Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger ^-^^ für den Kreis Hersfeld Wlött Wtott
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
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Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage" Zernsprech-Nnschlutz Nr. 8
Nr. 161. Donnerstag, den 16. Jnli 1914.
Der heutigen Nummer liegt ein Amtlicher Anzeiger bei.
Bus der Helmute
* (Vom hessischen Volk sschulwese n.) In dem verflossenen Halbjahr wurden ein Mittelschullehrer, 10 Lehrer, 6 Lehrerinnen und eine technische Lehrerin aus dem Schuldienst des Regierungsbezirks Cassel entlassen. Es traten in den Schuldienst der Stadt Frankfurt a. M. 4 Lehrer, der Stadt Hann. Münden 1 Lehrer, des Regierungsbezirks Düsseldorf 1 Lehrer. Bei den übrigen Lehrpersonen wurde der Grund des Austritts aus dem Schuldienst nicht bekannt. Die Lehrerinnen dürften wohl den Lehrstand mit dem Ehestand vertauscht haben. In den Ruhestand versetzt wurden in demselben Zeitraum ein Rektor, 10 Lehrer und 2 Lehrerinnen.
* (Annoncen deutlich schreiben! Nach einer Entscheidung des Reichsgerichts braucht für Fehler in einer Anzeige, die infolge unleserlich oder undeutlich geschriebenen Manuskriptes entstanden sind, kein Ersatz geleistet werden. Das Reichsgericht ging hierbei von der Ansicht aus, daß Anzeigen, die man einer Zeitung zusendet, deutlich geschrieben sein müssen.
):( Hersfeld, 15. Juli. Nach längerem Leiden verstarb gestern Herr Bauunternehmer Julius N o l l hier. Mit demselben ist eine weithin besonnte Persönlichkeit aus dem Leben gegangen. Lange Jahre gehörte Herr Noll den städtischen Körperschaften an, davon bereits seit längeren Jahren als Mitglied des Magistrats. Auch als Vorsitzender der hiesigen Allgemeinen Ortskrankenkasse ist er 34 Jahre lang unermüdlich für dieselbe tätig gewesen.
§ Hersfeld, 15. Juli. (Zirkus Bar um.) Wie wir schon berichteten, wird Zirkus Barum auf seiner Rundreise auch nach Hersseld kommen. Jetzt ist nun der Zeitpunkt für das Eintreffen auf den 21. Juli festgesetzt worden. Damit wird der Bewohnerschaft von Hersfeld und der weiteren Umgegend Gelegenheit geboten, ein großzügiges Unternehmen besuchen zu können, das sonst nur in großen Städten zu sehen ist. Das wandernde Unternehmen bietet außer allerhand Zirkusvorführungen eine Völkerschau und einen zoologischen Garten. Es werden sich Menschen aller Rassen mit ihren heimischen Sitten und Gebräuchen sowie mit ihren Künsten sehen lassen. Zirkus Barum ist im wahrsten Sinn des Wortes eine Schau der fünf Erdteile und deshalb haben die Vorführungen auch einen wissenschaftlich bildenden Wert.
):( Hersfeld, 15. Juli. Unter Leitung des Herrn Kreisjugendpflegers Heinemann findet in der Zeit vom 7.—12. September d. Js. in der hiesigen Turnhalle ein Spiel- und Turnkursus statt, an welchem Pfarrer, Lehrer, Vorturner etc. teilnehmen. Ein gleicher Kursus fand bereits im vorigen Jahre unter reger Beteiligung statt.
Fulda, 18. Juli. Zu der bereits gemeldeten Schießaffäre in Lütter (Rhön) anläßlich der Fahnenweihe des dortigen Kriegervereins wird noch berichtet: Es hat sich inzwischen herausgestellt, daß Hartmann doch nicht den tödlichen Schuß abgegeben, sondern der 19jährige Arbeiter Müller. Aus diesem Grunde wurde Hartmann alsbald auf freien Fuß gesetzt. Müller ist vorläufig in das Amtsgerichtsgefängnis in Weyhers (Rhön) untergebracht. Der bei der Tat benutzte Revolver ist bis jetzt noch nicht gefunden worden.
