Hersselder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be- zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
für den Kreis Hersfeld
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Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Zernsprech-Knschlutz tir. 8
Nr. 146
Donnerstag, den 35. Juni
1914
Der heutigen Nummer liegt ein Amtlicher Anzeiger bei.
Bus der Heimat«
»(GuteAussichtenfürdieHimbeerernte.) Während aus verschiedenen Gegenden mitgeteilt wird, daß der Fruchtansatz bei den Heidelbeeren infolge des Frostes während der Blütezeit gering sei, ist der Fruchtbehang der Himbeersträucher unserer Wälder außerordentlich reich und kräftig, soöaß wir voraussichtlich mit einer guten Wald-Himbeerernte rechnen dürfen.
* (Schlechte Aussichten für Jäger.) Aus Jägerkreisen wird geschrieben: Allgemein ist man in Jägerkreisen der Ansicht, daß die Hasenjagd in diesem Herbste äußerst ungünstig ausfallen wird. Durch das kalte, nasse wechselreiche Wetter des Frühjahrs ist der erste Satz als vollständig verloren anzusehen. Auch der nächste Satz ist in vielen Gegenden, namentlich in Niederungen, nicht voll ausgekommen. Man kann nach diesen betrübenden Feststellungen im günstigsten Falle auf ein Drittel der Jagd guter Hasenjahre rechnen. Das Gleiche gilt von den Rebhühnern. Man trifft im Felde viele Hühnerpaare, deren Gelege durch Nässe und Kälte zerstört sind und die erst jetzt zur Anlage eines zweiten Geleges schreiten.
* (Kaliabwässer undWerra-Fischerei). Das Kaiserliche Gesundheitsamt in Berlin hat den Vorstand der Königlich bayerischen Biologischen Versuchsstation für Fischerei, Herrn Professor Dr. phil. Bruno Hofer in München, beauftragt, die Einwirkung der Kaliabwässer auf die Fischerei in der Werra zu untersuchen.
§ Hersfeld, 24. Juni. Der Knüllklub wird im Juli auf dem Eisenberg sein diesjähriges Fest feiern, an dem auch der Schwalm- klub teilnehmen wird. Ueber den Wirtschaftsbetrieb auf dem Borgmannsturm werden in der Monatsschrift des Knüllklubs Mitteilungen gemacht, die für Touristen und Schulen von Interesse sein dürften. Der Wirtschaftsbetrieb wird an Sonn- und Festtagen von Gastwirt Richard in Willingshain ausgeübt, bei stärkerem Fremdenverkehr wird er von Gastwirt Hofmann-Raboldshausen unterstützt. Vereine und Schulen können sich bei einem der genannten Wirte anmelden. Für Unterbringung der Gäste ist ein großes Wirtschaftszelt vorhanden. Die Schutzhütte ist an Werktagen verschlossen, dagegen kann der Turm stets bestiegen werden. Den Schlüssel zur Schutzhütte besitzen die beiden Wirte und die Vorsitzenden der Zweigvereine, u. a. Hotelbesitzer Kniese in Hersfeld und Gastwirt Ziegler in Oberaula. Die Schlüssel werden nur an Mitglieder des Klubs abgegeben. Wer bei Gastwirt Richard die Schlüssel zum Vorratsraum holt, kann auch von dessen Beständen Flaschenbier und Selterswasser entnehmen. Der Turm kann gegen Entrichtung von 10 Pfg. bestiegen werden. Dieser Betrag wird am Sonntag von einer Aufsichtsperson erhoben, an Werktagen ist er in eine mit entsprechender Aufschrift versehene Büchse zu werfen.
):( Hersfeld, 24. Juni. Anläßlich des hier statt- findenden Landwirtschaftlichen Festes hat der Kreisausschutz eine Prämiierungöerfrühervolks- tümlichen Trachten innerhalb des Kreises Hersfeld beschlossen. DiePrämiierung soll anschließend an den am Sonntag stattfindenden Festzug vorge- nommen werden. Im Interesse der Erhaltung dieser alten schonen Trachten wäre eine recht rege Beteiligung unserer ländlichen Bevölkerung am Festzuge sehr zu begrüßen.
