Hers seid er Tageblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
Serslelher Srcisölott
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
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Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage“ ^ernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 13«. Zweites Blatt) Sonntag, den 31. Mai ” 1914.
Pfingsten.
Ueber keinem anderen Feste sind Frühlingszauber und Frühlingsduft so ausgebreitet, wie über dem Pfingstfeste. Um uns grünt und blüht es. In voller herrlicher Entfaltung begriffen, prangt die Natur, und überall spüren wir ein geheimnisvolles Wirken und Weben. Aus Lerchensang und lauen Lüften, aus der Maiblumen Duft und dem Finkenschlag vernimmt das fröhliche Herz, daß des Frühlings hohe Zeit genaht, daß wir aufjauchzen und jubeln dürfen: Pfingsten, das liebliche Fest, ist gekommen. Auch in den Herzen der Mühseligen und Beladenen erwacht die Lebenslust aufs neue, dringt doch der leuchtende Sonnenstrahl selbst in die dunkelste Kammer und weckt dem Kranken und Weltmüden die Hoffnung, daß auch seine Rosen wieder blühen werden.
Als das Fest der Erinnerung an die Ausgießung des Heiligen Geistes begeht die christliche Kirche das Pfingstfest. In ergreifender Weise schildert die biblische Erzählung die heilige Begeisterung, die am fünfzigsten Tage nach Ostern die in Jerusalem aus fast aller Herren Ländern zusammengeströmte Volksmenge gleichsam mit urplötzlicher Gewalt ergriff und in ihnen das Verständnis für die neuverkündete Lehre weckte. Der erste überwältigende Schmerz, der die Jünger Jesu beim Tode des Bleisters ergriffen hatte, war ruhigeren Gefühlen gewichen. Sie begannen, sich der Worte zu erinnern, die er bei Lebzeiten zu ihnen gesprochen, und die feste Ueberzeugung wurde in ihnen lebendig, daß der Kreuzestod des Meisters keinen Tod bedeute, sondern vielmehr die Auferstehung zu einem neuen, besseren Leben. Die Lehre, die Christi Jünger mit den feurigen Zungen der Begeisterung verkündeten, fand einen mächtigen Widerhall, und diejenigen, die bis dahin der neuen Lehre ihr Ohr verschlossen oder ihr Hohn und Spott entgegengebracht hatten, beugten sich einträchtig vor dem göttlichen Gedanken der christlichen Lehre.
An jenem ersten Pfingsttage trat das Christentum aus dem engen Kreise seiner bisherigen Anhänger heraus und wurde gleichsam zur Weltreligion, es trat in die Welt als die Religion, die, wie einen Gott, so auch nur eine große Gemeinde anerkannte; es lehrte, daß die Menschen berufen sind, in Frieden miteinander zu leben und gemeinsam nach den hohen Zielen zu streben, die uns allen in gleicher Weise gesteckt sind; es predigte den Geist der Versöhnlichkeit, es gebot uns, unsere Feinde zu lieben und nicht Böses mit Bösem zu vergelten. Freilich, wie weltumwälzend das Christentum auch in den Entwicklungsgang der Menschheit eingegriffen hat, es ist noch nicht alles in Erfüllung gegangen, was es verkündet und erstrebt hat. Noch fehlt vieles, recht vieles, daß alle Lehren des Christentums in die Tat umgesetzt wurden. Noch ist der innere Gehalt des Christentums nicht so tief in unsere Herzen gedrungen, daß wir uns entschließen könnten, überall da der Leidenschaft, dem Hasse, der Rachsucht zu ent- lagen, wo Versöhnlichkeit und Friedensliebe uns nicht nur durch die Lehren des Christentums, sondern auch durch die Vernunft geboten werden.
