Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger ^A^ für den Kreis Hersfeld Melier Kreisblatt
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Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage” Zernsprech-slnschlutz Nr. 8
Nr. 126. (Grftes Statt) Sonntag, den 31. Mai ” 1914.
Bus der Heimat.
* (D i e Lo s ho lzg e r e ch t sam e.) Auf die Beschwerde des Abg. Heins im Abgeordnetenhause über vielfach geringe Qualitätund schlechte örtliche Lagerung des Losholz erwiderte Oberlandforstmeister v. Dreier: „Meine Herren, ich habe bereits bei der zweiten Beratung in diesem Hohen Hause ausgeführt, daß es den Intentionen des Herrn Ministers durchaus zuwiderlaufen würde, wenn hinsichtlich der örtlichen Lagerung des Losholzes und hinsichtlich seiner Qualität die Königliche Regierung in Cassel, das genügende Entgegenkommen vermissen ließe. Ich kann diese Ausführung heute nur bestätigen, kann auch ferner bestätigen, daß wir garnicht daran denken, gegen den Willen der Losholzberechtigten Gerechtsame abzulösen. Jm übrigen ist der Herr Minister gern bereit, in Berfolg der gegenwärtigen Anregungen die Regierung in Cassel nochmals anzuweisen, den berechtigten Wünschen und den alten lieb gewordenen Gewohnheiten der Bewohner des Regierungsbezirks Cassel nach Möglichkeit Rechnung zu tragen.
* Die Zahl der Ehescheidungen nimmt in Preußen von Jahr zu Jahr zu. Vom Jahre 1909 mit 9070 sind die Ehescheidungen 1912 auf 10,797 gestiegen. Allein von 1911 auf 1912 belief sich die Steigerung auf mehr als 1000. Schuldig waren die Männer mit 63 Prozent. Die Scheidungen wurden ausgesprochen wegen Ehebruch (471* Prozent), Verletzung ehelicher Pflichten (41,5 Prozent), böswillige Verfassung 9,0 Prozent, Geisteskrankheit 2 Prozent.
■ ):( Hersfeld, 30. Mai. Die regelmäßigen P r o m e - uaden konzerte auf dem Marktplatze beginnen in diesem Jahre am Sonntag den 7. Juni.
):( Hersfeld, 30. Mai. Einen schnellen Tod erlitt gestern Herr Stadtbaumeist er Bürger. Am Vormittage war derselbe noch auf sein Büro gegangen, um seinen Berufspflichten nachzukommen, als er daselbst von einem Schlaganfall betroffen wurde, an dem er einige Stunden später verstorben ist. Herr Bürger war über 30 Jahre in städtischen Diensten tätig.
Cassel, 29. Mai. Durch einen geriebenen Gauner ist ein hiesiger Gastwirt geschädigt worden. Der Schwindler hatte etwa eine Woche in einer hiesigen Gastwirtschaft logiert, war jedoch seit einigen Tagen verschwunden. Bald traf aber eine Postkarte aus Berlin ein, auf der der Wirt gebeten wurde, den zurückgelassenen Koffer nachzusenden, worauf der Gast den schuldigen Betrag sofort absenden werde. Der Gastwirt sandte den Koffer auch ab, aber per Nachnahme. Nach zwei bis drei Tagen kam der Koffer mit dem kurzen Vermerk zurück: „Annahme verweigert. In einem inzwischen eingetroffenen Brief schenkte der Gast dem Wirt den Koffer. Als er ihn aber öffnete, war er nicht wenig erstaunt, daß der Koffer voller . . . Sandsäcke war.