§ Fulda, 13. Juli. In der gestern hierselbst abgehaltenen Generalversammlung des Verbandes deutscher Wasserkraft- und Motorenbesitzer erstattete der geschäftsführende Vorsitzende, Redakteur L. Koch- Duderstadt, zunächst Bericht über die Tätigkeit des Verbandes im abgelaufenen Jahre, worin derselbe insbesondere die Einführung des neuen preußischen Waffergesetzes und die hiermit verknüpfte Aufstellung des Verzeichnisses der Wasserläufe 2. Ordnung näher erörterte. In der Ableitung von Quellen sei in 1913 wegen der rückwirkenden Bestimmungen des neuen Waffergesetzes eine Abschwächung eingetreten, und handle es sich nunmehr um richtige Anwendung der Bestimmungen über Schadloshaltung der beteiligten Betriebe, damit diese richtig öurchgeführt werden. Weitere durch das neue Wassergesetz bewirkte Aenderungen seien die Bestimmungen über Reinhaltung ver Gewässer, über die Anbringung von Staumarken zur Feststellung der Stauhöhen und über die An- wgung von Wafferbüchern, zu letzteren seien von einer ^Eche Betriebe bereits Anträge gestellt worden. Die Audung von Wassergenossenschaften sei verschiedentlich schon angeregt worden und auch bei einigen Fluß- saufen in Vorbereitung. Wegen des in Beratung oesrndlichen neuen Fischereigesetzes habe der Verband
mit anderen Vereinigungen Schritte zu einheitlicher Durchführung, der von den Industriellen aufgestellten Forderungen zum Fischereigesetz unternommen. In den verschiedenen Versicherungszweigen habe der Verband für die Mitglieder namhafte Vergünstigungen durch Erleichterung der Aufnahmebedingungen und dnrch Prämienverbilligung erlangen können. Der Verband habe im verflossenen Jahre 201 Wassersachen für die Mitglieder bearbeitet, der Gesamteingang an Sendungen belief sich in 1913 auf 2097, die Zahl der abgegangenen Sendungen auf 4454. An den Tätigkeitsbericht knüpfte sich eine lebhafte Diskussion, die sich insbesondere auf verschiedene noch schwebende Entschädigungsfälle erstreckte. MühlenbesitzerBiba-Horbach(Kreis GelnhausenjschildertedieEntschädigungsverhandlungen mitdemKreiswasserwerk,Oetzel-Heimboldshausen solche mit dem Landratsamt Hersfeld, Gröbe-Albungen solche mit dem Landratsamt Eschwege. Eine Wassergenossenschaft soll für das Gebiet der Haune in den Kreisen Hünfeld und Fulda gegründet werden. Es wurde sodann noch auf etwaigen im Laufe des Herbstes und Winters zu erwartenden Wassermangel hingewiesen, der wieder viel Klagen über Wasserentziehung zeitigen dürfte, die der Verband deutscher Wasserkraft- und Motorenbesitzer (Zentralbureau in Duderstadt) von seiner Rechtsabteilung sachgemäß bearbeiten läßt. Es fand eine rege Aussprache über das Gehörte statt, worauf noch eine Reihe zeitgemäßer Fragen zur Erörterung kamen. Mühlenbesitzer und Landwirt Hahn wies auf die Wichtigkeit arbeitssparender Maschinen in der Landwirtschaft wegen der Leutenot hin und verbreitete sich noch des näheren über den Westfalia-Düngerstreuer der Landwirtschaftlichen Maschinenfabrik von Kuxmann & Co. in Bielefeld, der große und kleine Quantitäten vollständig gleichmäßig auf den Acker bringe und sich auf dem bergigen und schwierigen Terrain des thüringer Berglandes gut bewährt habe. Eine Reihe anwesender Landwirte bestätigte diese günstigen Erfahrungen und wurden noch einige weitere intereffante Erfahrungen zur Kenntnis gegeben. Die Generalversammlung schloß nach mehrstündiger Dauer gegen 6V2 Uhr abends.
Cassel, 14. Juli. Gestern abend gegen 10v< Uhr hat sich am Jungfernkopf zwischen Harleshausen und Niedervellmar, ein anscheinend den besseren Ständen angehörendes Liebespaar erschossen. Die Leichen wurden heute morgen von zwei Schulknaben aufge- funden. Gegen 1 Uhr mittags war die Gerichts- kommtssion zur Stelle, um den Tatbestand aufzunehmen. Es wurden keinerlei Papiere, die auf die Persönlichkeit der Toten Hinweisen vorgefunden. Scheinbar ist pekuniäre Not die Veranlassung zu der Tat gewesen, da die vorgefundene Geldbörsen nur wenige Pfennige enthielten.
