hersselder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger ^^ für den Kreis Hersfeld
Serrfelder WW Armblatt
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
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Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage" Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
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Nr. 127. Mittwoch, den 3. Juni 1914.
Der heutigen Nummer liegt ein Amtlicher Anzeiger bei.
Bus der Heimat«
* (Vom Kaisermanöver 1914.) Nach den Bestimmungen des Kaisers werden Parade vor dem Kaiser von den sieben an dem Kaisermanöver beteiligten Armeekorps (7., 8., 11., 13. (Königlich Württembergische), 18. und 2. und 3. bayerische Armeekorps) nur das 7. und 8. Armeekorps haben. Die Kriegsgliederungen des Kaisermanövers werden durch den Chef des Generalstabes der Armee den Parteien bekannt gegeben. Das 11. Armeekorps wird vordem Katsermanöver 2 Tage Brigademanöver, 4 Tage Divisionsmanöver und 2 Tage Korpsmanöver abhalten, außerdem wird es einen Tag Manöver im Korpsverbande gegen Flaggenfeind unter Leitung eines General-Inspekteurs haben. Unmittelbar vor dem Kaisermanöver werden im Bereich des 11. Armeekorps je eine Fernsprech- und Funkerübung abgehalten, die vom Inspekteur der Feldtelegraphie zu leiten ist. .
* Die Beiträge zuden Kosten derLand- wirtschaftskammer sind durch Beschluß der Landwirtschaftskammer in Cassel für das Rechnungsjahr 1914 wie im Vorjahre auf zweidrittel Prozent des Grundsteuer-Reinertrages festgesetzt.
* Aus der neuesten amtlichen Veröffentlichung über die Ausbreitung der Maul - und Klauenseuche geht hervor, daß die Provinz Hessen-Nassau in ihrem gesamten Bereiche seuchenfrei ist. Bezüglich des Regierungsbezirks Cc el rounu uit^ schon vor einigen Wochen bei dem Erlöschen der Seuche in einigen Ortschaften des Kreises Hanau festgestellt werden.
* (D i e n e u e P o st s ch e ck o r d n u n g.) Die soeben im Reichs-Gesetzblatte veröffentlichte Postscheckordnung, die am 1. Juli 1914 in Kraft tritt, enthält eine Reihe wichtiger Neuerungen. Für Zahlkarten, die jetzt bis 10 000 Mk. lauten dürfen, ist kein Höchst- betrag mehr festgesetzt. Für Schecks wird der Meist- betrag von 10 000 Mk. auf 20 000 Mk. erhöht. Zählkarten und Ueberweisungen bis 8000 Mk. können telegraphisch übermittelt werden. Die Höchstgrenze für telegraphische Zahlungsanweisungen, bisher 800 Mk., beträgt künftig 3000 Mk. Der Betrag eines Schecks kann dem Empfänger durch besondern Boten zugestellt werden (Eilbestellung). Der Aussteller einer Ueberweisung kann beantragen, daß das Postscheckamt, bei dem sein Konto geführt wird, den Gutschriftempfänger durch Brief oder durch Telegramm unmittelbar benachrichtigt. Um die Ueberweisung der für den Kontoinhaber durch Postauftrag eingezogenen Beträge auf sein Postscheckkonto weiter zu erleichtern, werden Postaufträge mit anhängender Zahlkarte eingeführt.
* Die Zahl der Selbstmorde imDeutschen Reiche bringt das neueste Vierteljahrsheft zur «tatistik des Deutschen Reiches. Danach betrug die Zahl der Selbstmorde im Jahre 1893 10 780 gegen 14 864 im Jahre 1912. Auf hunderttausend Einwohner entfielen damals 21,2 Selbstmorde, heute 22,5. Was die einzelnen Bundesstaaten anbetrifft, so steht da Bremen mit 42,2 auf 100 000 Einwohner an der Spitze. Es folgen Sachsen-Coburg-Gotha mit 38,7, Anhalt mit 38, Lübeck mit 37, Altenburg mit 37,5, Hamburg mit 36,8, Braunschweig mit 36,3, Sachsen mit 32,3, Hessen Mecklenburg-Schwerin mit 22,9, Baden mit 7»mit 21,3, Württemberg mit 20,6, Bayern m -. aS ine preußischen Provinzen anbelangt, w steht hier bie Stadt Berlin mit 37,8 an der Spitze.
