Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger SersWer
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Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 150»
Dienstag, den 30. Juni
1914.
Der heutigen Nummer liegt ein Amtlicher Anzeiger bei.
Bus der Heimat«
Pflanzen und Tiere als Wetterpropheten.
Dem Naturfreunde wird es gewiß interessant sein, daß auch gewisse Pflanzen und Tiere der Meteorologie ins Handwerk pfuschen und durch ihr Benehmen das bevorstehende Wetter anzeigen. Aus der Pflanzenwelt gilt als Wetterprophet zunächst die Roßkastanie, die bei guten Wetteraussichten, auch wenn der Himmel bewölkt ist, ihre wie Finger aussehenden Blätter wie die fünf Finger einer Hand nach allen Richtungen ausbreitet, sie aber bei herannahendem Regen nach unten zusammenzieht. Die auf Wiesen und Triften wachsende Bibernell (Pimpinella) erwartet den Tag, an dem es Regen gibt, mit festgeschlossener Dolden- blüte und prophezeit den Regen 5,10, sogar 24 Stunden vorher. Die weißen wolligen Samenbüsche des Löwenzahns stehen in ihrer kugelrunden Vollkommenheit nur so lange, als schönes Wetter in Aussicht ist, bei herannahendem Regen zieht der Löwenzahn die feinen Fadenbüschel zusammen, so daß sie einem Pinsel gleichen. Alle Kleegattungen klappen ihre dreizähligen Blätter zusammen und biegen ihre Stengel um, wenn Regen bevorsteht. Aus der Tierwelt sind zunächst die Frösche zu nennen, die bei schönem Wetter sich grüngelb präsentieren, während sie braun werden, wenn Regen droht. Spinnen arbeiten am Ausbau ihrer Netze nur bei Aussicht auf langen Sonnenschein. Es leitet sie dabei der Instinkt, der ihnen sagt, daß nur bei gutem Wetter Beute in die Falle geht, während die ihnen als Beute dienenden Insekten vom Regen gestört werden. Wenn Spinnen' am frühen Morgen Fäden ziehen, soll man auf anhaltendes gutes Wetter rechnen können. Schreit die Eule bei Regenwetter, so bedeutet das mit der gleichen Sicherheit einen Umschwung der Witterung zu heiterem Wetter, wie der Schrei des Pfaus bei schönem Wetter herannahenden Regen verkündet. Wenn die Schwalben niedrig fliegen, haben die leichten Insekten, die am allerersten die Feuchtigkeit empfinden, den Boden aufgesucht, und deshalb ist auf Regen zu rechnen. Unfehlbar in ihrer Prophezeiung, aber nur den Bewohnern der Meeresküste zu Diensten, sind die Möven, die bei regen- bringendem Westwinde sich an der Küste sammeln und ein lautes Geschrei erheben. So ließen sich noch verschiedene Beispiele von Pflanzen und Tieren als Wetterpropheten anführen, aber das würde zu weit fuhren.
* (Neue Zwanzigmarkscheine.) In nächster Zeit werden Reichsbanknoten zu 20 Mark ausgegeben, Die sich von den jetzigen Zwanzigmarknoten wie folgt unterscheiden: Der blaue Faserstreifen befindet sich am linken Rande der Rückseite anstatt wie bisher am rechten Rande der Vorderseite. Außer dem künstlichen Wasserzeichen haben die Noten noch ein natürliches fortlaufendes Wasserzeichen, das aus der von Ornamenten umgebenen Ziffer 20 und dem seitlich angebrachten Worte Mark besteht.
§ Hersfeld, 29. Juni. Nach einem alten Volksglauben regnet es sieben Wochen, wenn's am Siebenschläfertag (27. Juni) regnet. Etwas von richtiger Wetterbeobachtung mag diesem Glauben zugrunde liegen, denn in der Tat pflegt sich um diese Zeit der Charakter des Sommers zu entscheiden. Da nunderSiebenschläfertagdiesmalganzaußergewöhnlich heiter war, so hätten wir jetzt auf längere Zeit beständiges schönes Wetter zu erwarten. Hoffentlich wird s wahr!