Wenn nun auch noch viel Zeit vergehen mag, bis die Gebote des Christentums überall ihre Anerkennung und Geltung gefunden haben, so zeigen uns doch gerade die sozialreformatorischen Bestrebungen der neueren Zeit die wachsende Betätigung des praktischen Christentums, die zahlreichen Werke barmherziger Nächstenliebe, daß die Lehren des echten Christentums tm allgemeinen sich einer steigenden Anerkennung erfreuen, und ihre Betätigung in stetem Wachstum begriffen ist. Mit der Hoffnung, daß dies in immer Maße der Fall sein werde, erfüllt uns das redet zu uns von dem Walten des Ä auch in der Menschenwelt, und der Glaube werten ^or^ ^ ^Mm schönen und beherzigens- Glaube w ™ s-W üblicher Glaube, weil er der IwM "°°"^° Macht des Guten in der
Lerne zu leben!
Himmelfahrtsuovellette von C. Gerhard.
sSchluß.)
des Kasinos in Monte aailo fdjnt^^ und zwei Damen, die mit ansgesuchter Eleganz gekleidet waren, herab.
Blendend lag die Sonne auf dem herrlichen Panorama vor ihnen, sie hatten keinen Blick dafür. Doch sie empfanden dre Schwule der Luft.
Ruthard von Warten nahm den Hut ab und trug ihn in der Hand. Die Sonne beschien er= östrinungStoS sein schon etwas gelichtetes Haupthaar, ein ichmales Rassegesicht, in das der Genuß bereits !^I?5^l>uren gegraben. Nervös hieb er mit dem «tockchen dre Kronen der Blüten von den Rabatten.
»Sie hatten heut allzuviel Unglück, mon ami!"
lachte die Dame an seiner Seite. „Zuerst dieser fabelhafte Gewinn und dann blitzschnell der Verlust."
„Ich betrachte es als gutes Omen, Ameelie," sagte er leise.
„Als geborene Deutsche werden Sie es kennen, das Wort vom Unglück im Spiel, Glück in der Liebe."
Sie nickte; unter dem Sonnenschirm hervor schauten ihre dunklen Augen ihn prüfend an.
„Können Sie auch treu sein, Ruthart?"
„Merkwürdige Frage, schönste Frau!" lachte er auf. „Wenn der Gegenstand meiner Liebe es versteht, mich zu fesseln, bin ich für ewig an ihn gebunden. Treue beruht auf Wechselwirkung."
Flüchtig dachte er an Lisa Bertram, der er vor drei Jahren den Scheidebrief geschrieben, da sie ihn langweilte, und die vermutlich noch immer um ihn weinte. Aber Amelie Levarre, diese Frau, die deutsche Leidenschaft mit französischen Esprit verband, die seine Neigungen zu teilen und reich zu sein schien, würde ihn dauernd beschäftigen.
Die Vier nahmen auf der Veranda des Hotel de Paris Platz und bestellten einen Imbiß.
Hämisch fragte der Colonel Dufour, der sich bisher nachlässig mit Amelies englischer Gesellschafterin unterhalten, Ruthart, auf den er eifersüchtig war: „Was sind Sie eigentlich von Beruf, Herr von Warten?"
„Ich könnte Ihnen wie Faust die Materieu auf- zählen, die ich studiert, keine befriedigte mich. Da warf ich alle Studien hin und reiste, lernte die Welt kennen."
„Also ein moderner Globetrotter! Dazu gehört Geld."
„Ja, viel Geld", murmelte Ruthart, und sein Blick ward finster.
Seitdem sein Vater einem Schlaganfall erlegen war, und Dagobert das Gut übernommen hatte, bekam er nur seine Zinsen. Freilich, die Mutter gab und gab von ihrem Anteil. Doch das genügte nicht seinen Ansprüchen. Als Amelies Gatte aber konnte er das Leben wie einen köstlichen Trunk schlürfen. Und er liebte sie.
Feuriger wurden seine Blicke und Worte.
„Ich will die Ihrige sein, Ruthart," sagte Amelie auf dem Heimwege, „aber von meinem Gatten verlange ich eine Tätigkeit. Ich besitze ein Gut bei Paris; dorthin wollen wir gehen und lernen, zu leben."
Er fühlte wohl, noch einmal öffnete sich ihm eine Pforte nach oben; doch sollte er Monte Carlo, dieses Paradies, meiden, um zu arbeiten?