Eschwege, 14. Juli. Arges Pech hatten zwei Esch- weger Ruderer, die bei dem herrlichen Sommerwetter dem Verlangen nicht widerstehen konnten, auf der Werra blauen Fluten gestern ihrem Sport zu huldigen. Schon waren sie in sportgemäßer Fahrt in der Nähe der Brücke unterhalb des Fürstensteins, als das Boot kenterte und beide Insassen ins Wasser fielen. Sie retteten sich durch Schwimmen, kamen aber nur mit „dem nackten Leben" davon, denn sie hatten sich vorher ihrer Kleider im Boote entledigt, und diese samt Uhren, Portemonnaies und Wertgegenständen wurden dem Gott der Fluten zum Opfer gebracht. Nur mit dem Trikot bekleidet, schlichen die beiden Fahrt- und Leidensgenossen auf heimlichen Pfaden der Heimat zu. Wer aber dennoch die beiden Wanderer erspähte, war sichtlich betroffen von diesem eigenartigen Anblick, und es gab manch vergnügliches Schmunzeln, denn „Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen . . ."
Bad Orb, 18. Juli. Eine sonderbare Erscheinung ist jetzt auf dem neuen Truppenübungsplätze bei Bad Orb bemerkbar. Dort haben sich auf den Flächen, wo der Holzbestand geschlagen wird, um das Gelände für die Neuanlagen frei zu machen, auf den Waldblößen große Mengen von Kreuzottern aus den umliegenden Spessartwaldungen zusammengezogen, svdaß sie wirklich zu einer Landplage geworden sind. Es werden deshalb auch hier namhafte Prämien für deren Vertilgung gewährt, und die Jugend der umliegenden Ortschaften benutzt diese Gelegenheit, indem sie mit Knüppeln bewaffnet auf den Kreuzotterfang auszieht; in einer Woche sollen 506 Stück vertilgt worden sein.
Vom Eddertal, 14. Juli. Gestern nachmittag gingen im oberen Eddertal sehr heftige Gewitter und zum Teil mit starkem Hagel nieder. In Roda, Kreis Frankenberg zündete der Blitz in ein Gehöft des Landwirts Joh. Klinge. Haus, Scheune und Stallungen mit dem gesamten Inhalt fielen dem Feuer zum Opfer. Ein kalter Schlag traf das Haus des Landwirts Bernhard Paulus und demolierte darin alles. Um dieselbe Zeit wurden in der Kolonie Wiesenfeld durch einen sintflutartigen Wolkenbruch an den Garten- und Feld
gewächsen große Verwüstungen angerichtet. Das Vieh mußte aus den Ställen geschafft werden.
Eisenach, 18. Juli. Die 30jährige ledige Krankenpflegerin Berta Ehrsam hat gestern vormittag in ihrer Wohnung ihren siebenjährigen Sohn mit Lysol vergiftet, selbst eine starke Dosis Lysol zu sich genommen und sich dann, da das Lysol bei ihr den Tod nicht herbeiführte, am Bettpfosten aufgehängt. Der Beweggrund ist noch unbekannt.
Mühldorf, 13. Juli. Die 11 Jahre alte Tochter des Nachtwächters Auer von Altmühldorf stürzte beim Kirschenpflücken so unglücklich vom Baum, daß sie auf einen Staketeuzaun fiel und dabei förmlich aufgespießt wurde. Ein Zaunpfahl drang dem unglüctlid)en Mädchen in den Unterleib. Das Kind dürfte kaum mit dem Leben davonkommen.
