Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger ^H^ für den Kreis Hersfeld
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Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
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Srrnsprech-elnschlutz Nr. 8
Nr. 153.
Donnerstag, den Ä. Juli
1914.
Bus der Heimat.
* (Neue Speisewage n.) Die in den Zügen der preußisch-hessischen Staatseisenbahnen laufenden Speisewagen sollen, wie das „B. T." hört, allmählich eine Verbesserung erfahren. Die vier neuesten, soeben eingestellten Wagen sind um einen ganzen Meter länger als die bisherigen. Diese vermehrte Länge ist fast ausschließlich den Wirtschaftsräumen zugute gekommen, während die Anzahl der Plätze für Reisenden (40 Sitzplätze) unverändert geblieben ist. Es ist jetzt mehr Raum für die Küche da. Ein noch weiter entwickelter Typ, der jetzt auf der Werkbundausstellung in Köln ausgestellt ist, enthält 40 Sitzplätze wie bisher und die Länge ist die gleiche, wie bei den vier schon in Dienst gestellten Wagen. Aber durch Anbringung einer besonderen Art von Jalousien ist eine bessere Lüftung erzielt: diese Jalousien sind je nach der Fahrtrichtung verstellbar. An die Stelle der Gasbeleuchtung ist die elektrische getreten. Das Dach enthält eine neuartige Lüstungsanlage. Der erste Wagen dieses Typs wird am 1. Oktober in Dienst gestellt werden. Alle diese neuen Wagen haben Drehgestelle nach amerikanischer Bauart, und zwar ruht bei ihnen der Wagenkörper nicht allein auf Blattfedern, sondern vor allem auf starken Spiralfedern, welche die neue Eigentümlichkeit haben, daß jeder Satz aus drei Federn besteht, von denen die äußere stärkste zwei schwächere im Innern umschließt, sodaß die Stöße beim Fahren von diesen drei Federn nacheinander ausgenommen und abgeschwächt werden. Die Wagen erhalten dadurch einen außerordentlich sanften Gang.
* Unterstützungsgesuche von ehemaligen Heeresangehörigen des Mannschaftsstandes und von Unterbeamten der Militärverwaltung sowie von deren Hinterbliebenen werden noch immer häufig unmittelbar an das Kriegsministerinm gerichtet. Ueber derartige Gesuche haben aber bestimmungsgemäß die örtlich zuständigen Generalkommandos allein und endgültig zu entscheiden. Um Verzögerung in der Erledigung der Unterstützungsgesuche zu vermeiden, kann den Gesuchstellern somit in ihrem eigenen Jnte- reffe nur dringend geraten werden, sich vorkommenden- ialls an das für ihren Wohnort zuständige Bezirkskommando zu wenden, das die Gesuche dem ihm Vorgesetzten Generalkommando vorzulegen hat. Die Bewilligung -er Veteranenbeihilfen erfolgt durch die Zivilbehörden. Gesuche um diese Beihilfe sind daher stets an die Ortsbehörde zu richten. Eingaben an das Kriegsministerium sind zwecklos, da diesem eine Einwirkung auf die Entschließung der Zivilbehörden nicht zusteht. Durch Eingabe an das Kriegsministerium geht nur unnötige Zeit verloren.