^eUe nimmt die Provinz Brandenburg mrt 32,8 ein, ihr folgen Sachsen mit 32,1, Schleswig- Schlesien mit 23,1, Hannover mit 22,8, Hessen-Nassau mit 22,7, Pommern mit 18,2, Ost- prenBen mit 16,2, Rheinland mit 13,5, Westfalen mit 12,5, Westpreußen mit 12,2 und Posen mit 9,6. Auf hundert männliche kommen im Deutschen Reich insgesamt 31,4 weibliche Selbstmörder.
):( Hersfeld, 2. Juni. Um die Ortschaften des Kreises Hersfeld mit elektrischem Strom zu versehe«, beabsichtigt der Kreis Hersfeld den Anschluß an die Kraftwerke der Edertalsperre. Ueber die Aus- Mhrung des Projekts, den Nutzen und Vorteil der Elektrizität gegenüber den bisherigen Kraft- und Lichtverhaltnissen wird am S o n n a b e n d, den 6. d. M., lm Hotel zum Stern der hierfür gewonnene sachverständige, Herr Direktor Singer aus Frankfurt a. M., einen belehrenden Vortrag halten. Wir verweisen auf eine diesbezügl. Bekanntmachung des Herrn Vorsitzenden des Kreisausschusses im amtlichen Anzeiger der heutigen Nummer.
):( Hersfeld, 2. Juni. Die Zahl der F r e m d e n, welche im Monat Mai in den hiesigen Gasthäusern übernachteten, betrug 428.
Cassel, 30. Mai. In einem Anfälle von Wahnsinn versuchte heute nacht der Gelegenheitsarbeiter Otto Walpert den am Altmarkt stehenden Schutzmann Kuntz zu erstechen. Durch eine Wendung des Schutzmanns glitt die Waffe ab und durchschnitt nur den Waffenrock und die Pelerine des Schutzmanns von oben bis unten. Der Geistesgestörte wurde festge- nommen und nach Marburg in die Irrenanstalt überführt.
Cassel, 30. Mai. In die Fulda sprang gestern der hoch in den 40er Jahren stehende Arbeiter H. in der Nähe des Prinzengartens, um seinem Leben ein Ende zu machen. Zwei hinzueilenden Leuten gelang es, den Lebensmüden dem nassen Element wieder zu entziehen.
Cassel, 30. Mai. In den Tagen vom 12.—17. Mai hat die erste diesjährige Besichtigungsreise hessischer und waldeckischer Landwirte nach dem Ansiedlungs- gebiet in Posen und Westpreußen stattgefunden. Am Morgen des 12. Mai wurde die gemeinsame Fahrt vom Casseler Hauptbahnhof aus angetreten unter Führung des hiesigen Vertrauensmannes der Königl. Ansiedlungskommission, Herrn W. Schaumburg, Cassel. Es waren insgesamt 15 Landwirte eingetroffen, von denen der größte Teil Waldecker waren. Die Fahrt ging zunächst nach dem Kreise Posen-Ost, woselbst das Ansiedlungsdorf Schönherrenhausen besichtigt wurde. Am anderen Tage wurde die Fahrt nach der Provinz Westpreußen angetreten, woselbst die im Kreise Grau- denz liegenden Ansiedlungsgüter Gottschalk und Schönbrück, sowie die in der Mhe liegenden Ansied- tUNgx>aörser Pressen, Nogar miv Schönwaloe besichtigt wurden. Auf der Rückfahrt trennte sich die Reisegesellschaft ; während ein Teil derselben das im Kreise Flotow gelegene Ansiedlungsgut Mühlenkawel besichtigte, fuhr der andere Teil wieder nach der Provinz Posen zur Besichtigung der im Kreise Wirsitz liegenden Ansiedlungsgttter Herzfeld, Alt-Linden und Sucharz. Die Reiseteilnehmer äußerten sich mit großer Befriedigung über den Stand der Saaten, sowie des Ansiedlungswerkes im allgemeinen, und gaben ihre Absicht zu erkennen, geeignete Ansiedlerstellen zu erwerben. Sobald die Pläne der neu ausgelegten Güter festgesetzt sind, werden gewiß viel Vertragsschlüsse hessischer und waldeckischer Bewerber erfolgen. Die nächste Besichtigungsreise wird am 7. Juli von Cassel aus angetreten. Landleute, welche sich an dieser Reise beteiligen wollen, mögen sich rechtzeitig bei der hiesigen Geschäftsstelle der Königl. Ansiedlungs-Kom- mission, Cassel, Schönfelder Straße 7, melden.
