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tzersselder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger

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Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

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Zernsprech-Knschlutz Nr. 8

Nr. 135

Freitag, den 13. Juni

1914

Bus der Heimat«

* Die Vorarbeiten für das Kreisturnfest in Göttingen schreiten rüstig vorwärts. Den aus­wärtigen Vereinen sind die Einladungen zugegangen; die Anmeldungen müssen bis zum 1. Juli erfolgen. Nach der soeben erschienenen Bestandserhebung zählte der Oberweserkreis am 1. Januar 1914 590 Vereine mit 35 759 Mitgliedern. Im Laufe des Jahres sind schon wieder hinzugekommen 40 Vereine, sodaß mit einem Bestände von 630 Vereinen mit 37 000 Mit­gliedern zur Zeit des Festes gerechnet werden kann. Zur Zeit des 1892 in Göttingen verunstalteten Kreis­turnfestes zählte der Kreis 90 Vereine mit rund 9000 Mitgliedern. Die Vereine zähle»» also jetzt das sieben­fache, die Mitgliederzahl das vierfache.

* (Der Saatenstand im Regierungsbezirk Cassel.) Die für den Anfang dieses Monats von der» landwirtschaftlichen Vertrauensmännern für den Umfang unseres Regierungsbezirkes abgegebene»» Gutachten über die wichtigster» Fruchtarten besagen folgendes: Winterweizen durchschnittlich Mittel, Sornmerweizen ebenso, Winterroggen etwas schlechter als Mittel, Sommerroggen etwas besser als Mittel, Gerste und Hafer gut bis Mittel, Kartoffeln etwas besser als Mittel, Klee Mittel bis gering, Luzerne Mittel, Wiese»» besser als Mittel.

§ Hersfeld, 11. Juni. ZurWetterlage wird von der Wetterdienststelle Weilburg unterm 10. d. M. geschrieben: Das heute in unserm Bezirk eingetretene schöne Wetter verdankt sein Entstehen nur einem kleinen und ziemlich flachen Hochdruckgebiet, das über Westdeutschland liegt. Die gesamte europäische Wetter­lage ist jedoch noch keineswegs so, daß wir jetzt schon eine längere Zeit trockenen Wetters annehmen können. Westlich von Frankreich liegt auf dem Ozean noch ein Restwirbel, dessen Ausläufer uns wahrscheinlich noch beeinflusse»» werden. Vorläufig müssen mir also noch mit dem Eintritt von Gewittern rechnen. Eins ist allerdings auch durch die allgemeine Wetterlage jetzt entschieden, der Eintritt von kalter Witterung erscheint in der nächsten Zeit ausgeschlossen.

* (Der Wonnemonat Mai.) Nach Berichten der Frankfurter Wetterwarte war der Mai 1914 der regenreichste Maimonat seit dem Jahre 1857. Mit 190,2 mm Niederschlagsmengen überragte er das Durchschnittsmaß um 324 Prozent. Am Montag den 25. Mai fielen allein 38 mm, also an einem Tage mehr als ein Drittel der gesamten Monatsmenge. Die großer» Regengüsse führten naturgemäß auch zu empfindlichen Temperaturstürze»», die im Durchschnitt 1,4 Grad unter dem Durchschnitt lagen. Der 25. Mai brächte sogar eine Abkühlung bis auf 6,1 Grad, eine seit 1867 nicht beobachtete Erscheinung.

§ Hersfeld, 11. Juni. Die Gartenbesitzer klagen namentlich zur Zeit der Erdbeerernte nicht mit Unrecht über den Schaden, welchen Amseln, Spatzen und Schnecke»» besonders in den frühesten Morgen- stunden verrichten. Deshalb sollte»» sie so früh als möglich diese herrlichen Früchte einernten, was noch den Vorteil hat, daß den Erdbeere»» ihr köstliches Aroma erhalten bleibt. Viele Besitzer von Erdbeer- anlagen sichern sich dadurch eine reiche Ernte und schützen sich einigermaßen gegen die genannten Diebe, daß sie den Erdbeerpflanzen Holzwolle nestförmig unterlegen. Amseln und Spatzen fürchten diese weißen Nester und bleiben fern; auch Schnecken können, falls ne auf der Holzwolle kriechen, leicht abgelesen werden. Dieses Vorgehen hat außerdem noch den Vorzug, daß d»e Beeren sehr sauber und appetitlich bleiben.