* Ueber die Sicher stellung der Volks - crnährung hat der Landwirtschaftsminister den Nachgeordneten Behörden folgende Verfügung zugehen lasten: In der Treffe sind in letzter Zeit lebhafte Klagen über den erheblichen Rückgang der Schweinepreise geäußert, und es ist hierbei mehrfach der Ansicht Ausdruck gegeben worden, daß der gegenwärtige Preisstand dem Viehhalter keinen hinreichenden Ersatz für den mit der Erzeugung von marktreifem Schlachtvieh verbundenen Aufwand gewähre. Derartigen Erwägungen mag eine gewisse Berechtigung nicht abzu- wrechen sein. Ich würde es aber im Interesse der Sicherstellung der Volksernährung als auch im Interesse der Landwirtschaft für bedenklichhalten,wenn solche Erwägungen dazu beitragen sollten, daß die Vandnurte die Viehzucht und die Viehhaltung erheblich etnichranken. Denn es müßte alsdann in absehbarer Zett ein Mangel an Schlachtvieh und in dessen Folge eine tm Allgemeininteresse unerwünschte Teuerung ^.treten, die nur einem Teil der Viehhalter die Möglichkeit eröffnen würde, sich für frühere Verluste schadlos zu halten. Es erscheint mir deshalb erwünscht, daß die Landwirte auf diese Gefahr in geeigneter Weise unter besonderer Betonung der Unwirtschaft- lichkeit einer weitgehenden Einschränkung derSchweine- haltung hingewiesen werden. Wenn sich die Schwankungen in den Viehpreisen auch nicht ganz beseitigen lassen, so kann doch eine frühzeitige und richtige Aufklärung der Landwirte zur Abschwächung dieser Schwankungen beitragen, insbesondere, wenn gleichzeitig durch geeignete sonstige Maßnahmen versucht wird, me Produktion bei der Viehhaltung nicht zu sehr den jeweiligen Ernteerträgen, sondern gleichbleibender den ^urchichnittserträgen anzupassen."
Einrn^^feld, i. Juli. (Ju l i.) Der Juli hält seinen Sinc die Zweite Hälfte des Jahres hebt an. wenn er Trockenheit muß dieser Monat bringen, alten ^andmann gefallen soll: denn in den allen Bauernregeln heißt es:
s? golden die Sonne im Juli scheint, und ~° golden sich der Roggen mahlt,
Im Juli muß vor Hitze braten, Was im September soll geraten. Dagegen Juli kühl und naß, Scheuer leer und Faß.
Schönes, wirkliches Sommerwetter wäre nach dem kalten und nassen Frühling dieses Jahres auch sehr erwünscht, auch schon wegen der Kornernte, die in der zweiten Hälfte des Juli zu beginnen pflegt. Man sieht die reifenden Felder leise wogen, immer ein freundlich stimmungsvoller Anblick für gemütvolle Menschen. Möge den Schnittern eine helle Julisonne strahlen! Im Juli kommen die großen Sommerferien, lange ersehnt von groß und klein, besonders von jenen Glücklichen, die auf ein paar Wochen hinauskönnen an die See, in die Berge, in lauschiges Waldrevier oder nur schlicht aufs Land mit seiner natur- srischen Behaglichkeit. Es ist Hochsaison, und man muß oft froh sein, wenn man noch eine paffende Sommerwohnung findet. Da kommt einem manches wohl teuer vor, aber das ist leicht erklärlich, und man muß auch bedenken, daß für die Wirtsleute da draußen die Hauptsaison oft den einzigen Hauptverdienst bedeutet. Uebrigens kann man auch billiger leben, wenn man bescheidene Ansprüche stellt und ein mehr abseits gelegenes Fleckchen Erde, als Sommerfrische wählt. Da es im Juli warm sein soll, geht auch mancher kühle Trunk durch die Kehle, aber vor hastigem und allzu kaltem Trinken muß dringend gewarnt werden. Viele Menschen hören nicht darauf und müssen dann fühlen. Daß man auch beim kalten Baden gewisse bekannte und selbstverständliche Regeln befolgen muß, wird natürlich von etlichen Leutchen auch oft übersehen. Es gibt eine Hochsommer-'.^iene nach den verschiedensten Einzelheiten hin, nach der sich auch die gesündeste und kräftigste Persönlichkeit richten sollte, um sich vor mitunter dauerndem Schaden an der Gesundheit zu bewahren.
):( Hersfeld, 1. Juli. Während der Dauer des Landwirtschaftlichen Festes vom 3.-5. Juli ist die Feierabend stunde für die hiesigen Wirtschaften bis um 3 Uhr verlängert worden.
):( Hersfeld, 1. Juli. Gestern abend gegen 7 Uhr ereignete sich an dem Bahnübergang am Weerd ein Uni all, der glücklicherweise noch verhältnismäßig gut ablief. Ein mit Ausstellungsgegenständen für die Landwirtschaftliche Ausstellung beladener Wagen konnte nicht rechtzeitig über das Geleis kommen und wurde von einem von Hersfeld her kommenden Güterzug überfahren. Die betreffenden landwirtschaftlichen Maschinen wurden total zertrümmert, während Kutscher und Pferde unverletzt blieben. Wen die Schuld an dem Unfall trifft, muß erst noch die nähere Untersuchung ergeben.
