Nach Konopifchl Konstanza.
Die Bedeutung des Zarenbesuches.
Der ausgesprochen politische Charakter der bevorstehenden Entrevue von Konstanza kann nicht bester illustriert werden, als durch das Programm, das mau für die Festlichkeit ausgestellt hat. Der Zar firnißt seinen Minister des Auswärtigen Serrn Ssasanow mit, um der kurzen Bisite in Konstanza ein nachdrücklich, politisches Gepräge zu verleihen. Auch dem politisch weniger Geschulten leuchtet ohne weiteres ein, daß der Besuch des russischen Zaren bei Strittig Karol nicht einfach als eine der landläufigen Fürstenbegegnungen abgetan werden kann, besonders nicht in unserer Zeit erhöhter politischer Spannung. Die Zeiten haben sich gewaltig geändert, da Rumänien noch eine werdende Macht war. Heute ist das Land des Hohenzollernkönigs Karol zur vorherrschenden Balkanmacht geworden, und alle Großmächte schicken sich an, diesen veränderten Verhältnissen Rechnung zu tragen, indem sie das mächtig- gewordene Rumänien als politischen Freund zu gewinnen suchen. Ein besonders eifriges, auffallend verdächtiges Bemühen entfaltet in dieser Richtung der Dreiverband. Obwohl Rumäniens Interesse nicht nur im Hinblick auf die Herkunft seines Königs nach der Seite des Dreibundes präponderiert, ist doch unzweifelhaft als Folge der veränderten politischen Konstellation im südöstlichen Europa ein Umschwung der öffentlichen Meinung Rumäniens zugunsten eines engeren Anschlusses an den Dreiverband zu verzeichnen gewesen. Wohlgemerkt, ein Umschwung der öffentlichen Meinung, nicht etwa der rumänischen Regierung, die sich nur zu sehr bewußt ist, daß ihr eine enge Verknüpfung mit der Triple-Entente nicht zum Heile ausschlagen kann.
Es gab eine Zeit, und sie liegt noch nicht allzuweit zurück, da Rumänien der beste Freund der Dreibundmächte war. In jenen Tagen wäre ein Zarenbesuch in Rumänien wohl kaum denkbar gewesen. Es muß nun ausdrücklich hervorgehoben werden, daß bet Deutschland nicht die Schuld für die Wandlung Rumäniens zu suchen ist, sondern wenn man überhaupt von einer Schuld sprechen will, so liegt diese unzweideutig bei Oesterreich. Es war fast mit Naturnotwendigkeit vorauszusehen, daß die Habsburgische Monarchie das Erstarken Ru- mäniens auf dem Balkan mit immer stärker werdendem Mißbehagen verfolgte, daß hier eine Jnteressenkollision sich herausbildete, die die beiden Nachbarstaaten mehr und mehr zu Nebenbuhlern um deu vorwiegenden Einfluß auf dem Balkan werden ließ. Unter diesem Gesichtswinkel ist die Annäherung des offiziellen Rußlands an Rumänien zu betrachten.
Es darf allerdings nicht verschwiegen werden, daß es auch in Rumänien nicht wenige Einsichtige gibt, die hinter dem auffälligen Liebeswerben Rußlands und Frankreichs nichts Gutes wittern. Eine ganze Reihe rumänischer Politiker treten dafür ein, daß ihr Land sich gerade dann die Stellung als Balkanvormacht am besten bewahren werde, wenn es sich keiner der beiden Mächtegruppierungen allzu enge anschließt, sondern lieber das Zünglein an der Wage bilden wird. So dürfte auch vom staatsmännischen Standpunkt aus König Karol denken, obgleich in natürlicher Weise seine Neigung zum Dreibünde hinzieht. Wird er aber stark genug sein, der öffentlichen Meinung seines Landes entgegen, sich von den Freundschaftsbeteuerungen des Zaren nicht einfangen zu lassen? Das russisch-rumänische Heiratsprojekt spricht nicht gerade dafür. Die Begegnung in Konvpischt, die wohl nicht zufällig dem Zarenbesuch nur um zwei Tage voraufgeht, wird gewiß die Möglichkeiten einer Angliederung Rumäniens an den Dreiverband in den Kreis ihrer ernsten Betrachtungen ziehen. r - '
Die Kapitalflucht ins Ausland.