.W Hersfeld, 11. Juni. Gestern abend kurz nach Uhr brach auf dem Boden des Verwaltungsgebäudes der Seilerwarenfabrik August Gottlieb ein B r a n ö aus, der sich mit großer Schnelligkeit ver- bre»tete. D»e Feuerwehr fand an dem Brandherde eine schw»er»ge Arbeit, da dem Feuer infolge der dichten Dachverschalung und der zahlreichen auf dein Boder» befindlichen Verschlüge schwer beizukommen war. Auch die große Rauchentwicklung erschwerte den Feuerwehrleuten ihre Arbeit sehr. Erst nachdem ein Teil des mit Schiefern gedeckten Daches einge­schlagen worden war, gelang es des Feuers Herr zu werden. Nach fast e»nstündiger Arbeit konnten ein- öelne Löschzüge bereits wieder abrücken, da jede Ge­fahr, besonders für die dicht daneben befindliche Fabrik, beseitigt war. Ein Teil des Dachstuhls ist avgebrannt, doch dürfte das Gebäude unter den -Wgifermaffen gelitten haben. Ueber die Entstehungs- urfache ist nichts bekannt.

Fulda, 10. Juni. Ueber die Gefährlichkeit der .yerbstzeitlose, namentlich auch der jetzt ganze Wiesen- Uacyen bedeckenden Blätter dieses Zwiebelgewächses wurde schon mehrfach berichtet. Einem benachbarten Domänenpächter sind kürzlich drei wertvolle junge

Rinder, welche die Blätter der Herbstzeitlose gefressen hatten, eingegangen.

Kassel, 10. Juni. Freigesprochen wurde der Händler Ernst K. aus Schenklengsfeld, der beschuldigt war, einem Bäckermeister eine erheblich ältere Kuh ver­kauft zu haben, als der Meister ausgemacht hatte. Die Beweisaufnahme ergab jedoch, daß der Händler den Preis für die Kuh so eingestellt hatte, daß ein Betrug des Bäckersmeisters ausgeschlossen war; infolgedessen beantragte der Staatsanwalt selbst die Freisprechung.

Malsfeld, 10. Juni. Heute morgen ereignete sich hier ein bedauernswerter Unglücksfall. Beim Än- schirren der Pferde der Maschinengewehrkompagnie des Jnf.-Regts. Nr. 83, welche über Nacht hier in Quartier lag, schlug ein Pferd aus und traf einen Musketier so unglücklich an der» Kopf, daß derselbe bewußtlos liegen blieb. Er mußte in das Garnison- lazarett Cassel überführt werden.

Gelnhausen, 9. Juni. Der 14 Jahre alte Sohn der Eheleute Hähnel karn zwischen zwei Lastautos und wurde totgedrückt. Der Verlust ist um so schmerzlicher, als sie erst vor kurzem ihre Tochter durch den Tod verloren.

Kahla, 10. Juni. Eil» blutiger Streit spielte sich am Montag abend in der Nähe des Bahnhofs Orla- münde zwischen Burschen von hier und Naschhausen ab. Der 17 jährige Porzellandreherlehrling Kurt Müller ging mit einem Freunde und zwei Mädchen am Bahnhof spazieren. Naschhausener Burschen zettelten Streit an, worauf Müller seinen Revolver zog und in die Luft schoß. Die Burschen von Naschhausen versuchten darauf, dem Müller die Waffe zu entreißen. Müller schoß aber direkt auf feine Gegner und traf der» gleichaltrigen Porzellanmaler Burkhardt aus Naschhausen in die Schläfe, so daß dieser schwer verletzt zusammenbrach.' Am Dienstag starb er in der Klinik zu Jena. Müller wurde verhaftet.

Wiesbaden, 10. Juni. Wie bereits vor einigen Tagen gemeldet, hat bei Gelegenheit einer militärische»» Uebung eine Anzahl von Einjährigen sich ein kleines Extravergnügen geleistet, als sie, statt eine Stellung einzunehmen, in die sie kommandiert waren, Quartier in einer Bleidenstadter Wirtschaft bezogen und infolge­dessen mit erheblicher Verspätung dem ihnen erteilten Befehl nachkamen. Es handelte sich dabei um die ge­samten am Offiziersunterricht der Achtziger in Wies­baden teilnehmenden Oktober-Einjährigen. Im übrigen ist die Sache für die Beteiligten noch ziemlich günstig abgelaufen. Die jungen Leute sind nicht vor ein Kriegsgericht gestellt worden. Sie sind nur sämtlich aus dem Offiziersunterricht entlassen worden und haben strenge Arreststrafen von 3, 5 resp. 7 Tage»» erhalten.

