Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
Melier
für den Kreis Hersfeld
Willst
Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wiederholungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Zernsprech-slnschlutz Nr. 8
Nr. 170.
Donnerstag, den 23. Juli
1914.
Bus der Heimat.
§ Hersfeld, 22. Juli. Im Sitzungssaale der Kgl. Regierung gelangte gestern vormittag die Domäne W i l h e l m s h o f bei Hersfeld zur Verpachtung. Im Termin mit Inventar wurde bei einem Anfangsgebot von 6000 Mk. Pachtzins pro Jahr das Höchstgebot von Herrn Landwirt Oskar Bendler aus Seehausen (Kr. Wanzleben) mit 6700 Mk. abgegeben; im Termin ohne Inventar hatte das Höchstgebot ebenfalls Herr Bendler mit 6850 Mk. abgegeben.
):( Hersfeld, 22. Juli. Die großen Zeltanlagen des gestern hier eingetroffenen Zirkus B a r u m, die fast den ganzen Marktplatz einnehmen, bildeten gestern abend zu der Eröffnungsvorstellung das Ziel großer Scharen Schaulustiger. Bereits lange vor Beginn der Vorstellung war der weite Raum des Zirkuszeltes dicht besetzt, so daß kaum noch ein Platz übrig war. Das äußerst reichhaltige Programm bot in bunter Reihenfolge Pferdedreffuren, Reitkünste, Akrobaten, Dressuren von Kamelen, Elefanten, Löwen, Eisbären, braunen Bären, ja sogar dressierte Gänse fehlten nicht. Staunen erregten die hervorragenden Leistungen der Chinesen, Araber, sowie der ind. Fakire. Die Leistungen der Künstler, sowie die Dressuren der wilden Tiere fanden oft durch lauten Beifall die Anerkennung der Zuschauermasse. Eine Anzahl Klowns und Auguste unterhielten durch ihr Auftreten das Publikum in heiterster Weise.
):( Hersfeld, 22. Juli. Heute morgen gegen 7 Uhr konnte man das Surren einer Flugmaschine vernehmen, die jedoch infolge Nebels nur schlecht sichtbar war.
):( Hersfeld, 22. Juli. (L anö w. B e z ir k s - Aus- st e l l u n g s l o t t e r i e.) Wir machen darauf aufmerksam, daß die etwa noch nicht abgeholten Gewinne nur noch bis zum Sonnabend den 25. d. Mts. ausgegeben werden und zwar vormittags von 10—12 Uhr Johannesstraße 6/8, 2. Etage, Zimmer Nr. 2.
Raboldshansen, 20. Juli. Die hiesige Gemeindejagd wurde auf sechs Jahre an den seitherigen Pächter, Herrn Rentier Albert Sturm hier für den jährlichen Pachtpreis von 1685 Mk. weiter verpachtet.
Rotenburg, 20. Juli. Auf dem Schützenfest kam es hier zwischen einem Polizeisergeanten und dem Karussellbesitzer R. zu Differenzen. Hierbei wurde der Polizeisergeant von R. tätlich angegriffen. Die Bestrafung des Angreifers dürfte nicht ausbleiben.
Cassel, 22. Juli. Gestern früh gegen 6 Uhr wurde die 3. Abteilung des Feldart.-Regts. Nr. 11 in Fritzlar alarmiert, um eine kriegsmäßige Probemobilmachung vorzunehmen. Von jeder hiesigen Batterie waren 68 Pferde mit Fahrern, welche die eingezogenen Reservisten markierten, nach Fritzlar entsandt worden. Die Kolonnen wurden vollständig ausgerüstet, auch erhielten die Mannschaften die besten Anzüge. Der sehr gut gelungenen Probemobilmachung wohnten bei: der Kommandierende General Exz. v. Plüskow, der Kommandeur der 22. Div. Generalleutnant Exz. v. Freytag-Loringhoven, sowie die Brigade- und Regimentskommandeure von hier.
Cassel, 21. Juli. Der Herzog und die Herzogin von Sachsen-Meiningen trafen heute mittag von Meiningen kommend in Cassel ein und begaben sich nach Schloß Wilhelmshöhe, um der Kaiserin einen kurzen Besuch abzustatten. Der Kaiser wird am 3. August in Wilhelmshöhe erwartet. Die Kaiserin bleibt bis zum 31. August.