In einer Kommission des preußischen Herrenhauses ist zur Sprache gebracht, daß sicherem Vernehmen nach eine Reihe deutscher Großindustrieller einen Teil ihres Vermögens in ausländischen Aktiengesellschaften, und zwar vorwiegend in schweizerischen, anlegen, um dadurch Ersparnisse an Steuern zum Schaden von Staat und Gemeinde zu erzielen. Eine bedeutende Firma der Rheinprovinz soll zu diesem Zweck beispielsweise in der Schweiz eine Vermögensverwaltungsbank mit einem Kapital von 15 Millionen Mark errichtet haben. Auf diese Weise soll dem Staat und der Gemeinde an direkten Steuern und Gründungskosten eine halbe Million Mark entgangen sein, abgesehen von den wesentlichen Ersparnissen an Staats- und Kommunalsteuern.
Von feiten schweizerischer Vereinigungen wird nach den in der Kommission gemachten Mitteilungen durch Zirkulare an deutsche Kapitalisten und große Firmen auf solche Ersparnisse hingewiesen. Infolgedessen sollen bereits 120 derartige Gründungen in der Schweiz zustandegekommen sein. Einige Handelskammern in westlichen Provinzen haben sich bereits mit der Angelegenheit beschäftigt und der Regierung Vorschläge zur Verhinderung einer Kapitalflucht ins Ausland gemacht.
Die rechte Wahl.
Roman von HeleneMerkel.
4) (Nachdruck verboten.)
„Ist das Leiden meines Bruders noch zu heilen? Geben Sie für ihn noch Hoffnung?"
An ihren todesblaffen Zügen, an dem angstvollen Blick, der gleichsam bis auf den Grund seiner Seele dringen wollte, erkannte er, wie sehr die Frage ihr Innerstes bewegte.
Er war zu ehrlich, um auf die Gefahr einer Unwahrheit hin dem Mädchen eine einfach beschwichtigende Antwort zu geben.
„Die Lunge ist in hohem Grade angegriffen!" sagte er.
^as seine Worte ihr noch nicht bestätigten, las ihr scharfer Blick aus seinen Mienen.
Heißt so viel als: es gibt keine Rettung mehr?" fragte sie tonlos.
^^„'^un bereute er doch, daß er ihr den Ernst der Sach- iwruWo^^ verhehlt hatte. Ein paar ergänzende taugten sich ihm auf die Lippen, ^su, sich auszusprechen.
Sie hatte sich wieder gefatzt.
^ "Sa^en Sie, bitte, meiner Mutter nichts von der schwere des Falls! Lassen Sie ihr Hoffnung bis
Stimmt ^ TEen erstickt, klang des Mädchens s^^eiÄn Zur Bekräftigung ihrer Bitte reichte sie dern Arzt die Hand. Er drückte dieselbe einen Augenblick, wie von tiefem Mitleid erfaßt,' dann ging er. Lerse zog Magdalene hinter ihm die Türe ins Schloß. Kaum aber war das geschehen, so lehme sie sich gegen HEU Türpfosten. Ihr war es, als müsse sie umsinken vor Schreck und Schmerz Jedoch ob ihr der Herzschlag auch beinahe Wstanb, ihr blieb keine lange Zeit zur
Von selten der Regierung wurde die Mitteilung, daß eine Reih« von Steuerpflichtigen erhebliche Kapitalien bei auswärtigen Banken, insbesondere der Schweiz, anlegen, bestätigt. Es würde auf diese Weise der preußischen Steuerbehörde der Besitz großer Kapitalien verheimlicht. Maßregeln dagegen ständen der Regierung nicht zur Verfügung. Eine gewisse Besserung sei durch die Bestimmungen über den Wehrbeitrag eingetreten. Die Regierung stellte in Aussicht, daß bei einer Abänderung des preußischen Steuergesetzes eine Bestimmung eingefügt werden solle, die eine möglichst nachhaltige Besteuerung solcher Gesellschaften im Ausland ermöglicht.
