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Hersfelder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger

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Zernsprech-Knschlutz Nr. 8

Nr. 175.

Mittwoch, den 29. Juli

1914.

Bus der Heimat«

* (Fortbildungsschule und Arbeitgeber.) Eine für Arbeitgeber beachtliche Entscheidung hat in höchster Instanz das Kammergericht getroffen. Der Seniorchef G. einer offenen Handelsgesellschaft in E. hatte sich in einem Strafverfahren zu verantworten, weil einer seiner Lehrlinge während seines 14tägigen Urlaubs, den ihm der Chef gegeben, einmal den Unterricht der Fortbildungsschule versäumt hatte. Es war vergessen worden, der Schule Mitteilung von dem Urlaub zu machen. Nachträglich entschuldigte sich der Lehrling selbst durch ein Schreiben aus seinem Urlaub und auf eine Anfrage der Schule an den Lehrherrn schrieb auch dieser zurück, er bitte um Ent­schuldigung, der Lehrling sei im Urlaub. Trotzdem ein Strafverfahren. Die Strafkammer verurteilte den Angeklagten in der Berufungsinstanz zu einer Geldstrafe. Die Einwendungen des Lehrherrn, er sei mit Arbeit überlastet gewesen, der Lehrling sei in einer Abteilung gewesen, um die er sich nicht ein­gehend kümmern könne, und der Buchhalter habe die Oberaufsicht über die Lehrlinge, seien rechtlich nicht erheblich. Ortsstatutarisch seien Geschäftsinhaber verpflichtet, die Schulpflichtigen zum Besuch der Fort­bildungsschule anzuhalten und den Besuch zu über­wachen. Dagegen hatte er verstoßen. Er hatte den Lehrling beurlaubt und sich um die Schule nicht ge­kümmert. Gegen das Urteil legte der Angeklagte Revision ein, das Kammergericht versagte ihr aber den Erfolg. An die tatsächlichen Feststellungen der Strafkammer sei das Revisionsgericht gebunden und einen Rechtsirrtum lasse die Vorentscheidung nicht erkennen.

):( Hersfeld, 28. Juli. Einen eigentümlichen Appetit scheint ein hiesiger Einwohner zu besitzen. Infolge einer Wette verzehrte derselbe in einer hiesigen Wirtschaft einen über und über mit Fliegen besetzten Fliegenfänger mitsamt dem Leimstreisen. Wie ver­lautet, hat dem Mann die Sache so gut gemundet, daß er die Mahlzeit andern Tages nochmals wiederholte. Man sollte es eigentlich nicht für möglich halten, daß jemand die Natur hat derartig ekelerregende Kunst­stücke zu vollbringen. Der Magen dieses Mannes muß nicht schlecht sein.

(§) Meckbach, 28. Juli. Nach Ablauf einer Dienst­zeit von 40 Jahren und infolge seines hohen Alters von 74 Jahren tritt unser verehrter Herr rger- m eister Möller von seinem Amte zurück. Au seine Stelle wurde der seitherige Rechnungsführer Herr Joh. Fey als Bürgermeister unserer Gemeinde gewählt. Möge Herrn Möller, der in so langen wahren die Geschicke unseres Ortes stets in Treue und Gewissenhaftigkeit geleitet hat, noch ein recht langer ruhiger Lebensabend beschieden sein.

Eichenzell (Krs. Fulda), 26. Juli. Der 20jährige Arbeiter Franz Friedrich Müller von hier, der am 12. ds- Mts. m Lütter den 26jährigen Arbeiter Eduard Böhm erschossen hat, ist in das Hanauer Landgerichts­gefängnis eingeliefert worden.

Britckena«, 26. Juli. Die gesamten Anwesen des in Konkurs befindlichen früheren Bürgermeisters, Posthalters und Hoteliers Peter Reinwald in Brückenau gingen gestern an ein Konsortium für 190000 Mk. käuflich über. Dieses verkaufte sofort wieder das HotelZur Post" nebst allem Inventar und der diesjährigen Ernte, sowie den Poststall an den seit- herigen Verwalter und früheren Inhaber desCasee Windsor" in Würzburg, Mathias Vaitl, für 118000 Mk.

