Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger ^Z^ für den Kreis Hersfeld Versierter WW Äreisilitt
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Zernsprech-Nnschlutz Nr. 8
Nr. 130.
Sonnabend, den 6. Juni
1914.
Die amtlichen Bekanntmachungen befinden sich auf der letzten Seite der heutigen Nr.
Bus der Heimat.
* Die 300,000-M ark - Prümie, die am letzten Ziehungstag der 5. Klasse der 4. Preußisch-Süddeutschen Klassenlotterie gezogen wurde, ist auf das Los Nr. 17,761 mit einem Gewinn von 5000 Mark gezogen worden und fiel in der ersten Abteilung nach Hannover, in der zweiten nach Brandenburg a. H.
):( Hersfeld, 5. Juni. Bei der Schwein e- zählung am 2. d. Mts. wurden in hiesiger Stadt in 335 Haushaltungen 692 Schweine gezählt. Obwohl die Zahl der Haushaltungen mit Schweinen seit der vorigen Zahlung vom 2. Juni 1913 sich um 40 vermehrt hat, ist die Zahl der Schweine gegen die vorerwähnte Zählung um 7 Stück geringer geworden.
§ Hersfeld, 5. Juni. (Jun t.) Der Juni ist derjenige Monat des Jahres, der uns die Natur in ihrer vollen Herrlichkeit erschließt: er ist der Monat der üppigsten Blüte. Der Juni bringt auch den längsten Tag im Jahre, den Johannistag. Er trägt seinen Namen von Johannes dem Täufer, dem Herold und Vorläufer Christi. Dieser ist nach altchristlicher Ueberlieferung an diesem Tage, sechs Monate vor Christus, geboren. Am 27. Juni ist der Siebenschläfer- tag, der fast noch mehr als die Eisheiligen gefürchtete Geselle, heißt es doch in einer alten Wetterregel: Regnet es am Siebenschläfertag, der Regen sieben Wochen nicht weichen mag. Freilich hat sie sich in ben meisten Fällen als trügerisch erwiesen, wie die statistischen Beobachtungen ergeben haben, und schon häufig ist auf einen verregneten Siebenschläfertag ein ungemein trockener Sommer gefolgt. Das Wetter im Juni wünschen sich die Landleute im allgemeinen warm und trocken. Nach Bauernregeln darf es vor dem Johannistage noch regnen, aber nicht nachher, weil dann der Regen der Feldarbeit ungelegen kommt. Nach Johanni darf der Kuckuck nicht mehr schreien: täte er es dennoch, so gibt es Mißwachs und teure Zeit. Am Johannistage Regen gibt viel Körner in den Sack. Regnet es aber am St. Medardustage (8. Juni), dann regnet es vierzehn Tage oder, wie auch behauptet wird, sechs Wochen lang. Das ist in der Hauptsache, was sich der Bauer an Regeln für den Juni zusammengedichtet hat. Der Juni hat, neben Brachmonat, auch den Namen Rosenmonat: denn er bringt uns die Lieblingsblume der ganzen Welt. Keine Blume ist in dem Maße der Liebling aller Nationen geworden wie die Rose, die Blume der prangenden Sommerherrlichkeit, der Lebensfreude und der Liebeslust.
):( Hersfeld, 5. Juni. Die diesjährige Abgeordnetenversammlung des Feuerwehr- Kreisvereins Hersfeld findet am nächsten Sonntag den 7. Juni vormittags IOV2 Uhr inFriede - wald im Saale des Gastwirts Meurer statt. Nach einer Bekanntmachung des Herrn Landrats in der heutigen Nummer hat jede Feuerwehr im Kreise Hersfeld mindestens einen Abgeordneten in Uniform zu der Versammlung zu entsenden.
Fulda, 3. Juni. Ueberfallen wurde am Pfingstmontag auf dem Heimwege von der Ausspann ein junger Mann aus Fulda von einem Bauernburschen, den er höflich um Rückgabe seines im Besitz des Bauern befindlichen Spazierstockes gebeten hatte. Als Antwort erhielt der junge Mann einen Messer- ftrch in den Rücken, der bis in die Lunge drang und die Ueberführung des Schwerverletzten in das Landkrankenhaus notwendig machte.
