Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Vuchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
Miller
für den Kreis Hersfeld
Sreisölott
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Zernsprech-5lnschlutz Nr. 8
Nr. 173.
Sonnabend, den 35. Juki
1914.
Der heutigen Nummer liegt ein Amtlicher Anzeiger bei.
Bus der Heimat.
* (Jagdliches a u s H e s s e n - N a ssa u.) In der Zeit vom 1. April 1913 bis 31. März 1914 wurden in Hessen-Nassau insgesamt 6629 Jahres- und 837 Tagesjagdscheine ausgefertigt. Davon waren 1770 unentgeltlich, die übrigen brachten insgesamt eine Einnahme von 102 461 Mk. Auf den Regierungsbezirk Cassel entfielen 3511 Jahres- und 495 Tagesjagdscheine mit einer Einnahme von 54 223 Mk. und auf den Regierungsbezirk Wiesbaden 3118 Jahres- und 342 Tagesjagdscheine mit einer Einnahme von 48 238 Mk. Im allgemeinen sind die Jagden teuerer geworden.
* (Wie hat der Fahrgast sichauföem Bahnsteig zu bewegen?) Aus Anlaß der Reisezeit wird eine reichsgerichtliche Entscheidung auf allgemeines Interesse rechnen können, die sich mit der Frage befaßt, wie sich der Fahrgast auf dem Bahnsteig zu bewegen habe. Der höchste Gerichtshof entschied in dem seiner Beurteilung unterliegenden Falle, daß der Fahrgast auf dem Bahnhof ohne weiteres berechtigt sei, das Vertrauen zu haben, daß der Bahnsteig sich in ordnungsmäßigem Zustand befindet und keine gefährlichen Stellen enthält. Wenn auch zu erwarten ist, daß der Fahrgast sich bei dem Passieren des Bahnsteigs mit der nötigen Vorsicht bewegt und auf Hindernisse jeder Art, die bei einem lebhaften Verkehr auf dem Bahnhof sich leicht in den Weg stellen können, besonders zu achten habe, sei von einem eigenen Verschulden des Reisenden in der Regel nur dann die Rede, wenn er leicht erkennbare, ohne Weiteres in die Augen fallende Hindernisse übersähe. In dem zur Rede stehenden Falle war eine geringfügige, durch einen Lichtschacht verursachte Unebenheit im Bahnsteig der Grund für den Unfall. Das Reichsgericht war der Meinung, daß der Kläger, der bei eiligem Gange höchstens nur einen oberflächlichen Blick auf den Lichtschacht werfen könnte, die gefährliche Stelle nicht hätte entdecken können oder müssen, obwohl der Bahnsteig ausreichend beleuchtet, und der Lichtschacht den Blicken des Klägers durch vorstehende Personen nicht entzogen war. Es könne ihm aus dem Betreten der Anlage kein Vorwurf gemacht werden, denn die Eisenvergitterungen über den Lichtschächten sollten ja gerade ein gefahrloses Ueberschreiten ermöglichen.
* Eine recht gute Entwickelung der Sparkassen glaubt auf Grund seiner Ermittelungen der Sparkassenstatistiker, Lanöesbankrat Reusch-Wies- baden für das laufende Jahr voraussagen zu können. Er hat festgestellt, daß der Mai dieses Jahres den Sparkassen sehr günstig war. Die an der Statistik be- terligten Sparkassen hatten eine Zunahme von 24 Millionen Mark gegen 8v-> Millionen Mark im Mai vorigen Jahres aufzuweisen. Das bedeutet für die gesamten deutschen Sparkassen eine Zunahme von mindestens 50 Millionen Mark gegen etwa 20 Millionen Mark im Mai des Vorjahres. „Wenn es," so urteilt Neusch, „so weiter geht, werden die Sparkassen ein Jahr erleben, wie nie zuvor."
):( Hersfeld, 24. Juli. In der gestrigen Schöffen- g e r i ch t ssitzung wurde zum Schluß noch gegen den Arbeiter B. aus Obersuhl verhandelt. Derselbe war in der Sitzung vom 9. d. M. wegen Bettelns zu 3 Wochen Haft verurteilt worden, welche er zur Zeit L^rbußt. Heute hatte sich der Mann wegen Sach- beichadrgung, die er im hiesigen Gerichtsgefängnis in Helle begangen hatte, zu verantworten. Das utete auf 2 Wochen Gefängnis. — In dem Berichte ist irrtümlich ein Schüler wegen ls ausgeführt, es muß dies ein „Schäfer"
gestrigen Hutesrev, heißen.