):( Hersfeld, 1. Juli. Im Monat Juni übernachteten 455 Fremde in den hiesigen Gasthäusern.
):( HerSfeld, 1. Juli. Behufs Abtransportes des Viehes von der hiesigen Landwlrtjchast- lichen Bezirksausstellung gehen von hier aus am Sonntag den 5. Juli abends folgende «onder- züa^ ab: Hersfeld-Bebra um 9.08 Uhr, Hersfeld- Fulda um 10:29 Uhr (evtl. auch weiter bis nach Hanau) und Hersfeld-Treysa um B.oO Uhr. steter letztere Sonderzug nach Treysa hat auch Perwnenbesö^ so daß die Besucher des Landwirt,chaftlichen Feste- aus dieser Gegend diesen Zug zur Heimfahrt benutzen können.
ist Hersfeld 1 Juli. Wiederum hat unsere ein- fieimüche Industrie einen großen Erfolg errungen. Auf Grund der außerordentlich günstigen Resultate, welche die Ventilatorenlieferung der F i r m a Benno Schilde für den Dampfer „Vaterlands zeitigte, wurde genannter Firma heute auch die Lieferung der für den neuen z/®t5murct bei ’ücun^ burg-Amerika-Linie benötigten 100 stück ^'Eiftungs- maschinen im Gesamtwerte von ca. 00000 Mark übertragen.
):( Hersfeld, 1. Juli. In A l s s e l d fand gestern eine Versammlung von ^,ntere„enten behufs Festsetzung der Fahrpläne für die neu zu eröffnende Strecke N i e d e r a u l a - s ch l r tz statt, an welcher von unserer Stadt ebenfalls zehn Herren teilnahmen. Die Erfüllung der von den Hersfelder Herren im Interesse der hiesigen Verkehrsverhaltniffe geäußerten Wünsche wurde in befriedigender Weife erreicht.
):, Hersfeld, 1. Juli. Tie in dieser Woche hier stattfindende gr^e Landwirts Haft licheBezir ks- a usstellung hat den Kreisausschuß veranlaßt, auf der Hersfeld er Kreisbahn mehrere Sonderzüge einzulegen, um den Besuchern des Festes in jeder Hinsicht eine bequeme Hin- und Rückfahrt nach Hersfeld zu ermöglichen. An allen drei Tagen der Ausstellung, Freitag, Sonnabend und Sonntag, wird der abends um 10.35 Uhr hier abgehende Zug, der sonst nur bis Scheukleugsfeld geht, bis nach Seimboldshausen durchgeführt. Am Sonn-
baden den 4. Juli fährt ein Sonderzug morgens um 8.15 Uhr in Heimboldshausen ab und trifft um 9.25 Uhr hier ein, während am Sonntag ein Sonderzug vormittags um 11.20 Uhr in HeimboldShausen abfährt und um 12.40 Uhr mittags hier ankommt. Alle mit diesem Zuge fahrenden Personen kommen zu dem Festzuge noch rechtzeitig hierher. In Verbindung mit den fahrplanmäßigen Zügen ist demnach in jeder Weise Gelegenheit geboten, alle Veranstaltungen des Landwirtschaftlichen Festes bequem besuchen zu können. Der vormittags um 11.05 Uhr fahrplanmäßig hier eintreffende Zug bringt die Passagiere ebenfalls noch rechtzeitig zu den Vorführungen der prämiierten Tiere und durch den erst um 10.35 Uhr abends ab- gehenden Zug ist es ermöglicht, daß alle Besucher der Ausstellung am Sonnabend abend das Feuerwerk sich ansehen können.
Oberaula, 30. Juni. Wahrscheinlich in einem Anfälle von Geistcsgestörtheit erschoß sich heute nacht in der Küche seines Meisters in Gegenwart noch einiger Personen der Anstreichergeselle Becker aus Grebenhagen. Er starb nach einigen Stunden.
