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Hersfelder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger ^£^ für den Kreis Hersfeld

Weiber Wlatt

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wieder­holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage

Sernsprech-slnschlutz Nr. 8

Nr. 140.

Donnerstag, den 18. Jnni

1914.

Bus der Heimat.

* (Die Eigenschaft der Lehrer als G e - m e i n d e b e a m t e). Nach einem jetzt veröffentlichten Urteil des Reichsgerichts sind Lehrer an höheren, von der Gemeinde unterhaltenen Schulen Gemeindebeamte und nicht unmittelbare Staatsbeamte wie die Lehrer an den staatlichen höheren Schulen. Allerdings sind sie Gemeindebeamte eigener Art, nicht Gemeindebeamte im Sinne der Städteordnung und auch nicht Kom- munalbeamte im Sinne des Kommunalbeamtengesetzes. Wie alle übrigen Gemeindebeamten sind auch sie mittelbare Staatsbeamte.

):( Hersfeld, 17. Juni. Gestern nachmittag gegen 4 Uhr zogen mehrere schwere Gewitter über unsere Stadt, die von starken Regenfällen begleitet waren. Glücklicherweise richtete das Unwetter hier keinen besonderen Schaden an. Umso heftiger kamen die Gewitter jedoch in anderen Teilen unseres Kreises zum Ausbruch und verursachten stellenweise großen Schaden, teils durch wolkenbruchartigen Regen, teils auch durch Hagelschlag. Auf dem Gute H ä l g a n s wurde der dort beschäftigte 20 Jahre alte Knecht H. Reinhardt aus Gittersdorf vo m Blitze erschlagen, als er damit beschäftigt war, das Vieh von der Weide nach Hause zu treiben. In Willingshain schlug der Blitz in ein Gehöft und zündete. Desgleichen wird aus Schwarzenborn gemeldet, daß dort der Blitz Brandschaden verursachte. Ueberhaupt wird aus allen Teilen Kurhessens von schweren Unwetterschäden berichtet, die gestern und vorgestern durch Ge­witter hervorgerufen wurden. Wir lassen nachstehend noch einige Meldungen hierüber folgen:

Oberanla, 16. Juni. Unser Ort wurde heute nachmittag 4 Uhr von einem schrecklichen Unwetter heimgesucht. Ein wolkenbruchartiger Regen mit schwerem Hagelschlag vernichtete den Obstansatz und richtete in Feld und Wiesen großen Schaden an. Der Blitz schlug in das Anwesen des Bauern Willhard und äscherte Haus und Nebengebäude ein.

Gerstungen a. d. Werra, 16. Juni. Bei dem gestern nachmittag hier niedergehenden Gewitter wurde der 40jährige Maurer Winter aus Gerstungen von einem Blitzstrahl getroffen und getötet. Winter befand sich mit seiner Frau und einem Kinde auf dem Felde. Er trat zum Schutze gegen den Regen in ein Gebüsch, an dessen Rande sich ein tiefer Steinbruch befindet. Hier wurde er von einem Blitze getroffen und stürzte tot in den Steinbruch hinab. Die Frau und das Kind wurden schwer betäubt, befinden sich aber auf dem Wege der Besserung. Winter hinterläßt eine zahl­reiche Familie.

. Fulda, 15. Juni. Gestern mittag gingen teilweise über dem Kreis Fulda und angrenzendem Gebiete verheerende Unwetter nieder, die überall großen Schaden anrichteten. So schlug z. B. in Petersberg bei Fulda um 121/2 Uhr der Blitz in das Wohnhaus des Joseph Wertmüller, ohne glücklicherweise zu zünden. Dagegen richtete er in fast allen Zimmern Schaden an. In Marbach, Kreis Fulda, hauste ein schweres Gewitter mit Hagelschlag, der in den Fluren großen Schaden anrichtete.

Melsunge«, 16. Juni. Heute nachmittag wurde das Fuldatal von einem schweren Gewitter heimgesucht. In Binsförth erschlug der Blitz zwei italienische Ar­beiter. Ein weiterer Blitzstrahl fuhr in das Stations­gebäude in Baumbach. Ein Kind des Vorstehers wurde erschlagen, während ein anderes betäubt wurde. Dre Fluren wurden von schwerem Hagelschlag ge­trosten. Auch das Pfieffetal ist schwer heimgesucht

teilweise überschwemmt. Zum Teil wurde das srrsch gemähte Heu fortgeschwemmt. Die Wasser haben in den Fluren enormen Schaden angerichtet.

