Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger ^D^ für den Kreis Hersfeld Weiher Äreishlatt
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Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage" Zernsprech-Nnschlutz Nr. 8
Nr. 145. Mittwoch, den 34 Juni 1914.
Bus der Heimat.
Wie entgehe ich der Blitzgesahr?
Mit dem ersten Gewitter erwacht bei vielen Menschen die Gewitterfurcht, zu der in Wirklichkeit gar kein Grund vorhanden ist. Wir hören ja nun so oft von Unglücks- und gar Todesfällen bei Gewittern, aber wenn man der Sache auf den Grund geht und den näheren Umständen nachforscht, unter denen jemand erschlagen wurde, so findet man, daß unter zehn Fällen sich neun hätten vermeiden lassen, und daß die Unglücksfälle auf Unkenntnis oder Leichtsinn zurückzuführen sind. Ueber das Verhalten innerhalb des Hauses brauchen wir nur die eine Regel zu befolgen, nicht zum offenen Fenster hinaussehen und alle Dinge meiden, welche Elektrizität leiten, also Gasröhren, Wasserleitungen, Herde, Oefen, Kamine und Wände. Man setzt sich also inmitten des Zimmers, aber nicht in die Nähe von Hängelampen. Die meisten Unglücksfälle kommen entschieden im Freien vor, und zwar unter Bäumen. Um nicht naß zu werden, laufen die Leute unter die Bäume und fordern damit geradezu die Blitzgefahr heraus. Der Baum zieht an und für sich schon den Blitz an, die Gegenwart eines oder gar mehrerer Menschen erhöht diese Anziehungsmöglichkeit. Also bei Gewittern nie unter das Laubdach eines Baumes treten, aber die Bäume als Blitzableiter benutzen, indem man sich etwa 20—30 Meter vom Baume auNellt. Wird dann die elektrische Spannung in unserer Nähe so stark, daß ein Blitz entsteht, so geht er in den Baum.
A^s Landstraßen, die von Bäumen bestanden sind, aehr man genau in der Mitte, wo die Blitzgefahr so gut wie ausgeschlossen ist, namentlich, wenn noch elektrische Leitungen, Telephondrähte usw. die Straße entlang führen. Vor allen Dingen meide man auch Ansammlungen von Menschen, gehe also nie, wenn eine Anzahl Leute zusammen sind, zu mehreren, sondern einzeln mit 30—50 Schritt Abstand, dadurch mindert sich die Blitzgefahr überhaupt, und wenn ein Blitz niederfährt, trifft er nur eine Person, dazu lasse man den Regenschirm schön unter dem Arm und lasse sich naß regnen. Auch das Laufen beim Gewitter ist gefährlich und mehr noch das schnelle Fahren auf Rad und Wagen. Bei letzteren meide man so weit möglich die Nähe der Zugtiere namentlich der Pferde. Eine wirkliche Gefahr, die sich schwerer meiden läßt, ist der Aufenthalt auf einer baumlosen kahlen Fläche,' hier bildet der Mensch den höchsten Punkt und ist der gegebene Fall für den einschlagenden Blitz. Aber auch hier gibt es eine Möglichkeit zur Verringerung der Gefahr. Man lege sich einfach glatt auf den Boden, am besten, in einem Getreidefeld, oder auf einer grasigen Wiese. Würden alle diese Verhaltungsmaßregeln befolgt, so bekämen wir selten in einer Zeitung von Todesfällen durch Blitzschlag zu lesen.