Fulda, 29. Juni. Heute nacht Überfuhr in der Nähe von Fulda ein Automobil einen Fußgänger und einen Radfahrer. Beide wurden sehr schwer verletzt und kamen unter das Auto zu liegen.
Fulda, 30. Juni. Die Direktion der Elektrizitäts- werk-Fulda-Aktiengesellschaft wird dem Projekt der Errichtung einer elektrischen Straßenbahn nicht näher treten, da nach ihrer Ansicht die Bahn sich als unrentabel erweisen würde.
HilderS (Rhön), 30. Juni. Hier brannten zwei Wohnhäuser und 5 Scheunen ganz, zwei , weitere Scheunen zum Teil ab. Man vermutet Brandstiftung,' die Verluste sind ziemlich beträchtlich, da nicht viel gerettet werden konnte..
Bon der Eder, 30. Juni. In Dietelshausen bei Berleburg hat gestern nachmittag der Wirt M. seinen erwachsenen Sohn anläßlich eines Streites erschlagen.
Caffel, 30. Juni. Die Differenzen im Caffeler Brauereigewerbe haben eine neuerliche Verschärfung erfahren. Die vor dem hiesigen Gewerbegericht vorgenommenen Einigungsverhandlungen sind gescheitert und infolgedessen haben die Vorstände des Kasseler Gewerkschaftskartells und der sozialdemokratischen Partei beschlossen, über die bestreikten Bierbrauereien, Hessische und Herkulesbrauerei, Brauerei Kröpf und Schöfferhof-Brauerei, den Bierboykott zu verhängen.
Gießen, 30. Juni. Der Landwirt Meub von Nieder-Mockstadt, der seit Ende April unter dem Verdacht der Verleitung zur Brandstiftung in Untersuchungshaft gehalten wurde, hat sich am Samstag im Gefängnis erhängt. Meub, der seine Schuld entschieden bestritten hat, soll 1912 seine eigene Scheuer durch einen dritten in Brand haben setzen lassen.
Hanau, 30. Juni. Das Schwurgericht verurteilte gestern nach achttägiger Verhandlung den Gastwirt Johann Heun aus Hettenhausen wegen Körperverletzung mit Todeserfolg, verübt an dem Sattlermeister Müller zu Hettenhausen am 29. Januar, zu acht Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte.
Erfurt, 30. Juni. Auf dem hiesigen Güterbahnhof wurde gestern abend der verheiratete Eisenbahnassistent Einund Streng, als er sich mit einem Zugführer unterhalten hatte, von einer Rangierlokomotive überfahren und auf der Stelle getötet. — In der Bildhauerei von Florenz Möller wurde heute vormittag der 59 Jahre alte Maschinist Karl Kleiner vom Schwungrad eines Sauggasmotors erfaßt und buchstäblich gerädert. Der Unglückliche wurde in mehrere Stücke zerrissen. — Die 24 Jahre alte Klara Burghardt, Tochter eines hiesigen Gärtners, begoß heute vormittag ihren Körper und ihre Kleider mit Petroleum und zündete sich an. Ihr Körper Ivurde bis auf die Unterschenkel verbrannt. Das Mädchen wurde in hoffnungslosem Zustande ins katholische Krankenhaus gefahren, wo es bald darauf starb. Der Beweggrund zu der schauerlichen Tat ist unbekannt.
Tarmstadt, 30. Juni. Die Strafkammer in Darmstadt verurteilte heute den Bankier Jsaak, der im vorigen Jahre in dem Niedermodauer Prozeß wegen gewerbsmäßiger Hehlerei zu einem Jahre neun Monaten Zuchthaus verurteilt worden war und Revision beim Reichsgericht eingelegt hatte, der statt- gegeben worden war, wegen Verleitung zur Untreue zu einem Jahre Gefängnis. Jsaak hat sofort wieder Revision eingelegt.
Wetteraussichten für Donnerstag den 2. Juli.
Wolkig, Gewitterregen, warm, südliche bis nordwestliche Winde.