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Hersfelder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger ^!^^ für den Kreis Hersfeld

Sersfetter Äreisötatt

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wieder­holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage"

Zernsprech-Knschlutz Nr. 8

Nr. 173.

Sonntag, den 26. Juli

1914.

Bus der Heimat.

* Die Eisenbahnpaketadressen für die Auflieferung von Eisenbahn-Expreßgut (rotgeränderte weiße Paketadresse) und Eisenbahnpaketen (blaue Paketadresse) sind nach einem Beschluß der deutschen Eisenbahnverwaltungen geändert worden. In den neuen Paketadressen ist der Absender nicht nur auf dem Abschnitt, der dem Empfänger mit der Sendung ausgehändigt wird, einzutragen, sondern auch in der Paketadresse selbst in einer hierfür besonders vor­gesehenen Spalte. Die Absicht der Aenderung ist, auch nach Aushändigung der Sendung ohne störende Rück­frage beim Empfänger schnell den Absender aus der Paketadresse ermitteln zu können und so etwa not­wendig werdende Nachforschungen zu vereinfachen. Die alten Formulare dürfen bis zum 1. März 1915 weiter verwendet werden. Es empfiehlt sich aber, auch in diese alten Formulare schon jetzt die Adresse des Ab­senders in die SpalteErklärungen" einzusetzen, was auch durch Firmenstempel geschehen kann.

* jH ü h n e r j a g d.) Der Bezirksausschuß hat den Anfang der Hühnerjagd für den Regierungsbezirk Cassel auf den 24. August d. I. festgesetzt.

):( Hersfeld, 25. Juli. Morgen Sonntag den 26. d. M. findet auf dem Marktplatz keinPromenaden- konzert statt.

§ Hersfeld, 25. Juli. Zur Wetterlage wird von der Wetterdienststelle Weilburg unterm 24. Juli geschrieben: Die von vielen ersehnte Abkühlung ist endlich eingetreten und zwar wird sie dadurch verur­sacht, daß uns die südlichen Ausläufer eines kräftigen, sich weit nach Mitteleuropa hinein erstreckenden Tief­druckwirbels stärkere Bewölkung und Regenfälle, bei zeitweise auffrischenden südwestlichen bis westlichen Winden bringen. Der Wirbel wird sich nur langsam entfernen, sodaß wir allmählich aus seine Rückseite gelangen dürften und damit in den Bereich der dort wehenden westlichen bis nordwestlichen Winde und der von dort noch heranziehenden Randtiefs gelangen. Wir haben also zunächst zwar noch veränderliches, aber vielfach noch wolkiges W'etter und bei zeitweise auffrischenden westlichen bis nordwestlichen Winden ziemlich kühles Wetter und noch einzelne Niederschläge zu erwarten. Doch dürfte im Laufe nächster Woche die Bewölkung abnehmen und wieder Erwärmung eintreten.

):( Hersfeld, 25. Juli. (Rennen des Reiter­vereins.) Im Laufe des heutigen Tages treffen mit der Bahn gegen 40 Pferde ein, die teils in Hers­feld, teils auf dem Eichhof und der Eichmühle einge­stellt werden. Auch wird uns mitgeteilt, daß die Beteiligung der Zuschauer auch von auswärts eine große wird. So treffen am Sonntag mittag 3 Offi­ziere und 40 Fähnriche der Kriegsschule Cassel hier ein. Der von Sr. Hoheit dem Landgrafen Chlodwig von Hessen in Aussicht gestellte Ehrenpreis ist einge- gangen. Es ist eine sehr geschmackvolle silberne Schüssel mit kristallenem Einsatz. Von zuständiger Seite wird nochmals auf den pünktlichen Beginn der Rennen 2.30 Uhr nachmittags hingewiesen.

§ Hersfeld, 25. Juli. Der Betrieb auf der S tr e cke Getsa-Tann, der infolge der letzten Unwetter unterbrochen war, ist heute 123/« nachmittags mit Zug 1143 wieder ausgenommen worden.

Schenklengsfeld, 23. Juli. Die Wasserleitung Schenklengsseld-Oberlengsfeld ist nunmehr fertigge­stellt. Sie zählt im Ganzen 226 Anschlüsse,' davon ent- f^ilen auf Schenklengsfeld 200 und auf Oberlengsfeld 26 Hausanschlüsse.