Da wars ihm, als höre er die mahnende Stimme seiner Mutter, und er sagte fest: „Ich will, Ameelie, und ich danke dir!"
Und doch konnte er sich dem Zwange nicht lange fügen, das lustige, leichte Leben nicht entbehren. Nach drei Jahren zerriß er seine Baude, ertrotzte sein Vermögen von seinem Bruder, durchstreifte die Welt und trank ihre Genüsse mit lechzenden Lippen.
Wieder ist er in Monte Carlo an einem lichten Frühlingstage, den letzten Rest seines Geldes hat er verspielt; er eilt auf das Postamt, um an die Mutter zu telegraphieren, sie muß ihm helfen.
Der Beamte, der ihn kennt, äußert höflich: „Vor einigen Stunden kam ein Eilbrief an monsjeur, der Bote war vergeblich im Hotel!"
„Geben Sie her!" , , .
Etwas wie Schreck ourchzuckt ihn, als er letner jüngsten Schwester Handschrift sieht. Er geht in die Anlagen und liest: „Ich teile dir mit daß Mutter am Himmelfahrtstage nach kurzer Krankheit gestorben ist. Der Arzt sagt, an Lungenentzündung. Ich, dre ich immer um sie war, weiß es besser. Sie starb am gebrocheuen Herzen — um Dich, der Du ihr nur Kummer bereitet. Laß ihren Tod Dir zur Mahnung gereichen."
Mit blassen Lippen murmelt er: „Unsinn! Sre starb an der Entzündung!"^ Und doch ist eine Stimme n seinem Innern, die den herben Worten der Schwester recht gibt. Die rührende Gestalt der Mutter tauckt vor ihm auf; zuerst nahe, dann ferne von seinem "ebeuswege stand sie stets bereit, tausend- und tausendmal zu vergeben, zu helfen, unerschöpflich in ibrer Liebe Und nun ist sie tot-durch seine Schuld! ^ Vermutlich bettete man sie heute in die Fami en- flrilft nnd er/ihr Jüngster, ist ferne, er hat den Platz unter den Leidtragenden verwirkt.
Er swkt auf eine Bank, Träne um Träne stürzt
DeU Mutter^Seele ist aufwärts gefahren zu Gott, er aber wird ewig am Boden kleben, für ihn gibt es
ein
keine Erhebung.
aeßn Fakire später. Dunkle Felswände begrenzen schmales Tal, vereinzelt stehen armselige Hütten darin Schweigen herrscht; nur aus dem einzigen Gast- hause'dringt Gesang trunkener Männer.
Ein Mann nach dem anderen taumelt endlich aus dem dumpfen Lokal und wird von der Frau daheim mit Scheltworten empfangen.
Zuletzt kommt einer, den niemand erwartet.
Seine hohe Gestalt ist'gebeugt, das Haar au den'Schläfen ergraut, das Gesicht fahl und verzerrt und doch nicht jeden Adels bar. Ruthart von Warteu^ist'durch alle Tiefen des Lebens gegangen, obwohl er sich ^deshalb haßt. *
Er setzt sich unter einen blühenden Kirschenbaum und starrt vor sich hin. Die Kirchenglocken läuten das Himmelfahrtsfest ein. Sein Geist irrt in die Vergangenheit, und der Schmerz ergreift ihn über fein vergeudetes Leben, der Schmerz und der Wunsch, sich zu entsühnen. Plötzlich hört er grelle Schreie, angstvolles Rufen. Am starren Fels droben klebt ein Hüttchen, es wird von einem alten Weiblein und ihrem Enkel bewohnt. Aus dem Dache züngeln Flammen, lecken an den Wänden nieder. Und niemand ist bereit, zu retten.
Da erhebt sich Ruthart, eilt hin und beninnt, auf unebenem Pfade den Fels zu erglimmen. Er stolpert empor, dringt in das brennende Haus; atemlos schauen die Töchter hinauf.
Da erscheint er rauchgeschwärzt, mit dem Knaben auf dem Arme und setzt ihn tiefer auf die Blatte nieder.
