Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 135.
Sonnabend, den 30. Mai
1914.
Der heutigen Nummer liegt ein Amtlicher Anzeiger bei.
Bus der Heimat«
):( Hersfeld, 29. Mai. (P f i n g st s i t t e n und -gebrauche.) Die Sitte der Psingstmaien, die in ganz Deutschland heimisch ist und von den Forschern auf alte, jahrtausende zurückliegende Gebräuche der urheidnischen Germanenzeit zurückgeführt wird, hat in manchen Gegenden unseres Vaterlandes noch einige ebenso eingewurzelte Rivalen. So erhält sich in Thüringen, im Sauerlande und verschiedenen anderen Gebieten noch immer die Sitte der Brunnen- und Blumenfeste. Am Brunnen des Dorfes versammeln sich dort die Schulkinder, winden Kränze und Guirlanden aus Blumen, die sie vorher selbst auf den Wiesen gesucht haben, oder holen auch Birkenreiser und Erlen, die rings um den Brunnen in die Erde gesteckt werden und an denen man die bunten Kränze aufhängt. Um den also geschmückten Brunnen tanzen die Kinder dann einen Ringelreihen und singen fröhliche Lieder. — Im Siegkreis finden derartige Brunnenfeste außerdem noch mit einigen weniger harmlosen Gebräuchen ihren Abschluß. Die jungen Burschen versammeln sich dort abends, um den jungen Mädchen eine „Bescherung" zu bereiten, die darin gipfelt, daß jeder einzelnen in verblümter Weise recht deutlich die Wahrheit gesagt wird. Mädchen mit lockerem Lebenswandel wird Häcksel vor die Tür geschüttet; ein ans Fenster oder an die Pforte gesteckter Kirschbaumzweig soll Eitelkeit und Hoffärtigkeit bedeuten. Nur ein Schmuck des Hauses mit grünen Maien bedeutet, daß die betreffende junge Schöne von den Burschen des Dörfchens ausnahmslos verehrt wird.
§ Hersfeld, 29. Mai. Die Aussichten für das P f i n g st w e t t e r sind angesichts der jetzt beobachteten Druckverteilung, bei der fast der ganze Kontinent unter der Herrschaft sehr ausgedehnter Tiefdruckwirbel steht, für diese Woche recht unerfreulich; es ist aber noch keineswegs gesagt, daß das schlechte Wetter die Pfingst- fciertage überdauern wird. Im Hinblick auf diese ist der acht Tage vor dem Feste erfolgte Wettersturz vielleicht sehr günstig, da im allgemeinen solche Rückschläge nicht länger als eine Woche die Herrschaft zu behaupten pflegen. Man braucht jedenfalls zurzeit die Hoffnung auf schönes Pfingstwetter noch nicht auf- zugeben, und die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß bis zum Schlüsse der Woche hoher Luftdruck wieder die Herrschaftüber dieWetterlagegewonnen habenwird. Es kann also während der Feiertage sehr wohl noch warmes und heiteres Sommerwetter geben, und auch der augenblickliche weitere Barometerfall ist kein ungünstiges Symptom, da sich in zwei bis drei Tagen die Luftdruckverteilung vollkommen geändert haben kann.
):( Hersfeld, 29. Mai. Am gestrigen vormittag begaben sich die hiesigen Kriegsschüler unter Führung der Vorgesetzten mittelst Bahn n a ch C a s s e l, woselbst auf dem Waldauer Exerzierplätze interessanten Exerzierübungen der Husaren beigewohnt wurde. Watt) der Uebung besichtigten die Fähnriche die Sehenswürdigkeiten Cassels sowie die Wilhelmshöhe und trafen abends wieder hier ein.
Cassel, 28. Mai. Professor Ludwig Hotzfeld, Lehrer an der Königlichen Kunstgewerbe- uud gewerblichen Zeichenschule in Cassel, ist heute am Herzschlag ge- storben. Er stürzte während des Unterrichts üi der bauie bewußtlos zusammen. Als er aufgehoben WUa^' er bereits tot. Professor Hotzfeld (geboren war seit 21 Jahren Lehrer und a^-ffel und hatte namentlich unter den otidnnlebrern in Deutschland einen großen Ruf.