Seigertshausen, Kr. Ziegenhain, 30. Mai. Die berichtete Fleischvergiftung der Hochzeitsgäste hat zu einer lebensgefährlichen Erkrankung eines der Teilnehmer geführt. Vier andere Hochzeitsgäste, die dem Branntwein tüchtig zugesprochen hatten, befinden sich dagegen auf dem Wege der Besserung.
Frankenberg, 30. Mai. Der 54 Ortschaften zählende Kreis Frankenberg mit meist Landwirtschaft treibender Bevölkerung braucht nach vorläufig er- folaten Festellungen nur etwa 54 000 Mark als Wehr- beitrag aufzubringen. Ueber ein Viertel desselben, über 12000 Mark, muß die Kreisstadt Frankenberg allein zahlen.
Neuern bei Gießen, 30. Mai. Ein schweres Unglück trug sich hier zu. Das zweijährige Kind des Arbeiters Jsengarth geriet berm Spielen in die Mistgrube. Da man das Verfchwinden des Kleinen nicht sofort merkte, ertrank es, ohne daß Hilfe iam.
Eisenach, 30. Mai. Die Vermögenserklärungen, die auf Grund des zu leistenden Wehrbeitrages em- gefordert worden sind, haben in hiesiger Lstadt gegenüber dem seither zur Ergänzungssteuer herangezogenen Vermögen ein Mehr von rund 4 Millionen Mark ergeben.
Schloß Waldeck, 30. Mai. Das Bundesfest des Bundes der Landwirte, das. zuerst Hler darin aber wegen geringer Raumverhaltmye in Bad Wildlingen sein sollte findet nun doch auf der alten ^elsenburg, dem Stammschloß Waldeck statt, und zwar am 19. Juli ds. Js. Die Hauptversammlung soll indes> m einem aroßen Zelte vor dem Rathause abgehalten werden? Als"Festredner ist der ft-ll°-rtr°t-nd° Vor- sitzende des Bundes der Landwirte, Herr aus dem Winkel-Logau gewonnen worden.
Wiesbaden, 30. Mai. Die von einer längeren Reise zurückgekehrte Gattin eines hiesigen Arztes warf gestern vormittag in einem Anfall geistiger Störung ihr vierjähriges Kind aus der im zweiten Stock gelegenen Wohnung auf die Straße. Das Kind wurde in hoffnungslosem Zustande ins Krankenhaus, die Frau in ein Sanartorium gebracht.
Mühlhansen i. Thür., 30. Mai. Der vom Stadtkreise Mühlhausen aufzubringende Wehrbettrag be- läuft sich auf 570,153 Mark, während der Landkreis Mühlhausen 138,009 Mark Wehrbeitrag zu zahlen hat.
Ilmenau, 1. Juni. Selbstmord auf den Schienen verübte der 10jährige Bürolehrling Ernst Minner. Traurige Familienverhältnisse sollen die Veranlassung zu dieser Tat sein.
Sozialpolitik für den Mittelstand.
