Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
Weiber
für den Kreis Hersfeld
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Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 138. Mittwoch, den 10. Juni
1914.
Der heutigen Nummer liegt ein Amtlicher Anzeiger bei.
Bus der Heimat«
* (Schlafwagen 3. Klasse und Schlaf- wagenzüge.) Zu der Frage der Einführung von Schlafwagen 3. Klasse erhält ein Berliner Blatt die Mitteilung, daß für solche Wagen der Eisenbahnverwaltung schon die Entwürfe vorliegen. Man hat darauf Bedacht genommen, die Einrichtungen der Wagen besser zu gestalten, als in den anderen europäischen Staaten, in denen sie zur Einführung gelangt sind. Es sind dies bis jetzt Rußland, Schweden und Norwegen. In den neuen Entwürfen hat man vermieden, die Schlafwagen mit drei Betten übereinander auszustatten, wie es z. B. in Norwegen 5er Fall ist. Wenn die Eisenbahnverwaltung die Schlafwagen 3. Klasse einführt, so muß sich selbstverständlich das Kapital, das dafür angelegt wird, auch verzinsen. Es wird deshalb voraussichtlich nicht möglich sein, einen Schlafwagenplatz 3. Klasse zwischen Berlin- Frankfurt oder Berlin—München unter 5 Mark zur Verfügung zu stellen. Die tatsächliche Einstellung der Schlafwagen 3. Klasse wird davon abhäugen, ob reine Schlafwagenzüge für besonders belebte Verkehrslinien eingeführt werden. Erst dann kann erwogen werden, ob in diesen Zügen Wagen 3. Klasse zur Einstellung gelangen können. Für alle andern Züge kommen also Schlafwagen 3. Klasse nicht in Frage.
§ Hersfeld, 9. Juni. (Besseres Wetter in Aussicht.) Endlich scheint sich eine durchgreifende Aenderung der Wetterlage zu vollziehen, sodaß wir in Kürze mit besserem, vor allem wärmeren Wetter reihen dürfen. Die Wetterlage der letzten Tage ist kurz charakterisiert durch ein Hochdruckgebiet über dem Atlantischen Ozean und Westeuropa und tiefen Druck über Mittel- und Südosteuropa. Infolgedessen war den von Island hervordringenden Depressionen der Weg über Mitteleuropa geöffnet, was zur Folge hatte, daß sie für diese Jahreszeit außerordentlich weit südlich vordrangen. Wir waren gewöhnlich auf der Grenze zwischen hohem und tiefem Druck, wo wir bei kalten Nordwinden unbeständiges Wetter bei tiefen Temperaturen hatten. Gestern endlich begann das westliche Hochdruckgebiet etwas zurückzuweichen. Die Wettterkarte zeigt eine stark ausgeprägte Depression über dem Nordmeer, die sich schnell südwärts verlagerte und uns heute Nacht reichlich Regen gebracht hat. Da sich jetzt von Norden und Nordosten her hoher Druck vorschiebt, wird die heute über Mitteleuropa lagernde Depression südwärts abgedrängt. Wir kommen dann wohl schon morgen in den Bereich östlicher Luftströmungen, die uns Abnahme der Bewölkung und vor allem Erwärmung in Aussicht stellen.