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Caffel, 28. Juli. Der Kaiser gedenkt, wie das fflziöse Wolffbüro aus Berlin meldet, demnächst seinen gewohnten Sommeraufenthalt in Wilhelmshöhe zu nehmen. Die Kaiserin wird im Schlosse bereits am Donnerstag zurückerwartet.

Corbach, 24. Juli. Auf bequeme Art hat sich ein russisch-polnisches Arbeiterpaar seinen Elternpflichten zu entziehen gewußt. Vor einigen Wochen verließ das in wilder Ehe lebende Pärchen Corbach, angeblich, um sich anderswo Arbeit zu suchen, und das Kind dann nachzuholen. Bis heute hat der hilfsbereite Nachbar, der sich des ca. Vi Jahr alten kleinen Wesens solange annahm, nichts über den Verbleib der Eltern erfahren und so einen schlechten Lohn für seine Ge- lalligkeit empfangen.

£6, Juli. In Silkerode geriet der 14- Sohn des Landwirts Hildebrandt mit der linken iroei ti*^^ und schnitt sich die llnte^imfiHnn^^ 2J- Juli. Hier entsprang aus der letruna ntiM^i öer wegen gefährlicher Körperver- @Bm?Ä russisch-polnische Eisenbahnarbeiter arauer^ Er ist 22 Jahre alt und war mit grauer Hose und graubraunem Jakett bekleidet. Bei

der Vornahme der Reinigung seiner Zelle sprang er durch eine Nebentür ins Freie und entkam durch die an das Gefängnisgebände grenzenden Gärten.

Göttingen, 27. Juli. Eine Art Befähigungsnach­weis zum Heiraten besteht in der Göttinger Gegend, und zwar in dem durch sein idyllisches Bähnchen, mit dem die Göttinger Studenten so viel Unfug treiben, bekannten Gartetal. Die Braut muß dort ihrem Bräutigam ein paar Strümpfe stricken und ein Hemd nähen, um damit zu beweisen, daß sie zum Heiraten genügend vorbereitet ist und sich auf die Hauswirt­schaft versteht. Eine andere Hvchzeitssitte besteht darin, daß der sogen. Brautwagen, d. h. der zum Transport der Aussteuer dienende Wagen mit den Möbeln von den Bewohnern des Dorfes, in das die junge Frau kommt,gehemmt" wird. Der Weg wird dem Hoch­zeitswagen von den mit allen möglichen Stangen, Stöcken usw. bereitstehenden Leuten erst freigegeben, wenn sich der Bräutigam losgekauft hat.

Eschwege, 27. Juli. Wie jetzt bekannt wird, hat die Postverwaltung den Plan einer Automobil-Post­verbindung von Eisenach durch das Werratal bis Eschwege trotz der von den Gemeinden garantierten Zuschüsse wieder aufgegeben, da durch die Eisenbahn Eisenach-Creuzburg-Treffurt-Eschwege dem Verkehrs­bedürfnis genügt sei.

Frankenberg, 27. Juli. Durch einen Unglücksfall beim Militär wurde eine hiesige Familie in plötzliche Trauer versetzt. Der bei den Dragonern in Mainz im zweiten Jahre dienende Adam Faust von hier wurde durch einen Sturz vom Pferde tödlich verletzt und seine Leiche nach hier überführt. Der Verunglückte sollte im Herbst infolge Reklamation abgehen, da sein jüngerer Bruder ebenfalls zum Militär ausgehoben und da der Vater infolge Krankheit erwerbsunfähig ist.

Marburg, 27. Juli. Gestern abend elf Uhr ver­unglückte bei Hansenhausen an einer Kurve ein mit mehreren Damen besetztes Automobil. Ein zwölf­jähriges Mädchen kam unter das umstürzende Auto zu liegen und wurde getötet. Die übrigen Insassen kamen ohne nennenswerte Verletzungen davon.