Frankfurt a. M., 13. Juli. Von einem gelegentlichen Mitarbeiter wird dem „Frankfurter Generalanzeiger" ein launiges Geschichtchen mitgeteilt. Auf einem Flur mit mir wohnen meine Hausleute, biedere, bejahrte Leute, die ihr Schäfchen int Trockenen hatten, und nun, von den Zinsen ihres Hanfes lebend, ein zufriedenes und glückliches Dasein führten. Nur eines schien ihren Seelenfrieden zu stören : das waren die allabendlichen Musikvorträge eines Schreibers, der, im Hofe ihnen gegenüber wohnend, dann die schmel- zendsten Weisen von sich gab. Ich konnte oft die tiefsten Klagen über dieses unvermeidliche Uebel hören und mußte mehr als einmal meinen ganz verzweifelten Hausherrn geradezu von unüberlegten Schritten zurückhalten. Da, eines Tages, ich wollte gerade ausgehen, kam er strahlend die Treppe heraufgekeucht, — ein wunderschönes Waldhorn unter dem Arm. Seine rundliche Frau schlug die Hände über den Kopf zusammen. Jetzt bringst Du auch noch so ein Marter- instrument nach Hause! Haben wir denn nicht an dem da drüben genug ? Zu was hast Du's denn gekauft?" Ganz außer Atem noch, aber verschmitzt lächelnd, rief er aus: „Das ist ja . . von da drüben gekauft."
Blankenburg (Harz), 13. Juli. Auf der Chaussee von Hasselfelde nach Wendefurth fanden zwei Radfahrer den Bierfahrer Rhien bewußtlos auf und ließen ihn nach dem Krankenhaus Blankenburg überführen, wo er zwei Stunden darauf starb. Es scheint sich um einen Raubanfall zu handeln.
Wiesbaden, 14. Juli. Der 19Jahre alte Seminarist in Wetzlar Fritz Medes, der zum Ferienbesuch bei seinen Eltern hier in Wiesbaden weilte, hat sich gestern erschossen. Die Eltern sollen dem jungen Mann eine Reise mit seiner Braut verwehrt haben, und dies hat Medes in den Tod getrieben.
Der Umfang der Betriebs der Reichspost.
Einen interessanten Einblick in das gewaltige Getriebe, das unsere Reichspost darstellt, gewährt die neueste amtliche Statistik. Danach umfaßt der Reichs- postbetrieb zur Zeit 34 700 Postanstalten und 32 300 Telegraphenanstalten. Auf 1603 Einwohner kommt danach eine Postanstalt, auf 1725 eineTelegraphenanstalt, der räumlichen Verteilung nach kann man je 12,8 Quadratkilometer eine Postanstalt, auf 18,8 Quadratkilometer eine Telegraphenanstalt rechnen. Wie sehr die Anschwellung des Reichspostbetriebs ins Ungeheure gegangen ist, erhellt schon daraus, daß in den letzten 25 Jahren auf jeden Tag die Entstehung zwei neuer Postanstalten und drei neuer Telegraphenanstalten gerechnet werden. Die Reichspost beschäftigt 16000 Beamte und Unterbeamte, sowie 67 500 andere Dienstangestellte. Unterbeamte in gehobener Dienststellung gibt es 17 500. Die Reichspost nennt 719 Postgebäude ihr eigen. Hinzu kommen 2860 Posthäuser, die von der Postverwaltung für ihre Zwecke gemietet worden sind. Die Reichspost kann zur Zeit über 4500 Bahnpostwagen, 12 600 Postwagen und 9000 Fahrräder verfügen. Die Länge der oberirdischen Telegraphen- undFernsprechlinien betrögt 275 000 Kilometer, die Länge der Leitungen 2 300 000 Kilometer. Wir haben in Deutschland jetzt 1 118 000 äernsprechstellen von diesen sind 34 000 öffentliche. Die ernsprecheinrichtungen der Reichspost stellen ein apital von mehr als 860 Millionen dar. Auch die gewaltigen Arbeitsleistungen der Reichspost werden aus der amtlichen Statistik recht ersichtlich. Allein im letzten Jahre hat die Post 9912 Millionen Briefe und 297 Millionen Wertsendungen befördert, die einen Wert von 50 Milliarden repräsentieren. Die Zahl der beförderten Telegramme belief sich im letzten Jahre au" 61 Millionen, die Zahl der vermittelten Gespräche auf 2097 Millionen. Zur Bahupostbeförderung dienen jetzt täglich 16 700 Eisenbahnzüge, während ine Zahl der Posten auf Landstraßen auf 14700 zu beziffern ist.
Wetteraussichten für Donnerstag den 16. ZuU.
Wolkig, Gewitterregen, wenig kühler, westliche Winde, Wetterumschlag in Aussicht.