Küllstedt, 16. Juni. Bei einem gestern nachmittag hier medergegangenen Gewitter wurde ein 13jähriges Mädchen vom Blitz erschlagen. Das Kind war mit seiner Schwester mit Futterholen beschäftigt, wobei sie von dem Gewitter überrascht wurden: Als das Mädchen eine zurückgelassene Sichel holen wollte, wurde es von dem tödlichen Blitzstrahl getroffen.

Frankenheim (Rhön), 16. Juni. Ein heute auf der hohen Rhön niedergegangener Wolkenbruch hat m der hiesigen Gegend große Verheerungen angerichtet. Die Gewässer stürzten mit unheimlicher Gewalt vom Berge herab. Bei der unterhalb Frankenheim ge­legenen Zigarrenfabrik fielen zwei Brücken und mehrere kleinere Gebäude dem Wasser zum Opfer. Fn.Leubach rissen die Fluten Schweineställe, Acker- «orate, Brennholz usw. weg. Mehrere Wohnhäuser »rußten ausgeräumt werden. Der auf den Wiesen »»gerichtete Schaden ist unermeßlich.

-n- Widdershansen a. d. 16. Juni. feilte morgen zwischen 7 und 8 Uhr konnte man hier an der Werra ein interessantes Schauspiel beobachten. Eine kleine Abteilung der 14. Husaren aus Cassel, anscheinend eine Offizierspatrouille, durchschwamm auf ihrem Durchmärsche nach dem Truppenübungsplatz O h r d r u f die Werra in der Nähe der hiesigen elektrischen Zentrale. Natürlich hatte sich sehr bald eine große Menschenmenge eingefunden, um diesem trefflich gelungenen Uebergang der Kavallerie-Ab­teilung über die Werra zuzuschauen. Auch bei D a n kma r s h a u s e n ist die Werra von einer anderen Husaren-Abteilung überschritten worden.

-n- Widdershausen a. d. W., 16. Juni. (General­versammlung im Spar - und Darlehns- ka sse n v er e in.) Der hiesige, am 18. April 1913 gegründete Spar- und Darlehnskassenverein hielt am letzten Sonntag in dem Saale der Ruch'schen Gast­wirtschaft seine diesjährige erste Frühjahrs-General- Versammlung ab, wobei von dem Rechner, Herrn Hauptlehrer B r a n d a u, Rechnung und Bilanz für das Jahr 1913 abgelegt wurde. Dem Rechnungs- und Bilanzabschluß entnehmen wir folgendes: Der Spar- und Darlehnskassenverein Widdershausen gab im Jahre 1913 seit der Aufnahme des Geschäftsbetriebes 96 Spar­bücher aus und zahlte 20 Darlehen aus. Die Mit­gliederzahl betrug am Gründungstag 45 und ist bis jetzt auf über 80 angewachsen. Für Spargelder werden 4o/o, für Depositen von 2000 M. aufwärts und bei 1/2 jähriger Kündigung 4VM Zinsen gewährt. Darlehen werden zu 4^°/o ausgegeben. Der Verein hat seinen Mitgliedern im Jahre 1913 für 8000,66 M. an Dünge- und Futtermitteln geliefert. Die Aktiva betrug am 31. Dezember 1913 63 851,03 M., die Passiva 62 737,04 M., so daß der junge Verein einen Gewinn von 1113,99 M. verzeichnen kann. Der Jahresumsatz betrug 159 895,98 M. Diese Uebersicht über die erfreuliche Entwicklung des jungen Vereins, dessen Geschäftsbetrieb erst am 1. Juni 1913 eröffnet wurde, zeigt zur Genüge, daß er auf einer gesunden Grundlage aufgebaut ist, daß ferner die Geschäftsführung des rührigen und um­sichtigen Rechners, Herrn Hauptlehrers Brandau, eine vortreffliche ist und endlich, daß der mächtig empor­strebende Verein der Zukunft mit frohem Hoffen und den höchsten Erwartungen entgegengehen kann.

