Hersselder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger ^^^ für den Kreis Hersfeld
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Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 147.
Freitag, den 26. Juni
1914.
Die amtlichen Bekanntmachungen befinden sich aus der letzten Seite.
Bus der Heimat»
* (Warnung vor dem Genuß unreifen O b st e s.) Alljährlich werden durch den Genuß unreifen Obstes zahlreiche langwierige und zum Teil, besonders bei Kindern, sehr gefährliche Erkrankungen an ruhrartigen Darmkatarrhen und selbst Todesfälle verursacht. Es kann daher nicht eindringlich genug gewarnt werden, den Genuß von Obst zu unterlassen, bevor dieses natürlich ausgereift ist. Soeben wird wieder ein trauriger Fall gemeldet. In Rehmsdorf bei Zeitz hatte ein fünfjähriger Knabe unreifes Obst gegessen und jedenfalls Wasser darauf getrunken. Wenige Stunden nach dem Genuß des Obstes ist der Junge gestorben.
* (Das Handwerk und die staatlichen Lieferungen). Die Staatsbehörden, insbesondere Militär-, Post- und Eisenbahnbehörden sind infolge der fortgesetzten Bemühungen der beteiligten Kreise nunmehr ernstlich der Frage näher getreten, die Lieferung an Handwerker-Vereinigungen zu vergeben. Die Handwerkskammer zu Wiesbaden hat nunmehr zu dieser Frage Stellung genommen. Nach eingehender Beratung durch den Kammervorstand und deren Ausschuß für das Genossenschaftswesen sind folgende Grundsätze aufgestellt worden: 1. Am besten eignet sich für die Uebernahme größerer Arbeiten und Lieferungen die Ein- und Verkaufsgenossenschast. Es sind deshalb die vorhandenen entsprechend auszubauen. 2. Zur Neugründung solcher Genossenschaften ist nur bei wirklichem Bedarf zu schreiten, 3. sind Innungen oder Vereinigungen oder je nach Lage der Sache, auch Gesellschaften heranzuziehen. 4. Von der Errichtung besonderer Submissions-Gesellschaften ist in der Regel abzusehen. Ausnahmsweise kann die Errichtung zweckmäßig richtig sein. An Hand dieser Grundsätze wird nunmehr auch im Bezirk der hiesigen Handwerkskammer die vorliegende Frage in gleicher Weise behandelt werden.
* (Fahrkartenverkauf in den Gasthöfen.) Jetzt, zur Reisezeit, ist es noch weniger als sonst eine Annehmlichkeit, vor den Fahrkarten-Schaltern der Bahnhöfe lange auf Abfertigung warten zu müssen. Da wird es allgemein mit Freuden begrüßt werden, daß der preußische Eisenbahnminister, Herr von Breitenbach, sich bereit erklärt hat, den Fahrkartenverkauf in den Gasthöfen zu erleichtern. Herr von Breitenbach hat erst unlängst in der Budgetkommission des preußischen Abgeordnetenhauses auf eine in dieser Richtung gegebene Anregung erwidert, daß er die Eisenbahn-Direktionen angewiesen habe, an allen geeigneten Plätzen mit den Gasthöfen in Verhandlungen über einen Fahrkartenverkauf in ihren Räumen zu treten. Der Minister sprach dabei die Hoffnung aus, daß unser Gasthofsgewerbe, das auf einer so großen Höhe stände, einsichtig genug sein würde, sich dieses Werbemittels zu bedienen. Viele große Gasthöfe bringen ja bereits Fahrkarten zum Verkauf, andere werden nun folgen, wenn das reisende Publikum den Nutzen dieser Bequemlichkeit voll zu würdigen lernt. Dagegen steht es nunmehr fest, daß die Eisenbahnverwaltung dem Wunsche, Schlafwagen auch am Tage laufen zu lassen, nicht nachgeben kann, da die Tageszüge bereits die Maximal-Achsenstärke erreicht haben. Es müßten also neue Züge eingestellt werden. Und da natürlich eine Zuschlagsgebühr — etwa 10
^oben werden müßte, wäre es sehr fraglich, ob drese Zuge dann noch ausreichend benutzt werden wurden. Entwürfe für Schlafwagen dritter Klasse liegen letzt vor. Ein Schlafwagenplatz dritter Klasse zwischen Berlin und Frankfurt oder Berlin und Cöln wird ungefähr fünf Mark Zuschlag kosten.