Politische Rundschau.
Der Einspruch ausländischer Regierungen gegen eine Heranziehnng fremder Staatsangehöriger zum Wehrbeitrag ist, wie verlautet, von der deutschen Regierung glatt abgelehnt worden. Die Antwort an die holländische Regierung, die zuerst Beschwerde erhoben hatte, ist kürzlich ergangen und stützt sich auf die Tatsache, daß der Wehrbeitrag keine Kriegssteuer im Sinne der Handelsverträge sei, sondern eine normale Frie- denssteuer in einer von dem Herkömmlichen abweichenden Erhebungsform. Gleichlautende Antworten dürften auch die andern beschwerdeführenden Regierungen, darunter Belgien, Frankreich und Rußland, erhalten.
Französische Schwatzereien zum Besuch in Kono- pischt. Mit dem bevorstehenden Besuch Kaiser Wilhelms in Konvpischt beschäftigen sich die Pariser Blätter sehr eifrig. Die konfusesten Vermutungen müssen den Mangel an Informationen ersetzen. Das stärkste Stück leistet hierbei ein Blatt mit folgender Betrachtung: „Man wird in Konvpischt fraglos von der künftigen Mittelmeerpolitik Deutschlands und von den Sonderausgaben Oesterreichs in der Adria sprechen. Der Minister dt Giu- liano ist nicht nach Konvpischt geladen worden. Das läßt tief blicken. Man will sich also in Abwesenheit des italienischen Bundesgenossen mit dieser großen Frage befassen. Die Annäherung Italiens an den Dreiverband, die seit der neuen Wendung in der albanischen Frage so bemerkenswerte Fortschritte gemacht hat, ist also nur eine Frage der Zeit." Tief blicken läßt, so bemerkt der „B. L.-A." nicht mit Unrecht dazu, höchstens die Albernheit dieser Zeitungsmache, von der man sich anscheinend in Rom besondere Wirkungen verspricht.
30 Mill. Mark Kursverluste der Sparkassen. Der Vorstand des Preußischen Städtetages hat, veranlaßt durch die starken Kursverluste an Inhaberpapieren, die die Sparkassen bereits seit einer Reihe nun Jahren, noch mehr aber seit Inkrafttreten des Sparkassenanle- gungsgesetzes mit seinem Zwang zu gesteigerter Anlagetätigkeit in solchen Werten, verzeichnen, eine zahlenmäßige Untersuchung darüber angestellt, wie hoch sich diese Kursverluste im Vergleich zum Gesamtbestande an Jn- Haberpapieren und im Vergleich zu den Sparkassenüber- schüssen in den letzten drei Jahren stellen. Das außerordentlich bemerkenswerte Ergebnis dieser Untersuchung, die sich auf 60 städtische Sparkassen erstreckt, deren Rechnungsjahr mit dem Kalenderjahr znsammen- fällt, liegt jetzt vor. Danach stellen sich die buchmäßigen Kursverluste an Inhaberpapieren überhaupt in den Jahren 1911 bis 1913 bei einem Durchschnittsbestand von 427,9 Mill. Mark an Inhaberpapieren auf 30 106 261 Mark, das sind 7,03 v. H.