§ Hersfeld, 29. Juni. An den am 28. und 29. Juni in Fulda stattgefundenen national. Olympischen Spielen errangen die Mitglieder des Fußballvereins „Sportfreunde" Herr Friedrich R i e s e n im 400 Meter Lauf und Herr Hans Schumacher im Speerwerfen unter starker Teilnahme je einen 3. Preis.
):( Hersfeld, 29. Juni. Vom schönsten Sommerwetter begünstigt konnte gestern der K n ü l l k l u b die feierliche Einweihung des neuen Unterkunftshauses auf dem K n ü l l vornehmen. Von allen Seiten waren die Mitglieder und Freunde des Knüllklubs herbeigeströmt, um diesem in der Geschichte
Vereins hochbedeutsamen Akte beizuwohnen. ^pKEtags kurz nach 3 Uhr begann der eigentliche A^s^' einigen einleitenden Worten des Herrn Heußner-Niederaula trugHerrLehrer >^err ^-T^Mrenzebach ein Gedicht vor. Ihm folgte torouMM^ H-k»> -ut SiegenSain, der “in beaeist^rn^Mr^orten die Festrede hielt, dabei in bervorüpli^ Worten die Schönheiten des Knüllgebirges traaeüN überreichte Herr Enners im Auf- tragedesBauherrn,HerrnDörrbecker,miteinerAnsprache
den Schlüssel zu dem neuen Gebäude, der von Herrn Gastwirt Liebermann in Empfang genommen wurde. Herr Amtsgerichtsrat Heußner forderte alsdann zum Besuche des neuen Heims auf. Bei Kouzert und Tanz entwickelte sich auf dem Festplatz bald ein reges Leben und Treiben, zahlreiche Schwälmer in ihren bunten Trachten belebten das Bild auf das schönste. Wander- liedervorträge der Niederaulaer Wandervögel und Gedichtvorträge des Herrn Lehrers Schwalm in Obergrenzebach fanden allgemeinen Beifall. — Das neue Haus ist auf das modernste eingerichtet und wird nicht verfehlen, recht zahlreiche Sommerfrischler nach dem Knüll zu ziehen. Jeder Besucher ist überrascht von der geschmackvollen Einrichtung des Hauses, die Jedermanns Bewunderung erweckt. Auch der Knüllklub hat sich in dem neuen Heim ein gemütliches eigenes Klubzimmer eingerichtet, das recht oft die Wander- freunde dort oben versammeln wird. Möge das neue Heim auch mit dazu beitragen, dem Knüllklub immer mehr Freunde zu erwerben, damit die Liebe zur engeren Heimat, die so herrliche landschaftliche Reize aufweist, immer mehr gefördert wird.
§ Hersfeld, 27. Juni. Der seit einigen Jahren tätige Direktor des Lullusbades, Oberleutnant a. D. Lohse, übernimmt am 1. Juli die Direktion des Bades Brambach. Zu seinem Nachfolger wurde Herr Julius Baumann von hier ernannt.
):( Hersfeld, 29. Juni. In schwer verletztem Z u st a n d e wurde heute vormittag der Mühlenbesitzer Aug. Pieper aus U n t e r h a u n in das hiesige Landkrankenhaus eingeliefert. Beim Holzschneiden hatte ein abfliegendes Stück Holz das rechte Bein zerschmettert.
):( Hersfeld, 29. Juni. Die von Herrn Arnold R e ch b e r g für nächsten Sonntag zu den turnerischen Wettkämpfen gestifteten goldenen und silbernen Eichenkränze sind in einem Schaufenster der Weber'schen Buchhandlung ausgestellt.
Philippsthal, 25. Juni. Der hiesige Raiffeisen- Verein ist der zweitälteste in Hessen und hat bereits ca. 15 000 Mark eigenes Vermögen aufgespart. Im Jahre 1913 betrugen die Gesamtaktiven 406 209 M., die Passiven 405 080 M., sodaß sich ein Reingewinn von ca. 1100 M. ergibt. Die Mitgliederzahl stieg auf 237.