§ Hersfeld, 25. Juni. Die Wetterdienststelle in Weilburg wird vom 1. Juli ab täglich auch eine Abendwetterkarte herausgeben. Diese Karte erhält einen Unterdrück in brauner Farbe und wird nach dem von der Seewarte Hamburg herausgegebenen Abendwettertelegramm, das die Beobachtungen von 7 Uhr abends von insgesamt 45 Stationen enthält, aufgestellt. In Berlin und Hamburg besteht die Einrichtung bereits seit einem Jahre. Die Abendwetter- tarte wird derart abgesandt werden, daß sie den Be- RSdrn am nächsten Morgen mit der ersten Brief- vestellung zugeht. Der Bezugspreis beträgt für einen mÄ^ n°Sm-n die Lrts.P-st-
6oM B^Ä!6'.. S Juni. Die gestern abend im p r f^nv? stattgefundene Sitzung des Fremd en- fipffprp«oetetn§ beschäftigte sich eingehend mit R-snn^c*Wnbungen der Stadt Hersfeld. Besonders soll mit allen Kräften dahin gewirkt werden,
daß von den zahlreichen hier durchfahrenden Schnellzügen einige hier halten, was für das gesamte gewerbliche Leben unserer Stadt von großer Wichtigkeit wäre. Weiter will man an maßgebender Stelle wegen Ausgabe von Sonntagskarten nach Wilhelmshöhe, Eisenach, Bad Sooden a. W., Fulda, Salzschlirf, Schlitz, Alsfeld, Breitenbach a. Herzb. und Oberaula vorstellig werden. In früheren Jahren konnte man von hier aus wenigstens derartige Karten nach Wilhelmshöhe und Eisenach haben, die aber im Gegensatz zu anderen kleineren Städten hier in Wegfall gekommen sind. Herr Bürgermeister Strauß, der der Versammlung beiwohnte, sagte die tatkräftigste Unterstützung der städtischen Behörden zur Erreichung aller Wünsche zu, desgleichen Herr Apotheker Becker als Mitglied des Eisenbahnrates. Alle Anwesenden waren darüber einig, daß nichts unversucht gelassen werden dürfte, um für Hersfeld bessere Verkehrsverhältnisse zu erreichen, selbst wenn es nötig sein sollte unter Anrufung des Herrn Eisenbahnministers.
):( Hersfeld, 25. Juni. Wegen Reparaturarbeiten ist die Landstraße von dem Ausgange von Kalkobes bis nachObergeisfürdie Zeit vom 1. bis 12. Juli für Lastfuhrwerke und Lastautos gesperrt. Ebenso wird vom 12. bis 16. Juli die Straße zwischen Hersfeld undUnterhaunge sperrt.
§ Hersfeld, 25. Juni. Die diesjährige Veranstaltung des H e r s f e l d e r R e i t e r v e r e i n s soll am 26. Juli stattfinöen. Es sind 8 Rennen vorgesehen, außer einem landwirtschaftlichen und 4 lokalen Rennen 3 öffentliche Konkurrenzen, für die an Geldpreisen 2250 M. ausgesetzt sind. Das Programm ist folgendermaßen zusammengestellt: Sankt Lullus-Jagdrennen (Ehrenpreise, nichtöffentliches Rennen); Union-Flach- rennen (Ehrenpreis und 325, 150, 75, 50 M., Herrenreiten 1800 Meter); Preis der Stadt Hersfeld (Ehrenpreis und 600, 200, 125, 75 M., Jagdrennen, Herrenreiten, 3200 Meter); Preis der Landgräfin von Hessen (Ehrenpreise, nichtöffentliches Rennen); Preis des Kreises Hersfeld (landwirtschaftliches Rennen); Chargenpserde-Jagdrennen (Ehrenpreise, nichtöffentliches Rennen); Landgraf Chlodwig von Hessen-Jagdrennen (Ehrenpreis und 350, 150, 100, 50 M., Jagdrennen, Herrenreiten, 3500 Meter); Trost-Jagdrennen, (Ehrenpreise, nichtöffentliches Rennen). Nennungsschluß für die öffentlichen Rennen ist am 17. Juli.