^^^' 24ö Juli. jRennen am Sonntag). schreibt uns: Aus die vielen telegraphischen Nachfragen von den Besitzern und Reitern der Pferde, die hier genannt wurden, ob das Geläuf in gutem Zustande, nicht zu hart und auch nicht zu tief, konnte der Verein mit gutem Gewissen den befriedigenden Bescheid geben, daß die Bahn in außerordentlich gutem Zustande sich befindet und somit das edle teure .^bematerial hier keiner Gefahr läuft, niederzubrechen
Nch anderweitig zu verletzen. Von allen Seiten Die^Ns?^^llungen für Sicherstellung von Boxen ein. Stobt Mran ?^?^EN teils in den Stallungen der m»-«äj»«, "^? Mdos und in der Eichmühle "ÄÄS Ruch nlledcm erübrigt es sich wohl uÄ fÄ^ «»lauf der Rennen ein fefouÄtatt« SÄ D° dieses Fahr ist, bat der Besuch des Rennens zu erwarten den Einrichtungen getroffen, Rasen den A^ der Zeit auf dem grünen Aufenthalt in jeder Weise bequem und
angenehm zu gestalten. Der neue Plan der Rennbahn gibt jedem einen Fingerzeig, wie er am schnellsten zu seinem Platze kommt, wo er die nötigen Erfrischungen findet und wo er Gelegenheit hat, sich aus- zuruhen. Die Tribüne ist mit einem Verdeck versehen, um die Besucher vor der strahlenden Sonne zu schützen. Ein kleines Teezelt sorgt für die nötigen Erfrischungen. Zwei große von Eugelhardt erbaute Restaurationszelte mit Sitzgelegenheit kommen für das Publikum des ersten und zweiten Platzes in Frage. Die Pferde werden auf dem ersten Platz für die Interessierten aus nächster Nähe zu sehen und zu beobachten sein. Kurzum, es ist dafür gesorgt, daß jeder für einen geringen Eintrittspreis auf seine Kosten kommt und noch lange an den schönen Tag zurückdenken wird. Das Rennprogramm, das jeder besitzen muß, der den genauen Verlauf der Rennen verfolgen will, liegt in den Vorverkaufsstellen aus. Da nur zwei Kassen aufgestellt sind, unterlasse es niemand sich sein Billet im Vorverkauf, auch schou aus Sparsamkeitsrücksichten, zu holen.
):( Hersfeld, 24. Juli. Gesteru abend gegen 8 Uhr geriet in der Johannesstraße ein ca. 4 jähriger Junge in ein daherkommeudes Automobil und erlitt hierbei eine zum Glück nicht gefährliche Stirnwunde. Den Führer des Wagens soll keine Schuld an dem Unfall treffen, da das Kind direkt in den Wagen hineingelaufen ist.
Fulda, 23. Juli. Zu dem bereits kurz gemeldeten Unwetter mit Hagelschlag und Wasserhose in der Rhön liegen noch folgende Einzelheiten vor: In der Stadt Tann stieg das Wasser in den Straßen bis auf 2 Meter an. Die Strecke Geisa-Tann ist auf drei oder vier Tage gesperrt. Besonders schwer sind die Wasserschäden in den Dörfern Langrinden und Linzrinden. Die Orte Kranlucken und Schleiö, die erst im vorigen Jahre durch Unwetter schwer heimgesucht wurden, haben abermals stark gelitten. Brücken sind weggeschwemmt, Uferdämme zerrissen. In der Stadt Geisa stand das Wasser fast V/2 Meter in den Straßen. Die Feuerwehr mußte aus den tiefer gelegenen Stadtteilen das Vieh aus den Ställen retten. Durch den Wolkenbruch bei Vacha wurde die dortige Gewerbeausstellung teilweise unter Wasser gesetzt. Der angerichtete Schaden in jener Gegend läßt sich bis jetzt ziffernmäßig noch nicht feststellen, ist aber sehr bedeutend.
