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Hersfelder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger ^A^ für den Kreis Hersfeld

Melier KMlatt

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wieder­holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage ,

Zernsprech-Knschluß Nr. 8

Nr. 160.

Sonnabend, den 11. Juli

1914.

Bus der Heimat»

* Ueber He Obsternteaussichten dieses Jahres berichtet der praktische Ratgeber im Obst- mib Gartenbau in Frankfurt a. O. auf Grund von 700 Einzelberichten. Danach wird die Ernte in Aepfeln und Birnen im Durchschnitt besser sein, als im vorigen Jahre, in Aepfeln ist eine ziemlich gute, in Birnen eine geringe Mittelernte zu erwarten. Elsaß- Lothringen, Baden und die Pfalz haben teilweise eine gute Ernte. In anderen Gegenden hat der Maifrost Schaden angerichtet. Süßkirschen und Sauer­kirschen sind gut, Pfirsich reichlich, Aprikosen sehr gut; auch Beerenobst trägt im allgemeinen gut.

*(StatistischesausöerProvinzHessen- Nassau.) Ueber die Provinz Hessen-Nassau enthält das kürzlich erschienene neue Statistische Jahrbuch für den preußischen Staat bemerkenswerte Angaben. Die Provinz Hessen-Nassau hatte bei der letzten Volks­zählung 2 221021 Bewohner gegen 1467 898 am 1. Dezember 1875, 103 Städte und 2202 Landgemeinden; unter letzteren eine mit über 10 000 Einwohnern. Die Städte verteilen sich auf die Regierungsbezirke Cassel und Wiesbaden. Ersterer Bezirk zählt 64, der andere 39 Städte. Von den Landgemeinden entfallen auf Cassel 1322, auf Wiesbaden 880. Die Bevölkerungs­zunahme in den Jahren 1905 bis 1910 betrug auf Hundert der mittleren Bevölkerung 7,04. Der Bestand sämtlicher Gebäude war im Jahre 1912 im Regierungs­bezirk Cassel 181646, Wiesbaden 193 264. Am Schlüsse des Jahres 1912 bis 1913 befanden sich in Hessen- Nassau 810 351 Sparkassenbücher in Umlauf, davon im Regierungsbezirk Cassel 341480 und Wiesbaden 468 871. Eine Einlage von mehr als 3000 Mark wiesen auf im Bezirk Cassel 5,41 Prozent aller Sparkassenbücher und im Bezirk Wiesbaden 4,01 Prozent. Von den 13 819 834 Sparkassenbüchern in Preußen entfallen rund 8,1 Million auf städtische Sparkassen nach dem Stande am Schlüsse des Rechnungsjahres 1912/13.

§ Hersfeld, 10. Juli. Bei strömendem Regen haben sich am Sonntag Abend die Pforten der e r st e n größeren hessischen Bezirks-Ausstellung zu Hersfeld geschlossen. Trotz des äußerst un­günstigen Wetters war der Besuch ein recht guter, sodaß voraussichtlich kein größerer Zuschuß nötig sein wird als vorgesehen war. Die Veranstalter der Schau, die Aussteller und die Besucher der Ausstellung dürfen in gleicher Weise befriedigt auf dieselbe zurückblicken, wenn ihr auch besseres Wetter zu wünschen gewesenwäre. In der Erzeugnishalle fand an allen 3 Ausstellungs­tagen u. a. die Ausstellung der Buchstelle der Land­wirtschaftskammer aufmerksame Beachtung. Am Sonnabend ließ auch der Herr Oberpräsident der Provinz Hessen-Nassau, Exzellenz Hengstenberg aus Cassel, sich die ausgelegten Bücher und Formulare, besonders das Berichtssystem, erklären.