Cassel, 27. Mai. Mit dem Trauring in der Westentasche war ein verheirateter Herr aus Hann. Münden in Cassel auf Abenteuer ausgegangen. Das Glück war ihm hold, denn auf dem hiesigen Hautbahnhof lächelte ihn eine liebenswürdige Dame so unwiderstehlich an, daß er sie ansprach und zunächst zu einem Taßchen Mokka in einem Caffee der unteren Königsstraße einlud. In seiner Freude über die geknüpften zarten Banden bemerkt der verliebte Mann nicht, bine andere Dame das Rendezvous von ferne beobachtet hatte und dem Pärchen folgte. Als die " ^"ade :u traulichen Geplauder in dem Caffee die andere Dame auf und aRP“SJJ ^ bte Frau des galanten Herrn, die Senß?fi^ gekränkten Gattinnenehre die fnnrH^ M* 0 ^ Rede stellte. Aber diese ronnte tm Hinblick auf den in die SReftefnirftp hp: MiaHlibXTlApnfpS daß ihr die Gatteneigen- dj1// -V’ Beglerters unbekannt gewesen sei. 9htn der Born der Frau gegen den Ungetreuen, ber als der schuldige Teil eine heftige Attake mit dem Regenschirm über sich ergehen lassen mußte, bis es dem Eingreifen anderer Personen gelang, die aufgeregte Gattin zu beruhigen.
Sergertshausen (Kreis Ziegenhain), 28. Mai. Bei einer Hochzeitsfeier am letzten Sonntag, zu welcher (0 Personen geladen waren, erkrankten diese sämtlich schwer nach dem Genuß von Schweinebraten. Das betreffende Schwein war im Hause des Hochzeitsvaters geschlachtet worden. Es ist eine ärztliche Untersuchung in Betreff der Ursache dieser Erkrankung unter Ver- grstungserscheinungen angeordnet worden. Einige der Kranken befinden sich bereits auf dem Wege der Besserung.
Tresenort, 28. Mai. Dem Landwirt und Land- tagsabg. Georg Kaiser, der kürzlich im Walde beim Holzfahren verunglückte und dessen Befinden anfangs
zufriedenstellend war, mußte nun leider doch das rechte Bein amputiert werden. Die Operation ist gestern vorgenommen worden.
Hanan, 27. Mai. Das Vogelschutzgesetz droht als Höchststrafe 150 Mark oder entsprechende Haft an. Der seltene Fall, daß der Gerichtshof die Höchststrafe aus- spricht, ereignete sich gestern vor dem Schöffengericht. Der Goldarbeiter Karl Desch von hier hatte am 29. März im Garten seines Bruders an der Kinzig Vögel gefangen und war dicserhalb in eine Haftstrafe von zwei Wochen genommen worden. Dagegen erhob er Einspruch und wollte freigesprochen sein. Er erklärte, keine Vögel gefangen zu haben und beschuldigte den ihn belastenden Zeugen der Rachsucht. Die Beweisaufnahme gestaltete sich aber derart ungünstig für ihn, daß der Gerichtshof zu der Ueberzeugung gelangte, es mit einem gewerbsmäßigen Vogelfänger zu tun zu haben. Der Angeklagte räumte schließlich ein, Vögel gefangen zu haben und bat, da eine Freiheitsstrafe ihn um seine Stellung bringen würde, ihn mit einer Geldstrafe zu bestrafen, welche, wie schon angedeutet, auf 150 Mark oder 30 Tage Haft bemessen wurde. Bemerkenswert war es, daß er ungefragt beim Abgehen sagte, daß er mit der Strafe zufrieden sei.
Frankfurt a. M., 29. Mai. In der Friedberger Anlage vergnügte sich ein zwölfjähriger Schüler mit einem geladenen Teschin. Die Waffe ging gerade los, als ein 12jähriges Mädchen vorüberging. Das Geschoß drang in das Auge, sodaß das Mädchen sofort in die Augenklinik überführt werden mußte. Dort wurde auf operativem Wege das uoUfomntmen zerschossene Auge herausgenommen.
Minden (Wests.), 28. Mai. Bei einem Kampfe mit Verbrechern, die er in einer Wirtschaft des Dorfes Warkhausen bei Porta festnehmen wollte, wurde der Gendarmeriewachtmeister Deuterich durch einen Schuß in den Rücken schwer verletzt und mußte nach dem hiesigen Krankenhaus gebracht werden. Die beiden Verbrecher, die von Osnabrück aus verfolgt werden, sind Hypothekenschwindeleien und anderer Straftaten verdächtig. Sie konnten infolge der allgemeinen Verwirrung in den nahen Wald entfliehen.