):( Hersfeld, 24. Juni. Das für Sonntag den 28. Juni vorgesehene Kriegsspiel der Turnbezirke Hersfeld und Rotenburg fällt mit Rücksicht auf die Teilnahme an dem Landwirtschaftlichen Feste aus.
):( Hersfeld, 24. Juni. Die T u r n e r des Ober- fulda-Werra-Gaues werden sich bekanntlich ebenfalls an dem großen landwirtschaftlichen F e st e beteiligen, und zwar sowohl am Festzuge wie auch durch Frei- und Geräteübungen. Herr Arnold R e ch b e r g, der schon wiederholt sein großes Interesse für die Turnsache betätigt hat, will diese Zusammenkunft der zahlreichen Turner auch diesmal nicht ^^übergehen lassen, ohne sie zu verherrlichen. Herr Ä^uold Rechberg hat daher in anerkennenswerter ^eye ö r e i w e r t v o l l e E i ch e n k r ä n z e für die rarsten Sieger in einem Gelänöehindernislauf welcher neben dem Festplatze im Kurpark Tfie gestifteten Preise bestehen in einem süßer ^*ettfron5 für den ersten Sieger, einem zweiten u^^nkranz mit goldener Schleife für den ^"en und einem silbernen Eichenkranz für den dritten ^reger. Ber dem Hindernis-Wettlaufen find zu
überwinden 1. ein Wall von einem Meter Höhe mit darauf stehender ein Meter hoher Barriere, 2. eine ein Meter hohe Barriere mit Tiefsprung, zusammen 1.50 Meter tief, 3. eine ein Meter hohe Barriere mit darauffolgender drei Meter tiefer Schlucht, an deren Sohle Wassergraben, 4. ein Drahtzaun mit Holzbalken von 1,40 Meter Höhe, 5. eine Bretterwand, ein Meter hoch, 6. eine Kletterwand, 2 Meter hoch, 7. durchlässige lebende Hecke, 8. eine ein Meter hohe Bretterwand. WeiterhatHerrArnoldRechbergnocheinen s i ib ern en Fahnennagel für denjenigen Verein gestiftet, welcher im Verhältnis zu seiner Mitgliederzahl in vorgeschriebener Turnerkleidung am stärksten im Festzuge vertreten ist und gleichfalls im Verhältnis dieser Zahl die meisten Freiübungsturner stellt. — Diese hochherzigen Spenden dürften nicht verfehlen die Turner unseres Gaues recht zahlreich nach Hersfeld zu führen, um hier in heißem Wettkampf um die herrlichen Preise zu ringen.
):( Hersfeld, 24. Juni. Dem heutigen Viehmarkt waren 106 Stück Rindvieh und 273 Schweine aufgetrieben. Der Handel war auch heute wieder wie bei den vorhergehenden Märkten flau.
):( Hersfeld, 24. Juni. Gestern abend um 7 Uhr fand eine G e sam t ü b u n g der h i e si g e n Feuer- w e h r statt. Auf dem Marktplatze wurden zunächst Marsch- und Schulübungen abgehalten. Es folgte alsdann eine nasse Uebung an der Stadtkirche, nach welcher der Rückmarsch unter Musikbegleitung nach dem Marktplatze angetreten wurde. Hier fand nach einem Parademarsch dieKritik statt, die derKommandant der Feuerwehr, Herr Schiißler, hielt. Derselbe sprach sich über den Verlauf der Uebung sehr zufrieden aus. Bei dieser Gelegenheit wurden auch an die Feuerwehrleute, welche 10, 15 und 20 Jahre der Feuerwehr angehören, Litzen verteilt, die auf dem linken Arm zu tragen sind.
Bebra, 22. Juni. Heute nachmittag zwischen 2 und 3 Uhr hatten wir hier ein starkes Gewitter, dem ein heftiger den Staub hoch aufwirbelnder Sturm vorausging. Der Blitz schlug in das Drahtnetz der Telephonleitungen auf dem Postgebäude ein und entzündete den Dachstuhl, aus dem bald die Flammen hervorschlugen. Der schnell herbeigeeilten Feuerwehr gelang es, unter Verwendung der Hydranten dem Umsichgreifen des Feuers zu wehren, sodaß nur unerheblicher Schaden entstanden sein dürfte.
am
Gerstungen, 23. Juni. Im Werratal und im Rhön- und im Thüringer Waldgebirge gingen Montag nachmittag nach vorherigen Gewittern starke, wolkenbruchartige Regen nieder. Das von den Höhen herabstürzende Wasser hat besonders an den Feldern großen Schaden angerichtet.