Viel Beifall fanden die Berechnungen der Pro­duktionskosten von Milch, Weizen, Hafer, Roggen und Kartoffeln verschiedener Güter. Viele Landwirte wollten gern darüber noch mehr wissen. Es ist hoch­erfreulich, daß die Vertreter der landwirtschaftlichen Praxis und sogar die Besitzer kleiner Wirtschaften diesen Erwägungsrechnungen oder Kalkulationen für bestimmte Wirtschaftszweige ein derartiges Interesse entgegenbringen, wie es auf der Ausstellung zu Hers­feld deutlich zu Tage trat. Bieten dieselben doch ein unvergleichliches Mittel, die Ertragsfähigkeit der Landwirtschaft zu steigern und neue Wege zu finden, um Kosten zu sparen und die Einnahmen zu erhöhen. Die Bestellung auf Bücher, um noch vom 1. Juli an eine geordnete Buchführung zu beginnen, waren über Erwarten zahlreich. Soweit der Zweck dieser Ausstellung darin bestand, den Herren Landwirten auf dem Gebiete des Buchführungs- und Rechnungs­wesens neue Anregungen zu geben, dürfte derselbe in starkem Maße erfüllt sein! Die meisten Landwirte, welche bei dieser Gelegenheit einen Einblick in die Wirksamkeit der Buchstelle der Landwirtschaftskammer gewonnen haben, werden nunmehr die feste Ueber­zeugung hegen, daß Buchführung und kalkulatorische Rechnung tatsächlich von größten Nutzen für die praktische Landwirtschaft sind, indem sie Fingerzeige geben, in welcher Richtung die Entwicklung des ein­zelnen Betriebes nutzbringend und vorteilhaft ist.

Hersfeld, 9. Juli. sSchöffenge richt.) Ein vwnger Kaufmann wurde wegen Beamtenbeleidigung

Geldstrafe von 20 Mk. verurteilt. Außerdem Arb?5 ^ Publikation des Urteils verfügt. Ein freier«. ^us Friedlos wurde wegen Körperverletzung bes^r?^bHen, dagegen wegen Beleidigung mit 20 Mk. aus ^' ^ derselben Sache erhielt ein Arbeiter &£ . eine Geldstrafe von 20 Mk. - Ein

«At^Her hatte gegen eine Strafverfügung aber i m s^0^ Widerspruch erhoben, zog denselben aber vor der Verhandlung zurück. - Wegen Haus­

friedensbruchs stand ein hiesiger Arbeiter unter An­klage, wurde jedoch von derselben freigesprochen. Wegen Bettelns wurde ein Handwerksbursche, aus Obersuhl gebürtig, mit 3 Wochen Haft bestraft.

):( Hersfeld, 10. Juli. Die Vorführung des Landwirtschaftlichen Festzuges im Hers­felder Lichtschauspielhaus fand gestern abend bei dem zahlreich erschienenen Publikum allgemeinen Beifall, da die Aufnahmen als sehr gelungen zu be­zeichnen sind. Der kleine Preisaufschlag für die einzelnen Plätze, die das Hersfelder Lichtschauspielhaus infolge der durch die lokale Aufnahme entstandenen großen Unkosten vornehmen mußte, erscheint gar nicht ins Gewicht fallend gegenüber dem Gebotenen, denn neben dem Festzuge verdient auch das Kricgs- drama aus 1813 sowie die übrigen Vorführungen volle Beachtung.

):( Hersfeld, 10. Juli. Die für Mittwoch angesetzt gewesene Aufführung der OperetteDie Kino­königin" durch das Fuldaer Sommertheater konnte wegen plötzlicher Erkrankung der Hauptdarstellerin nicht stattfinden. Die Operette, welche ihre große Anziehungskraft auch hier nicht verfehlen wird, soll nunmehr morgen, Sonnabend, abend gegeben werden.

-w- Friedlos, 9. Juli. Hier kann man einen in der Nähe der Haltestelle stehenden Baum beobachten, der neben reichem Fruchtbehang auch eine große Anzahl neuer Blüten aufweist.

Fulda, 8. Juli. Ein Preßprozeß erregte hier ziemliches Aufsehen. Am 15. April 1914 erschien im Fuldaer Kreisblatt folgende Anzeige: Junger Mann von angenehmem Aeutzeren sucht Bekanntschaft mit einer hübschen, jungen Dame im Alter von 1517 Jahren. Offerten, wenn möglich mit Bild, unter V. W. 66 postlagernd Fulda. Die Anzeige mit ihrem leichtfertig erscheinenden Inhalt erregte damals in ganz Fulda lebhafte Entrüstung, die sich in einem Eingesandt" in derFuldaer Zeitung" Luft machte. Durch dieses Eingesandt fühlte sich der Verleger des Kreisblattes beleidigt und stellte Strafantrag. In der jetzigen Verhandlung wurde von dem Buchhalter des Kreisblattes erklärt, daß ihm bei Aufgabe der Anzeige gesagt worden sei, daß es sich um den Scherz einer jungen Dame handele. Das Gericht verurteilte den verantwortlichen Redakteur der Fuldaer Zeitung zu 30 Mk. Geldstrafe, indem es ihm den Schatz des Par. 193, Wahrung berechtigter Interessen, vorenthielt. Gegen das Urteil wird Berufung eingelegt.