Herr Nasi, der italienische Exminister, der seinerzeit ehrenrührige Handlungen in seiner ministeriellen Tätigkeit mit mehrjährigem Gefängnis büßen mußte, hat trotzdem bei seinen Wählern an Ansehen nicht das Geringste eingebüßt. Obgleich das' italienische Parlament mehrmals die auf ihn gefallene Wahl kassierte, entsandte ihn sein Wahlkreis initiier wieder als würdigsten Vertreter in die Kammer. Dieses unwürdigen Spiels müde, hat das Parlament nun Nasis Wahl anerkannt.
Kein englisch-russisches Flottenabkommen. Auf die Ansraae eines Liberalen in der Sitzung des englischen Unterhauses, ob zwischen Rußland und Großbritannien ein Flottenabkommen geschlossen sei oder darüber Verhandlungen geführt würden und inwieweit davon die britischen Beziehungen zu Deutschland berührt würden, berief sich Staatssekretär Grey auf eine Antwort As- guiths im Vorjahre, wonach keine geheimen Abkommen beständen. Verhandlungen hätten nicht geschwebt und würden wohl auch kaum gepflogen werden. Im anderen Falle würde das Parlament davon benachrichtigt werden.
Kleine Radirlehfen.
Eine Verlobung im englischen Hochadel. Wie aus London gemeldet wird, steht die Verlobung des Prinzen Alexander von Battenberg mit der Gräfin Zia von Torby bevor. Der Prinz ist ein Bruder der Königin von Spanien, die Gräfin eine Tochter des Großfürsten Michael Michaelowitsch von Rußland.
Sammlung, sie mußte wieder hinein zu dem Bruder, sollte ihr Draußenbleiben nicht seinen Verdacht erwecken.
„Du warst lange draußen," sagte er denn auch schon, als sie zu ihm eintrat, „hat er Dir noch etwas von mir gesagt? Schlechtes?"
Mit dem mißtrauischen Blick des Kranken suchte Franz in ihrem Gesicht zu lesen.
„Nein!" antwortete sie, mit Gewalt die förmliche Erstarrung, die sich ihrer bemächtigt hatte, abschüttelnd. Mit dem Aufgebot äußerster Willenskraft suchte sie auch ihren Zügen den früheren unbefangenen Ausdruck wieder aufzuzwingen und es mußte ihr gelangen, — Franz schien keinen weiteren Verdacht zu hegen.
Nachdem er eine Weile still seinen Gedanken nachgehangen hatte, begann er abermals:
„Ach, wenn ich nur erst wieder gesund wäre! Aber zu Ostern, denke ich, werde ich es wieder sein, nicht wahr, Magdalene? Daß wir nur nicht vergessen, beizeiten an Blvch u. Crelinger zu schreiben wegen einer neuen Anstellung! Und an meiner Kleidung muß auch noch verschiedenes wieder instand gebracht werden!"
„Gewiß, gewiß!" bestätigte Magdalene, während sie innerlich meinte, vergehen zu müssen vor Jammer und Leid.
Nachher erst kam es ihr in den Sinn, wie glücklich sie doch noch gewesen war, als sie sich vorhin mit Franz unterhalten hatte, — vorhin, ehe sie den Arzt gefragt und derselbe ihr die Wahrheit, daß hier keine — keine Hoffnung mehr war. . . .
In der Rolandschen Villa saßen im eleganten Zim- Er Mutter und Tochter, mit Weihnachtsarbeiten be- Ichaftigt. Auf die feinen Stoffe, Gold- und Seidenfäden strahlte der Kristalleuchter, welcher von der mit den entzückendsten Malereien geschmückten Decke herabhing, das elektrische Licht. Es floß über die beiden Frauenge- stalten, über die zierlichen Rokokomöbel und all die vie
Ein schweres Antomobilunglück ereignete sich Donnerstag abend in der Kefselstratze zu Berlin. Ein Drosch- fciiautomobil, das einem anderen ihm entgegenkom- menden Kraftwagen und einem Lastwagen ausweichen wollte, geriet dabei auf den Bürgersteig und Überfuhr zwei Knaben, die sich in Begleitung eines älteren Mädchens befanden, das noch ein ganz kleines Kind auf dem Sinne trug. Bei dem einen Knaben konnte nur noch der Tod festgestellt werden. Der andere war so schwer verletzt worden, daß nur noch wenig Hoffnung besteht, ihn am Leben zu erhalten.