-n- Kleinensee, 16. Juni. (Prinz Joachim im Quartier.) Auf dem Durchmärsche nach dem Truppenübungsplätze kam der als Leutnant bei den Casseler 14. Husaren stehende jüngste Kaisersohn Prinz Joachim, in Kleinensee auf dem Rittergute des Herrn von Bo d en h a u se n in Quartier. Am Abend lud der Hohenzollernprinz die Dorfjugend zu einem Tanze ein, sprach in herzlichen Worten über die freundliche Aufnahme und die mannigfachen Ehr­ungen, die er in unserem Dorfe gefunden hatte, und mischte sich selbst unter die Dorfjugend. Es hatte nicht lange gedauert, so hatte sich der freundliche Prinz durch sein leutseliges Wesen die Herzen aller gewonnen.

Treysa, 16. Juni. Ein trauriger Unglücksfall ereignete sich gestern abend in dem nahen Rommers- Hausen. Der Landwirt Georg Kern war tm Begriffe, mit seinen beiden Jungen einen Steg über die noch angeschwollene Schwalm zu reparieren. Ber dieser Gelegenheit brach die Brucke und alle drei stürzten ins Wasser Während es den beiden Knaben tm Alter von 9 und 14 Jahren gelang, sich zu retten, versank der 45jährige Vater in der Tiefe. Seine Leiche ist bis heute mittag noch nicht gefunden worden.

W LSjahrize Jubiläum des BnbMtö für innere Mission im AMmBM Kassel.

-ü- Einen Höhepunkt in der Geschichte der christlichen Liebestätigkeit unseres Heßenlandes bildete die am 14. und 15. Juni stattfindende Feier des Jubiläums des Landesvereins für innere Misston. In allen Kirchen unseres Hessenlandes wurde aus Anordnung Königlichen Konsistoriums der inneren Mission als einer Segensmacht für Stadt und Land gedacht. Am Nachmittag fand im Saale der neuerbauten Stadt­halle eine erhebende Festversammlung statt wo berufene Männer aus der Arbeit der inneren Mission die Vorsteher der drei größten Anstalten unseres Landes HerrPfarrerBlackertvom hessischenDiakonissen- Haus Herr Pfarrer Schuchhardt von den Anstalten Hephata und Herr Pfarrer Mohl von dem Heimchen Siechenhaus die Herzen der Zuhörer für die Arbeit der inneren Mission erwärmten. ~

Am Montag fand nach einer geschlossenen Ver­sammlung für die Berufsarbeiter und Vertreter der inneren Mission aus den einzelnen Diözesen um 11 Uhr die Hauptfestversammlung statt. Herr Pfarrer D. Sardemann begrüßte tue Versammlung, zu der auch die Vertreter der weltlichen und geistlichen

Behörden erschienen waren, und gab in einem hoch­interessanten Vortrag eine geschichtliche Entwicklung der inneren Mission in unserem Hessenlande von 1813 bis zur Gegenwart. Er zeigte, wie schon vor dem Auftreten Wicherns ein verheißungsvoller Anfang auf dem Gebiete der Ausbreitung von Bibeln, der Klein- Kinderschnlen, der Jugendbewegung, der Frauen- vereinsbildung, der Krankenpflege und Rettung von Verwahrlosten vorhanden war. Dann aber infolge der konfessionellen Streitigkeiten und der eintretenden Renitenz ein Stillstand eintrat, bis durch die Be­gründung der niederhessischen Pastoralkonferenz, durch die Evangelisation eines Schrenk, durch die Verlegung des hessischen Diakonissenhauses nach Cassel und durch die Begründung des Landesvereins für innere Mission, an dessen Spitze der weitsichtige, hochbegabte und unermüdlich tätige Herr Generalsuperintendent Lohr trat, eine neue Blütezeit erfolgte. Gegenwärtig stehen 9 theologische, 3 seminaristische, 62 in der Brüderanstalt, 389 als Diakonissen, 120 in den Anstalten der inneren Mission vorgebildete Arbeiter neben einer großen Zahl von freiwilligen Helfern und Helferinnen im Dienste der inneren Mission unseres HessenlandeS, deren Hilfeleistungen auf den verschiedensten Gebieten im letzten Jahre 70000 Menschen in irgend einer Weise zu gute kommen. Nachdem der Redner noch auf andere Momente hingewiesen hatte, die zum Auf­schwung der inneren Mission beigetragen hatten, schloß er mit dem Ausdruck des Dankes.