§ Hersfeld, 9. Juni. Als eine ernste Mahnung, es mit dem Eide „recht genau zu nehmen", dürfte ein Urteilsspruch, den die Strafkammer in Cassel in ihrer gestrigen Sitzung gefällt, zu betrachten sein. In ihr hatte sich der Maschinenbauer R. von hier wegen fahrlässigen Falscheides zu verantworten. Er hatte in einer Zivilklage, die eine hiesige Kohlen- sirma wegen einer bestrittenen Lieferung von 10 Zentnern Schmiedekohlen im Vorjahre gegen ihn angestrengt, beschworen, daß er diese Lieferung nie erhalten habe und daß das fragliche Kohlenquantum auch in seiner Schlosserei nicht verbraucht worden sei. Er beschwor dies, trotzdem, daß ihm vorgehalten wurde, daß er auch eine frühere Kohlenlieferung be- stritten und sie erst zugegeben habe, als man ihm den unterschriebenen Lieferschein vorgelegt. Am Tage
Eidesleistung fand die Firma auch den Lieferschein über die zweite bestrittene Lieferung. Er war von dem 18jährigen Sohn des Angeklagten unterzeichnet. Trotzdem verblieb R. bei seiner Behauptung, er habe die Kohlen nicht erhalten und sie seien auch in seinem Betriebe nicht verbrannt worden. Es sehe wohl so aus, als ob sein Sohn die Quittung geleistet, derselbe befinde sich aber in Westfalen und könne deshalb nicht befragt werden. Da eine gütliche Einigung nicht zu erreichen war, erfolgte Strafantrag, dem die Staatsanwaltschaft Folge geben mußte. Auf Grund der sehr eingehenden Beweisaufnahme, in der neun Zeugen vernommen wurden, kam die Strafkammer zu der Ueberzeugung von der Schuld des Angeklagten, der trotz aller Gegenbeweise hartnäckig leugnete. An einer objektiv unrichtigen Eidesleistung könne kein Zweifel bestehen, ebensowenig daran, daß die fraglichen Kohlen von der klägerischen Firma tatsächlich geliefert und im Betriebe des Angeklagten verbraucht worden seien. Er habe bei der Eidesleistung fahrlässig gehandelt und gegen die Sorgfalt, die er bei Ableistung -es Eides anzuwenden verpflichtet war, gröblich verstoßen. Wegen fahrlässigen Falsch
eides wird er deshalb zu einer Gefängnisstrafe von 6 Monaten verurteilt.
):( Hersfeld, 9. Juni. Am Sonntag den 28. Juni findet zwischen den Turnbezirken Hersfeld, Bebra und Roten bürg ein Kriegsspiel statt. Die Turner der Bezirke Bebra und Rotenburg versammeln sich an dem genannten Tage mittags um 1 Uhr am Bahnhof Bebra und die Turner des Bezirks Hersfeld zu derselben Zeit auf dem Marktplatz in Hersfeld. Die Turner aus Friedlos, Mecklar und Meckbach versammeln sich an dem Ortseingang von Rohrbach und schließen sich da ihrer Partei an. Die Führung der Hersfelder Partei liegt in Händen des Herrn Bernhard Andree, die andere Partei wird durch Herrn A. Witzel-Bebra geführt.
):( Hersfeld, 9. Juni. Heute mittag kurz nach 12 Uhr rückte die Maschinengewehrabteilung des Marburger Jägerbataillons hier ein und bezog Quartiere.
):( Hersfeld, 9. Juni. Im Monat Mai wurden 41 Jahresjagd scheine durch das Königliche Landratsamt ausgestellt.
):( Hersfeld, 9. Juni. In der letzten Stummer der Gauzeitung erläßt der Bezirksturuwart, Herr Beruh. Andree, einen Aufruf an die Turner seines Bezirks zur Beteiligung an dem im nächsten Monat hier statt- findenden großen landwirtschaftlichen Fest. Alle Vereine aus der näheren und weiteren Umgebung von Hersfeld sollen sich geschlossen an dem Festzug beteiligen, und zwar in einheitlicher Tracht, lange weiße Hosen und weißes Turnhemd. Auf dem Festplatze sollen Freiübungen sowie ein Schauturnen am Barren stattfinden.
Bebra, 6. Juni. Der Schtosserlehrling Rehs, der sich, wie bereits gemeldet, am 3. Juni durch einen Schuß schwer verletzte, und im Hersfelder Krankenhaus untergebracht wurde, hat das Bewußtsein noch nicht wieder erlangt. Sein Zustand gilt daher immer noch als sehr bedenklich. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich nicht um einen Selbstmordversuch, sondern um Unvorsichtigkeit beim Hantieren mit einem Terzerol.
Fulda, 8. Juni. Der Fuldaer Gymnasiast Anton Wolf aus Salmünster hat, wie erinnerlich, in der Neujahrsnacht, zu Hause in plötzlichem Irrsinn auf seine sämtlichen Angehörigen, darunter auch auf ein Fräulein Josephine Schell, geschossen. Die letztere ist nun nach fünfmonatigem Leiden ihren Verletzungen erlegen.