Heiligenstadt, 21. Juli. In Duderstadt brach heute ein Großfeuer aus. Drei Gehöfte, darunter der Saal des Hotels „Englischer Hof", wurden eingeäschert.
Heiligenstadt, 21. Juli. Die Straßenfernfahrt „Rund um die Hainlaite", die am Sonntag von Erfurt über Straußfurt, Kindelbrück, Sangerhausen, Nordhausen, Breitenworbis, Heiligenstadt, Mühlhausen i. Th., Langensalza, Döllstedt nach Erfurt (251 Kilometer) führte, wurde einem Telinehmer der Amateurklasse zum Verhängnis. Kurz vor Heiligenstadt kam der Wertpreisfahrer Marktscheffel-Erfurt so unglücklich zu Fall, daß er sich einen komplizierten Schädelbruch und schwere innere Verletzungen zuzog. Marktscheffel wurde sofort in das Krankenhaus zu Heiligenstadt gebracht, wo er in der Nacht starb.
Herzhause«, 10. Juli. Der Kaiserbesuch an der Edertalsperre gelegentlich der Einweihung am 25. August bewirkt schon jetzt, daß in der dortigen Gegend viele fleißige Hände sich regen, damit dem Kaiser ein würdiger Empfang bereitet werden kann. Besonders die Straßen erfahren eine gründliche Ausbesserung, soweit sie im Frühjahr mit einer neuen Steindecke versehen sind,. wird diese Arbeit an den schadhaften Stellen jetzt noch vorgenommen. Voraussichtlich wird der Kaiser nach dem Festakt an der Sperrmauer im
Automobil über Niederw^be-Sachsenhausen-Corbach nach Arolsen fahren, wo ein freita^l stattfindet. Das Kaiserzelt wird seinen Platz an der rechten Seite der Mauer bei den Beamtenwohnungen mit der Aussicht auf die Mauer und in der Ferne Schloß Waldeck erhalten. Umfassende Absperrmaßregeln sind zu erwarten.
Uffeln (Waldeck), 21. Juli. Ein schwerer Automobilunglücksfall hat sich in der vergangenen Nacht auf der Landstraße bei dem benachbarten Dorfe Willingen zugetragen. Ein fremdes Privatautomobil, das, von mehreren Personen besetzt, auf der Fahrt aus dem Rheinland über Waldeck nach Cassel begriffen war, ist auf einer durch den Gewitterregen durchweichten Stelle der Landstraße plötzlich ins Rutschen gekommen und in den Chausseegraben geschleudert worden. Dabei erlitt der Chauffeur eine Gehirnerschütterung und schwere innere Verletzungen, einer der Passagiere erlitt einen Armbruch, die anderen Insassen kamen zum Glück mit nur leichten Verletzungen davon. Das Automobil wurde schwer beschädigt.
Aus dem Wohratal, 21. Juli. Der in Albshausen von einem Neubau abgestürzte Dachdeckermeister A. Weiershäuser aus Wohra ist gestern seinen Verletzungen in der Klinik zu Marburg erlegen. Er war mit dem Kopfe auf eine Schiene aufgeschlagen und Lattenstücke waren verschiedentlich in den Körper eingedrungen. Die Verletzungen waren so schwer, daß alle Mühe der Aerzte vergebens war.
Eisenach, 21. Juli. In Eisenach fand am Sonntag ein Protesttag des Allgemeinen deutschen Automobil- Clubs (A. D. A. C.) statt, womit eine Sternfahrt aus allen Teilen Deutschlands hierher verbunden war. Es nahmen an ihr gegen 700 Fahrzeuge teil. Das Hauptinteresse konzentrierte sich aus die nachmittags 1 Uhr im Fürstenhof anberaumte Protestversammlung des A. D. A. C., an der 1800 Personen teilnahmen. Der Präsident des A. D. A. C. Dr. Brückmayer (München) brächte in seinerBegrüßungsansprache ein dreifachesHoch auf den Kaiser und auf den Großherzog von Sachsen aus und beantwortete dann ausführlich die Frage: „Was sind wir, und was wollen wir." Im Anschluß an weitere verschiedene Redner wurde eine Resolution angenommen, in der gegen verschiedene Vorkommnisse protestiert wird.