Obersuhl, 22. Juni. In Weiterode ertrank gestern beim Baden in der Fulda ein beim Bahnbau beschäftigter ausländischer Arbeiter.
Flieden, (Kr. Fulda), 23. Juni. Zwischen Rückers und Flieden mußte heute vormittag wegen Motor- desekts der MlitärdoppeldeckerNr. 10niedergehen. Das Muaaeua überschlug sich bet der Landung, Personen wurden glücklicherweise nicht verletzt. Führer des Flugzeugs war Oberleutnant von Beaulleu, einer ber Preisträger beim letzten Prinz Heinrich-Flug. Außer ihm hatte auch ein Beobachtungsoffizier im Flugzeug Platz genommen. ^"Doppeldecker wurde abmontiert und per Bahn nach Darmstadt befördert.
Cassel, 23. Juni. Amtlich wird gemeldet: Gestern morgen 7,08 Uhr wurde in der Strecke Speele-Munden im Stadtbezirk Münden von dem D-Zug 07 eine unbekannte männliche Person Überfahren und getötet. Nach Angaben des Lokomotivführers hat sich der Mann vor den fahrenden Zug geworfen. An der Unfallsielle befindet sich kein Bahnübergang.
Cassel, 23. Juni. Ein Unglücksfall mit tödlichem Ausgang hat sich gestern vormittag im benachbarten Nordshausen ereignet. Der Fahrige Schreiner Möller aus Riederzwehren, der iett kurzem in Nords- Hauien eine eigene Tischlerei betrieb und demnächst heiraten wollte, wurde von einem Lastfuhrwerk uber- fahren und schwer verletzt, Man brächte ihn nach Cassel ins Krankenhaus, wo er am Abend seinen Verletzungen erlegen ist.
Waldau, 23. Juni. Bei dem gestrigen Gewitter erschrak eine Frau auf freiem Felde bet einem besonders heftigen Donnerschlag dermaßen, daß ye einen Herzschlag erlitt, an dessen Folgen ue starb.
Marburg, 23. Juni. Hier machte ein junger Mann, der zum Militär ausgehoben war, seinem Leben durch Erschießen ein Ende. Furcht vor dem Soldatendienst soll der Grund zu der unseligen Tat gewesen sein.
Vom Eichsfelde, 23. Juni. In dem Dorfe Eich- struth (Kreis Heiligenstadt) stürzte ein dreijähriges Kind, das von seinen Eltern auf kurze Zeit unbeauf
sichtigt gelassen worden war, in einen mit Wasser gefüllten Eimer und ertrank.
Frankfurt a. M., 23. Juni. Ein von Groß-Gerau kommendes Automobil des Zuckerfabrikanten Pillarü von Groß-Gerau, das mit vier Personen besetzt war, rannte heute mittag Va2 Uhr au der Gehspitze gegen eine Telegrapenstange, kam ins Schleudern und über- schlug sich. Sämtliche Insassen wurden herausgeschleudert und blieben erheblich verletzt liegen. Sie wurden in das Städtische Krankenhaus gebracht.
Das kranke sranrösische Heer.