Fulda, 4. Juni. In der Johannisau ist man zurzeit mit den Ausschachtungsarbeiten beschäftigt, um die Bodenverhältnisse festzustellen, wo die 9 Unterhäuser Aufstellung finden sollen, die den 150 Meter hohen eisernen Turm der Zeitzentrale gegen Sturm zu sichern haben. Von diesen Ankerhäusern kommen je drei nach Westen, nach Nordosten und nach Südosten. Die Arbeiten sind durch unvorhergesehenes reichliches Grundwasser sehr zeitraubend. Dieses Grundwasser ist erwünscht für die später zu legenden Erdleitungen, sodaß in dieser Hinsicht der Platz sehr günstig gewählt ist.
, Hofgeismar, 4. Juni. Traurige Pfingsten zu verleben waren eine Anzahl Angestellte der hiesigen, weithin bekannten Firma, Buch- und Kunstdruckerei Hofgeismar G. m. b. H. (frühere Firma L. Keseberg.), G. m. b. H.), die bekanntlich im Dezember v. I. in Konkurs geriet, gezwungen. Es erhielten am 19. Mai, den letzten Kündigungstermin für 30. Juni: acht derselben, und zwar ein Kalkulator, einDisponent, zwei Buchhalter, zwei Expedienten, ein Reisender und der Redakteur ihre Stellung gekündigt. Die Ge
nannten, meist Familienväter, sind bis zu 20 Jahren im Geschäft tätig.
Cassel, 4. Juni. Bei Gelegenheit einer Partie nach dem Saurasen hatte ein Ausflügler leichtsinniger Weise einen Revolverschuß abgegeben. Der Schuß drang dem dort weilenden 11jährigen Töchterchen des auf dem Graben wohnenden Handwerkers K. dicht unter dem linken Auge ins Gesicht. Der hinzugezogene Arzt stellte einen Bluterguß in das Auge fest, so daß man um das Augenlicht des Kindes besorgt ist. Der unglückliche Schütze behauptet, nur mit einem Pfropfen geschossen zu haben. Es ist eine Untersuchung des Falles eingeleitet.
Cassel, 4. Juni. Der Bund der technisch-industriellen Beamten (Sitz Berlin) hält seinen fünften Gautag für Hessen am 7. Juni in Cassel, „Wittelsbacher Hof", ab. Delegierte aus allen Industriestädten des Großher- zogstums und der Provinz Hessen werden außer den Vertretern des Gauausschusses und des Bundesvorstandes dazu erwartet. Der Gau Hessen zählt zurzeit rund 1200 Mitglieder von den 24,000 die der Bund jetzt, nach zehnjährigem Bestehen, im Ganzen zählt. Der Bund vertritt die rechtlichen, sozialen und wirschastlichen Interessen der technischen Privatange- stellten und ihm gehören Architekten, Bautechniker, Chemiker, Ingenieure aller Fachrichtungen, Zeichner usw. an.
Marburg, 4. Juni. Nach dem soeben erschienenen Verzeichnis der Studierenden stellt sich die Gesamtzahl der Besucher der Universität in diesem Sommersemester auf 2574, gegen 2277 im letzten Winter und 2418 im letzten Sommer. Besonders bemerkenswert ist die Zunahme der studierenden Frauen. Im Sommer 1913 waren es 176, im letzten Winter 178 und diesmal stieg die Zahl auf 228.
Corbach, 4. Juni. Vergangene Nacht um 3 Uhr ist das Sägewerk von Emde in Flammen aufgegangen. Das Werk bestand aus sechs großen Gebäuden, die Maschinen und bedeutende Holzvorräte enthielten. Der Schaden ist beträchtlich.
Seigertshausen, 4. Juni. Wie jetzt festgestellt werden konnte, sind die Vergiftungen nach dem Hochzeitsmahl darauf zurückzuführen, daß die erkrankten Hochzeitsgäste Schweinefleisch gegessen hatten, das in einem kupfernen Kessel gekocht worden und dann stehen gelassen war, sodaß sich Grünspan bilden konnte. Der Zustand eines der Erkrankten ist bedenklich.