Cassel, 23. Juli. Das Oberkriegsgericht des 11. Armeekorps verhandelte in seiner letzten Sitzung gegen den Sanitäts-Unteroffizier S. vom Jnf.-Regt. 96 in Gera wegen Unterschlagung von 37 Mk. ihm anvertrauter Mannschaftsgelder. Wie die Beweis- aufnahme ergab, hatte er diese Gelder, die zwei in das Lazarett eingelieferten kranken Soldaten gehörten, und die er bis zu deren Entlassung aufzubewahren hatte, für sich verwendet und zur Deckung drückender Schulden verausgabt. Wie er zu seiner Entschuldigung vorbrachte, habe er sich die Gelder nicht dauernd aneignen wollen, sondern darauf vertraut, daß er sie von seinen Eltern zeitig zurückerhalten und sie ihren Eigentümern bet der Entlassung zurückerstatten könne. Das Oberkriegsgericht verurteilte den Angeklagten wegen seines groben Vertrauensmißbrauchs Md der ehrlosen Gesinnung zu 4 Wochen Mittelarest, zur Versetzung in die zweite Klaffe des Soldatenstandes und zur Degradation.
Cassel, 24. Juli. Die Betrüger und Hochstapler sind immer auf die Erfindung neuer Triks bedacht. Jetzt hat ein ganz raffinierter Gauner wieder einen neuen Trick angewandt, mrt dem er versuchte, üch Geld zu verschaffen und es besonders auf Wttwen als Opfer abgesehen hatte. Diese suchte er in der Wohnung auf und fragte an, ob ihnen ein Mann des und des Namens bekannt ist, wobei er den Familiennamen des verstorbenen Mannes und denen Geburtsdatum nennt. Diese Kenntnisse verschafft er sich vermutlich durch den Besuch der Friedhöse, auf denen er sich die Daten von den Grabsteinen notiert. Wenn nun die Frau, die meistens sehr erstaunt ist, erklärt, daß es sich um ihren eigenen Gatten handelt, dann erzählt der Gauner, daß der Mann bei einer Bank bei Lebzeiten ein Los gekauft habe, das einen Gewinn erzielt habe. Jedoch seien die letzten Prämien noch nicht bezahlt. Wenn der Gewinn abgehoben werden sollte, dann müßten zuvor die rückständigen Prämien bezahlt werden; falls sie diese sedoch nicht zahle, ginge sie des Gewinnes verlustig. Er sei beauftragt, die Prämien einzuziehen. Wer die „Prämien" zahlt, ist sein Geld los. Vor dem Schwindler, der auch in anderen Städten mit Erfolg gearbeitet hat, sei deshalb gewarnt.
Spangenberg, 22. Juli. Gestern nachmittag gegen 128 Uhr entlud sich plötzlich über das ganze obere Pfieffetal und über die Seitentäler der Lande und Vocke ein furchtbares Gewitter mit wolkenbruchartigem
Regen und starkem Hagelschlag. Ganz besonders wütete das Unwetter in der Gemarkung Pfieffe. Dort regnete es anhaltend 70 Minuten nnd hagelte 30 Minuten. Die Hagelkörner hatten die Größe von Hasel- und Walnüssen. Die gesamte Ernte von Halm- und Hackfrüchten ist geradezu vernichtet. Gürten und Felder gewähren einen trostlosen Anblick. Noch gegen Abend lag an manchen Stellen der Hagel handhoch. Kolossale Wassermassen strömten von den Höhen des Eisberges und den Höhen der Spangenberger Hügelketten. Das ganze Pfieffetal von Bischofferode bis zur Mündung der Pfieffe in die Fulda bildete einen See, obwohl von Spangenberg an flnßabwärts kein erheblicher Regen gefallen war. Sämtliche Dörfer des Tales standen unter Wasser. Dem Müller Kördel in Pfieffe ertranken 4 wertvolle Schweine.
Frankenberg, 22. Juli. Im Eisenbahnzuge gestorben ist gestern vormittag zwischen Schmittlothetm und Herzhausen ein 7jähriges Mädchen, welches mit seiner Mutter, einer Frau Kunze in Allendorf a. d. Edder gewesen und hier in den Zug 475 nach Corbach umgestiegen war.