Ein starkes Gewitter, das von wolkenbruchartigem Regen begleitet war, entlud sich Donnerstag abend über Berlin und rief in einzelnen Stadtteilen erhebliche Verkehrsstörungen hervor, da die Wassermassen nicht schnell genug abflietzen konnten. — In Gelsenkir- chen richteten bei einem außerordentlich schweren Unwetter Wolkenbrüchc und Hagelschlag schweren Schaden an. An manchen Stellen lag der Hagel vierzig Zentimeter hoch. Die Feldfrüchte wurden zum grüßten Teil vernichtet.
Eine Löwenjagd in Bahreufeld. Der bekannte Ringkämpfer Fred Marcussen, der in Bahrenfeld bei Hamburg wohnt, besaß einen jungen Löwen, den er in seiner Wohnung gefangen hielt, der aber allmählich herangewachsen war, sodass ihn sein Besitzer dem Hamburger Zoologischen Garten als Geschenk überweisen wollte. Als er das Tier aus dem Käfig herausließ, sprang der Löwe auf Marcussen zu und ritz ihm die Kleider vom Leibe. Darauf stürzte der Löwe ins Freie und flüchtete. Marcussen verfolgte den Löwen und streckte ihn schließlich durch mehrere gutgezielte Revolverschüsse tot nieder.
„Z 6" im Sturm. Das am Donnerstag unerwartet in Leipzig eingetroffene Militttrluftschiff „Z 6" war nachts von seinem Standort Dresden zu einer Uebungsfahrt aufgestiegen, die bis Chemnitz und Freiberg führte. Bei der Rückkehr vermochte das Luftschiff wegen des Sturmes nicht zu landen. Der Führer entschloß sich deshalb kurzerhand, nach Leipzig zu fahren, wo das Schiff in die Halle gebracht wurde.
Ein Postdefrandaut festgenommen. Ein Defrandank der Postmeister Joseph Wilczek, der am 17. Mai in Krakau 200 000 Kronen unterschlug, ist am Donnerstag durch die Aufmerksamkeit eines Liftbons in einem Dresdener Hotel erkannt und von der Polizei festgenommen worden. In seinem Besitz befanden sich noch 2000 ,/Z
Der Urheber des bekannte» Stratzbnrger Alarmes am Aschermittwoch des vorigen Jahres, der frühere Zahl- meisteraspirant Wolter, der bisher in der Bezirksirrenanstalt Stefansfeld untergebracht war, ist dieser Tage in die Irrenanstalt Hoerdt eingeliefert worden. Wolter hatte in Stefansfeld öfters Fluchtversuche unternommen, die aber rechtzeitig vereitelt werden konnten, und das dürfte Anlaß zu feiner Uebersührung nach Hoerdt geworden sein.
6ericftt und Redit.
Wieder ein Titelschwindler. Bei der Bocbumer Knappschaftsbernssgenossenschaft bewarb sich seinerzeit ein Bureaubeamter, der sich als „Dr. phil. und Leutnant der Reserve" Oberscheidt ausgab, um eine Stellung, die er mit Rücksicht auf seine Qualitäten auch erhielt und längere Zeit bekeibete. Auch war er vorher bei den Magistraten in Hamburg, Halle und Altona tätig gewesen und überall wußte er sich unter Vorspiegelung seiner falschen Titel ausgedehnten Kredit zu verschaffen. Seine Schwindeleien veranlaßte schließlich die Behörde, die Rechtmäßigkeit der von dem jungen Mann geführten Titel zu prüfen, und es ergab sich nun, daß Oberscheidt weder Dr. phil. noch L. d. R. war. In der Verhandlung vor dem Berliner Schöffengericht hatte sich Oberscheidt wegen zwei von ihm verübter Betrugsfälle zu verani- worten. Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu drei Monaten Gefängnis. In seinem Plädoyer bezeich- uete der Amtsanwalt den Angeklagten als einen „Zweiten Bürgermeister Alexander".