* Handwerkertag in Frankenberg. Der gestrige Vertretertag der Innungen, Handwerker- und Gewerbe-Vereine des Bezirks der Handwerkskammer zu Cassel in Frankenberg wurde gegen Vsl2 Uhr durch den Vorsitzenden, Jnnuugsobermeister Zimmermann- Cassel, eröffnet. Es folgte der Bericht über die Tätigkeit' der Handwerkskammer im Rechnungsjahre 1913 seitens des Syndikus Thanheiser-Cassel. Der Redner schilderte den Beschluß betreffs der Festsetzung der Höchstzahl der Lehrlinge in einer ganzen Reihe von Berufen und begründete die Erhöhung der Gebühren bei den Gesellenprüfungen. Ebenso schilderte er die segensreiche Wirksamkeit des Mitteldeutschen Arbeitsnachweisverbandes, besonders bezüglich der Lehrlingsvermittlung. Im letzten Jahre seien eine ganze Anzahl Innungen gegründet worden, das sei erfreulich. Er erörterte ferner die Stellung der Kammer zu den verschiedenen Gesetzesvorschlägen usw. Die Tätigkeit der Kammer sei vielseitig, die Innungen möchten sie unterstützen, damit das Handwerk wieder bessere Tage habe. Mehrere Redner nahmen Gelegenheit, dem Vorredner in kurzen Ausführungen zuzustimmen. Bezüglich des Lehrlingswesens wurde z. B. darauf hingewiesen, nicht jeden Jungen in die Lehre zu nehmen, sondern mehr Auswahl zu treffen. Nicht die Masse macht es, sondern die Qualität. Der Staat möge auch bei den Submissionen etwas mehr den Handwerkern entgegenkommen. Das Niveau des Handwerks müsse gehoben werden. Versprechungen nichts, sondern Taten. Syndikus Thanheiser- verbreitete sich dann über die bevorstehende J w«-un9 des Handwerkergesetzes vom 26. Juli 1897. ^i jedenfalls geneigt, jetzt den Wünschen be?ü?ttÄ^rks mehr Entgegenkommen zu zeigen, auch daran Paragraphen 100 q. Mut müsse alles dresen endlich zu beseitigen. Unter wurde ein Antrag gestellt, daß die prhnho., Submissionszentrale von den Handwerkern ryoveu werden, die davon Vorteil haben. Der Vor
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sitzende und eine ganze Anzahl Redner sprachen sich dagegen aus und empfahlen Einigkeit unter den Handwerkern. Der Antrag wurde abgelehnt. Ein Antrag, räumlich getrennte Handwerkertage im Frühjahr und Herbst zu halten, fand Annahme.
§ Hersfeld, 23. Juni. jJohannistag.) Der 24. Juni gilt nach altchristlicher Ueberlieferung als der Geburtstag Johannes des Täufers und wurde schon im vierten Jahrhundert durch eine besondere kirchliche Feier ausgezeichnet; eine Synode vom Jahre 506 rückte ihn sogar in eine Reihe mit Ostern und Pfingsten. Wenn er auch jetzt seinen Feiertagscharakter verloren hat, so hat sich doch in manchen Gegenden ein besonderer Gottesdienst an diesem Tage erhalten, und die Johannisandachten, besonders die auf den Friedhöfen, werden von den verschiedensten Bevölkerungskreisen gern besucht. Der Johannistag ragt aber auch weit ins graue Heidentum hinein, er ist ja der „Mittesommertag" der Germanen, Kelten und Slaven. Sommersonnenwende! Eine Fülle uralten Zaubers, tiefsinniger Weltbetrachtung, wunderlicher Naturverehrung klingt da mit. Noch flammen heutzutage in einigen deutschen Gegenden, namentlich im Gebirge, die Johannisfeuer. Sie sollten den tückischen Dämonen wehren, und solches Rotfeuer war unseren heidnischen Vorfahren jedenfalls eine ernste, heilige Sache. Später kam Lust und Scherz hinein. Die Brautpaare und Herrschaft und Gesinde sprangen über die knisternden Zweige, und Sang und Tanz durften nicht fehlen. Bei Gelegenheit eines Reichstages in Regensburg im Jahre 1471 nahm der deutsche Kaiser Friedrich sogar persönlich an den Vergnügungen der Johannisnacht teil. Neben dem Johannisfeuer ist auch noch das Johanniswasser zu nennen, das nach altem Volksglauben alles Ungemach hinweg nehmen soll. Vielfach gilt der Johannistag dem Volke auch als ein wichtiger Lostag, an dem beispielsweise in Hessen die jungen Mädchen die Johannisblume (Arnica montan«) zupfen und abzählen, wann ihre Hochzeit sein würde. Zu einer stimmungsvollen Johannisnacht gehören auch die leuchtenden, auf und nieder gleitenden Johannis- käferchen, von denen der Volksmund sagt, sie brächten Glück, und man dürfe sie darum nicht mutwillig verletzen.