Gerstungen, 28. Mai. Ein tödlicher Unglücksfall ereignete sich gestern gegen abend in dem Dampfsäge- werk der Firma Gustav Apel. Der erst21 Jahre alte Arbeiter EnnlFrertag, der sich beim Getriebe aufhielt, wurde erfaßt und konnte nur als vollständig zerstückelte Leiche geborgen werden.
Friedberg, 28. Mai. Ein Räuberidyll hatten sich zwei den Strafbehörden wohlbekannte Stromer, der von Birklar stammende Johannes Müller, sowie der Gelegenheitsarbeiter Karl Ulrich aus Friedberg am Fuße des Wintersteins in einem verlassenen Steinbruch eingerichtet. Sie hatten sich eine Räuberhöhle erbaut, selbst einem Schinöerhannes zur Ehre gereicht hatte. Nicht allein, daß die Schlafkabinette getrennt waren, auch die Küche war separat eingerichtet und mit allerlei Küchengeräten ausstaffiert. Selbst an Lebensrnitteln war kein Mangel, insbesondere waren Kartoffelvorräte für lange Zeit aufgestapelt. Die ^ehensmittel waren gestohlen, gerade so gut wie die Kilcheneinrichtung. Die beiden lebten in ihrem Tuskulum schon lange Zeit und hätten auch noch länger
die Umgegend gebrandschatzt, wenn nicht der einsame Luftkurort Besuch erhalten Hütte, der die Herrlichkeit zerstörte. Nachdem dieser Besuch die Friedberger Gendarmerie von dem Schlupfwinkel unterrichtet hatte, drangen sie zur Nachtzeit in die Höhle ein und nahmen die beiden Höhlenbewohner fest.
Langenselbold, 28. Mai. Der frühere hiesige Bürgermeister Dr. Fritsch hatte in einer Bierzeitung, die zu Kaisers Geburtstag erschien, den hier hochgeachteten Amtsrichter Dr. Eberhard damit schwer beleidigt, daß er ihm unzulängliche Schulbildung vor- warf und auch seine amtliche und private Tätigkeit bloßzustellen suchte. Dr. Fritsch muß sich jetzt 31t einer öffentlichen Ehrenerklärung bequemen und verpflichten, 1000 Mark Bußgelder zu zahlen.
Hardt, 25. Mai. Beim Schlagballspiel in der Morgenpause rannte ein Schulmädchen gegen eine Telegraphenstauge und zerbrach das Nasenbein. Obgleich sofort ärztliche Hilfe zur Stelle war, ist die Schülerin doch jetzt an den Folgen der Verletzung in der Klinik zu Gießen gestorben.
Haiger, 25. Mai. Auf der Haiger Hütte verunglückte am Samstag Abend der 57 Jahre alte Arbeiter Heinz von Flammersbach infolge Verschüttung unter nachstürzendem Möllermaterial. Heinz verstarb am Sonntag früh im städtischen Krankenhause an den Folgen der erlittenen Kopf- und Brustverletzungen.
Bromskirchen (Kr. Biedenkopf), 28. Mai. Vor einigen Tagen wurden hiesige Bienenzüchter durch Vergiftung ihrerVölkeraufsunangenehmste überrascht. Anfänglich konnte man sich das massenhafte Absterben der Bienen nicht erklären, bis dann eine genaue Untersuchung des Wabeninhalts und toter Bienen Aufklärung brächte. Allem Anschein nach handelt es sich um einen Racheakt.
Wiesbaden, 28. Mai. Der Wehrbeitrag des Regierungsbezrrks Wiesbaden beträgt nach den vorläufigen Ermittelungen rund 54 Millionen Mark. Damit dürfte dieser Bezirk mit an erster Stelle unter allen Regierungsbezirken Preußens stehen. Den größten Beitrag zahlt Frankfurt a. M. mit 35 Mill. Mark, dann folgen Wiesbaden mit 11 Mill., Höchst a. M. mit IV2 Mill. und Biebrich mit 800 000 Mark. Den geringsten Wehrbeitrag in unserem Bezirk bringt der Kreis Usingen auf, nämlich nur 25 416 Mark.
