Hersselder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger ^Z^ für den Kreis Hersfeld Meiner Kreisblatt
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Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage" Zernsprech-Nnschlutz Nr. 8
Nr. 138; Donnerstag, den 4. Juni 1914.
Bus der Heimat.
* (11. Kurhessisches Bundesschießen.) Das Programm für das 11. Kurhessische Bundes- schietzen ist jetzt endgültig festgelegt. Als Einleitung zu den Festlichkeiten findet am Sonnabend, den 13. Juni, abends 8 Uhr ein großes Gartenfest in der neuen Stadthalle statt, wozu u. a. namhafte Männergesangvereine ihre Mitwirkung zugesagt haben. Außerdem wird die Casseler Turnerschaft den Abend durch interessante Vorführungen verschönern helfen. Nach feierlichem Empfang der ankommenden fremden Schützen beginnt am Sonntag, den 14. Juni vormittags um 10 Uhr das Wettschießen der erwählten Schützen der einzelnen Bundesvereine um die vom Kurhessischen Schützenbund und dem Casseler Schützenverein gestifteten Fahnenbänder und Ordensauszeichnungen. Nach Beendigung des Schießens befördern Autos die Schützen nach der neuen Stadthalle zur Festtafel. Zahlreiche Ehrengäste haben bereits ihre Teilnahme hierzu zugesagt. Nach Beendigung der Festtafel begeben sich die Ehrengäste mittels Auto und Wagen nach dem Ständeplatz, wo sich inzwischen die einzelnen Vereine zum Festzug aufgestellt haben. Wenn derselbe selbstverständlich auch nicht im entferntesten einen Vergleich mit dem historischen Festzug der Tausendjahrfeier aushalten kann, so wird es doch außerordentlich interessante Gruppen zu sehen geben und durch die Mitwirkung verschiedener hiesiger Sportvereine dürfte sich ein imposantes Bild entwickeln, das durch verschiedene durch den bekannten Künstler Dönges entworfene Festwagen noch an besonderem Reiz gewinnen wird. Konzert, Volksbelustigungen und Tanz geben in Park Schönfeld mannigfache Unterhaltungen, auch für zahlreiche andere VergnüMngcn wie Schaubuden, Karussels usw. ist Sorge getragen worden. Am Montag, den 15. Juni, beginnt das Schießen bereits morgens um 8 Uhr und dauert mit zweistündiger Unterbrechung für die Mittagstafel in der Festhalle bis 8 Uhr abends. Auf dem Festplatze findet von 4 Uhr ab wieder Konzert und Tanz statt, außerdem ist für diesen Tag ein großes Kinderfest geplant. Der Dienstag der 16. Juni, gehört ganz den Schützen, indem ohne weitere Feier von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends auf allen 20 Scheiben mit kurzer Mittagspause geschossen wird. Am Mittwoch, den 17. Juni, nachmittags 6 Uhr findet der Schluß des Schießens statt, bereits um 7 Uhr ist Verteilung der ersten Festpreise. Auf dem Festplatze finden inzwischen wieder Volksbelustigungen, Konzert und Tanz statt, worauf bei eingetretener Dunkelheit ein Prachtfeuerwerk von der Firma Luban abgebrannt wird. Zahlreiche, außerordentlich wertvolle Ehrenpreise sind gestiftet worden und treffen noch täglich ein, sodaß den Schützen im friedlichen Wettkampf ein reicher Lohn für ihre Mühe winkt. Es ist wohl kein Zweifel, daß unser 1000jähriges Cassel auch den Schützen aus nah und fern — und es sind ihrer voraussichtlich eine große Zahl, die erscheinen werden — ihre altbekannte Gastfreundschaft erweisen wird.