Und wieder dringt er in das Flammenmeer, holt die Alte. Aber noch ist's nicht genug, sie jammert um die Ziege. Er wendet sich, da fällt ein brennender Balken, trifft ihn, begräbt ihn unter sich.
„Und seine Seele spannte Weit ihre Flügel aus!---"
Pfingstrosen.
Skizze von Käte Damm.
Der hochgewachsene Offizier in der kleidsamen Schutztruppen-Uniform schritt langsam durch die belebte Friedrichstraße. Also nach drei Jahren wieder daheim in Deutschland! Und alles wie sonst, derselbe laute Trubel, dieselben eilenden und hastenden Gestalten der Arbeit und die lässigen, müden Gestalten des Genusses. Nur noch mehr Automobile als damals! Weltenfern erschien ihm plötzlich seine Station in Afrika, es war ihm, als sei er gar nicht fort gewesen. Und doch — eine Macht war da, eine Erinnerung, die nicht zu verlöschen war: drüben in Keetmannshop hatte er Sidonie Herstenbeck kennen gelernt, des reichen Geheimen Kommerzienrates zweite Tochter, die dort einige Monate zum Besuch bei Schwester und Schwager geweilt hatte. Der Schwager, Oberleutnant von Wettermann, war sein bester Freund. Als sie fort war, sechs Monate, ehe sein Kommando in Afrika zu Ende ging, kam es ihm traurig und einsam vor; sie war so heiter, gewandt und gesprächig gewesen, hatte alle Menschen, die mit ihr in Berührung kamen, immer an sich zu fesseln gewußt. Die Gedanken an sie hatten ihn immer verfolgt und beschäftigt; ohne in Hamburg Aufenthalt zu nehmen, war er nach Berlin gefahren, obgleich die Großstadt gerade jetzt, wo es zum Pfingstfest ging, eigentlich keine besondere Anziehungskraft ausüben konnte. Er überlegte, ob er heute gleich „zur Teestunde", wozu Sidonie ihn beim Abschied neckend eingelaben hatte, nach dem Kurfürstendamm fahren sollte! Und ob er wohl ein paar Blumen mitnahm für die Geheim- rätin? Wigand von Raslow stand nämlich gerade vor einem wunderschönen Blumenladen still, hinter dessen großen, blanken Schaufenstern ein reicher Frühling und Sommer ihm entgegenblühte. Sein Blick streifte die schönen Rosen, Lilien und seltenen Orchideen, die Maiblumen und Vergißmeinnicht, die bunten Nelken und die Schneeballsträucher; da, mit einem Male, durchzuckte es ihn wie ein elektrischer Schlag: mitten im Schaufenster stand ein großer Korb, der über und über gefüllt war mit leuchtenden, purpurroten Pfingstrosen! Ländliche Pfingstrosen im großen städtischen Blumenladen! Wigand war lange Zeit fern gewesen, und von den Wandlungen der Blumenmode hatte er nichts gehört; früher waren diese bäurischen Päonien nicht in der Großstadt wohl- gelitten. Aber daran dachte er jetzt nicht. Die Pfingstrosen zauberten ihm ein anderes Bild vor sein geistiges Auge: seine Heimat, das schöne Raslow mit seinem schlichten, grauen, alten Herrenhause und dem Park, dem alten Vater, der dort lebte und mit dem freundlichen Pfarrhause dort unten im Dorf, dicht an der Kirche, und dem Pfarrgarten mit seinem Reichtum au Päonien, die just zur Psingstzcit so herrlich blühten. Und um die Pfingstzeit war auch Kordulas Geburtstag, Kordulas, des einzigen Tochter- leins des Pastorenpaares, das mit den roten Pfingstrosen um die Wette blühte. Kordula und Wigand waren gute Kameraden gewesen, und als er vor drei Jahren Abschied von Kordula genommen hatte, hatte er sie gebeten, ihn nicht zu vergessen. Sie hatte ihn groß und erstaunt angesehen: „Wie könnte ich Sie vergessen, Wigand, da mein Leben so still und einsam ist! Aber Sie werden mich vergessen, Sie haben da drüben so viel Neues und so viel anöreH daß für Kordula Willmers keine Gedanken übrig bleiben.