):( Hersfeld, 23. Juni. In der letzten Stummer seiner Monatsschrift erläßt der Vorstand des Knü llklubs einen Aufruf zu einerJubiläums- spende. Im August dieses Jahres soll in Ziegen- Hain die Feier des 30 jährigen Bestehens des Knüllklubs begangen werden, und es sind zwei Ereignisse besonderer Art, die in das Jubiläumsjahr fallen, nämlich die Erwerbung des Knüllköpfchens und die Eröffnung des neuen Gast- und Unterkunftshauses auf dem Knüll. Der Knüllklub konnte durch das Entgegenkommen der Herren von Ditiurth eine ca. 60 ar große Fläche am Knüllköpfchen austauschen, wodurch das Küllköpfchen mit dem Felsen und dem Borgmannrelief in seinen Besitz übergeht. Ferner will der Knullklub sich in dem neuen Gasthause ein eigenes Gesellschaftszimmer einrichten, in welchem anch die Bibliothek nntergebracht werden soll. Das Zimmer selbst soll mit eigenen Möbeln traulich eingerichtet werden. Um nun alle diese Pläne verwirklichen zu können, wendet sich der Vorstand an alle Freunde des Knüllklubs um eine Spende. Ein jeder Beitrag wrrd freudigst begrüßt.
* S ch u lv e r s ä um n i s und Kammergericht.
Das Kammergericht hat soeben eine Enticherdung getroffen, die einen in Eltern- und auch Lehrerkreisen weit verbreiteten Irrtum zum Gegenstand hat. -^er Vater eines schulpflichtigen Kindes hatte sich in einem Strafverfahren zu verantworten, weil er das Kind eine zeitlang nicht in die Schule geschickt unb über lerne Krankheit anch keine ärztliche Beichernrgung Hergebracht hatte. Der Lehrer hatte ihm ein Formular rn dre Wohnung geschickt, aus dem ein Arzt dre Krankheit bescheinigen sollte. Er zog aber seinen Arzt hinzu, sondern schickte das Formular zurück, nachdem er es selbst ausgestellt und unterschrieben hatte. Dre Strafkammer verurteilte ihn in der Berufungsinstanz zu einer Geldstrafe wegen Zuwiderhandlung gegen eine der überall erlassenen Regierungsverordnungen über Schulversäumnisse. Gegen das Urterl legte er Rempon ein. Er hielt sich nicht für verpflichtet, den Arzt zu rufen, um das geforderte Attest zu erhalten. Er habe die Krankheit selbst beurteilen können Wenn, aber die Behörde unbedingt eine ärztliche Bescheinigung haben wollte, dann hätte ye einen Arzt zu dem Kinde schicken sollen. Das Kammergericht hob das Urteil als rechtsirrig auf. Es beruhe auf der irrigen vielfach anzutreffenden Anschauung, als ob die unterlanene Entschuldigung den Vater ohne weiteres strafbar mache, und als ob eine ärztliche Bescheinigung über die Krankheit des Kindes gefordert werden könne. Eine Bestrafung könne nicht eintreten, wenn die Schul- versäumnis tatsächlich entschuldbar war. Eine ärztliche
Bescheinigung könne von der Schulbehörde nicht erzwungen werden.
