Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Vuchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
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für den Kreis Hersfeld
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Zernsprech-Anschlutz Nr. 8
Nr. 143.
Sonntag, den 31. Juni
1914.
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Der heutigen Nummer liegt ein Amtlicher Anzeiger bei.
Bus der Heimat«
* (Achtung, Eltern!) Die Zeit ist wieder da, in der die Bürgersteige durch leichtsinnig fortgeworfene Obstreste unsicher gemacht werden. Es sei darauf hingewiesen, daß nach übereinstimmenden Gerichtserkenntnissen Eltern für ihre Kinder einstehen müssen, wenn nachweislich jemand durch fortgeworfene Obstreste zu Fall kommt und Schaden nimmt.
* Turnunterricht als Pflichtfach in denFortbildungsschulen. Die Verhandlungen bezüglich des Turnunterrichts an den Fortbildungsschulen haben dazu geführt, daß der Unterricht zufolge einer ministeriellen Verfügung nunmehr pflichtgemäß eingeführt werden soll. Auf eine Anfrage hat sich die Handwerkskammer in Cassel, ähnlich wie zahlreiche andere Handwerkskammern, für den obligatorischen Turnunterricht an freien Abenden und Sonntagen ausgesprochen. Der Zentralverband zur Förderung der Volks- und Jugendspiele und der Jungdeutschland- bund hatten sich an die parlamentarischen Körperschaften Preußens und des Reichs gewandt, worauf der Minister für Handel und Gewerbe in einer in öiesenTagenerlassenenVerfügungsämtlicheRegierungs- Präsidenten ersucht, die Aufnahme des Turnens und der Jugendspiele unter die Pflichtfächer der Fortbildungsschule mit Nachdruck zu fördern, namentlich in den Klassen der ungelernten Arbeiter, wobei jedoch darauf Bedacht zu nehmen sei, daß gemäß den Bestimmungen vom 1. Juli 1911 bei den kaufmännischen Fortbildungsschulen und bei den Klassen der gewerblichen Fortbildungsschulen mit Zeichnen oder Fachunterricht das Mindestmaß von sechs Pflichtstunden und bei den Klassen der ungelernten Arbeiter das Maß von 4 Pflichtstunden wöchentlich in der Regel nicht gekürzt werde. Bezüglich der Turnstunden ist keine Beschränkung der Tageszeit vorgeschrieben.
* (Keine Sträflinge für Feldarbeit.) Von der Casseler Oberstaatsanwaltschaft ist eine Verordnung getroffen, daß Strafgefangene im laufenden Jahre zu Außenarbeiten nichtverwendet werden dürfen. Diese Maßnahme ist darauf zurückzuführen, daß im verflossenen Sommer gelegentlich der Erntearbeiten zwei Strafgefangene entwichen waren.
* Ga st Wirte und Schülerkneipen. Durch einen Zufall gelang es dem Direktor einer Casseler Lehranstalt, festzustellen, daß an seiner Anstalt eine seit einigen Jahrzehnten bestehende Schülerverbindung existiere, die nach studentischem Vorbild Kneipabende veranstaltete. Der Direktor hob die Verbindung auf und maßregelte einige der führenden Leute. Gleichzeitig hatte die Sache für die beteiligten Gastwirte unangenehme Folgen in Gestalt von Strafmandaten in Höhe von 15 und 10 Mark. Es existiert nämlich, was in Gastwirtekreisen anscheinend nicht genügend bekannt ist, eine für den Regierungsbezirk erlassene Polizeiverordnung vom Jahre 1880, wonach es Gast- und Schankwirten in Städten, in denen sich höhere Unterrichtsanstalten befinden, oder an Orten im Umkreise von einer Stunde von solchen Städten untersagt ist, Schüler bei sich aufzunehmen und ihnen Wein, Bier oder andere Spiritussen zu verabfolgen, wenn sich die Schüler nicht in Begleitung ihrer Eltern und Vormünder oder Lehrer befinden. Weiter ist es verboten, Schülern höherer Lehranstalten Lokale zu geselligen Zusammenkünften einzuräumen. Diese Be- strmmungen finden nicht Anwendung auf solche Lokale,
Besuch (meist für bestimmte Stunden!) von den Direktoren der betreffenden Anstalten den Schülern frergegeben ist. In den vorliegenden beiden Fällen der Zuwiderhandlung gegen diese Verordnung wurde ein Gasthofbesitzer, der gegen das Strafmandat Einspruch erhoben hatte, vom Schöffengericht freigesprochen, weil ihm nicht nachgewiesen werden konnte, daß er Kenntnis von den Kneipvereinen der jungen Leute gehabt hatte, da dieselben durch Kellner bedient worden waren. In dem anderen Falle machten sich nähere Feststellungen des Termins des fraglichen Kneipabends notwendig, so daß die Sache vertagt wurde.
