Wellen des Sees, die plätschernd und glucksend an das Ufer schlugen.
Da plötzlich hörte sie lautes Hundegebell und auf der fernen Landstraße wirbelte eine Staubwolke auf. Der Herzog kehrte in Begleitung seines Dieners vom Ritt heim. Stolz und sicher saß der Fürst zu Pferde und mit kraftvoller Hand zügelte er den feurigen, schäumenden Rappen.
In der Nähe des Schlosses sprang er ab, überreichte dem Jockey die Zügel, gab ihm noch einige Befehle und schlug die Richtung nach dem Park ein.
Das Blut drängte nach Alicens Herzen, heiß strömte es durch ihre Adern. Sie mußte fort — um jeden Preis eine Begegnung vermeiden. (Fortsetzung folgt.)
0, du beimatflur!
Aus dem Tagebuch eines Legionärs von A v. d. Warnow.
(Schluß.)
Johannes Uhl wurde der Kompanie zur Bestrafung übergeben. Er wurde entkleidet, Gesicht und Körper in den Sand gedrückt und der Reihe nach von allen Soldaten mit Zeltstricken und Lederriemen geschlagen, so daß schon bei den ersten Streichen das dunkelrote Blut hervorquoll und träge über die braungebrannte H^ut rann. Kein Schmerzenslaut, kein Wimmern entrang sich den fest und krampfhaft zusammengepreßten Lippen und ohne zu klagen schleppte er den ganzen Tag in Staub und Hitze den schweren Tornister aus dem zerfleischten Rücken.
An diesem Tag erreichten wir gegen Mittag eine Wafferstelle, an der vor nicht langer Zeit eine Abteilung Zuaven von den Arabern überfallen war. Man hatte die Gebeine der Gebliebenen in den Sand verscharrt, aber Hyänen und Schakale hatten die Erde aufgewühlt, die Leichen hervorgeholt und zerissen. Weiße ,blutige Schädel grinsten rings aus dem gelben Sande hervor; lange weiße Knochenhände krallten, und halbnackte Füße, um die noch die roten Lappen der Pluderhosen hingen, reckten sich drohend, wie zum Stoße erhoben, aus der zerwühlten Erde empor. Es war ein unheimlicher, abstoßender Anblick, doch die Legionäre waren an noch viel schrecklichere Dinge gewöhnt und gingen daher lachend und scherzend daran, die Gebeine zu sammeln, tiefer zu betten und über dem Magengrube eine Pyramide aus losen Steinen zu errichten.
Als die Nacht kam, waren fünf Brunnen gesäubert und die Gums konnten ihre Pferde tränken, dann füllten wir unsere Feldflaschen für den kommenden Tag. Abend- suppe gab es nicht, wohl dem, der.noch einen harten Biskuit hatte, wer nichts mehr im Brotsack hatte, mußte hungern. . . .
Die Morgensonne fand uns schon wieder auf dem Marsche. Wieder schlichen wir dahin, gleichmäßig stampfend, die Augen fest auf die Stiefel des Vordermannes gerichtet. Wir marschierten zu der Wafferstelle zurück, wo wir den Unteroffizier und die acht Mann gelassen hatten. Die Sonne neigte sich dem Untergänge zu und wir warfen lange, schwarze Schatten über das Gelb der Wüste. Da kamen die Eums, die uns auf ihren feurigen Pferden vorausgetrabt waren, erschreckt und schreiend zuückgesprengt. Sie riefen, ihre langen Gewehre wild schwingend, in der „Lingua franca", einem Gemisch mehrerer Sprachen: „Amsirh guerrar! Kabylen kämpfen! Bordsch bono, no chapar testas! Fort gut nicht schneiden Kopf ab!"
»Holch he!" kreischte der Kapitän mit seiner hohen Fistelstimme: „Vite! die Araber haben unsere Verschan- zung angegriffen! En avant, mes Braves!"
Wie durch Zauber war alle Müdigkeit und alle Schwäche verschwunden. Wir liefen dahin, unsere Gewehre schußbereit in den Fäusten, wir taumelten und schwankten vorwärts, dem Gaule des Kapitäns nach, alle Muskel und Sehnen angespannt bis zum Zerreißen. „Vorwärts! vorwärts!" die Wut der Verzweiflung trieb uns weiter und weiter ... In dem Grau und dem Dunst des Abends konnten wir schon den um die Brunnen errichteten Mall erkennen. Gegen Osten zu stob ein Haufen arabischer Reiter davon. Die langen, grauen Burnus flogen, die Waffen blinkten und der Staub wirbelte empor in grauen Massen.
