein auffiel. Der Kaiser verabschiedete sich dann von den Gästen der Nordlandreise, worauf er mit der Kaiserin unter den Hurrarufen der unten versammelten Menge den Bahnhof verließ.
Pariser Wünsche an Kaiser Wilhelm. Eine von der französischen Presie angeregte Vermittlung Kaiser Wilhelms zwischen Oesterreich-Ungarn und Serbien wird von deutscher Seite entschieden abgelehnt. Der Appell der französischen Presse an den deutschen Kaiser steht in einem zu auffallenden Gegensatz zu der Art und Weise, wie man in Frankreich bisher Kaiser Wilhelm stets als Friedensstörer hingestellt hat. Deutschlands Bestreben wird nach wie vor nur auf eine Lokalisierung des Konfliktes gerichtet fein.
Der neue Oberschulrat für Elsatz-Lothringen. Zum Nachfolger des Geheimrats Albrecht als Präsident des Oberschulrats von Elsatz-Lothringen ist, wie die „Kölnische Zeitung" erfährt, der Kreisdirektor in Straßburg Freiherr von der Goltz ausersehen.
In dem Verfahren gegen die Teilnehmer der sozial- demokratischen Masienstreikanffordernng ist, wie der „Magdeb. Ztg." aus Berlin gemeldet wird, gegen insgesamt 105 Mitglieder der sozialdemokratischen Organi-
sie doch wenigstens nicht fortwährend angeblickt, so ganz seltsam angeblickt hätte, als wenn er ihr die Gedanken aus der Seele lesen wolle! Das war doch sonst nicht seine Art!
Verzweifelt zerbrach sie sich den Kopf, was sie sagen solle, um überhaupt nur etwas zu sagen, als er plötzlich selber wieder anhob:
„Ueberhaupt, Fräulein Döring, ich bin heute nicht nur darum gekommen, um mich nach dem Befinden Ihrer Frau Mutter zu erkundigen, sondern ganz vornehmlich auch deswegen, um Ihnen beiden eine Sie gewiß überraschende Mitteilung zu machen: Ich bin zum Bezirksarzt in Z. ernannt worden und gehe infolgedessen schon im Januar von hier weg."
Ihr war es, als träfe sie ein Schlag. Leichenblaß, mit weitaufgerissenen Augen starrte sie ihn an. An die Angst, sich ihm zu verraten, dachte sie nicht mehr. Mit zitternden, schmerzlich verzogenen Lippen sagte sie endlich mühsam:
„Sie — Sie gehen fort, Herr Doktor? Das ist allerdings sehr überraschend! Das — das wird die Mutter ungemein betrüben!"
„Ich vermute das letztere auch," stimmte er ihr zu, „ich selbst empfinde ja nicht geringes Bedauern darüber, daß ich meine vielen Patienten dahier so treulos verlassen muß. Andererseits, gewisser Umstände halber, ist es mir aber auch wieder lieb, meinen jetzigen Wohnort mit einem anderen vertauschen zu können."
Magdalene schwieg. Sie hatte es kaum gehört, daß er abermals etwas sagte. In ihrem Kopfe wirbelte nur immer der eine schreckliche Gedanke: daß er fortging von hier und daß damit ihr jede Möglichkeit abgeschnitten wurde, ihn dann und wann, wenn auch nur ein paar armselige Augenblicke, zu sehen und zu sprechen. Sie hätte laut aufweinen mögen. Alle Pein der vergangenen Tage, was war sie dieser trostlosen Zukunftsgestaltung gegenüber?
sation die Strafuntersuchung wegen Vergehens gegen § 130 des St.-G.-B. von der Berliner Polizei eingeleitet worden. Es handelt sich um sämtliche Personen der Partei, die der Massenstreikresolutoin Rosa Luxemburgs in der letzten Sitzung der Wahlvereine Großberlins zugestimmt bezw. befürwortet haben.
Für die Reichstagsersatzwahl im Wahlkreis Heidel, berg, die durch die Beförderung des nationalliberalen Abg. Beck erforderlich geworben ist, hat die nationalliberale Vertrauensmännerversammlung des Wahlkreises Landgerichtsöirektor Dr. Obkircher einmütig als Kandidaten aufgestellt.
Kleine üadirldife»
Durch eine Benzinexplosion in einem Goldwaren- geschäft in Szolberg in der Nähe von Aachen entstand ein furchtbarer Brand. Sechs Personen wurden schwer verbrannt. Drei Kinder fand man als verkohlte Leichen unter den Trümmern. Der Geschäftsinhaber ist unter dem Verdacht, die Explosion durch Fahrlässigkeit verursacht zu haben, verhaftet worden.
Zwei Menschenleben um einen Ball. In der Nähe von Brühl bei Cöln vergnügten sich mehrere junge Leute mit Spielen. Dabei fiel ein Sptelball in die Braunkohlengrube Grüblberg. Bei dem Versuch, den Ball herauszuholen, sind die beiden Leute an giftigen Gasen erstickt und konnten nur als Leichen geborgen werden.
Ein Kriminalbeamter in Notwehr. In der Rosen- stratze zu Breslau wurde ein Kriminalbeamter, der einen Fürsorgezögling abführen wollte, von einigen Rowdies tätlich angegriffen^ Er gab zunächst einen blinden und dann drei scharfe Schüsse ab. Zwei der Angreifer wurden tödlich getroffen und ein dritter schwer verletzt.