Fulda, 8. Juni. Auf dem letzten Schweinemarkte waren 5 Läufer und 329 Ferkel aufgetrieben. Bezahlt wurden für Läufer je nach dem Alter 35—88 Mk., für Ferkel 12, 16 und 19 Mk. pro Stück.
Wiesbaden, 6. Juni. Ein dummer Streich, der für die Beteiligten von unangenehmen Folgen begleitet fein dürfte, wird erst jetzt bekannt. Vor Pfingsten waren abends mehrere Einjährig-Freiwillige des Füsilier-Regiments v. Gersdorff (Kurhess.) Nr. 80 in Wiesbaden zur Lösung einer Feldaufgabe, deren Hauptinhalt eine nächtliche Rekognoszierung bildete, unter Führung eines Gefreiten, ebenfalls eines Ein ährig-Freiwilligen, in der Richtung nach Bleidenstadt abmarschicrt. Als der später ausgeruckte „Femd" in Gestalt einer größeren Abteilung Soldaten des gleichen Regiments zum Angrrn ubergehen wollte, fand er den Ort der Uebung noch unbesetzt vor. Der Gegner war noch nicht eingetroffen, sondern hatte tn einer Wirtschaft in Bleidenstadt „Feldlager" bezogen. Die Herren „Einjähriges, die nnt einem als Ueber- raschung gedachten Angriff nicht gerechnet hatten, und denen die Störung ihrer Ruhe und des fröhlichen Gelages recht unerwartet kam, wollten nun anscheinend das Versäumte nachholen und unter Veränderung der Gefechtslage zur Verteidigung ihrer Stellung übergehen, wobei auch einige Platzpatronen in die Luft geknallt wurden. Daß.die Sache durchaus Nicht spaßhaft war, und der Dienst auch in Frledenszerten eine sehr ernste Angelegenheit ist, kam ihnen anscheinend erst zum Bewußtsein, als ihre Ankunft in der Garnison auch gleichzeitig das Verbleiben in der Kaserne bedeutete. Wie die Angelegenheit beurteilt und ob sie eine Bestrafung aller - es ,oll fich um etwa 60 „Oktober-Einjährige" handeln - ober einzelner
,-^olae haben wird, das kann erst, wie das „Wiesb. Tagebl." meldet, die noch im Gang befindliche Untersuchung ergeben.
Die Deutsche Tiirnerfchast.
Der Zusammentritt des Hauptausschusses der Deutschen Turnerschaft am 3. Juni d J. lenkte wieder einmal die Blicke auf diese echte deutsche Elche, bte fern vom Getriebe des praktischen und. politischen Lebens in heilsamer Stille zum Besten des Vater
landes immer mehr erstarkt. Wunderbare Frische — ein untrüglicher Beweis für den Segen, der auf der edlen Turnerei ruht — ist den leitenden Männern eigen; Geheimer Sanitätsrat Dr. Ferdinand Goetz, der schon zwei Menschenalter lang an der Spitze der Deutschen Turnerschaft steht, hat bereits das biblische Alter, wenn es hoch kommt, überschritten, indem er vor wenigen Wochen den 88. Geburtstag feierte; ein anderer dieser Wetterkarten Kämpen, Stadtschulrat a. d. Professor Dr. Rühl (Stettin), gehört dem Aus- schusse in ungebrochenem Lebensmute, ein greiser Jüngling, nunmehr 40 Jahre an. Erfreuliches ist über das Wachstum der Deutschen Turnerschaft zu berichten. Anfang 1914 zählte sie 11400 Vereine mit 1188 000 männlichen Mitgliedern. Hierzu kommen noch 200 000 weibliche Mitglieder und Kinder. Im vergangenen Jahre waren nicht weniger als 450 Vereine mit 65 000 Mitglieder hinzugetreten. Auch das Deutsche Heer nimmt an diesem Blühen uno Gedeihen regen Anteil und zieht daraus für sich so manchen Vorteil. Wer als Turner Rekrut wird, bedarf bei weitem weniger des Drills und wird gern willkommen geheißen. 43000 Turner wurden im Jahre 1913 zum Heere ausgehoben. ihn den tüchtigen Turnern im Heeresdienste gewisse Vergünstigungen zu sichern, hat der Hauptausschuß der Deutschen Turnerschaft eine Eingabe an die Reichsmilitärbehörde gerichtet, in welcher er um Feststellung der körperlichen Ausbildung bittet, die für die Vergünstigungen als Vorbedingung genügen soll.