Vacha, 26. Juni. Eine kurze Spanne Zeit trennt uns noch von der Eröffnung der Gewerbe-, Jndustrie- und Landwirtschafts-Ausstellung, die vom 18.—28. Juli hier in Vacha stattfindet. Aussteller und Beschauer aus dem ganzen Eisenacher Oberlande und weit über seine Grenzen hinaus rüsten sich dazu,- die einen, um die Erzeugnisse ihres Fleißes und ihrer Intelligenz würdig zur Darstellung zu bringen, die anderen, um die Proben solcher Schaffenskraft zu schauen und sich daran zu erfreuen. Neben den vielen Gewerbszweigen und den zu ihrer Ausführung erforderlichen modernsten Maschinen, die in der Ausstellungshalle vertreten sein werden, wird am Eröffnungstage viele Besucher auch die im Freien statt- findende Landwirtschaftliche Ausstellung fesseln. Das Gelände, auf den großen Wiesen an der Sünnaer Straße gelegen und von städtischen Anlagen begrenzt, ist wie für die Ausstellung geschaffen. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend regen sich z. Zt. unzählige Hände, um auf dem Platze die große Ausstellungshalle zu errichten. Hoffen wir, daß der Zweck der Ausstellung, zu zeigen, was der Gewerbefleiß un ganzen Eisenacher Oberlande zu leisten vermag, voll und ganz erfüllt wird, Ja dre erwarteten Refultate noch bei weitem übertrifft.
Eschwege, 28. Juni. In Anwesenheit von über 500 Handwerksmeistern aus allen Teilen des Regierungsbezirks Cassel und des Fürstentums Waldeck wurde heute im großen Stadtparksaale der 13. Vertretertag der Innungen, Handwerker- und Gewerbe- Vereine des Kammerbezirks Castel durch den Vorsitzenden der Handwerkskammer, Zimmermeister Zimmermann-Cassel, eröffnet. Die Abhaltrmg der Handwerkertagc habe den Zweck, die wirstchaftUche Förderung des Handwerks zu begünstigen, die Kollegen aus nah und fern zusammenzubringen, um durch gemeinsame Aussprache die Handwerker zu festerem Zusammenschluß zu bewegen, der in gegenwärtiger Zeit von größter Notwendigkeit sel Sodann bezweckten diese Handwerkertage, auf Mittel und Wege zu sinnen, wie die Handwerkskammer weiterhin angeregt werden könnte, für beyere Bildung des Handwerks zu wirken,- die Erfahrung lehre, daß nach dieser Richtung keine Opfer gescheut werden dürften, denn die Entwickelung führe mehr und mehr zum Kunsthandwerk,- auch sonst muffe alles getan werden, um durch die Ausbildung des Handwerks die soziale Hebung des ganzen Standes zu erstreben. Die Handwerkskammer sei gern bereit, alle Anregungen, die einer Förderung des Handwerks zweckdienlich seien, dankbar anzunehmen und sie der Verwirklichung
näher zu bringen. Nach einer Reihe von Begrüßungsansprachen der Vertreter der Staats- und Kommunal- behörden sowie der Haudwerker-Vereiuigung Eschwege wurde in die sachlichen Beratungen eingetreten.
Eisenach, 27. Juni. Der Rechnungsamtmann Stapff in Dermbach ist nach Unterschlagung amtlicher Gelder verschwunden.
Eisenach, 27. Juni. Der Polizei war es bis heute früh noch nicht gelungen, den Mörder der 80jährigen Lokomotivführerswitwe Amalie Kürschner ausfindig zu machen. Es steht fest, daß die Frau mit einem Schlüssel auf den Kopf geschlagen und dann erwürgt worden ist. Die Tat ist nach 9 Uhr abends geschehen. Die Ermordete hatte an dem Abend noch nicht geschlafen, ihr Bett war noch unbenutzt. Der Mörder hat einen in der Wohnstube befindlichen Schreibtisch gewaltsam erbrochen und ein in diesem befindliches Sparkassenbuch über 400 Mark entwendet.