Darmstadt, 10. Juni. In der Untersuchung be­treffend den Mord an dem Privatgelehrten Heydrich werde»» die Ermittelungen nach allen Richtungen eifrig fortgesetzt. Wie Gerichtschemiker Dr. Popp-Frankfurt u. a. feststellen konnte, mehren sich die Beweise für die Schuld des Vogt. Man fand »n der Tasche des Rockes, der über der teilwe»se verkohlten Le»che des Hendrich lag, den durch das Feuer teilweise zusammen- geschmolzenen Ring Vogts, obwohl dieser angegeben hatte, daß er nach Ausbruch des Brandes gar nicht mehr im Zimmer war, sondern nur an der Türe sich des Feuers zu erwehren suchte. Von Jnterepe »st auch, daß unter den bei Vogt gefundenen Pap»eren sich Briefe und Prospekte e»nes Berttner Institutes ariden, das über Bazillenentw»ckelung Lehrgänge ur Samen abhält und auch Baz»llen verschickt. Möglich ist ja, daß Vogt als Mediziner sich, wie auch andere Mediziner für diesen Teil der Wissenschaft interessierte, es ist aber auch nicht ausgeschlossen, dap er sich zu gons bestimmten Zwecken damrt besagte, zumal in den Schreiben gerade Lehrkurse für Damen behandelt und darüber Mitteilungen gemacht werden.

Abgeordnetenhaus.

Das Preußische Abgeordnetenhaus beriet am Mittwoch in zweiter Lesung die Novelle zur Beamten- besoldungsordnung. Die Komm»si»on hatte beantragt, das Gesetz solle schon am 1. April 1914 tn W»rk,am- keit treten; alle Anträge der ersten Lesur»g hatte sie in einer Resolution zusammengefatzt, d»e baldigst eine weitere Neuordnung verlangt unter Berück,»chttgung der Kinderzulagen, Regelung des Wohnungsgeldzu­schusses und der Ortsklaffeuemtellung. Abg. Dr. Buffe kon.) bedauerte, daß die Haltung der Neuerung n»cht einheitlich gewesen sei und infolgebenen berechtigte Wünsche nicht erfüllt werden konnten. D»e Mangel der Vorlage hätten leider n»cht aus der Welt geschafft werden können. Der Resolutton stimmte er zu, ebenso die Abgg. Dr. v. Savigny (Ztr.) und Dr. Wagner (frk.), die sich auch mit Ueberweisung des forschritt-

lichen Antrags, den Abg. Delius (Fortschr.) begründete, auf Prüfung der Frage, ob eine Krankenfürsorge für Beamte notwendig sei, an die Budgetkommission ein­verstanden erklärten. Abg. Ströbel (Soz.) nannte die Vorlage völlig unzulänglich. Den Vorwurf, daß die bürgerlichen Parteien du lau gewesen seien, wies Abg. Dr. Schroedter (Watt.) zurück; sie hatten eben nicht die sozialdemokratische Taktik alles oder nichts befolgt, sondern genommen, was zu erreichen gewesen wäre. Alle Redner waren darin einig, daß die gehobenen Unterbeamten bald aufgebessert werden müßten. Der fortschrittliche Antrag wurde schließlich der Budget­kommission überwiesen, die Resolution und das Ge­setz wurden in zweiter Lesung angenommen.

Ae Innere Mission und die ZugendbklneMnz.