Völkershausen, 4. Juni. Die beiden Wilderer, die im Kirchheller Walde von dem Förster Dörflinger überrascht wurden und den Beamte,: durch zwei Schrotschüsse töteten, sind gestern in der Nähe von Gelsenkirchen verhaftet worden. Es sind zwei Bergleute Sie wurden noch am Abend ins Untersuchungsgefängnis zn Gelsenkirchen eingeliefert. Der eine von ihnen, namens Brüggemann, verübte gestern früh im Gefängnis Selbstmord. Er erhängte ych mit einem Handtuche am Fensterkreuz. Beide hatten angegeben, aus Notwehr von der Schußwaffe Gebrauch gemacht zu haben.
Stedtfeld, 4. Juni. Einem rohen Scherz zum Opfer fiel nach der „Eis. Tagesp." der hiesige Gemeindediener. Bezechte Burjchen weckten rhn frühmorgens mit der fingierten Nachricht, daß sem Schwein und seine stiege tot im Stalle lagen. Ein Herzschlag machte dem Erschrockenen ein augenblickliches Ende. Eine kränkliche Frau und 6 noch schulpflichtige Kinder in den dürftigsten Verhältnißen betrauern ihren Ernährer.
Hanau. 4. Juni. Die Kriminalpolizei verhaftete den 60 Jahre alten Magistratsbüroassistenten Konrad Stahl, der aus einem angejammelten Fond der Vereinigung ehemaliger Regimentskameraden mehrere tausend Mark veruntreut haben 10IL ^>tahl hatte vorige Woche die Flucht ergriffen, kehrte gestern aber freiwillig zurück und wurde festgenommen.
Subl 3 Juni Als der Kaufmann Ernst Staerker an einem Gewehr hantierte, löste sich plötzlich ein Schuß, der ihm in den Kopf drang. Der Tod trat auf der Stelle ein. - Der Schleifermeister Gruber fand in feiner Wohnung den Tod durch Einatmen von Leuchtgas.
Halle 4 Juni Der Bankier Richard Friedmann in Halle wurde von der Strafkammer des Landgerichts Halle nach zweitägiger ,Verhandlung wegen Wuchers zu sechs Monaten Gefängnis und 4000 Mark Geldstrafe verurteilt. Er hatte 1908 einem Landwirt aus Frankleben der einen Kredit von 2000 Mark beanspruchte, bar nur 1,500 Mk. gegeben, hatte eine sogenannte Sicherungshypothek über 30,000 Mk. auf Las Gut des geistig sehr schwach begabten Landwirts eintragen lassen, später noch eine sogenannte Verkehrshypothek über 10,000 Mk., kaufte dem Landwirt das Gut für 70,000 Mk. ab und verkaufte es ihm kurze
Zeit darauf wieder für 90,000 Mk. Er ließ sich von dem Manne 4857 Mk. sogenannte Kohlengelder verpfänden und stellte ihm für die 40,000 Mk. angeblicher Hypothekenforderungen 3950 Mk. Hypothekenzinsen in Rechnung. Der Landwirt wurde nach diesen Vorkommnissen entmündigt, und der Vormund beantragte die Untersuchung gegen Friedman«. Der Erste Staats- anwalt des Landgerichts Halle und der Nanmburger Oberstaatsanwalt hatten seinerzeit die Einleitung des Strafverfahrens abgelehnt. Auf die Beschwerde des Vormundes aber ordnete der Jnstizminister die Einleitung des Hauptverfahrens an. Gleichwohl konnte die Sache erst jetzt entschieden werden. Ein Angestellter als Mitangeklagter, auf den Friedmann alle Schuld abzuwälzen versuchte, wurde freigesprochen.
Parlament und Lehrerftand.