Bad Orb, 26. Juli. Noch in diesem Herbst soll mit dem Bau der Barackenlager auf dem Truppen­übungsplatz bei Bad Orb begonnen werden. Auf der linken Seite, direkt an der Wegscheide, werden Kavallerielager mit Ställen usw., weiter östlich das Infanterie- und Artillerielager angelegt, die Offiziers­gebäude, Kasinos kommen an die Waldlisiere unter­halb des Jnfanterielagers. In der Mitte des Lagers wird ein größerer Beobachtungsturm errichtet. Die Kasernements, in denen über 9000 Mann Unterkunft finden, sowie Pferdeställe, nehmen fast den ganzen Höhenrücken in Anspruch. Die einzelnen Gebäude, die in den Entwürfen recht schmuck aussehen, werden neuzeitlich eingerichtet, besonders das Offizierskasino, das Verwaltungsgebäude usw. Den Entwurf zur Anlage des jetzt 4770 Hektar umfassenden Truppen­übungsplatzes hat Regierungsbaumeister Voß ange­fertigt. Das eigentliche Gefechts- und Uebungsgelände liegt etwa 5 Kilometer vom Lager, bei Lettgenbrunn und Villbach, wo jetzt die Truppenübungen stattfinden. Die Truppen haben zum Auf- und Abmarsch stets eine größere Marschübung zu leisten. Die alten Dorfgebäude in Lettgenbrunn und Vlllbach werden nach Fertigstellung der Kasernements niedergelegt.

Rotenburg, 25. Juli. Herr Forstmeister Schurian tritt am 1. Januar 1915 in den Ruhestand. An feine Stelle tritt Herr Oberförster Wachendorff aus Spraken- fehl, Bezirk Lüneburg.

Fulda, 26. Juli. Der Direktor der Kgl. Gymnasiums zu Fulda, Herr Geh. Studienrat Pros. Dr. Franz Joseph Wähle vollendet am 27. Juli sein 70 Lebens­jahr. Er ist hinsichtlich der Lebensjahre einer der ältesten unter den Leitern von höheren Vollanstalten in Hessen-Nassau.

Aus der Rhön, 25. Juli. Der Schaden, der durch das verheerende Unwetter im Ulstertale am Mittwoch nachmittag angerichtet worden ist, belauft sich nach oberflächlicher Schätzung auf 400500 000 Mk. und ist somit noch weit größer als der im vorigen Jahre in gleicher Gegend angerichtete schaden.

Duderstadt, 27. Juli. Wohl infolge der Tabak­gesetzgebung ist auf dem Eichsfelde, in Südhannover und den umliegenden Landesteilen der Tabakbau erheblich zurückgegangen. In den vier Kreisen Duderstadt, Göttingen, Northeim und Einbeck wurden 1910 noch 25500 Ar bebaut, 1913 waren es nur noch 21300 Ar mit Tabak bebaute Flächen. Es gab 1910 noch etwa 3000 Tabakpflanzer mit 4200 bebauten Grundstücken, 1913 waren es nur noch 2600 Pflanzer mit etwa 3470 Grundstücken. 1914 ist ein weiterer Rückgang in den genannten Kreisen zu konstatieren, so daß in absehbarer Zeit, wenn sich die Verhältnisse

nicht wieder verschieben, der früher blühende Tabakbau in Südhannover völlig verschwindet.

Schleiz, 27. Juli. Gestern wurde hier ein Hand­werksbursche wegen Landstreicherei verhaftet und ins Amtsgerichtsgefängnis eingeliefert. Bei der heute vorgenommenen Durchsuchung wurde bei ihm ein Taschentuch der 7jähr. Erna Landmann gefunden, die am 20. Juli in Grobsdorf bei Nonneburg ermordet wurde. Der Handwerksbursche hat daraufhin einge­standen, das Mädchen ermordet zu haben. Er stammt aus Meuselwitz, heißt Hermann Dtetz und ist 36 Jahre alt. Alls seine Ergreifung hatte die Staats­anwaltschaft in Zwickau eine Belohnung von 500 Mk. ausgesetzt.

Die Personalftörlen der größeren Kriegsmarinen.