Eine Arbeit, die für die Entwicklung des deutsche»» Volkslebens von der größten Bedeutung ist, ist die Arbeit an der Heranwachsenden Fügend. Das deutsche Volk ist sich jetzt der großen, schweren Ausgabe bewußt geworden. Aber ehe die sozialdemokratische »vie die staatliche Jugendpflege einsetzte, ist diese Arbeit von Männern und Frauen der Inneren Mission in Angriff genommen worden. Der Landtagsabgeordnete Wall­baum hat kürzlich im Abgeordnetenhaus anläßlich des Etats für die Jugendpflege eine beachtenswerte und mit großem Beifall aufgenommene Rede gehalten. In dieser Rede weist er auch auf die christliche Jugendbewegung hin. Er zeigt,wie in den konfessionellen Vereinen beider Konfessionen eine Million einhundert- tausend Mitglieder organisiert sind, auf evangelischer Seite sind an vierhundertfünfzigtausend Mitglieder in den evangelischen-alings- und Jungfrauen- vereinen und anderen christlichen Bereinigungen, die Jugendpflege treiben, gesammelt. Der Abgeordnete hob hervor, wie von dem Westbund der evangelischen Jünglingsvereine nicht nur eifrig die Jung-Männer Mission, sondern auch in 41 Soldatenhetmen eine segensreiche Arbeit unter den Soldaten entfaltet werde, deren jährliche Ausgaben 70 000 Mk. betragen.

Diese Bewegung, die einen beachtenswerten Faktor in der Jugendbewegung einnimmt, will im Sinne des Ministerialerlasses eine leistungsfähige, sittlich tüchtige, von Gottesfurcht, Heimat- und Vaterlandsliebe erfüllte

vorii

wir

Jugend auf religiöser Grundlage heranbildeu.

In unserem Hessenland hat die Arbeit an der Heranwachsenden Jugend schon in den 30er Jahren des

'gen Jahrhunderts eingesetzt. Im Jahre 1838 finden .vn. in Cassel einen von Pfarrer Lohr, den Vater des verstorbenen General-Superintendenten Lohr ge­leiteten Jünglingsverein und einen von Pfarrer Wendel geleiteteten Jungfrauenverein. Auch an anderen Orten tauchen ähnliche Vereine auf. Aber durch das Konventikelverbot gingen diese Vereine später wieder ein. Während in anderen Provinzen

diese Arbeiten sich ruhig und stetig weiter entwickeln konnten, wurden sie in unserem Hessenlande durch die unseligen Versassungsstreitigkeiten wie durch die Stürme der eintretenden Renitens auf lange Zeit gehemmt. Erst in den achtziger Jahren nimmt diese Bewegung im Hessenland wieder einen Aufschwung. So wurde auch im Jahre 1883 von Pfarrer Schaub der in unserer Stadt bestehende evangelische Jünglings­und Männerverein gegründet. Auch hin und her in den Dörfern entstehen christliche Vereine. Aber die Hindernisse, die sich der Ausbreitung der Jugend­bewegung entgegenstellten, sind nicht unbedeutend. Es fehlte an geeigneten Räumen. Es fehlte bet der Verständnislosigkeit weiter Kreise für diese Arbeit an Mitteln. Es fehlte auch an geeigneten Personen, die sich dieser Arbeit annahmen, aber durch das Entgegen- fommen der staatlichen wie kirchlichen Behörden, sowie durch die Anstellung von Kreisjugendpflegern wird zu erhoffen sein, daß die Arbeit wieder rascher vor­wärts schreiten wird. Neben 86 Posaunenchören bestehen gegenwärtig 62 evangelische Jünglingsvereine und christliche Vereine junger Männer.

Die weibliche Jugendpflege, die in ihrer» Anfängen vorn hessischen Diakonissenhaus getragen und von ihm stets kräftig gefördert worden ist, hat in den letzten Jahren einen blühenden Aufschwung zu verzeichnen, wovon ja auch das am 10. und 11. Mai in Hersfeld abgehaltene Jahresfest des Kurhessttchen Verbandes evangelischer Jungfrauenvereine ein beredtes Zeugnis ablegte. Die Zahl der Jungfrauenvereine ist inner­halb der letzten 10 Jahre von 78 auf 167 gestiegen.

Der Landesverein für Innere Mission hat sein Interesse für diese Arbeiten dadurch bekundet, daß er sich bei der Einrichtung von Jnstruktionskursen beteiligt, die verschiedensten Vereine bei ihrer ersten Einrichtung durch Geldmittel unterstützt und auch die Anstellung von Kreisjugendpflegern zu fördern sucht.

Wetteraussichten für Freitag den 12. Juni.

Ziemlich heiter, bis auf Gewitterregen, erörtert, warm, östliche Winde.