Lützen, 28. Mai. Dieser Tage erkletterte im Uebermute der 19' 2 Jahre alte Karl Otto in Altrau- städt den am Dorfteiche stehenden eisernen Mast. Dabei kam er an die elektrische Leitung und stürzte tot herunter.
Rerrenhaus.
Bei Eröffnung der Sitzung teilte Präsident Graf Wedel den Dank des Kaisers und des Prinzen Oskar für die Glückwünsche mit. Dann wurde die Beratung des Etats beim Landwirtschaftsetat fortgesetzt. An der ziemlich ausgedehnten Besprechung beteiligten sich u. a. Frhr. v. Tettau, Graf Mrrbach, Graf Schmising, Graf zu Rantzau. Mehrfach antwortete Landwirtschasts- minister Frhr. v. Schorlemer., Er stellte die Vermehrung der Ostseesischerechajen m Aussicht und bedauerte, daß es nicht möglich fern wurde, die wieder ausgetretene Maul- und Klauenseuche im Laufe des Sommers zu bannen. Die Frage der Desinfektion der Stallbediensteten solle geprüft werden Wichtiger als die landwirtschaftlichen Schulen mit der Erniahrigen- Berechtigung erschienen dem Minister ine landwirtschaftlichen Winterschulen mit tüchtigen Fachkrattem Zur Frage der Domänen-Aufteilung bemerkte er, day nur die Domänen abgegeben wurden, die nicht besonderen Nützlichkeitswert hatten und wo es zu Besiedlungszwecken notwendig iet. Keinesfalls wurde das staatliche Eigentum vermindert werden, denn es bedeute eine starke Kapitalre,erve. Berm Etat der direkten Steuern trat Graf Mirbach besonders mit Rücksicht auf die hohen Kommunalsteuern rm Osten für die Abschaffung der Steuerzuschlage etn. Finanz- Minister Dr. Lentze bezeichnete dies Jedoch erneut als unmöglich. An der weiteren Debatte beteiligten sich Graf Mirbach, Graf Hutten-Czapsky Herzog zu Trachenberg. Beim Etat des Ministeriums des Innern äußerte sich Herr ", Putttamer zu ^ auf Aenderung des preußnchen Wahlrechts. Er empfahl den Fortschrittlern, mit der Demokratisierung des Wahlrechts in den Städten, wo ne am. Ruder feien, den Anfang zu machen. Bedenklich ,el die starke Beteiligung der Juden an den revolutionären Umtrieben Die Sozialdemokratte stehe ganz unter jüdischer Führung, dasselbe sei der Fall bei der KirchenauStrittS- u. Geburtenbefchrankungsbewegung. Minister des Innern v. Loebell wandte sich gegen die Anschauung, als ob die Regierung nicht energisch genug die Sozialdemokratie bekämpfe. Zur Ver
schärfung des Schutzes der Arbeitswilligen würden Unterlagen gesammelt. Minister a. D. Dr. v. Stndt verlangte gesetzliche Maßnahmen gegen den sittlich verderblichen Einfluß des Kneipenlebens. Minister v. Loebell versprach Abhilfe und sagte Oberbürgermeister Dr. Ochler-Düsseldorf erneute Prüfung der Aus- führungsbestimmuttgen zum Sparkasseu-Auleihegefetz zu. Auch Graf zu Rantzau erbat dies. Dem Grafen Hutten-Czapski erwiderte Ministerialdirektor Dr. Kirchner, daß Preußen am Impfzwang festhalten würde, weil er sich gegen die Pocken bewährt habe. Nach weiterer Aussprache vertagte sich das Haus auf Freitag: Fortsetzung.
Sorialdemolratie und Mittelstand.
Daß die sozialdemvkratischeu Wahlversprechungen nicht in Einklang zu bringen sind mit der sozialdemokratischen Gesetzgebung, ist schon oft bewiesen und erörtert worden. Bor den Wahlen Mittelstauds- freunde, nach den Wahlen in den Parlamenten Mittelstandsfeinde. Dieses Thema veraltet nie, und immer wieder sorgen die Herren Obergenossen durch ihre Betätigung als Abgeordnete für einleuchtende Beweise. Sie, die sonst so kühl berechnenden Strategen verwirren, wenn es sich mit Mittelstandsfragen handelt, recht oft ihr eigenes Schachspiel, und die geschickten Schauspieler fallen gar leicht aus der Rolle des Wohlwollens. Der Führer der Sozialdemokratie in Baden, der Abgeordnete Kolb, hat in diesen Tagen wieder einmal die sozialdemokratische „Fürsorge" für den Kleinkaufmann ins hellste Licht gerückt.