^m^^^Ic24- Juli. Heute Nacht wurde in dem etaöttetl Caldern eine ältere Frau namens Daun von eurem geisteskranken Mann angefallen und so ichwer verletzt, daß sie noch in der Nacht den erlittenen Verletzungen erlegen ist.

Eisenach, 23. Juli. Der Bankdirektor Hintze von der Thüringer Kreditanstalt ist heute auf Antrag des Staatsanwalts verhaftet worden.

Wltzenhausen, 23. Juli. Die Nachricht, daß der Mörder des Försters Romanus, der Zigeuner Ebender, stch in unserer Gegend aufgehalten hat, bestätigt sich. Zurcheinen, vermutlich durch Unrecht an sich gebrachten war es ihm gelungen, unter den ,,^^Mubau bei Eichenberg beschäftigten Arbeitern saunen. Zu spät wurde dies entdeckt, so daß in 8u entwischen. In seiner Schlafstelle funden N»ÄEN wurden mehrere Schriftstücke ge- wirklicken s^p^E^elhaft ergeben, daß es sich um den aefehtc Sr ct handelte. Die auf seine Ergreifung gefetzte Belohnung soll auf 5000 Mark erhöht sein. Ämei^r^S?^' 231 Juli. Ein Unglücksfall, dem i tiemchenleben zum Opfer fielen, ereignete sich

gestern abend im nahen Mainberg. Die bei ihrem Onkel daselbst, dem Hauptlehrer Werner, zu Besuch weilende Lehrerstochter Hedwig Wirsing aus Abers- feld nahm in einem Wasseranbau des Maines ein Bad, geriet plötzlich auf schlammigen Boden und sank ein. Ihre Hilferufe veranlaßten die am Ufer zu- schauende Haushälterin des Hauptlehrers Werner, die in den 50er Jahren stehende Kunigunda Reß von Kolitzheim, in das Wasser zu springen, um dem Mädchen herauszuhelfen. Sie hatte auch bereits das Mädchen erfaßt, als plötzlich ein Herzschlag, sei es aus Erregung oder infolge der raschen Abkühlung, ihrem Leben ein Ende machte. Darauf versuchte der 13jährige Bruder des Mädchens seine Schwester zu retten, was sich aber als unmöglich erwies, weil die tote Haus­hälterin das Mädchen krampfhaft festhielt und mit in die Tiefe zog. Obwohl in verhältnismäßig kurzer Zeit Hilfe zur Stelle war und die Verunglückten an das Land gebracht wurden, gelang es leider nicht mehr, dieselben ins Leben zurückzurufen. Die ver­unglückte Hedwig Wirsing wollte sich dem Lehrerinnen- beruf widmen.

Cassel, 25. Juli. Um 1'212 Uhr nachts kam im Kohlenlager der Henschelschen Fabrik, in der Mombach- straße, ein Brand aus, der sofort von Zug 2 der Feuerwehr energisch bekämpft wurde, sodaß innerhalb anderthalb Stunden die ernste Gefahr, in der nament­lich das Oellager schwebte, beseitigt war. Die Ent­stehungsursache des Brandes ist noch nicht bekannt. Auf dem Rückwege zur Wache fand der Zug 2 den Feuermelder in der Schillerstraße eingeschlagen und eilte sogleich nach der Rotenditmolder Straße 11, wo im Hause der Kaffeerösterei von Schier ein Dachstuhl- brand entstanden war. Auch hier war die Gefahr bald beseitigt.

Siegbnrg, 24. Juli. Auf der Fahrt von Frank­furt a. M. nach Niederbrechen stürzte ein Autoomnibus um und rollte die vier Meter hohe Böschung hinab. Der Chauffeur und ein Seminarist gerieten unter den Omnibus und wurden erdrückt: die übrigen In­sassen kamen mit leichten Verletzungen davon.

Der3«sammenbr«ch desruffischenheeres nach dem Kriege gegen Japan.