Schlüchtern, 9. Juli. Die Zuchtgenossenschaft für das Simmentaler Rind im Kreise Schlüchtern erzielte auf der Bezirkstierschau in Hersfeld, wo sie 10 Bullen und 44 Kühe, Rinder und Kälber ausgestellt hatte, 36 Prämien, darunter 12 erste Staatspreise.

Marburg, 8. Juli. Die Verhandlungen des 32. ordentlichen Raiffeisen-Verbandstages wurden heute vormittag mit einer Verbandsausschußsitzung in den Stadtsälen eröffnet. Nach herzlichen Begrüßungsworten seitens des Verbandsanwalts Rexerodt-Cassel erstattete Herr Psleging-Veckcrhagen die Jahresrechnung. Nach einem Referat des Herrn Lehrers Wagner-Crumbach wurde einer Erhöhung der Beiträge nach dem Umsatz gerechnet zugestimmt. Dann hielt Ingenieur Böttger- Berlin einen Vortrag über Ueberlandzentralen. Er gab dabei beherzigenswerte Winke für die Anlage dieser neuzeitlichen Einrichtungen auf dem Lande. Es schloß sich eine Mitgliederversammlung des Raifteifen- Dankes an. Die Verhandlungen betrafen nur geschäft­liche Angelegenheiten.

Cassel, 9. Juni. Die Ueberlandzentrale Eddertal- sperre hat an die Jnstallationssirmen ein Rundschreiben betr. Einkauf der Glühlampen erlassen. In demfelben heißt es: Die Vollsitzung der beteiligten Herren Landräte hat beschlossen, zwecks Ausnutzung von außerordentlich günstigen Offerten den Einkauf von Glühlampen durch die Ueberlandzentrale Eddertal- sperre vorzunehmen, und.den Weiterverkauf an die Stromabnehmer den konzessionierten Installateuren zu überlassen. Es wird möglich^sein, den Installateuren die Glühlampe mit etwa 55 Pfg. abzugeben. 413 Höchstverkaufspreis an die Konsumenten wird 80 Pfg. für die Glühlampe ausschließlich Steuer estgesetzt Sämtliche Lampen werden mit dem Stempelu Ed. angeliefert. Den Konsumenten wird bekannt gegeben, daß derartig gezeichnete Lampen vom Kreis vertrieben werden. Die Ortsgruppe der Casseler Elektro­installateure hatte gegen diesen Beschluß der Landrate Beschwerde bei dem Herrn Regierungs-Prasidenten erhoben, weil sie sich durch denselben in ihren Interessen bedroht glaubten. Diese Beschwerde ist jetzt als unbegründet zurückgewiesen worden, weil eine Schädigung der Installateure in dem Beschluß der Landräte nicht zu erblicken ki.

Schlitz, 8. Juli. Unter dem Vorsitze des Beigeord­neten Jungblut fand hier eine stark besuchte Protest­

versammlung statt, die Stellung nahm gegen den von der Eisenbahndirektion vorgesehenen Fahrplan für die neue Bahnstrecke SchlitzNiederaula. An der Aussprache nahmen teil: Bürgermeister Zinßer, Bei­geordneter Jungblut, Kaufmann Schilling u. a. Es wurde hervorgehoben, daß durch den neuen Fahrplan wohl eine gute Verbindung nach Hersfeld gesickert sei, aber leider auf Kosten der Verbindung nach dem Süden nach FuldaFrankfurt und auch nach Gießen. Und doch seien gute Anschlüsse nach Frankfurt und Gießen nach wie vor die Hauptsache für Schlitz. Auch wurde entschieden bemängelt, daß die erste Post nach dem neuen Fahrplan anderthalb Stunden später ein­treffen soll, als bisher. Dies würde aber für unsere geschäftlichen Verhältnisse ganz unhaltbare Zustände hervorufen. Eine Eingabe um Abwendung dieser drohenden Nebelstände erhielt zahlreiche Unterschriften.