nnt. — Wir verfehlen nicht nochmals
):( Hersfeld, 20. Juni. Anstelle des sonst in der Kirche^ zu Petersberg stattfindenden Gottesdienstes Pfarrer Scheffer am morgigen Sonntage ^ Kreiskriegerfestes in Sorga Feldgottesdienst abhalten, der beginnt. — Wir verfehlen nicht nochmals b s K ^äuweisen, daß die H e r s f e l d e r K r e i s- nodi ? außer den fahrplanmäßigen Zügen
^.?Überzüge nach Sorga von hier 5er ^^EU laßt. Der erste fährt vormittags 11.13 Uhr, der andere 1.40 Uhr mittags.
):( Hersfeld, 20. Juni. Dem Vernehmen nach hat die hiesige Metzgerinnung in der am 18. d. Mts. im Lokal des Herrn Fr. Sander stattgefundenen Versammlung die Preise für das Schweinefleisch und für das K a l b f l e i s ch, um dem Publikum in weitgehendster Weise entgegen zu kommen, erheblich herabgesetzt und zwar kostet das Pfund Schweinefleisch von heute an 0,70 M., Schnitzel 1,10 M., magerer Speck 0,90 M., fetter Speck 0,80 M., bei Abnahme von 4 Pfund zusammen 3 M., Schmalz 0,80 M., ausgebraten 1 M. Der Preis des Kalbfleisches beträgt ebenwohl von heute an 0,80 M., Koteletts 0,90 M., Kalbfleisch zum Hacken 1,20 M. — Eine Herabsetzung des Preises für das Rindfleisch war nach Lage der heutigen Verhältnisse mit dem besten Willen nicht möglich. Sicherlich wird das Entgegenkommen der hiesigen Fleischerinnung vom Publikum aufs lebhaftigste begrüßt werden.
-l- Hersfeld, 20. Juni. Nur- eine kurze Spanne Zeit trennt uns noch von der Eröffnung der ersten größeren landwirtschaftlichen Bezirksau s st e l l u n g, die vom 3.-5. Juli in Hersfeld stattfindet. Aussteller und Beschauer aus dem ganzen Hessenlande und weit über seine Grenzen hinaus rüsten sich dazu,- die Einen, um die Erzeugnisse ihres Fleißes und ihrer Intelligenz würdig zur Darstellung zu bringen, die anderen, um die Proben solcher Schaffenskraft zu schauen und sich daran zu freuen. Sind es doch die Glanzleistungen der Landwirtschaft und der Hand in Hand mit ihr wirkenden industriellen und gewerblichen Unternehmungen, die hier dem Auge dargeboten werden. Sieht schon der Städter gern ein schmuckes Pferd, ein lustiges Fohlen, ein blankes Rind, so gehört es für die ländliche Bevölkerung mit zum Schönsten, einer so stattlichen Tierschau beizuwohnen, wie sie die Hersfelder Ausstellung zu bieten verspricht. Neben der Tierschau, den vielen Maschinen und Geräten und manchem anderen, das im Freien die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich lenkt, ist jedoch auch auf die Erzeugnis- Halle hinzuweisen, die noch mancherlei Beachtenswertes unter ihrem schützenden Dache birgt. Hier befindet sich u. a. auch die interessante Ausstellung der Buchstelle der Landwirtschaftskammer. Wenn wir bedenken, daß diese Abteilung für landwirtschaftliches Buchführungs- und Rechnungswesen erst ein Vierteljahr besteht, so werden wir uns — angesichts deL breiten Raumes den sie beansprucht — der Tatsache erinnern müssen, daß wir im sogen. „Zeitalter des Kindes" leben. Auch die Buchstelle in ihrem Kindesalter fordert ihr Recht auf Beachtung und auf Entwicklung — umsomehr, als die letztere nach ihrem bisherigen Verlauf zu den schönsten Hoffnungen berechtigt. Auf 2 Tafeln unter Glas ist u. a. ein Einblick zu erlangen in die äußerst interessante Rechen- arbeit, die in der Buchstelle geleistet wird. Die eine Tafel zeigt die Gewinn- und Verlustrechnung eines Kuhstalles von rund 30 Haupt, die andere bringt von 10 Wirtschaften die Hauptzahlen der Kosten und Leistungen der Kuhställe einzeln zur^vergleichenden Darstellung und schließt daran für 1 Wirtschaft höchst beachtenswerte Folgerungen. Jedenfalls erkennt man hier den außerordentlich hohen Wert der Tätigkeit der Buchstelle für den Einzelnen wie für die Geiamt- Heit. Der Berliner sagt: „Dett muß man feschen, dett muß man beijewohnt haben."