In der jetzigen Zeit, in der Duma und Presse eine so überaus kriegerische Sprache führen und die russische Regierung durch die beabsichtigte Probe- mobilisation ganz Europa in Unruhe versetzt, dürfte es nicht uninteressant sein zu erfahren, was Frhr. v. Tettau im Militär-Wochenblatt über den Zusammen- bruch des russischen Heeres nach dem Kriege gegen Japan berichtet. Man hat damals mit Spannung verfolgt, wie die ungeheueren Schwierigkeiten nach dem unglücklichen Kriege durch die inneren Unruhen ins Ungemessene vergrößert wurden. Wie sehr aber selbst das Aeer und besonders die Reservisten an dem revolutionären Treiben beteiligt waren, dürfte nicht allgemein bekannt sein. ,

Als nach dem beschämenden und kläglichen Verlaufe des Krieges Rußland Frieden schließen mußte, nicht weil seine Hilfsmittel erschöpft waren, sondern weil es dem Volke und Heere an der moralischen Kraft fehlte, das Unternehmen zu einem glücklichen Ende zu führen, war das revolutionäre Gift schon bedenklich im Heere verbreitet. Die Gleichgültigkeit, ja Feind­seligkeit, mit der die große Masse dem unpopulären Kriege gegenüberstand, war auch im Heere zu finden und so machten sich die Revolutionäre mit Eifer daran, in den wohlvorbererteten Boden die Keime der Zuchtlosigkeit zu pflanzen. Schon 1M5 wurden die im Felde stehenden Truppen mit Schriften überschüttet, besonders die Ergänzungstransporte kamen mit ganzen Paketen an. Das Generalstabswerk sagt leibst, daß die schwache Aufsicht und die entsprechende Stimmung der beförderten Truppen die revolutionäre Propaganda sehr begünstigt hätten. Als daher der Heimtransport beginnen sollte und jeder dabei der Erste sein wollte, häuften sich die Schwierigkeiten, daß zeitweise völlige Anarchie herrschte, und die Truppenbewegungen ganz und gar stockten. Zudem standen sich zweierlei Jnterepen gegenüber: in der Heimat verlangte man nach Rekrutenausbildungs­Personal und zuverlässigen Truppen, die gegen die revolutionäre Bewegung verwendet werden sollten, und in Ostasien suchten die Kommandierenden sich möglichst schnell aller unzuverlässigen Elemente zu entledigen. Hierzu kam, daß die Eisenbahn zu wenig leisten konnte, und außerdem brach im europäischen Rußland ein Ausstand sämtlicher Bahnbediensteter aus, der auch auf Asien Übergriff. Die unglaublich schwäch­liche Haltung des Militärgouverneurs von Trans- baikalien ließ die Ausständigen immer anmaßender auftreten,' wer weiß, wie die Dinge in Ostasien weiter verlaufen wären, wenn nicht ein Kaiserlicher Ukas,

in dem allen Staatsbürgern Gewissens-, Rede-, Ver- sammlungs- und Vereins-Freiheit zugesichert wurde, das revolutionäre Zentral-Streikkomitee veranlaßt Hütte, den Ausstanö aus der Transbailkalbahn für beendet zu erklären. Aber es wurde von den Befehlshabern alles vergeben, vergessen, weil man den gemeinsamen Volksfeiertag nicht trüben dürfe, sondern durch die gute Sache der Amnestie ehren müsse." Die Folgezeit sollte sie bald eines anderen belehren.