Cassel, 9. Juli. Oberkaufungen, die alte Kaiser­pfalz bei Cassel, in deren Kloster die fromme Kunigunde ihre Handschuhe auf Sonnenstrahlen trocknete und neun Jahre, nachdem sie den Purpur mit den Schleier ver­tauscht hatte, ihr Leben beschloß, hat sich ein neues Ruhmesblatt seiner Geschichte geflochten. Die Gemeinde hat nämlich neuerdings eine äußerst praktische Steuer eingeführt,- sie belegt laut einem Eingesandt der Hess. Post" jede Badewanne mit 10 Mk. eine Klosettspülung gleichfalls mit 10 .... Es sei daran erinnert, daß kürzlich eine andere Gemeinde lebhaften Protest erhob, als für den neu einziehenden Lehrer eine Badeeinrichtung, verlangt wurde. Man wollte keinenkranken" Lehrer. Der Oberkaufunger Ge­meinderat stellt sich auf den Boden der sozialen Aus­gleichung. Wer derart im Gelde wühlt, daß er sich den Luxus einer Badewanne und gar einer Klosett­spülung leistet, der kann auch mit Flug und Recht eine Luxussteuer berappen. Leider vermißt man in diesem an sich so großzügigen Steuermaß die Konsequenz. Wo bleibt die Zahnbürste? Auch Seife und ähnliche Luxusartikel könnten der Gemeindekasse dienstbar ge­macht werden.

Münden, 9. Juli. Ein Zigeuner kam vor einigen Tagen mit einem vor seinem Fuhrwerk vorgespannten, sehr schön aussehenden Gaule in ein benachbartes Dorf. Er hatte erfahren, daß ein dort wohnender Landwirt auf ein Pferd reflektierte. Bald nachdem dieser das Zigeunerpferd gesehen, war er mit dem Zigeuner handelseinig geworden, denn das Pferd schien fehler­los zu sein. Wenige Stunden später merkte er aber, daß esdämpfig", also schwer lungenkrank war und am anderen Morgen war es im Stalle verendet. Der Zigeuner hatte dem Pferde, bevor er in das Dorf gekommen war, ein Oel eingeslößt, das die Krankheit für einige Stunden zurückhielt. Er hatte den Landwirt also schnöde betrogen. Alle Recherchen nach dem Schwindler waren vergeblich.

Hanau, 9. Juli. Der bei dem Automobilunglück am Dienstag am schwersten verunglückte Chauffeur- Prüfling Dünsch aus Frankfurt, der im Hanauer Landkrankenhaus behandelt wurde, ist gestern seinen Verletzungey erlegen. Bei den anderen Verletzten besteht keine Lebensgefahr mehr.

Frankfurt a. M., 8. Juli. Die an der Schädel­decke zusammengewachsenen Zwillinge des Kassenboten Fritz Stoll in Bilbel bei Frankfurt a. M. sind ge­storben. Mittwoch abend starb das eine Kind am Keuchhusten, gestern, 10 Stunden später, das andere an Blutvergiftung. Die Kinder sind 2>/s Jahre alt geworden. Ihre Eltern hatten schon drei stramme Buben, die jetzt 4, 5 und 6 Jahre alt sind. Dann kam das Zwillingspaar auf die Welt. Die Kunde von dieser abnormen Geburt verbreitete sich bald in der ganzen Welt. Von überall her kamen die Aerzte nach Vilbel und besichtigten die Kinder. Als sie gegen ein Jahr alt waren, fand sich ein Impresario, der den Eltern den Vorschlag machte, die Kinder zur Schau zu stellen. Die Mutter begleitete die Kinder mit dem Impresario auf den Reisen nach fast allen größeren Städten des Kontinents, nach Köln, Ham­burg, Berlin, Wien, Prag, Mailand, Litte, Paris usw. Für die Familie dürften diese Reisen wohl den Be­trag von 30000 Mk. ergeben haben. Eine gleiche Summe soll auch für den Impresario übrig geblieben sein. Vor einigen Wochen erkrankten die Kinder am Keuchhusten, an dessen Folgen das eine Mädchen starb. Es wäre nur eine zwecklose Quälerei gewesen, das lebende Kind von der Leiche durch einen operativen Eingriff zu trennen. So blieb es mit der Leiche ver­bunden, nach der es fortgesetzt schlug, bis es endlich bewußtlos wurde und dem Schwesterchen in den Tod folgte.

Wetteraussichten für Sonnabend den 11. Juli.

Heiter bis auf Gewitter, trocken, sehr warm, öst­liche Winde.