Arnstadt, 21. Juli. Ein schweres Eisenbahnunglück ereignete sich heute vormittag gegen 9 Uhr aus der Strecke Arnstadt—Oberhof in dem kleinen Tunnel zwischen Gräfenroda und Dörrberg. Drei Maschinen, nach Arnstadt, Meiningen und Gräfenroda gehörig, von denen zwei von Gehlberg, die dritte von Gräfenroda kam, fuhren in dem Tunnel aufeinander. Fünf Personen wurden zum Teil schwer verletzt. Das Bedienungspersonal war von Erfurt, Arnstadt und Gräfenroda. Verletzt wurden ein Lokomotivführer und ein Heizer aus Erfurt, die dem Erfurter Krankenhause zugeführt wurden, der Lokomotivführer Schrickel von Arnstadt, der sich mit Hilfe einer anderen Person nach Hause begeben konnte, der Heizer Herbert Wolffaram, der stark verbrüht ins Arnstädter Krankenhaus übergeführt werden mußte. Der Lokomotivführer Kühn aus Gräfenroda wurde am Kopfe schwer verletzt Das Unglück ist dadurch entstanden daß wegen Umbauarbeiten em Gleis gesperrt und der Verkehr eingleisig betrieben werden mußte. Von Arnstadt ging sofort ein Hilfszug an die Unfallstelle ab Die Aufräumungsarbeiten wurden sofort in Angriff genommen.
Arnstadt, 21. Juli. Heute nachmittag fuhr der Personenzug 287, der fahrplanmäßig um 3,07 Uhr in Gräfenroda eintreffen sollte, zwischen den Stationen Gräfenroda-Süd und Gräfenroda-Bahnhof aus einen Güterzug auf, der keine Einfahrt hatte. Durch den Zusammenstoß wurden die drei letzten Wagen des Personenzuges und zwei Brehwagen des Guterzuges stark beschädigt. Eine Frau erlitt leichte Verletzungen. Sie wurde ins Arnstädter Krankenhaus eingeliesert. Die Strecke ist teilweise ganz gesperrt. Der Verkehr wird über Eisenach—Themar—Ilmenau geleitet.
Pyrmont, 21. Juli. Am 25. Juni stand ein Arbeitsmann aus Oesdorf vor dem hiesigen Schöffengericht unter der Anklage, am Nachmittage des Grun- donnerstages öffentlich gearbeitet und dadurch die Feier des Gründonnerstages öffentlich gestört zu haben. Der Angeklagte wurde freigesprochen mit der Begründung, daß der Gründonnerstag als voller Feiertag nicht zu erachten sei.
Northeim, 20. Juli. Auf der Kaligewerkschaft Reinhardsbrunn in Levershausen ereignete sich am Sonnabend abend ein schweres Unglück, das den Tod des Steigers Otto Kühne von hier zur Folge hatte. Beim Anbohren des Salzes traten plötzlich giftige Gase auf, wodurch einige Bergleute betäubt wurden.
Während die übrigen in Sicherheit gebracht werden konnten, erlitt Kühne den Erstickungstod.
Wiesbaden, 20. Juli. Ein schwerer Zusammenstoß zwischen einer Droschke und zwei Straßenbahnwagen ereignest sich gestern abend hier an der Kreuzung der Albrecht- und M-rritzstraße. Das Fuhrwerk geriet, als es die Kreuzung pa^itteu wollte, zwischen zwei in voller Fahrt befindliche Straßenbahnwagen. Die Insassen, der Fuhrwerkshalter Schauß, seine Frau und ein sechsjähriges Söhnchen wurden aus bei Droschke herausgeschleudert. Schauß selbst wurde leichter, seine Frau und das Kind schwer verletzt. Der Kutscher Schäfer geriet zwischen das Fuhrwerk und einen Straßenbahnwagen und wurde totgeguetscht.
Wiesbaden, 20. Juli. In seiner Wohnung am Jdsteiner Weg erschoß sich der Geh. Baurat Eduard Schugt, weil er befürchtet geisteskrank zu werden.