Mit Mühe wurde nad) Wiederaufnahme des Betriebes das 13. Korps zurückbefördert, von dem schon auf der Hinfahrt große Abteilungen gemeutert und sofortige Heimkehr verlangt hatten. Kaum aber hatte der Abtransport des nächsten (11.) Korps be­gonnen, als sich der Oberbefehlshaber durch schwere Unruhen, die in Wladiwostok in der Garnison aus- gebrochen waren, veranlaßt sah, den Plan für die Rückbeförderung umzuwerfen und die Reservisten getrennt von ihren Truppenteilen sofort zurückzuschicken. Die Tatsache, daß die Meuterer von Wladiwostok es durchgesetzt hatten, außer der Reihe in die Heimat entlassen zu werden, hatte unheilvolle Folgen. Alle Bande der Zucht rissen, die Reservisten liefen einfach fort und begaben sich nach den Sammelstellen, von denen sie am ehesten in die Heimat zu gelangen hofften. Inzwischen griff die revolutionäre Bewegung, an der sich Offiziere und Soldaten offen in Straßen-Aufzügen und Versammlungen beteiligten, weiter um sich, und schließlich brach ein zweiter Aus­stand unter den Post- und Telegraphenbeamten ans, dem sich die Eisenbahnbeamten sehr bald anschlossen. Als Gnade aber gewährte das Streikkomitee dem Oberkommandierenden, daß es den Vorständen der einzelnen Dienstzweige $ .' atmete, unter Aussicht des Komitees die für die Beförderung notwendigen An­ordnungen zu treffen. So ging zwar der Abtransport mit derselben Unordnung und Planlosigkeit weiter, daß aber das Oberkommando sich widerspruchslos die Verfügung über die Eisenbahn aus den Händen hatte winden lassen, hatte zur Folge, daß sich alle Unentschiedenen auf die Seite des Stärkeren, d. h. des Streikkomitees stellten, daß Offiziere und Mannschaften der Betättgung ihrer revolutionären Gesinnung keinen Zwang mehr antaten. Mindestens ebenso gefährlich wie die Reservisten waren die aus der japanischen Ge­fangenschaft zurückkehrenden Leute, die schon auf dem Transporte nach Wladiwostok gemeutert hatten. Wegen der Unruhen, die hier herrschten, brächte man sie zum größten Teile vom Schiffe auf die Eisenbahn.

Endlich wurden aus der sibirischen Bahn durch das energische Eingreifen eines aus Petersburg gesandten Generals einigermaßen geordnete Ver­hältnisse hergestellt, auf der Transbailkalbahn herrschte dagegen immer noch Anarchie. Ueberall rotteten sich die Reservisten zusammen und verlangten stürmisch die Beförderung in ihre Heimat. Da die aktiven Mannschaften mehr oder weniger offenkundig auf die Seite der Meuterer traten, war es unmöglich, sie mit Gewalt zur Vernunft zn bringen. Endlich erstand ein Retter in der Person des Generals Rennenkampf, der vom Zaren mit der Wiederherstellung der Ordnung betraut wurde. Die rücksichtslose Strenge dieses Mannes und seine furchtlose Energie brachen mit Hilfe treugebliebener Truppenteile die unumschränkte Macht der Revolutionäre, und räumten unter den Meuterern in Uniform gründlich auf. So konnten die Transporte mit mehr Ordnung vor sich gehen und fanden schließlich im Juni 1906, also nach 8>/2 Monaten, ihren Abschluß. Ein häßlicher Fleck auf der Ehre der Armee waren dann noch die Meutereien und Aufstände, die Anfang 1906 in Wladiwostok aus- brachen und die nicht etwa von ausständigen Arbeitern, unbotmäßigen Reservisten und aufrührerischen Volks­massen, sondern von der Garnison selbst unternommen wurden. Die Verhältnisse dort spotteten jeder Be­schreibung, auch hier war es der Energie eines Mannes, des Generals Mischtchenko, gelungen, endlich die Ruhe herzustellen, nachdem der Kommandant der Festung und ein Oberstleutnant von den Meuterern meuchlings erschossen worden waren.

Man sollte meinen, daß der Ausgang und die Folgeerscheinungen dieses Krieges nicht dazu angetan sind, den Russen besondere Zuversicht in den glücklichen Ausgang eines neuen Krieges einzuflößen. Die Hauptursache des damaligen Unglücks war, daß ihnen charakterfeste,verantwortungsfreudige Persönlichkeiten in ihrer Mitte und au der Spitze fehlten. Der General Kuropatkin beklagt es in seinem Rechenschaftsberichte, daß weder die Schule noch das Heer dazu beigetragen hätten, in dem großen Rußland während der letzten 40 bis 50 Jahre selbständige Charaktere zu entwickeln. Sollte es in dieser Beziehung in der kurzen Spanne Zeit von noch nicht 10 Jahren besser geworden sein?

Wetteraussichten für Sonntag den 26. Juli.

Wechselnd bewölkt, zeitweise Regenschauer, kühler, zeitweilig auffrischende westliche Winde.