Hannover, 29. Mai. In der heutigen Verhandlung im Göttinger Bankprozeß verkündete der Vorsitzende der Strafkammer folgendes Urteil: Punkt3 der Anklage, Differenzhandel betreffend, wird zur weiteren Verhandlung und Entscheidung abgetrennt. Die Angeklagten Reese und Riepenhausen werden unter Freisprechung im übrigen wegen Vergehens gegen § 134 des Handelsgesetzbuches in drei Fällen zu einer Geldstrafe von 500 und 1000 bis 2000 Mark und wegen Vergehens gegen § 315 Ziffer 2 H.-G.-B. zu einer Geldstrafe von je 100 Mark verurteilt. Im Nichtbe- zahlungsfalle tritt für je 10 Mark ein Tag Gefängnis. Der AngeklagteKauffmann wird freigesprochen. Soweit Verurteilung erfolgt ist, haben die Angeklagten die Kosten zu tragen. Bei der Strafzumessung hat das Gericht strafmildernd beriicksichtigt, daß die Angeklagten noch nicht bestraft sind, daß sie das, was sie getan, im Interesse der Bank und der Gesellschaft getan hatten. Aus diesem Grunde sei nicht auf eine Freiheitsstrafe, souderu eine Geldstrafe erkannt worden.
Schimborn, 28. Mai. Eine schwere Bluttat spielte sich am Sonntag in unserem Orte ab. Der bejahrte Maurermeister Martin Pfeifer 1 griff tm Verlaufe eines Familienzwistes zum Meper und verletzte feme Frau und Tochter nicht unbedenklich. Die Tochter, die verheiratet und Mutter mehrerer Kinder ist, erhielt u. a. einen Stich in die Lunge und fchwebt tn Lebensgefahr.
Bettenhaus.
Am Freitag führte das Haus die Etatsberatung zu Ende. Die Besprechung begann beim Justizetat. Graf Aork von Wartenburg erinnerte an die antimonarchische Demonstration der Svzialdemokraten beim Reichstagsschluß, die tiefe Entrüstung erregt habe. Da der Reichstag bereits geschloffen war, standen die Demonstranten nicht mehr unter parlamentarifchem Schutz. Auf die Frage, ob die Gerichte einfchreiten würden, antwortete Justizminister Dr. Beseler der Staatsanwalt habe ein Verfahren abgelehnt da es schließlich mit einer Freisprechung enden mußte, denn die Ausbringung des Hoch wurde noch als unter dem Schutze der Immunität stehend betrachtet, Jedenfalls sei die tiefe Entrüstung im Lande zu verstehen, die hier ihren Ausdruck gefunden habe. Beim Kultusetat warnte Erz Dr Dernburg vor zu weitgehender Rücksicht auf die Empfindlichkeit der Schüler. Kultusminister Dr v Trott zu Solz erwiderte, daß er es den Schulen freigestellt habe, ob sie die Rangordnung beibehalten wollen oder nicht, da die Meinungen der Fachmänner auseinandergingen. Bezüglich der Rechte der Städte
an den höheren Schulen bemerkte der Minister dem Oberbürgermeister Dr. Soetbeer, daß er in den Dienstanweisungen immer auf gutes Einvernehmen zwischen den betreffenden Behörden hingewirkt habe. An der weiteren Debatte beteiligten sich Pros. Dr. Buß, Graf Mirbach, Minister a. D. Dr. v. Studt. Eindringlich warnte Frhr. v. Bissing vor den Gefahren der Geschlechtskrankheiten und begründete einen Antrag auf Einführung chon sexualpädagogischen Lehrerfortbildungskursen, sexualpädagogischer Lehrerausbildung und geldliche Unterstützung der Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. Der Antrag wurde der Unterrichtskommissiou überwieseu. Dann beantwortete Frhr. v. Bissing die im Abgeord- netenhause gestellte Frage. General v. d. Goltz beziehe für seine Tätigkeit für den Jungdeutschlandbund kein Gehalt, unterstütze sogar noch den Bund. Gehalt beziehe lediglich General a. D. Jung, der ganz für den Bund tätig sei. Ein Antrag, die Fürsorge-Erziehung auch auf Kinder auszudehnen, deren Eltern tagsüber beruflich arbeiten, wurde der