Eisenach, 23. Juli. Das Ulstertal bei Geisa wurde von einem verheerenden Wolkenbruch heimgesucht. Der Hagelschlag vernichtete die Ernte. Kranlucken, Motzlar und Schleid bieten mit den angrenzenden Fluren ein Bild trauriger Verwüstung.
Marburg, 22. Juli. Eine Beißerei zwischen einem Coleurhund und einem Polizeihund, die sich am 9. Februar in Marburg abspielte, hatte vor dem Landgericht ein Nachspiel. Damals fühlte sich ein Angehöriger der studentischen Korporation, dem der Hund gehörte, veranlaßt, in einer Zeitung mit seiner Unterschrift eine geharnischte Erklärung gegen den Polizeibeamten, der mit seiner Waffe die streitenden Hunde trennte, loszulassen. Der betreffende Beamte zeigte den Verfasser des Eingesandts an und gestern wurde dieser zu 30 Mk. Geldstrafe verurteilt.
Jena, 23. Juli. In der vergangenen Nacht sind über die Umgegend schwere Gewitter niedergegangen. Im Gleißtal, besonders in Graitschen, hat ein Wolkenbruch große Verheerungen angerichtet, ebenso in angrenzenden altenburgischen Gebirgstetlen. Der Schaden auf den Feldern ist bedeutend. In zahlreichen Gehöften mußte das Vieh aus den Ställen geholt und in die höher gelegenen Ortsteile in Sicherheit gebracht werden.
Gotha, 23. Juli. Auf dem Ohrdrufer Truppenübungsplatz ist jetzt eine Drachenabteilung mit sehr interessanten Uebungen tätig. Die Abteilung wird bis zum 20. August anwesend sein, damit sie am 19. August an dem großen Divisionsmanöver der 38. Division, dem auch der Kaiser beiwohnen wird, teil- nehmen kann. Der Kaiser trifft an diesem Tage von Cassel aus im Automobil in Ohrdruf ein. Für die an den militärischen Uebungen beteiligten Flugzeuge ist auf dem Truppenübungsplätze ein Unterkunftszelt errichtet worden. Die Sanitätsübungen im Bereich des 11. Armeekorps haben am Mittwoch begonnen.
Rüdesheim, 22. Juli. Eine für alle Weintrinker betrübliche Kunde kommt aus Rüdesheim. Die dortige Weinernte ist infolge des Auftretens der Reblaus und anderer Schädlinge stark gefährdet. Der Peronosporapilz hat bis jetzt meist nur die Spitzen der Reben befallen, ist jedoch verschiedentlich bereits auf die Trauben übergegangen. Heißes und trockenes Wetter, nicht unterbrochen von Regen, könnte den edlen Rüdesheimer noch retten.
Greiz, 23. Juli. Heute mittag durchschnitt der Gelegenheitsarbeiter Grüner zweien seiner Kinder die Kehlen mit einem Rasiermesser und verletzte sie sehr schwer. Zwei andere Kinder waren sortgelaufen. Dann öffnete sich Grüner die Pulsader und wurde schwer verletzt.
Oberndorf, 22. Juli. Am Samstag abend um V2IO Uhr wollte der 33jährige Fabrikarbeiter Rudolf Müller in Oberndorf an dem Oberndorfer Bahnhof der Strecke Grävenwiesbach-Wetzlar seine Schwägerin abholen. Der Weg führte zu beiden Seiten des Gleises hin. In der Dunkelheit muß Müller auf dem Bahnsteig abgestürzt sein. Der kurz darauf einlaufende Zug hat ihn dann überfahren und beide Beine verstümmelt. Der Zugführer hatte bemerkt, daß Widerstand vorhanden war, und deshalb fuhr der Zug sofort nach Aussteigen der Passagiere die Strecke zurück. Hier fand man den Schwerverletzten vor und nahm ibn mit nach Wetzlar, wo drei Aerzte Notverbände anlegten. Nach Gießen verbracht, starb der Verunglückte noch nachts um 3 Uhr.
Wetteraussichten für Sonnabend den 25. Juli.
Wechselnd bewölkt, Regenschauer, kühl, zeitweilig auffrischende westliche Winde.