* M i l i t ä r l i e f e r u n g e n des Handwerks. Vor kurzem war der Vorstand der Hauptstelle für das Verdingungswesen des deutschen Handwerks, in dem die Handwerkskammern Berlin, Hannover, Mannheim und Reutlingen vertreten sind, zu einer Besprechung rn das Kriegsministerium geladen worden. Ueber das Ergebnis der Verhandlungen erfahren wir folgendes: 1. Die Heeresverwaltung ist nach besten Kräften bestrebt, das Handwerk zu stärken und zu fordern. 2. Eine ausschließliche Berücksichtigung der 9 esessenen Handwerker kann nicht stattfinden, Erfahrung gemacht worden ist, das dies zum Heeresverwaltung zu Ringbildungen geführt hat. 3. Die Heeresverwaltung will einen gesunden Wettbewerb innerhalb desHandwerks fördern, fie hat keineswegs die Absicht, die Großbetriebe gegen die Handwerker auszuspielen. Naturgemäß können die Großbetrrebe aber auch nicht ganz vom Wettbewerb ausgeschlossen werden. Zur Erhöhung der Leistungsfähigkeit wird Zusammenschluß der Handwerker empfohlen. 4. Auf die Anfertigung eines Teils der Geräte in den Strafanstalten kann nicht verzichtet werden. Sie ist notwendig, weil die Gefangenen beschäftigt werden müssen. 5. Die Heeresverwaltung erkennt an, daß es zur Erhaltung eines leistungsfähigen Handwerkerstandes notwendig ist, die gelieferte Arbeit angemessen zu bezahlen. In dieser Beziehung sind auch schon zahlreiche Verfügungen an ^.^^.fi^chlleordneten Dienststellen ergangen. 6. In Ausficht genommen ist die Abänderung der Ver- dlngnngsvorschriften, die sich möglichst den Bestimmun- gen des Ministeriums der öffentlichen Arbeiten anschließen, ollen.
* Der Gener alstab des 11. Armeekorps unternimmt in der Zeit vom 17. Juni bis 1. Juli
durch das Werratal und durch Thüringen eine Generalstabsreise. An dieser nehmen 29 Offiziere, 54 Unteroffiziere und Mannschaften und 51 Pferde teil.
§ Hersfeld, 3. Juni. Die für den 5. d. Mts. angesagte Radfahrer-Kompagnie des Knrh. Jäger-Bataillons Nr. 11 wird in hiesiger Stadt nicht einquartiert, weil dieselbe vorläufig auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf verbleibt. Dagegen bezieht am 9. d. Mts. die Maschinengewehr-Kompagnie des vorgenannten Bataillons hier Quartier.
):( Hersfeld, 3. Juni. Noch hat die letzte hier begangene Mordtat ihre Sühne nicht gefunden, als am gestrigen Nachmittag abermals die Kunde von einer neuen Schreckenstat unsere Stadt durcheilte. In einem Hause am Hanfsack hatte der 24jährige Metzgergeselle Mohr ans Frankfurt die 23jährige Anna Becker in der Wohnung ihrer Eltern durch mehrere Revolver schüsse getötet und sich dann selbst erschossen. Mohr hatte ;nit der Becker ein Verhältnis, dem ein Kind enl pressen war, doch waren die Eltern der Becker gegen eine Heirat. Der Vater des Mädchens arbeitet zur Zeit als Maurer in Westfalen und die Mutter war die Pfingstfeiertage zu Besuch dorthin gefahren. Mohr, der von Fank- furt hierher gefahren war, war daher mit der Becker allein in der Wohnung, als er die grausige Tat beging. Wie sich der eigentliche Hergang abgespielt hat, wird man wohl nie erfahren, da die allein daran Beteiligten tot sind. Jedenfalls ist aber Mohr mit der Absicht eines Mordes hierher gefahren, denn der Revolver, den er bei sich getragen hat, war mit sechs Kugeln geladen, die auch sämtlich abgeschossen waren. Als die Becker von den Schüssen getroffen wurde, lief sie noch zur Treppe hinab, brach jedoch im Hausflur tot zusammen. Mohr, der auf sich selbst zwei Schüsse abgefeuert hatte, wurde noch b ' rd qufgefunden, starb aber bereits unterwegs auf dem Transport nach dem Lano- krankenhaus. Als Mohr auf die Becker schoß, hatte diese ihr Kind auf dem Arm, welches ebenfalls durch einen Schuß am Arm verletzt wurde. Der Mörder trug seine Papiere bei sich und hatte auf den Geburtsschein geschrieben: „Metzgerblut ist keine Buttermilch. Meine Schwiegermutter will es nicht haben, daß ich ihre Tochter heiraten soll und das habe ich mir zu Herzen genommen." Auch hieraus ist ersichtlich, daß Mohr mit dem Vorsätze, den Mord zu begehen, von Frankfurt hierher gekommen ist. Die Kunde von der Tat verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die Stadt, und eine große Menschenmenge sammelte sich vor dem Tatorte an.