-r- Hof Richberg, 25. Juni. Wie aus dem Anzeigenteil ersichtlich, findet am nächsten Sonntag, den 28. ds. Mts., das Familienfest des Knüllklubs auf dem Knüll statt, und zwar in Verbindung mit der vom Gastwirt Liebermann vorgesehenen Feier der Einweihung seines neuen Gast- und Unterkunftshauses. Es ist dies ein Ereignis, das von allen Wanderfreunden der engeren Heimat auf das Freudigste begrüßt wird und von weittragendster Bedeutung für den Touristenverkehr im ganzen Knüll ist Das Haus ist in seinen äußern Formen und mit seiner innern Einrichtung und Ausstattung geradezu mustergültig, es enthält 11 Fremdenzimmer, Gastzimmer, Saal, Klubzimmer, Bad und Wasserleitung. Nach dem Einweihungsakt sollen im neuen «-aal, dem Grundgedanken der Veranstaltung entsprechend, Lieder von Heimat und Wandern, mit Zupfgeigenbegleitung, geboten, sowie durch unsern heimischen Dialektdichter Schwalm aus Obergrenzebach Rezitationen zum Vor- trag kommen. Danach wird bei Konzert und Tanz im alten Saal und auf dem Festplatz vor ihm ein frohes Treiben sich entwickeln. Drum Frisch auf zum Knüll!
-n-Dankmarshansen a.W.,24.Juni. (Selbstmord eines Sechzehnjährigen.) Heute morgen erhängte sich hier der sechzehnjährige ^ohn Karl des Landwirts Martin Sippel. Der Junge war als Hausbursche bei dem Betriebssichrer Vollriede beschäftigt und als brav und arbeitssam bekannt. Leidenschaftlich gern las der geweckte Knabe Berichte über die Sensationsprozesse der letzten Zeit und war wohl überhaupt etwas phantastisch veranlagt. Am Dienstag Abend fiel der Junge einigen hiesigen Leuten durch wirre Reden und eigenartiges Verhalten, aus. Am heutigen Morgen jedoch verrichtete er seine Arbeit wie sonst; seinen Arbeitgebern fiel nichts Besonderes in seinem Wesen auf. Als die Hausfrau sedoch den Jungen vermißte, ging sie gegen Uhr in den Keller und fand ihn hier, der Stiefel entledigt an einem Gestell mittels eines roten Tuches erhängt aus. Sofort vorgenommene Wiederbelebungsversuche unter Anwendung eines Sauerstoffapparates verliefen erfolglos Ob nun der Knabe in plötzlich eingetretener geistiger Umnachtung den Selbstmord verübte oder ob ein verhängnisvolles Spiel den Jungen verunglücken ließ, konnte bis jetzt noch nicht festgestellt werden. Heute fand bereits die gerichtliche Ausnahme des Tatbestandes statt. Den unglücklichen Eltern bringt man allseits größte Teilnahme entgegen.
Treysa, 24. Juni. Die Anstalt Hephata gedenkt ihr diesjähriges Jahresfest am Mittwoch, den 1. Juli, von nachmittags V23 Uhr ab, zu feiern. Es ist zu erwarten, daß auch in diesem Jahre recht viele an dem Feste wieder sich beteiligen. Aus diesem Grunde hat die Eisenbahndirektion 5 Sonderzüge bewilligt, deren einer von Cassel um 12,16 Uhr, der zweite von Marburg um 12,45 Uhr, der dritte von Malsfeld mit 12,29 Uhr und der vierte von H e r s fe ld um 11,46 Uhr ab nach Treysa fahren und abends gegen 1/28 oder 8/48 Uhr von Treysa wieder zurückfahren. Außerdem ist etnSonder- zug von Gemünden (ab 12.20 Uhr) eingelegt, der in Zimmersrode Anschluß au den von Cassel kommenden Sonderzug erhält. Die Festpredigt hat der in weiten Kreisen bekannte Vorsteher des Dtakonissenhauses zu Karlsruhe (Baden), Herr Pfarrer Katz, übernommen. Außerdem werden die Herren Pfarrer Clermont von Völkershausen und Lohr von Hoof Ansprachen halten. Die Anstalt hat im vergangenen Jahre nicht weniger als 1271 hilfsbed. Menschenkindern ihre Pforte geöffnet. In der Erziehungs- und Pflegeanstalt für schwachsinnige Kinder weilten beinahe 400, im Rettungshause wurden 130 Knaben erzogen, im Arbeitslosen- Heim fanden 75 Aufnahme und Verpflegung und im Krankenhause suchten etwa 600 Patienten aus den umliegenden Kreisen Heilung. Dem Brüderhause gehörten zu Beginn dieses Jahres 92 Brüder an.