):( Hersfeld, 20. Juni. Am heutigen Tage begeht Herr Kaufmann W i l h el m Z i ck e n dr a ht hier Mit seiner Gemahlin das Fest der g o l d e n e n H o chz ei t. Dem Jubelpaare wurde aus diesem Anlaye von Sr. Majestät dem Kaiser die Ehefubilaumsmedaille verliehen, die nebst einem Glückwunschschreiben heute vormittag durch Herrn Pfarrer Scheffer mit einer Ansprache überreicht wurde.
):( Hersfeld, 20. Juni. Für das morgen vormittag von 1'212 bis 1/2I Uhr auf dem Marktplatze stattfindende Promenadenkonzert ist folgendes Programm festgesetzt worden: 1. Lätitia-Marfch von Hermanm 2. Morgengruß, Ouvertüre vonLudecke. 3. Gruß dich Gott Westfalenland, Lied von Peters. 4. Wer kann dafür, Walzer a. d. Poße Polnische Wirtschaft von Gilbert. 5. Die kleine Barmaid, Intermezzo a. d. Operette „Grigri" von "rncke. b. My little black Sweetheart, Two Step von Frederikjon.
8 Serskeld 20 Juni. Zur Wetterlage wird von der Wetterdienststelle Weilburg unterm 10. Juni geschrieben: In den letzten Tagen ist der Luftdruck über ganz Mitteleuropa allmählich gestiegen. Die Gewitter haben dementsprechend an Häufigkeit nachgelassen, wenn sich auch immer noch einige flache Telltiefs hier und da aus bilden und stellenweise Gewitter bringen. Auf der Wetterkarte sehen wir zwar vorläufig noch keinen größeren Tiefdruckwirbel, der einen Umschlag bringen könnte. Doch pflegt bei solch gleichmäßiger Lustdruckverteilung, wie wir sie jetzt haben, ein vom Ozean auftauchender Wirbel schnell herein-
zubrechen. Wir müssen mit der Wahrscheinlichkeit rechnen, daß uns die ersten Tage der nächstenIWoche eine durchgreifende Aenderung der jetzt bestehenden Witterung bringen können.
§ Hersfeld, 20. Juni. Die Neubau st recke Niederaula-Schlitz (Hessen) wird a m 15. Augu st d s. I s. eröffnet werden können. Die Eröffnung der Neubaustrecke (Niederaula-) Niederjossa-Grebeuau- Teilstrecke der Neubaustrecke Niederjossa-Alsfeld (Ober- hessen) ist zum 1. Oktober ds. Js. in Aussicht genommen. Zur Erörterung des für diese Strecken vorgesehenen, anschließend an die Besprechung in Schlitz am 3. September 1913 und an Hand der zwischen- zeitig der Königl. Eisenbahndtrektion Frankfurt a. M. unterbreiteten Wünsche neu aufgestellten Fahrplan- entwurfs soll am Dienstag, den 30. Juni 1914, 10Va Uhr vormittags eine weitere gemeinsame Besprechung in Alsield abgehalten werden. Das Versammlungslokal wird noch bekannt gegeben werden.