Erndtebrück, 26. Juni. Eine heitere Schweinegeschichte passierte auf dem hiesigen Bahnhof. Ein feistes Borstentier war soeben glücklich seinem Gefängnis, dem Viehwagen, entronnen und trollte nach dem Willen seines Besitzers dem Orte zu. Dieser muß das Tier wohl auf einen Augenblick aus den Augen verloren haben, denn es erschien plötzlich vor dem Bahnhofsgebäude, lief längs eines dort haltenden Personenzuges, an den Wagen 3. und 4. Klasse vorbei, um plötzlich unter mächtigem Gelächter der zahlreichen Zuschauer mit einem kühnen Satze in ein Abteil 2. Klasse zu verschwinden, in dem ein Herr, gerade mit Schreiben beschäftigt, und einige Damen saßen. Letztere zogen es jedoch vor, das Feld zu räumen und verließen das Abteil. Das noble Schweinetier, das anscheinend aus feiner Familie stammt, sonst würde es sich nicht 2. Klasse geleistet haben, wurde denn auch bald seinem Eldorado unfreiwillig von seinem Besitzer entführt.
Hungen, 25. Juni. Im benachbarten Bellersheim wurde der Postagent Bopp von seinem Pferde derartig vor den Leib geschlagen, daß er ins hiesige Krankenhaus gebracht werden mußte, wo er seinen Verletzungen erlag.
Hanau, 25. Juni. Die Strafkammer hat heute den Metzgermeister Wilhelm May von hier wegen Nahrungsmittelfälschung zu 200 Mk. Geldstrafe verurteilt. Er hatte fortgesetzt Darmschleiße und Wurstreste zur Wurstsabrikation verwendet. Mit Rücksicht darauf, daß er rücksichtslos jahrelang die Fälschung begangen hatte, erschien dem Gericht auch die Publikation des Urteils angebracht. Der Staatsanwalt hatte 800 Mk. Geldstrafe beantragt.
Frankfurt a. M., 27. Juni. Die 46 Jahre alte Frau des hier wohnenden Eisendrehers Kollmann wurde gestern abend kurz vor 7 Uhr an dem Eisenbahndamm vor dem Griesheimer Exerzierplatz von der Maschine des Limburger Eilzuges erfaßt und auf der Stelle getötet. Die Frau befand sich auf dem Wege zu einem ihr gehörenden, in der Nähe liegenden Stück Gartenland. Ein junger Mann, der sich in ihrer Begleitung befand, konnte im letzten Augenblick zur Seite springen.
Dessau, 27. Juni. In einem Abteil zweiter Klasse des kurz vor 5 Uhr hier eintreffenden D-Zuges aus Hamburg, schoß sich zwischen Dessau und Noßlau der 26 Jahre alte Kaufmann Karl Henze aus Elsterwerda eine Kugel in die Brust und verletzte sich lebensgefährlich. In seiner Begleitung befand sich ein aus der Schweiz gebürtiger Kaufmann Nagel, der angab, daß er Henze in Hamburg abgeholt habe, um ihn nach Elsterwerda zu begleiten. Henze soll in der Filiale Manila des Bankhauses Fröhlich & Nuttner, Berlin, gegen 28,000 Mark unterschlagen haben und flüchtig geworden sein.
Koburg, 28. Juni. Das junge Paar, welches sich, wie gemeldet, in einem Gasthofe vergiftete, sind der 22 jährige Laboran Jean Frickel aus Höchst am Main und die 19jährige Johanna Weder aus Unterliederdorf. Der Umstand, daß sie sich nicht heiraten konnten, hat die beiden, die im Einverständnis handelten, in den Tod getrieben.
Koburg, 28. Juni. Ein für Spazierfahrten eingerichtetes Lastautomobil aus Sonneberg stürzte heute eine Böschung hinab. 18 Personen wurden leicht, zwei schwer verletzt.
Mitterode, 27. Juni. Hier wurde der 76jährige Einwohner H. tot nach Hause gebracht. H., der von Neusüs auf dem Heimmarsch nach Mitterode begriffen war, ist unmittelbar hinter Kirchhosbach in einen tiefen Grabest gestürzt. Dabei hat sich der unglückliche alte Mann das Genick gebrochen.
Wetteraussichten für Dienstag den 30. Juni.
Wechselnde Bewölkung, trocken, warm, nordwestliche Winde, Gewitterneigung.