Erörterungen über das geistige und wirtschaftliche Wohl des Volksschullehrers haben von jeher wesentlich erkennen lassen, wie die einzelnen Parteien sich das Wirken der Lehrerschaft auf die breiteren Volksschichten denken. Während die eine Richtung sich nicht genug tun kann, stets neue Forderungen nach größerem Wissen aufzustellen und in der Zusammenstellung der Einzelheiten ihr Interesse an der Weckung der Geister darzutun, ist die andere Richtung darauf bedacht, in weiser Beschränkung sich als Meisterin zu erweisen und so die gerade dem Unterrichtswesen nötige Stetigkeit zu verbürgen, Niemand wird im Ernst behaupten bürfen, vernünftigen Neuerungen sei dadurch der Weg verschlossen worden. Wenn man sich andererseits vergegenwärtigt, was für verworrene Vorschläge bei der Kultusetatsberatung zum Ausbau unseres Elemeutarunterrichtswesensvvn gewisserSeite gemacht worden sind, so kann man sich der Auffassung nicht verschließen, daß es sich für die Links- parteiler weit weniger darum handelt, ein zufriedenes Volksgemüt ihrer Obhut anvertraut zu sehen, als vielmehr in dem Rufe nach schwer zu verwirklichenden Gaukelbildern aufs neue die stets im Munde geführte Volksfreundlichkeit aufs Präsentierbrett zu legen. Nun hat man von jener Seite her seit Jahren gerade den Volksschullehrerstand mit Beschlag belegt und ihn ganz für sich mobil zu machen versucht — allerdings nicht mit dem gewünschten Erfolge — ganz so, wie man heute die Grünröcke, morgen die Bauern, übermorgen wieder andere auf den demokratischen Huldigungskalender setzt. Mit scheinbar sachlich gehaltenen Darlegungen, über Btldungsfragen soll die Kluft zwischen den höchsten und tiefsten Rangstufen des Lehrerstandes recht augenfällig gezeigt werden, und — der politische Zweck solcher Erörterungen ist dann erreicht.
Solchen in System gebrachten Uebergipfelungen des Fortschritts gegenüber stellte im preußischen Abgeordnetenhause der Redner der rechtsstehenden Parteien, Abgeordneter Heins, — selbst ein Volks- schullehrer — die Erziehung nicht bloß auf das Wissen, sondern auch auf andere Faktoren: ganz besonders in Bezug auf unsere Lehrerbildner. „Das ist die Hauptsache", sagte er, „daß sie nicht nur praktisch erprobte Männer sind, sondern daß sie auch sittlich und religiös gefestigte und geklärte Charaktere sind". Nicht weniger freudig können wir den weiteren Ausführungen des Abgeordneten Heins beistimmen: Preußen überläßt jedem, sich nach seinem Ermessen fortzubilden. Insbesondere können die Volksschullehrer sehr wohl die Mittelschullehrerprüfung und die Rektorenprüfung ablegen. Besondere Mittelschulkurse sind eingerichtet, um das zu fördern und zu begünstigen. Die.Lehrer haben dadurch die Berechtigung, als Seminarlehrer am Seminar zu unterrichten. Für die Beantwortung der Frage: „Nützt es dem Lehrer, frommt es der Volksschule und unserem Volke, wenn Volksschullehrer (wie beantragt worden) allgemein eine akademische Bildung gewinnen?" ist zu bedenken, daß der Lehrer meist dem Mittelstand entstammt, unter dem Volke wirken soll unb daher als Studierter leicht die Fühlung mit dem einfachen Volke und damit die Freudigkeit an seiner Berufstätigkeit verliert. Ohnehin wird vielfach die akademische Bildung überschätzt. Auch nach der bisherigen Vorbildung sind aus dem Volksschul- lehrerstande tüchtige und anerkannte Männer hervorgegangen, wie z. B. der Erfinder des Telefons und Professor Sohnrey. Besonders befähigten jungen Lehrern mag immerhin nach staatlicher Auswahl und nach Auswahl der Mittel das Universitätsstudium ermöglicht werden. Aber vor allem kommen wir aufwärts, indem wir auf den Lehrerbildungsanstalten gute Lehrer und dann auch durch diese in unseren Volksschulen tüchtige deutsche und christliche Männer und edle Frauen erziehen.
So wird die Volksschule sich am besten ausnehmen, die man uns nicht so leicht nachmachen sann.__
Wetterausfichte« für Sonnabend den ». Juni. Wolkig, meist trocken, kühl, nördliche Winde.