Unterrichtskommission überwieseu, der Antrag auf Einstellung eines Turnlehrers in Aachen wurde, nachdem sich der Kultusminister dagegen ausgesprochen hatte, abgelehnt. An der Aussprache beteiligten sich noch Graf Rantzau, Dr. Borchers, Graf Mirbach, Minister a. D. Dr. v. Studt. Beim Eisenbahn-Etat wurde die Resolution der Kommission, das Abkommen über die Abtrennung der Eisenbahnfinanzen von den allgemeinen Finanzen um zwei Jahre zu verlängern und die Verwendung der Eisenbahnüberschüsse auf längere Zeit festzulegen, angenommen. Graf Mirbach dankte dem Eisenbahnminister für seine umfassende Tätigkeit und sprach die Anerkennung für sein hervorragendes Wirken aus. Der Bauetat wurde en bloc angenommen. In Verbindung mit dem Etat stand die Beratung des Etsenbahn-Anleihe-Gesetzes, das ohne Erörterung angenommen wurde. Das gesamte Etatsgesetz wurde angenommen. Naurens der konservative« Fraktion erklärte Frhr. y. Richthofen, daß sie von der Staats- regterung erwarte, daß sie nach der heutigen Erklärung des Justizministers auf Mittel und Wege sinnen möge, um die Person des Monarchen vor Beleidigungen besser zu schützen. Dann wurde ein Antrag angenommen, nach dem das Abgeordnetenhaus ersucht wurde, den Etat bis spätestens zum 15. März jeden Jahres vvr- zulegen. Der Nachtragsetat für 1913 wurde ebenfalls angenommen und die Etatsberatung erledigt. Das Haus vertagte sich danu auf noch nicht bestimmte Zeit.
Durch die Lupe.
Wenn am Abend vor dem Feste blau und klar der Himmel lacht, — und Papa am Barometer — nachgeschaut so gegen acht, - dann mit würdevoller Miene — reckt er seine Mannsgestalt, — und er spricht zu der Familie: — Morgen geht es in den Wald! — Hei, wie da die Augen leuchten, - welcher Trubel da beginnt — um die kleinen Ausflugssorgen, — die bekannt uns alle sind. — Mutter brennt die blonden Locken — heute schon, und schließt sie fein, — daß sie keinen Schaden nehmen, — nachts in die Kommode ein. — Vater kriegt ein blühend weißes — Faltenhemd herausgelegt, — während für die Kinder sämtlich — jetzt die Zeit des Badens schlägt. — Vater quält sich unterdessen — eifrig mit der Weckeruhr, — denn sie weckt seit langen Jahren — blos noch um halb elfe nur. — Dennoch ist es ihm gelungen, — will es auch unmöglich scheinen, — dieses mit dem richt'gen Wecken — früh um fünfe zu vereinen, — und bewundernd anerkennt, — seine Gattin dies Talent---- Früh um fünfe, welches Rasseln! — Alles springt entsetzt heraus, — Vater tritt zum Ausschau halten — noch im Schlafrock vor das Haus. — Mutter schneidet Kuchenberge, — dreizehn Streifen jedes Kind, — nur damit sie heute abend — unbedingt auch übel sind. — Vater, dem das Barometer — Regenwitterung verheißt, — wird von Mutter abgefertigt: — „Was Du wohl schon davon weißt! — Wenn es nur zum Skatspiel ginge, — wär' das Wetter schon normal. — Wozu hab' ich die Garderobe ? — Heute ist's mir gauz egal, nun erst recht nehm' ich das blaue — Sommerkleid aus Cotelee, — drüben, die Frau HUfsrevisor — geht ja auch wie eine Fee! — Vater schweigt; nach einer Stunde, - wenn mau tief im Walde steckt, — und die Tropfen niederfallen — von dem Himmel, grau bedeckt, schweigt er mit derselben Ruhe, — die die einz'ge Rettung ist — auf der Gattin herben Borwurf: — „Nein, wie Du unwissend bist! — Jedes Kind war heute morgen - schon sich übers Wetter klar, — aber wenn man mal auf Dich hört, fällt man 'rein in jedem Jahr!"
Wulter-Walter.
Wetteraussichten für Sonntag den 41. Mai
Meist heiter, trocken, wärmer, mäßige norddi Winde, Gewitterneigung.