Daß gerade die Turner so gerne im Heere gesehen werden, sollte unseren jungen Leuten zu denken geben. Leider gehen immer noch gar zu viele von ihnen nichtigen Zerstreuungen nach oder vernachlässigen in ihrem Hange zur Bequemlichkeit, der so gar nicht stimmen will zu ihrer Jugendkrast, die Pflege des Leibes. Hier bietet sich für Eltern und Erzieher, Lehrherren, Fortbtldungsschullehrer und Pastoren reiche'Gelegenheit zu einer vernünftigen Jugendpflege.
Nicht nur Geist und Gemüt bedarf der Weiterbildung, auch der Körper will sein Recht haben. Rudern, Radeln, Segeln sind gute Uebungen, aber sie bleiben mehr oder minder einseitig. Wir wollen sie trotzdem nicht missen. Aller alle Muskeln, alle Nerven werden am zweckmäßigsten durch das Turnen gestärkt und gestählt. Was die Bestrebungen und Ziele der deutschen Turnerschaft so einschneidend, so vorteilhaft von der Sportfexerei unserer Zeit unterscheidet, ist die ungezwungene Natürlichkeit und die ungekünstelte Art ihrer Uebungen. Mögen die schwereren Uebungen den Gewandteren und Stärkeren vorbehalten bleiben, mögen Stabhochsprung, Riesenwelle, Steinstoßen und dergleichen von wenigen Auserwählten undVorbegabtcn im Wettkampfe vorgeführt werden, alle anderen Uebungen sind Jedem möglich. Freiübungen, Geräteübungen, Schleudern, Hanteln, Wandern sindLeistungen, die jeder Gesunde bewältigen kann. Aber nicht nur der Jüngling, der sich zur Wehrpflicht vorbereiten will, jeder, ob alt ob jung, welchem von beiden Geschlechtern er auch angehören mag, - gelangt im Turnen, im Turnverein zu seinem Nutzen. Turnvereine sind rechte Volksvereine, wo alle Stände einander näher kommen. Die Politik der Parteien ist in ihnen ausgeschlossen, aber die Politik des Vaterlandes wird dort gepflegt. In Vaterlandsliebe und Königstreue lassen sich deutsche Turner von niemandem übertreffen.
Es wäre daher zu wünschen, daß noch immer weitere Kreise des deutschen Volkes der edlen Turnerei Herz und Sinne erschlössen. Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit, Aufrichtigkeit und deutsche Art waren stets bei denen heimisch, die danach strebten, frisch, froh, frei und fromm zu sein und zu bleiben. Gerade in den kleineren Städten pflegen im Turnverein alle Schichten der Bevölkerung sich zusammenzusinden zur Pflege nationaler Gesinnung. In den mittleren nnd großen Städten jedoch hält sich leider der größte Teil der Gebildeten noch immer den Turnvereinen fern und wähnt, in ihnen Philister- und Spießbürgertum zu finden. Es wäre jedem Fernerstehenden zu gönnen, daß er als aktives Mitglied den Segen des Turnens an sich verspürte. Jeder Freund des Volkes und des Vaterlandes hofft von ganzem Herzen, daß die Deutsche Turnerschaft, deren Organisation und Leitung mustergültig, bewunderungswürdig ist, nach innen und außen noch mehr erstarken wird; nach innen, indem die Mitglieder sich rühren, tummeln und turnen, nach außen, indem aus allen Ständen neue treue turnende Freunde hinzutreten. Wächst und regt sich die Deutsche Turnerschaft in sieghafter Betätigung, so wächst und regt sich auch deutsche Sitte und deutsches Wesen.
Wetteraussichten für Mittwoch den 10. Juni.
Abnehmende Bewölkung, meist trocken, wärmer, östliche Winde.