Im basischen Landtage handelt es sich um* die Sonderbesteuerung der Filialgeschäfte. In dankenswerter Weise hatte die nationalliberale Partei den Antrag gestellt, die badische Regierung solle dem Landtage einen entsprechenden Gesetzentwurf vorlegen und dabei Hessens Vorbild ins Auge fassen. In Hessen haben nämlich die Gemeinden gesetzlich das Reckt, durch Ortsstatut zu beschließen, daß Gewerbetreibende, die im Gemeindebezirk, ohne an ihm Wohnsitz oder Hauptbetrieb zu haben, Verkaufsstellen oder Lager zur Waren-Verabfolgung unterhalten, eine besondere Gewerbesteuer, eine Filialsteuer, entrichten. Der nationalliberale Antrag, der von wirklicher, praktischer Mittelstandsfreundschaft eingegeben worden war, der den kleinen Kaufmann, den kleinen Gewerbetreibenden wirksam unterstützen möchte in seinem ehrlichen Kampfe ums Dasein, in seinem ungleichen Ringen mit der Uebermacht des Großkapitals, fand Annahme. Selbstverständlich wurde er von den alten erprobten Freunden des Mittelstandes vom Zentrum und der Rechtsstehenden Vereinigung unterstützt. Aber Fortschrittspartei und Sozialdemokratie waren natürlich dagegen. Die Fortschrittler, die bekanntlich ihr Pulver von der Börse und den Großbanken erhalten und ihre Geldgeber bei Laune erhalten müssen, nannten, wie die „Kölnische Volkszeitung" (Nr. 479 vom 27. Mai) berichtet, das Vorgehen der Nationalliberalen kläglich; großzügig und herzerhebend ist für die einzig und allein das freie Spiel der Kräfte, in welchem der Große mit den Kleinen Katze und Maus spielt. Die Sozialdemokraten hingegen, denen der wetterharte christlich-deutsche Mittelstand in Stadt und Land das Haupthemmnis zum Zukunftsstaatsziele ist, spotteten über soziale Kurpfuscherei; radikale Doktvr-Eisenbart- Kuren sind ihnen lieber; je eher die armseligen Mittelstandsexistenzen verschwinden, desto besser, ist ihrer Peus-Weisheit einziger Schluß. Am lieblichsten aber äußerte sich ihr Führer Kolb. Er sagte nach dem stenographischen Verhandlungsbericht folgendes (15. Mai 1914).
Gehen Sie einmal in einen kleinen Laden hinein. Man geht wieder hinaus und gibt keinen Pfennig aus, weil man dort Lumpenzeug bekommt, aber keine gute Ware. Das ist der Grund, warum die Leute zugrunde gehen. Gehen Sie in einen kleinen Gemüseladen und gehen Sie auf der anderen Seite in ein Warenhaus und sehen Sie sich die Nahrungsmittelabteilung dort an! Dieser himmelweite Unterschied! Es ist kein Wunder, daß die Leute ins Warenhaus gehen und das alte Zeug nicht nehmen, das oft in den kleinen Läden feilgeboten wird. Sie brauchen gar nicht in die Nebenstraßen zu gehen; sehen Sie sich nur einmal die Detaillistenfenster an der Kaiserstraße (die Hauptstraße in Karlsruhe) an, wie verstaubt oft alles darin ist. Der Großkaufmann putzt sein Ladenfenster jeden Tag, der andere aber denkt gar nicht daran, es zu putzen. Das sind die Fehler, an denen die Lente zugrunde gehen. Sie gehen nicht daran zugrunde, daß die großen Geschäfte zu wenig besteuert sind.
Nicht nur der Politiker wird sich diese Worte, die der Wirklichkeit widersprechen und öem Mittelstände Unrecht tun und Feindschaft ansagen, merken müssen.
Wetteraussichten für Soungbend den 30. Mai. Wolkig, aber trocken, wärmer, nordöstliche, Winde.