):( Hersfeld, 20. Juni. Gestern morgen rückten die Schüler der oberen Klassen des hiesigen Gymnasiums zu einer Tur n fahrt aus, die in zwei Tagen über den Hanstein-Witzenhausen nach Hannöv. Münden und von da mit Dampfer nach Carlshafen führt. Von dort führt dann der Weg nach Hofgeismar und hier findet die Rückfahrt per Bahn statt. — Die anderen Klassen unternahmen Tagestouren in die weitere Umgebung Hersfelds.
):( Hersfeld, 20. Juni. Die Theaterdirektion des Fuldaer Stadttheaters beabsichtigt auch in diesem Jahre hier eine Reihe von Gastspielen zu geben. Das erste derselben findet am kommenden Montag abend in der neuen Turnhalle statt. Gegeben wird das entzückende Lustspiel „I in wunderschönen Monat Mai." Die „Eichsfeldia" schreibt darüber: Ein harmlos - heiteres Bühnenstück, erfüllt von rheinischer Poesie und dem Zauber „alter Burschenherrlichkeit". Amor als „Maiteufelchen" stiftete nahezu ein halbes Dutzend Paare, führt den alten Doktor- jubilarius mit seiner „Jugendgeliebten" zusammen und setzt selbst der kleinen Gundel das sechzehnjährige Herz in lichterlohe Flammen — was will man mehr"? Dazu ertönen Lieder — es fließen Ströme von Sekt — vom Rhein her erschallen Musikweisen und nächtlich im Park promeniert die stets doppelt verlobte Dienstmaid Auguste , . . Der Bräutigam mit dem Bouquet, der nicht weiß, mit welcher Tochter er sich verlobt hat, die drei Korpsbrüder, die um die Töchter anhalten, nur um die Hausfrau milder zu stimmen, und der kleine Primaner „Teddy", der sich partout duellieren will, — all das sind drollige, amüsante Gestalten, denen man gern zuhört, wenn sie vou Liebe seufzen oder in echter Rheinlust lachen. Es sei daher jedem, der einige wirklich vergnügte Stunden verleben will, der Besuch dieses Stückes empfohlen.
):( Hersfeld, 20. Juni. Seit einiger Zeit wurden in einem hiesigen Ladengeschäft fortgesetzt Geldbeträge aus der Ladenkasse entwendet. Nunmehr gelang es als Täter mehrere schulpflichtige Knaben abzufassen.
-m- Niederaula, 20. Juni. Herr Amtsrichter H eußn er hier wurde zum Am tsgerichtsr a t ernannt.
Cassel, 19. Juni. Betrug und schwere Urkundenfälschung wurde dem Dienstknecht August S. aus Schenklengsfeld zur Last gelegt. Der Angeklagte ließ sich eine Uhr für 8 Mk. auf Kredit geben. Da man ihm aber nur gegen Bürgschaft seines Arbeitgebers Kredit einräumen wollte, so fälschte er die Unterschrift seines Dienstherrn, worauf dann der Betrug alsbald ans Tageslicht kam. Die Strafkammer verurteilte den geständigen Angeklagten zu 3 Monaten Gefängnis.
Eisenach, 17. Juni. Der geheimnisvolle Tod der Witwe Kaiser aus Farnroöa, die, wie bereits gemeldet wurde, in der Mahl- und Schneidemühle „Klein Berlinchen" zwischen Farnroda und Bad Thal tot aufgefunden wurde, hat jetzt seine Aufklärung gefunden. Der 22jährige Tischlergeselle Fritz Debes aus Ruhla (G. A.) ist als der Tat dringend verdächtig verhaftet worden und hat auch bereits die Tat in vollem Umfange eingestanden. Allerdings ist die Frau nicht von Debes ermordet worden, sondern Debes hat die 80 Jahre alte Frau in das leerstehende Gebäude gelockt und hat ein schweres Verbrechen an ihr begangen. Infolge der ungeheueren Aufregung und der Mißhandlung durch den rohen Patron erlitt die Frau einen Blutsturz, an dessen Folgen sie gestorben ist.
Wetteranöfichten für Sonntag den 21. Juni.
Zunehmende Bewölkung, bis auf Gewitter, trocken, warm, südwestliche Winde.