Die jüngsten Kammerwahlen in Frankreich, die mit dem Siege von 102 Sozialisten endeten, haben allen Feinden der dreijährigen Dienstzeit in Frankreich neuen Mut gegeben, ihre offenen und versteckten Wühlereien gegen diese verhaßte Einrichtung mit frischen Kräften zu betreiben. Von dem Augenblicke an, in dem die Absicht der Regierung, die dreijährige Dienstzeit wieder ein= zuführen, in der Oeffentlichkeit bekannt wurde, setzte der heftigste Widerstand ein, der auch durch meuterische Vorfälle in Teilen der Armee starke Unterstützung fand. Als dann aber diese leidenschaftlich bekämpfte Maßregel doch nicht verhindert werden konnte, war es Wasser auf die Mühlen ihrer Gegner, daß die epidemischen Krankheiten, die im jedem Jahre im französischen Heere zu einer bestimmten Zeit mit großer Regelmäßigkeit auftreten, im Herbst 1913 eine Ausdehnung gewannen, die weite Kreise des französischen Volkes mit schweren Besorgnissen ersüllten. Das machten sich die Antimilitaristen schleunigst zu nutze. Sie schoben die Schuld an diesem Unglück der schlecht vorbereiteten und übereilt eingeführten dreijährigen Dienstzeit zu. Man beeilte sich, in der Kammer riesengroße Zahlen von Erkrankten und Gestorbenen zu nennen, vermied aber, die Zahl der Krankheitstage anzugeben, die doch erst ein einigermaßen sicheres Urteil über den Umfang der Epidemie gewährt hätten. Man beschwerte sich über gänzlich veraltete, stark überlegte und nie desinfizierte Kasernen, die die hauptsächlichsten Herde der Krankheit seien. Die Bekleidung sei unzureichend und mangelhaft, besonders aber das Schuhzeug, durch das den Erkältungen Vorschub geleistet würde. Die Lazarette und Aerzte reichten nicht aus, kurzum, es wurde alles ins Feld geführt, was die Behauptungen der Sozialisten irgendwie zu stützen imstande war.
Auf Seiten der Anhänger der dreijährigen Dienstzeit hatte man gehofft, daß mit Ende des Winters sich der Gesundheitszustand im Heere bessern und so den Gegnern ihr wirksamstes Agitationsmittel entzogen sein würde, aber diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Der Führer der Sozialisten, Jaurees, benutzt jetzt diesen Umstand, um den Franzosen in seinem Blatte eine Rechnung aufzumachen, bei der ihnen allerdings die Augen übergehen können. Er zieht zum Vergleiche die ersten drei Monate der Jahre 1913 und 1914 heran, zwei Zeitabschnitte aus der zwei- und dreijährigen Dienstzeit. Als Kopfstärke nimmt er 1918 462 387 Mann an und 1914 651609 Mann. Die Krankheits- pp. Ziffern seien gewesen: 1913: 80 232 renterfrans, 41071 lazarett- krank, 140 gestorben und 732 krankheitshalber entlassen. — Januar 1914 lauten die Zahlen: 194 946 — 61701 — 1438 — 289; — Februar 1913: 77 951 — 38 522 — 893 — 243. — Februar 1914: 209 892 — 53 612 — 2850 — 893; — März 1913: 51688 — 31530 — 730 — 242. — März 1914: 158187 — 40 879 — 2683 — 477.
Diese Zahlen sprechen, vorausgesetzt, daß sie richtig sind, woran aber wohl kaum zu zweifeln ist, eine furchtbare Sprache, und es ist klar, daß die Einrichtungen, die bei der Wiedereinführung der dreijährigen Dienstzeit getroffen wurden, gänzlich unzureichend gewesen sein müssen, wenn sich solche traurige Zustände entwickeln konnten. Das gilt namentlich für die Ostgrenze. Dort hat ja Frankreich als Sicherheit gegen „die Verwegenheit des Feindes" besonders starke Truppenmaßen zusammengezogen und einen großen Teil derselben in halbfertigen, feuchten Kasernen und ungenügenden, nicht heizbaren Baracken unterbringen müssen. Um die nicht mehr abzuleugnenden, haarsträubenden Zustände im französischen Heere weniger gefährlich erscheinen zu lassen und um das Volk einigermaßen zu beruhigen, hatte man natürlich schleunigst das Märchen verbreitet, daß der Gesundheitszustand in der deutschen Armee auch kein besserer sei. Diese Verleumdung konnte natürlich durch amtliche Zahlen leicht widerlegt werden. Ob die französischen Sozialisten und Antimilitaristen durch diese und ähnliche Treibereien gegen die dreijährige Dienstzeit Erfolg haben werden, erscheint vorläufig zweifelhaft. Jedenfalls wird der Kampf um diese Frage in Frankreich unvermindert weitertvben.
Wetterausfichten für Donnerstag den 25. Juni.
Wolkig, zeitweise heiter, meist trocken, wärmer, westliche Winde.