Freundliche Begrüßuugsworte widmeten dem feiernden Verein: Negiernngs- und Schulrat Dr. Liese als Stellvertreter für den Regierungspräsidenten Graf Bernstorff, Herr Generalsnperintendent Dettmering als Stellvertreter des Königlichen Konsistoriums, Herr- Bürgermeister Jochmus im Namen der Stadt Cassel, Herr Superintendent Klingender im Namen der hessischen Gemeinden u. des Gesamtsynodal-Ausschnffes, Herr Pastor Schöffen als Vertreter des Zentral- ausschusses für innere Mission in Berlin, Herr Professor Dr. Simons von der theologischen Fakultät in Marburg. Der Kultusminister von Trott zu Solz hat in einem Schreiben an den Vorstand des Landes­vereins seine Glückwünsche zu der Feier ausgesprochen, und Herr Oberpräsidialrat Dr. Dyes nahm als Ver­treter des Herrn Oberpräsidenten an der geschlossenen Versammlung für Berufsarbeiter und für die Ver­treter der inneren Mission aus den einzelnen Diözesen teil.

Eine freudige Ueberraschung aber wurde der Ver- sammlung zuteil, als Professor Dr. Simons von der Universität Marburg der Versammlung verkündete, daß aus Anlaß des 25jährigen Jubiläums drei ver­diente Männer unseres Hessenlandes die Würde eines Ehrendoktors der Theologie erhalten hätten. Herr Superintendent Happich von Marburg, Herr Superin­tendent Wissemann aus Hofgeismar und Herr Pfarrer a. D. Scheffer aus Marburg. Superintendent Wisse­mann dankte in vortrefflicher Rede für die ihm verliehene Würde. Hierauf hielt Professor Dr. Schoett einen bedeutsamen Vortrag über die volksapologethische Aufgabe der Gegenwart. Nach dem er in einem grundlegenden Teil die Lage des Christentums in der Gegenwart gekennzeichnet hatte, forderte er für die Apologethik, daß sie 1. den Schein zu zerstören habe, als ob der Unglaube das notwendige Ergebnis der Wissenschaft sei. 2. Daß sie die christliche Grundüber­zeugung zwar nicht zu beweisen, denn in den letzten Lebensfragen gibt es keine Beweise oder Gegenbeweise, wohl aber zu begründen habe und 3. daß sie zu zeigen habe, wie beides, christlich-fromm und wissenschaftlich- wahr zu sein, möglich sei. Diese apologethische Arbeit habe auf litterarischem Wege oder durch mündliche Vertretung der religiösen-sittlichen Grundanschauung des Christentums zu erfolgen. Für litterarische Ver­tretung forderte der Redner Mitarbeit an der Tages­preise,Herausgabe und Vertrieb von guten Flugblättern und Flugschriften, die volkstümlich geschrieben, im Aufbau und Sinn völlig durchsichtig und bestimmten Volksschichten angepaßt seien. Verbreitung guter Bücher und Kampf gegen alle falsche christliche Literatur. Zu mündlicher Verteidigung die Predigt und den Religionsunterricht,die klareundgroßeUeberzeugungen eindringlich zu bieten haben, und Teilnahme an Volksversammlungen, soweit sie nicht Radauversamm- lungen seien, außerdem die Veranstaltung von Vor- trägen, sowie eine sachgemäße Organisation der gesamten apolog ethischen Arbeit.

Nachdem noch der Kassenbericht erstattet und Herr Geh. Regierungs- und Schulrat Mühlmann für den Oberregierungsrat von Aschoff, der von Melsungen nach Koblenz versetzt war, in den Vorstand gewählt war und die Verteilung der Gaben an die verschieden­sten Gemeinden vorgenommen war, fand mit dem Liede:Ach bleib mit Deinem Segen" die Versammlung den Abschluß.

Wolkig, zeitweise heiter, trocken, warm, nord­westliche Winde.