Sechs Opfer eines Blitzschlages. In der Provinz Posen schlug der Blitz in ein von fünf Familien bewohntes Haus auf dem Rittergut Popowo im Kreis Strelno ein und zündete. Sechs Bewohner, ein 60jäh- riger Mann, sein verheirateter Sohn, dessen drei Kinder und ein Arbeiter kamen nms Leben.
Die Mädchenleiche im Heuschober. Sonntag abend wurde in einem brennenden Heuschober in Elsoorf bei Cöln ein etwa 20jähriges Mädchen gefunden. Als es gelungen war, vorzudrmgen, war sie bereits verbrannt. Wie sestgestellt wurde, hatte sie einen Knebel im Munde. Es scheint sich um ein Verbrechen zu handeln.
Flug über den Monte Rosa. Der italienische Flieger Landini überflog Montag früh mit Passagier von No- vara aus den Monte Rosa und landete glatt bei Visp.
Felssturz in eine Prozession. In Val-Fleury bei St. Etienne löste sich vom Kalvarienberg ein Felsblock ab und stürzte auf einen Pfad, auf dem sich gerade eine Prozession von etwa 2000 jungen Mädchen bewegte. Zwei Mädchen wurden getötet, drei lebensgefährlich und zehn schwer verletzt.
Schwerer Unfall eines Güterzuges. Auf der Strecke Luxemburg—Brüssel ritz ein mit «vet Lokomotiven bespannter Güterzug auseinander. Die Maschine, die am Ende des Zuges Schiebedienste leistete, preßte ihren Wagenpark so fest an die erste Hälfte, daß vierzig Wagen aus dem Gleis sprangen. Haufen von zertrümmerten Kohlenwaggons liegen auf beiden Gleisen. Bei dem Unfall wurden zwei Mann von dem Zugpersonal getötet und andere schwer verletzt.
Explosion einer Höllenmaschine. Auf dem Warschauer Hauptpostamt explodierte am Montag eine Höllenmaschine, die in einem Postpaket verpackt war. Bei der Explosion wurden mehrere Personen schwer verletzt. Von wem die Sendung aufgeliefert worden ist, konnte bisher nicht ermittelt werden.
Geridif und Recht.
Schwindeleien a la Thormann-Alexander. Vor der Ferienstrafkammer in Posen hatte sich wegen Urkundenfälschung und Beiseiteschaffung von Akten der Bureaudiätar Herm. Ebert aus Glogau zu verantworten. Ebert hatte beim 46. Infanterie-Regiment gedient und, als er den Zivilversorgungsschein erlangt hatte, sich unter Ein- reichung gefälschter Scheulzeugnille beim Posener Ober- landesgericht erfolgreich um Einstellung in den Justizdienst beworben. Nachdem er später wegen auffallend mangelhafter Leistungen entlassen worden war, führte er die Militärbauverwaltung durch ähnliche Fälschungen irre. Während er in ihr beschäftigt war, tat er unter Mißbrauch des Namens eines vorgesetzten Baurats dem Kriegsminister kund, daß er die Abiturientenprüfung bestanden habe, um eine Anstellung als Kriegsgerichtssekretär zu erlangen. Der strebsame Mann, der es auch verstanden hatte, unter Mißbrauch der Unterschrift eines vorgesetzten Registrators seine Personalakten in seinen Besitz zu bekommen, erhielt drei Monate Gefängnis.
Ob der Mann, der vor ihr saß und mit seinen Blicken noch immer an ihrer zitternden Gestalt, ihrem verstörten Antlitz hing, wohl ahnte, wie er sie mit seiner Mitteilung tödlich erschreckt hatte?
Vielleicht, denn seine Stimme klang weich und gleichsam wie tröstend, als er nach einer Weile von neuem begann:
„Ja, wie gesagt, es tut mir in einer Art leid, daß ich C. verlassen muß, wo ich mich so völlig eingelebt habe. Und daß ich Ihre Frau Mutter nicht mehr behandeln und gänzlich gesund soll machen können, tut mir eigentlich am allermeisten leid. Aber es läßt sich nicht ändern. Oder doch? Denn eine Möglichkeit der Aenderung gäbe es allerdings: Sie ziehen samt Ihrer Frau Mutter mit nach meinem neuen Wohnort!"
Magdalene zuckte zusammen.
Was hatte er gesagt? Wollte er sich einen Scherz mit ihr machen?
Ganz dunkelrot war sie geworden vor peinlicher Betroffenheit.
Auch Günthers Antlitz färbte sich plötzlich dunkler.
„Nun, Fräulein Döring, wollen Sie nicht in meinen Vorschlag einstimmen?" fragte er jetzt abermals, aber mit verstärkter Innigkeit. „Es wäre doch eine so leichte und schöne Lösung und von ganzem Herzen möchte ich Sie bitten, darein zu willigen."
Sie starrte ihn noch immer verständnislos an. „Einwilligen — ich etnwilligen in solche Lösung?" stammelte sie. „Ich verstehe Sie tatsächlich nicht, Herr Doktor!"
„Das scheint mir allerdings so!" lachte er und fügte, plötzlich resolut werdend, hinzu: „Aber die Lösung ist doch wirklich nicht gar so schwer: Sie liebes — liebes Kind, Sie sollen einfach einwilligen, meine Frau zu werden!"
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(Schluß folgt.)