Der neue Minister des Innern, Herr von Loebell, hat in seiner Etatsrede im Herrenhause am Mittwoch ein Wort geprägt, dessen Befolgung im Interesse der Staatszukunft von allen Reichs- und Staatsbehörden dringend zu wünschen wäre. Er sprach von einer Sozialpolitik für den Mittelstand und drückte das Verlangen aus, daß man sich bei allen gesetzgeberischen Maßnahmen und Verordnungen fragen müsse: „Wie wirken sie für den Mittelstand?" Und es wird in der Tat die höchste Zeit, daß man die hohe Aufgabe des Staates erkennt, mehr als bisher sich namentlich der mittleren gewerblichen Schichten anzunehmen,' denn der gewerbliche Mittelstände hat an dem Aufschwünge unseres Wirtschaftslebens zweifellos nicht in dem Umfange teilgenommen wie andere Erwerbsstände, ja er hat unter den Begleitumständen dieser rapiden Entwicklung direkt zu leiden gehabt. Er wird von oben her eingeschränkt durch den immer mehr wachsenden und sich ausdehnenden Großbetrieb in Handel und Industrie, von unten her bedrängt ihn die Entwicklung der Arbeiterverhältnisse und die Erstarkung der Arbeiterkoalttionen.
Dazu kommt, daß die steigenden Lahm die Lasten der sozialpolitischen Gefetzgebung, die sich namentlich durch die neue Reichsversilherungsordnung beträchtlich vermehrt haben, für den gewerblichen Mittelstand schwerer zu tragen sind als für die Großbetriebe. Der junge Nachwuchs aus dem gewerblichen Mittelstand geht teils als Arbeiter, teils als Meister in die Großbetriebe und gibt damit seine wirtschaftliche Selbständigkeit auf. Die großen handwerksmäßigen Betriebe aber sondern sich vom Handwerk mehr und mehr ab und suchen Anschluß an die Organisationen des Großhandels und der Großindustrie. Gleichwohl wäre es grundverkehrt anzunehmen, daß die Tage des Handwerks gezählt sind.
Gewiß gibt es einige zurückgehende Handwerksbetriebe, die sich wegen der Konkurrenz der Maschinen nicht halten können,' trokdem aber hat die letzte Berufs- und Betriebszählung im Jahre 1907 ergeben, daß die Zahl der mittleren und kleinen Handwerksmeister noch im Wachsen begriffen ist und daß es viele neuzeitliche Handwerksbetriebe gibt, die infolge der modernen Erfindungen erst emporgekommen sind und eine gute Zukunft haben. Abgenommen haben allerdings die Alleinbetriebe, die ohne jede fremde Hilfskraft arbeiten: das aber sind vielfach nur Durchgangsstationen für junge Anfänger oder Ruheposten für ältere Meister, die keinem größeren Betriebe mehr vorstehen wollen und mit den Erträgnissen ihrer eigenen Hände Arbeit zufrieden sind. Immerhin muß es Aufgabe des Staates sein, im Interesse seiner Selbsterhaltung, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln den gewerblichen Mittelstand in seinem Kampfe ums Dasein und in dem Streben nach Erhaltung seiner Selbständigkeit zu Hilfe zu kommen.
Wegen ihrer wahrhaft staatserhaltenden Natur werden auch alle die Vorschläge, die von der Staatsregierung zu Gunsten des Mittelstandes gemacht werden, immer auf konservativer Seite die entschiedenste Unterstützung finden, während andererseits natürlich die Sozialdemokratie lieber heute als morgen den selbständigen Mittelstand verschwinden sehen möchte. Die Sozialdemokratie findet ja nur Boden in den abhängigen, von der Hände Arbeit lebenden und auf Kündigung angewiesenen Existenzen. Daher war es kein Wunder, daß von sozialdemokratischer Seite durch den Abg. Peus am 25. November 1913 bei Beratung einer Petition, welche die Besteuerung der Konsumvereine verlangte, erklärt wurde:
„Es ist wirtschaftlich und sozial durchaus kein Unglück, wenn die armseligen, durch und durch abhängigen, elenden wirtschaftlichen Existenzen des sogenannten kleinen Mittelstandes verschwinden." Der Staat aber und alle wahrhaft staatserhaltenden Parteien sollten sich vereinigen, um in den nächsten Jahren nach den Worten des Ministers von Loebell eine entschiedene Sozialpolitik für den Mittelstand in Angriff zu nehmen.
Wetteraussichten für Mittwoch den 3. Juni.
Wolkig, vereinzelt leichte Niederschläge, keine Temperaturänderung, nordwestliche Winde.