Ebenso wie der Schiffsbestand ist auch die Pcr- sonalstärke bei allen Marinen dauernd im Wachsen begriffen, obgleich die Zahlen hier gegenüber den in die Hunderttausende gehenden der Armeen verhältnis­mäßig noch klein aussehen. Die einzige Marine, deren Personalbestand eine sechsstellige Zahl aufzuweisen hat, ist die englische; sie zählt nach dem Etat für das laufende Jahr 151363 Köpfe darunter 10 600 Seesoldaten und Küstenwache, die nur für den Landdienst bestimmt sind. Die deutsche Marine zählt zurzeit 79 886 Köpfe: hierunter sind 7800 Köpfe Marineinfanterie und Matrosenartillerte, so daß für den Schiffsdienst 71600 Köpfe bleiben also ungefähr halb so viel wie in der englischen Marine. An dritter Stelle folgen die Ver­einigten Staaten mit einem Etat von 69 300 Köpfen, der aber wohl nicht ganz aufgefüllt ist. Die französische Marine zählt 66 000, die russische 60 500, die japanische 54 700, die italienische 42130 und die österreich- ungarische 20 500 Köpfe. Den stärksten Zuwachs hatte seit dem letzten Jahre die russische Marine mit 7000 Köpfen zu verzeichnen; dann folgt die deutsche mit 6000 und die englische mit 5000. Zieht man einen längeren Zeitraum zum Vergleich heran, etwa die letzten zehn Jahre, so ergibt sich, daß seit 1904 die deutsche Marine am stärksten gewachsen ist nämlich um 41000 Köpfe; damals stand sie an fünfter Stelle, jetzt hat sie den zweiten Platz erreicht. Aber auch die englische Marine ist seit 1904 um 20 000 Köpfe gewachsen, die der Ver­einigten Staaten sogar um 28 000, die japanische um 19 000, die französische um 16 000, die italienische um 15 000 und die österreich-ungarische um 10 000. Die einzige Marine, die seitdem eine Einbuße an Mann­schaftsstärke erlitten hat, ist die russische,' 1904 zählte sie 69 200, 1905 sogar 71500 Köpfe,' 1910 hatte sie den größten Tiefstand mit 45 000 Köpfen ereicht und wächst seitdem wieder sehr schnell.

Die in den Kopfstärken enthaltenen Seeoffiziere lassen sich nicht überall feststellen, da in einigen Marinen, z. B. der englischen und amerikanischen, Seeoffiziere und Marineingenieure nicht von einander zu trennen sind. Das verhältnismäßig stärkste Seeoffizierkorps hat die japanische Marine, die 2274 Seeoffiziere zählt, während die an Kopfzahl viel stärkere deutsche Marine nur über 2330 Seeoffiziere verfügt.

Was das Verhältnis zwischen Personalstärke und Schiffsbestand anbetrifft, so ergibt sich die Tatsache, daß je größer die Marine, desto kleiner im allgemeinen die Anzahl der auf einen Mann entfallenden Deplacementstonnen ist. In England kommen 15,6 Tonnen Schiffsbestand auf 1 Mann Besatzung, in Deutschland 14,2, in den Vereinigten Staaten 13,1, in Frankreich 11,1, in Italien 10,7, in Japan 10,2 und in Oesterreich-Ungarn 12,2 Tonnen. Nur Rußland fällt einigermaßen aus der Reihe heraus; hier kommen nämlich nur 5,4 Tonnen auf 1 Mann Besatzung; das hängt natürlich damit zusammen, daß die russische Marine im Wiederentstehen begriffen ist und eine ungewöhnlich große Anzahl von Schiffen im Bau hat. Sobald diese fertig sind, wird sich das Bild auch für Rußland etwas verschieben, obgleich es möglich ist, daß die Zahlen der anderen großen Marinen nicht ganz erreicht werden, da die russische Marine von jeher sehr starke Schiffsbesatzungen gehabt hat.

Selbstverständlich reicht bei keiner Marine das aktive Personal aus, um alle vorhandenen Schiffe voll zu besetzen; hierzu müssen die Reserven herangezogen werden. Für die deutsche Flotte ist aber auch nicht so viel aktives Personal vorhanden, um die im Flotten­gesetz vorgesehenen Jndiensthaltungen durchzuführen, und daher muß, wenn den Bestimmungen des Ge­setzes genügt werden soll, noch eine weitere Personal­vermehrung eintreten.

Wetteraussichten für Mittwoch den 29. Juli.

Wolkig, meist trocken, Temperatur wenig geändert, nordöstliche bis nördliche Winde.