Völkershausen bei Wanfried, 31. Mai. Eine schmerzliche Nachricht erhielt heute die Familie des hier wohnenden Försters Anras. Der Schwager der Familie, Förster Dörflinger, der vor einigen Jahren auch hier beschäftigt war, bann nach Kirchhellen bei Oberhausen im Rheinland versetzt wurde, traf am Psittgstsonnabend in seinem Revier einen Wilderer auf frischer Tat an. Es kam zu einem Zusammenstoß, bei dem Dörflinger erschossen wurde. Der Erschossene war 40 Jahre alt und verheiratet. Er hinterläßt eine Witwe und 8 Kinder.
Marburg, 2. Juni. Ein schweres Automobil- unglück ereignete sich gestern am Frauenberg in den Lahnbergen. Der Chauffeur emes Fe rgen Profeßors wollte das von seinen Jnsaßen verlassene Automobil ankurbeln, als dieses sich in Bewegung setzte und ihn Überfuhr. Blutüberströmt wurde der Mann mittelst eines anderen Automobils in die Klinik gebracht.
Schlüchtern, 2. Juni. Eine schwere Bluttat erregt unter den Einwohnern des Dorfes Weichersbach bet Sterbfritz großes Aufsehen. Während der vergangenen Nacht gegen 11 Uhr unterhielt nd) der 26jährige Waldarbeiter Klapp auf der Dorfstraße mit einem Mädchen. In diesem Augenblick ging der lozahrige Arbeiter Schick vorbei und rief den beiden im Scherz zu: „Es ist aber Zeit, daß Ihr. nach Hause geht." Hierüber regte sich Klapp auf, griff in feiner Wut zu seinem dolchartigen Messer und versetzte dem Schick hiermit einen solch wuchtigen Stich in den Unterleib, daß der Getroffene sofort tot zufammenbrach. Der Täter floh und versteckte die Mordwaffe in einer Mauer. Dem hiesigen Gendarm gelang es jedoch heute vormittag mit Hilfe leines P^^eihundes den Täter festzustellen und auch den Dolch zu finden. Klapp wurde verhaftet. Nach längerem Leugnen gestand er auch die Tat ein.
Eisenach, 2. Juni. Unter außerordentlich starker Beteiligung fand hier zu Pfingsten der 23. deutsche Burschenschaftstag statt. Die Tagung wurde am Sonnabend durch einen Empfangsabend und am Sonntag eingeleitet. Am Pfingstmontag fand ein gemeinsamer Festzug nach dem Burschenschaftsdenkmal statt, woselbst eine besondere Feier abgehalten wurde. Mit einer Wartburgfeier am Pfingstdienstag erreichte
die Tagung ihr Ende. Die gepflogenen Verhandlungen betrafen wichtige studentifche Fragen. Auch wurden Vorbereitungen für die nächstjährige Jahrhundertfeier der deutschen Burschenschaft getroffen.
Hann. Münden, 1. Juni. Am Sonnabend kamen 4 Bremer Herren hier an, die von Eschwege aus eine Bootsfahrt hierher machten. Nahe der Schleuse an der Bremer Schlagd kam das Boot in den Strudel, kenterte und sämtliche Insassen fielen ins Wasser; drei davon retteten sich ans Land dnrch Schwimmen, während der Vierte durch den Sohn des Schleusenwärters bewußtlos aus dem Wasser gezogen wurde.
Triptis, 31. Mai. Der Müller Koch, der in einem hiesigen Gasthause übernachtete, hängte seine durch- näßten Kleider an den geheizten Ofen und legte sich zu Bett. Die Kleider gerieten in Brand, nnb Koch ist durch den Ranch im Schlaf erstickt.
Oldisleben, 30. Mai. Der Arbeiter Strömet auf der Gewerkschaft Großherzog Wilhelm Ernst ging unter der Brücke der Drahtseilbahn hinweg, als ihm ein Stück Eisen, ein sogenannter Mitnehmer, auf den Kopf fiel uud ihm die Schädeldecke zertrümmerte. Der Tod trat auf der Stelle ein. Strömel hinterläßt eine zahlreiche Familie.