Verurteilter Landesverräter. Im Spionageprozetz gegen den Provinzialbureauassistenten Max Rosenfeld aus Königsberg wurde der Angeklagte vom Reichsgericht wegen Verrats militärischer Geheimnisse zu 15 Jahren Zuchthaus, 10 Jahren Ehrverlust, 10 000 Mark ©elöftrafe, an deren Stelle im Nichtbeitreibnngsfalle 8 Monate Zuchthaus treten, sowie Stellung unter Polizeiaufsicht verurteilt. Die Urteilsbegründung erfolgte unter AnsMuß der Oeffentlichkeit. Rosenfeld hatte dem russischen Nachrichtenbureau allerlei geheimzithal- tende Plane und Schriften ausgeliefert. Der als Zeuge aus der Haft vorgeführte ehemalige Vizewachtmeister Dobmskl ist bereits vom Kriegsgericht wegen Verrats von geheimen Schriftstücken und Büchern an den rus- ftWn Nachrichtendienst zu 15 Jahren Zuchthaus nPd M 000 Mark Geldstrafe verurteilt worden. Rosenfeld hatte den Dobinski, als dieser noch aktiver Soldat war, zum Verrat angestiftet.
Aufregende Szene in einem Gerichtssaul. Eine aufregende' Szene spielte sich am Mittwoch in einer Schöf- fengerichtssitzung in Gäbt ab, wo die Kontoristin Maria
len Schmuckstücke und Nippes, bis in alle Ecken und Winkel des traulichen Gemachs.
Mit der kostbaren Einrichtung desselben stimmten die zwei Damen in ihrem eleganten Aeutzern überein.
~ Die, welche die Mutter war, trug ein dunkelgrünes Seidenkleid, reich mit Sammet verziert. Sie war klein und dickbeleibt, zu stark eigentlich für das Alter, in welches man sie im Hinblick auf ihr noch frisches Gesicht sowie das reine, glänzende Schwarz ihrer Haare rechnen mußte.
~ Die Tochter zeigte viel Aehnlichkeit mit der Mutter. Sie hatte auch das volle, runde Antlitz und die kleine Gestalt wie diese,- über dem ersteren aber lag noch der ganze Schmelz der Jugend, während auch die Figur jugendlicher Grazie und Anmut nicht entbehrte. Gleichfalls elegant, in hellfarbige Seidenbluse und schwarzen Sammetrock war die Tochter gekleidet.
In die Unterhaltung, welche die beiden Damen während ihrer Beschäftigung führten, scholl plötzlich die Stimme des eintretenden Dieners:
„Herr Doktor Günther sind gekommen!"
Else Roland schnellte von ihrem Sitz empor, die kostbare Handarbeit auf den Tisch werfend.
„Mama, Du bist wohl so gut und packst meine Stickerei mit ein?" sprach sie hastig. „Ich möchte Hermann nick^ warten lassen!"
Ein paar Augenblicke später hörte die Mutter, wie Else im anstoßenden Salon den Doktor Günther, der ihr Verlobter war, jubelnd begrüßte.
Nun ging auch sie hinein, aber mit etwas mißmutigem Gesicht.
„Kommst Du aber heute spät, Hermann!" begrüßte sie den Ankömmling.
Der Arzt, mit Elfe am Arm, trat vor sie hin und reichte ihr zum freundlichen Gruß die Hand.
.(Fortsetzung folgt.)