-r- Sorg«, 23. Juni. Unter starker Beteiligung der Kriegervereine des Kreises Hersfeld fand gestern hier die A b g e v r d u e t e n v e r s n m m l u n g des Kreiskriegerverbandes Hersfeld statt. Die Abgeordnetenversammlung tagte vormittags im Horn'schen Saale und erledigte eine Reihe geschäftlicher Angelegenheiten. Der seitherige Vorstand wurde einstimmig wiedergewählt und besteht aus Herrn Landrat von Grunelius als Vorsitzender, sowie den Herren Heeg, Auel, Fries, Jean Steinweg, Daniel Stern, Hrch. Lauser und Gymnasialpedell Herwig, sämtlich aus Hersfeld, ferner aus den Herren Willing-Heringen, Hoffmeister-Niederaula, Meurer-Friedewald, Schaake- Unterhaun und Lehrer Eckhardt-Asbach. An Stelle des verstorbenen Herrn Ernst-Obergeis wurde Herr Hegemeister Thunecke - Gittersdorf gewühlt. Herr Lämmerzahl - Hersfeld gedachte in anerkennenden Worten der Mühewaltung des Verbandsvorstandes und dankte demselben. Herr Landrat von Grunelius wies auf den 10 jährigen Gründungstag des Verbandes hin und gedachte in ehrenden Worten des Gründers desselben, Herrn Kanzleirats Heeg. Als nächster Versammlungsort wurde Kerspenhausen gewählt. Um 3 Uhr nachmittags fand ein Festzug durch die Straßen des Ortes statt, der auf dem schön gelegenen Festplatze endete, woselbst die Kriegervereine im Parademarsch einrückten. Nachdem der Vorsitzende des Kriegervereins Sorga, Herr Lademeister Kiem, die Gäste willkommen geheißen hatte, hielt Herr Landrat von Grunelius in kernigen Worten die Festrede, die in einem begeistert aufgenommenen Hoch auf Se. Majestät endete. — Bei Konzert und Tanz nahm das Fest begünstigt vom Wetter einen sehr schönen Verlauf.
Bacha, 22. Junt. Beim Spielen in einem Kahne auf der Werra, kurz vor dem Philippsthaler Wehr, verlor ein hiesiger 12jähriger Schulknabe das Gleichgewicht, stürzte ins Wasser und ertrank.
Von der Waldecker Talsperre, 22. Juni. Durch die starken Gewitterregen der letzten Tage hat sich ein sehr starker Wasserzufluß im Becken der Waldecker Talsperre bemerkbar gemacht, sodaß der Aufstau jetzt schon bis nach Herzhausen reicht. Um aber die dortigen Aufhöhungsarbeiten bei Herzhausen und Kirchlotheim weiter ausführen zu können, muß ein höherer 9(uf= stau vermieden werden. Es werden deshalb z. Zt. 25 Kubikmeter Wasser pro Sekunde abgelassen, während bisher nur 6,2 Kubikmeter pro Sekunde abgelassen wurden. Der Inhalt des Beckens ist jetzt 143 Millionen Kubikmeter.
Fritzlar, 22. Juni. Zwischen Wabern und Englis fand gestern der etwa 20 Jahre alte Telegraphenarbeiter Sonnenschein aus Wichdorf beim Ausbessern einer Telegraphenleitung den Tod. Sonnenschein hatte mit Steigeisen einen Leitungsmast bestiegen, als plötzlich der Mast umstürzte. Der junge Mensch war auf der Stelle tot. Seine Arbeitskollegen brachten die Leiche nach Fritzlar.
Hanau, 20. Juni. Unter der Anklage, am 3. Okt. v. 9. ihr 10 Tage altes Söhnchen lebend in die Kinzig bei Hanau geworfen, also vorsätzlich getötet zu haben, stand heute das 20jährige Dienstmädchen Margarete Gertmann aus Hailer bei Gelnhausen vor dem Schwurgericht. Die Angeklagte wurde zu 2 Jahren 6 Monaten Gefängnis verurteilt.
Wiesbaden, 21. Juni. Eine hier wohnende Familie erhielt vor einigen Tagen von dem französischen General Goulent die Mitteilung, daß ihr Sohn Albert am 12. Mai d. Js. im Tal des Thouls im Kampf mit Marokkanern durch einen Schuß in die Brust schwer verwundet wurde und bald darauf gestorben sei. Die Beerdigung habe am folgenden Tage statt- gefunden. Der Gefallene lernte in Saarbrücken Kaufmann, fiel in Metz französischen Werbern in die Hände und wurde, wie er damals feinen Angehörigen mitteilte, mit einer großen Zahl deutscher Leidensgenossen nach Afrika transportiert. Der junge Mann diente im fünften Jahre; in 312 Monaten wäre seine Dienstzeit beendet gewesen. Der General erwähnt in seinem Schreiben, daß der „für die Ehre Frankreichs Gefallene" ein tüchtiger Soldat gewesen und den Rang eines Korporals bekleidet habe. Seine Brust haben mehrere Medaillen für hervorragende Tapferkeit geschmückt.
Wetteranssichten für Mittwoch den 24. Juni.
Wolkig, zeitweise heiter, meist trocken, mäßig warm, Westwinde.