Ronneburg (Sachs.-Altenb.). 21. Juli. Gestern nachmittag wurde in Grobdorf in einem Haferfeld die siebenjährige Tochter Erna des Gutsbesitzers Landmann ermordet aufgefunden. Das Mädchen hatte seine im Krankenhause Ronneburg befindliche Mutter besucht und ist auf dem Heimwege vermutlich von einem Radfahrer, nach dem gefahndet wird, in das Feld geschleppt und getötet worden.
Hohensolms, 19. Juli. Am vergangenen Dienstag ereignete sich ein eigenartiger Unglücksfall. Die Frau eines hiesigen Landmannes war damit beschäftigt, Unkraut auf dem Acker auszujäten. Plötzlich wird sie durch das Rauschen im Ackerfeld aufmerksam und horcht hin. Ein stattlicher Rehbock springt in vollen Sprüngen auf sie ein und wirft sie durch den kräftigen Stoß zu Boden. Dabei trug die Frau einen Armbruch und Hantabschürfungeu im Gesicht davon. Dieser Fall dürfte wohl ein sehr seltener sein.
Bauernbund und Sorialdemolratie.
Man schreibt uns: Die Herren vom Bauernbund suchten bisher die Unterstützung, welche ihrem Syndikus Dr. Böhme in Salzwedel-Gardelegen und ihrem Präsidenten Wachhorst öe Wente in Stendal-Osterburg zuteil geworden ist von der Sozialdemokratie, auf alle mögliche Weise zu bemänteln. Harmlose Gemüter sollten in dem Glauben erhalten werden, daß beide Bauernbund-Ftthrcr keine Verpflichtungen eingegangen seien, daß sie also als völlig unabhängige Abgeordnete ohne eine imperatives Mandat in der Tasche zu haben, im Reichstag säßen. So liegt die Sache aber nicht. Man wird zwar nie herausbekommen, welche Bedingungen der Sozialdemokraten sie in öffentlichen Versammlungen oder im verschwiegenen Wahlbüro oder gar einem dritten Orte anerkannt haben, daß sie aber beide in nähere Beziehungen zur Partei der Revolution getreten sind, mit ihr verhandelt haben, geht klar und deutlich aus dem Prozeß Roos gegen Böhme hervor, von dem alle Blätter in diesen Tagen berichtet haben. Uns interessiert hier weder die Strafe, die der Beklagte, die, welcher der Kläger wegen der gegenseitigen Beleidigungen erlitten haben, für uns ist lehrreich und beweiskräftig die zeugeneidliche Aussage des sozialdemokratischen ParteibeamtenVeims. Der genaue Wortlaut liegt noch nicht vor. Aber übereinstimmend berichten Freunde und Feinde und Unparteiische, daß Beims nach telephonischer Anfrage mit Dr. Böhme im bauernbündlerischen Wahlbüro (im „Schwarzen Adler" zu Salzwedel) eine Besprechung gehabt hat, um sich zu vergewissern über gewisse Bedenken, die bei den Sozialdemokraten hinsichtlich der Zustimmung des Bauernbunds-Kandidaten zu den Jenenser Forderungen bestanden: Dr. Böhme hat zwar dabei nicht alle Forderungen zugestanden, aber immerhin das bestätigt, was er schon zuvor in Versammlungen erklärt hatte,- jedenfalls hat er sich diese folgenschwere Verhandlung und diese bedingte Unterstützung der Genossen sehr wohl gefallen lassen.
Bekanntlich ist auch hinsichtlich des Bauernbunds- Präsidenten Wachhorst de Wente die Frage, in welcher Form er sich der Sozialdemokratie verpflichtet hat, noch keineswegs geklärt. Vielmehr steht in dieser Beziehung Aussage gegen Aussage, da derselbe sozialdemokratische Parteisekretär Beims, der in dem Prozeß Böhme eine Rolle gespielt hat, erklärte, es sei unrichtig, wenn Herr Wachhorst de Wente behaupte, daß er der Sozialdemokratie keine Erklärungen abgegeben habe. Man wird sich dem Eindruck nicht verschließen können, daß der Ausgang des Prozesses Böhme nicht gerade dazu bcigetragen hat, die Behauptungen des Herrn Wachhorst in dieser Angelegenheit glaubwürdiger zu machen.
Wetteraussichten für Donnerstag den 28. Juli. Wolkig, zeitweise Regen, kühler, Nordwestwinde.