Wir kamen näher und näher, schon konnten wir die einzelnen Gestalten der Kameraden hinter den Steinmauern der Umwallung knien sehen. „Hurrah! sie leben, re sind unverwundet!" braust es durch die Reihen der
keuchend dahineilenden Soldaten. Doch je näher wir kommen, je mehr fällt uns die unheimliche Ruhe und die starre Haltung der Verteidiger auf. Kein frohes, weithinschallendes Hurrah begrüßt uns und kein jubelndes Schwenken der Waffen. Die Gestalten dort, die roten Käppis rief in die braunen Gesichter gedrückt, deren Waffen so rot in der sinkenden Sonne glühen, sind so starr und regungslos, wie Leichen. Und Leichen waren es auch, die der einzige Ueberlebende, Robert Vogt, aufgerichtet hatte, um die Araber zu täuschen, und hinter deren blutigen Körpern hervor er seine Schüsse sandte, als feuerten die Toten. Lange, bange Stunden hatte er so gegen die wilden, erbarmungslosen Feinde gekämpft, immer von Leiche zu Leiche kriechend, und nach allen Richtungen schießend. Selbst wiederholt schwer verwundet, von Fieber geschüttelt, hatte er unverzagt weiterge- kämpft, die heißen, müden Augen immer wieder nach Westen richtend, woher die einzige Rettung kommen konnte, wir, seine Kameraden . . .
Deutlich war das grüne Pfarrhaus unter den grünen Linden vor feinem von Fieberzerrbildern durchrasten Geist emporgestiegen. Von goldener Abendhelle umflammt sitzen die alten, lieben Eltern unter den Linden, die ihre Wipfel hoch emporrecken in all den leuchtenden, blauen Frieden des Himmels. Ruhe und Stille ringsum, kaum das entfernte Brüllen der Herden und das Bellen eines Hundes. Sein Mütterchen weint, weint um ihn, der die Heimat, die Eltern verlassen, leichtsinnig und töricht in glühenden Wünschen nach Abenteuern, in tiefer Sehnsucht nach den Wundern der weiten schönen Eotteswelt. O, du arme Mutter, und du armer Vater, wüßtet ihr, wie sehr, wie furchtbar euer Sohn gelitten hat und noch leidet! Welche Qualen er zu erdulden hatte! Inmitten von rohem und gemeinem Gesindel, geknechtet von gefühllosen Vorgesetzten, täglich von Hunger und Durst zerrissen, von Grauen und Tod umdroht, fern dem Leben, in die Oede der Wüste gebannt, ist er ein Toter unter Toten . . . . Und wenn er diese furchtbaren fünf Jahre übersteht, dann kehrt er zurück, arm und krank an Seele und Leib, ein Geschöpf, das nicht mehr in den Frieden und die Arbeit der Zivilisation paßt, ein wildes Tier der Wüste . . . .
Fünf lange Jahre hat er in der Wildnis gehungert und gedurstet, Hitze und Kälte ertragen, Schnee und Samum, im ewigen Kampfe mit den Naturgewalten und den noch wilderen Menschen, Verbrechern der Strafkolonien und Arabern und ohne jeden Lohn, ohne jeden Centime in der Tasche kehrt er zurück in die geliebte Heimat, ein Bettler. Fünf Jahre hat er verloren, vertrauert, fern den Lieben und fern der Heimat! Und dann rannen langsam Tränen über seine bleichen, gefurchten Wangen und er sang halblaut: „O du Heimatflur, o du Heimatflur, laß zu deinem sel'gen Raum, mich noch einmal nur, mich noch einmal nur, entflieh'n im Traum!" — Schwer war er dum niedergesunken, die Waffe war seinen starren Händen entglitten und er hatte die fieberheißen Augen geschlossen, um den Tod unter den Messern der Araber zu erwarten. Jetzt nahten sich stampfende Tritte, Hufschlag dröhnte und Waffen klirrten, das waren die Moslems, die dem Christenbund den Kopf abschneiden würden! — Er schauerte zusammen und grub sein mit Todesschweiß bedecktes Gesicht in den brennenden Sand. Jetzt ist es an der Umwallung, jetzt springt es hinüber — Menschen — doch seine fiebergetrübten Blicke lasten ihn nicht mehr erkennen, ob es Freunde oder Feinde sind, aber seine Ohren hören deutsche Worte — Klänge der Heimat! Und der Todwunde richtet sich jubelnd empor, und sein blasses Gesicht leuchtet vor Begeisterung und Glück. In den deutschen Worten umweht ihn Heimatluft und es war ihm, als grüße in ihnen noch einmal die ferne Jugendzeit
Dann sank er zurück und ich fing ihn in meinen Armen auf. Er röchelte fast unhörbar: „Kamerad, kommst Du je glücklich wieder zur Heimat, so grüße mir die lieben, greisen Eltern. Sage ihnen, daß ich meinen Leichtsinn und meinen Ungehorsam bitter gebüßt habe und daß sie dem Toten verzeihen mögen, der nie aufgehört hatte, sie zu lieben!" Und dann, die brechenden Blicke sehnsuchtsvoll nach Norden gewendet, sang er leise dahinster- bend: „O du Heimatsflur, o du Heimatsflur, laß zu deinem sel'gen Raum, mich noch einmal nur, mich noch ein- mal nur, entflieh'n, entflieh'n im Traum . . "
Dann war er still hinübergegangen in die große, leuchtende Heimat, der wir alle zuwandern , . ,