Altenburg, 2. Juni. Ein schwerer Einbruch nmrbe am Pfingstsonntag im Hause Markt 41 ausgeübt. Einbrecher drangen in die Wohnung des dort wohnenden Hauptmanns a. D. Jese ein und raubten aus einer eisernen Kassette 20,000 Mark Wertpapiere und für etwa 5000 Mark Wertgegenstände. Später drangen die Diebe in eine Wohnung der Kanalseite ein, konnten dort aber nichts finden.
Erfurt, 27. Mai. Der Kunstflieger Gustav Tweer aus Osnabrück zeigte am ersten Pfingstfeiertage auf dem Johannisplatz seine Kurven-, Schleifen- und Looping the Loop-FU.ge. Der Veranstaltung, die unter dem Protektorat des Erfurter Vereins für Luftfahrt stattfand, wohnten gegen 20 000 Zuschauer bei. Der Flieger stieg zweimal auf. Das erste Mal flog er in einer Höhe von 300 Nietern scharfe Kurven, bei denen die Flügel auf der einen Spitze senkrecht zur Erde standen. Er flog die Kurven abwechselnd nach links und nach rechts und beschrieb dabei die Korkzieherspirale. Der zweite Flug währte 25 Minuten und brächte nach einigen glänzend gelungenen Kurven in ungefähr 800 Metern Höhe die Looping the Loops, die der junge Flieger mit staunenswerter Bravour ausführte. Der Apparat überschlug sich rückwärts und der Flieger flog eine kurze Zeit mit dem Kopf gegen die Erde, um sich dann nach vorne wieder auf- zurichten. Einmal machte Tweer unter ungeheurem Staunen des Publikums drei Loopings hintereinander.
Halle, 2. Juni. Am ersten Pfingstfeiertage wurde in der Gr. Ulrichstraße von der städtischen Straßenbahn die 5jährige Tochter Elli des Kaufmanns Alexander überfahren und getötet.
Frankfurt a. M., 2. Juni. Gegen die Wohnung des Lehrers Hand in Steinbach (Oberhessen) wurde in den ersten Morgenstunden des Pfingstsonntags ein Bombenattentat verübt. Neben dem Hause des Lehrers war eine Bombe zur Explosion gebracht worden. Die 30 Zentimeter starke Mauer des Hauses war durchschlagen und Steine wurden 50 Meter weit geschleudert. Personen wurden nicht verletzt, nur die Tochter des Lehrers erlitt infolge des Schreckens eine Nervenerschütterung. Staatsanwalt und Polizei aus Gießen entsandten mehrere Beamten mit Polizeihunden. Man glaubt dem Täter auf der Spur zu sein. Das Attentat war mit der Verabschiedung des Steinbacher Schulverwalters Günter in Verbindung gebracht, der wegen einiger Verfehlungen von dem Pfarrer Köhler unddem Lehrer Hand zur Anzeige gebrachtworden war.
Göttingen, 2. Juni. In der letzten Sitzung der städtischen Kollegien rvurde dem Gesuche der Göttinger Turnerschaft auf Zeichnung eines städtischen Garantiefonds in Höhe von 1500 Mk. für das Kreisturnfest entsprochen. — Schutzmann Matje mußte dreimal ins Haus des Schuhfabrikanten S., um nach einem Jnstallateurlehrling zu suchen, der ungebührlich lange einen Handwagen vor dem Hause stehen ließ, der Hausherr wies darauf den Beamten mit den Worten „eins, zwei, drei" hinaus. Dieser ging mit den Worten: „Na warte!" Er erzählte sodann einen Kaufmann, welcher „Unverschämtheit" er soeben ausgesetzt sei. Laut Urteil des Schöffengerichts hat der Schutzmann durch die Worte „na warte" den Fabrikanten geduzt, also beleidigt. Diese Beleidigung ist aber durch eine andere, das Hinausmeisen, aufgehoben und bleibt straffrei. Dagegen hat er sich durch den Ausdruck UInverschämtheit" strafbar gemacht, wofür er mit fünf Mark bestraft wurde.
Wechselnde Bewölkung, trocken, etwas wärmer, mäßige nördliche Winde.