Cassel, 24. Juni. Wegen Verleitung zum Meineide wurde heute von der hiesigen Strafkammer der sehr begüterte Justus Vaupel aus Küchen am Meißner zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt. Er hatte in einer Privatklagesache verschiedene Zeugen unter Versprechungen bewogen, in der Sache nicht auszu- sagen. Der Staatsanwalt hatte gegen den bisher nicht vorbestraften Angeklagten ein Jahr und drei Monate Zuchthaus und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte beantragt. Mit Rücksicht auf die von dem Angeklagten gestellte hohe Kaution wurde von einer sofortigen Verhaftung Abstand genommen.
Hanau, 23. Juni. Heute haben vor dem Schwurgericht Hanau die auf mehrere Tage berechneten Verhandlungen gegen den 41 Jahre alten Gastwirt Johannes Heun aus Hettenhausen bei Gersfeld ihren Anfang genommen. Der Angeklagte steht unter der schweren Beschuldigung, am 29. Januar ds. Js. den 30 Jahre alten Sattler Johannes Peter Müller aus Hettenhausen vorsätzlich, jedoch nicht mit Ueberlegung, getötet zu haben. Die Verhandlung, zu der 65 Zeugen und 5 Sachverständige geladen sind, dürfte erst übermorgen zu Ende gehen.
Mühlhausen, 24. Juni. Ein Unfall, der leider den Tod eines kleinen Kindes zur Folge hatte, ereignete sich gestern nachmittag in der Kilianistraße. Der 2'/ffährige Sohn des Schlossers Müller spielte an einem Handwagen, als ein Rollfuhrwerk des Spediteurs Kirschmann durch die Straße fuhr. Der Kleine beachtete den ziemlich langsam daher kommenden Wagen nicht und lief von der Seite direkt vor das Vorderrad des Wagens. Der Kutscher brächte den Wagen auf der Stelle zum Halten, leider zu spät, um das Kind noch zu retten, dem das Rad schon über den Kopf gegangen war. Der Knabe starb bald darauf.
Gera, 23. Juni. Der am hiesigen Krankenhausneubau beschäftigte Fließenleger Eduard Albert hatte im Uebermut den etwa 38 Meter hohen Schornstein am hiesigen Krankenhaus von außen an den Steigeisen erklettert. Als er oben angelangt war und nach Innen in die Esse einsteigen wollte, gab jedoch ein Ziegelstein nach, sodaß Albert abstürzte und bald darauf den erlittenen Verletzungen erlag.
Bestwig, 23. Juni. In unserem Nachbarorte Lenhausen (Sauerland) ist die Familie Broeggen am 20. ds. Mts. durch den Genuß von Rehfleisch, welches eingekocht war, schwer heimgesucht worden. Die Mutter, ein Sohn, eine Tochter und ein Lehrling und der zu Besuch anwesende Sohn cand. jur. waren plötzlich an Vergiftnngserscheinungen schwer erkrankt; während der letztere erlag, sind die anderen bereits wieder auf dem Wege der Besserung.
Rethen (Leine), 24. Juni. Hier erschoß in einem Anfall von Schwermut aus Anlaß des frühzeitigen Todes seiner Frau der kaufmännische Direktor der hiesigen Zuckerfabrik, Schroeter, gestern nacht seinen 16jährigen einzigen Sohn, der in einer Gärtnerei Alfelds als Lehrling tätig war und bei seinem Vater auf Urlaub weilte, und darauf sich selbst. Der Sohn hatte zwei Schüsse im Halse. Strangulationsmarken ließen erkennen, daß zwischen Vater und Sohn ein heftiger Kampf stattgefunden hat.
Wetteraussichten für Freitag den 26. Juni.
Wechselnd bewölkt, meist trocken, keine Temperaturänderung, westliche Winde.