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Hersselder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger ^s^ für den Kreis Hersfeld Wfler WW Whitt

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wieder­holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage" Zernsprech-Knschlutz Nr. 8

Nr. 184. Freitag, den 29. Mai 1914.

Bus der Heimat«

Großreinemachen.

Pfingsten steht jetzt vor der Türe, eine Woche fehlt noch kaum, darum steht die ganze Wohnung jetzt auch unter Seifenschaum. Hochgekrempt die Blusenärmel, strähnig aufgelöst das Haar, ein Stück Wachstuch vorgebunden, sieht man auch in diesem Jahr rüstig hin und her rumoren un­entwegt die Scheuerfrau, und dem Hausherrn wird beim Eintritt mittags elend schon und flau. Der Geruch von grüner Seife, traulich mit Salmiak vermischt, ist nun einmal für die Nase des Havannarauchers nischt. Ebenso ist's kaum er­freulich und macht jeden aufgeregt, wenn ein nasser Scheuerlappen klatschend um den Lackschuh schlägt, wenn man auf dem nassen Boden manch­mal rutscht und manchmal fällt, und gewöhnlich immer dahin, wo der Eimer hingestellt. Wer mit blauen Schienenbeinen glücklich noch dabei entrann, kann sogar von Glück noch reden: denn es findet mancher Mann noch ganz andere Genüsse plötzlich vor bei solchem Fall, wenn er in dem Wassereimer landet wie ein Gummiball; wenn er vor der Hausfrau Augen hilflos in der Lange sitzt, und die Scheuerfrau daneben lächelt schließlich noch verschmitzt, dann, man kann es nicht bestreiten, wirkt der Anblick komisch stets, und es macht derHerr des Hauses" jedem Frauenauge Fez. Fortgewischt ist seine Würde und sein Anseh'n radikal, harmlos freudig lallt der Sprößling:Papa, mach das doch noch mal!" Und der Vater, truthahnwütend, eilt zum Stammtisch in der Stadt, selbstverständlich erst, nachdem er frisch sich umgezogen hat.

Walter-Walter.

* Zur Frage der Losholzlieferung int Regierungsbezirk Cassel hat der Abg. Wendlandt bei Beratung des Forstetats im Abgeordnetenhause erneut das Wort genommen. Erwiesnachdem stenographischen Bericht darauf hin, wie dringend notwendig es ist, darauf zu achten, daß in der Mehrzahl der kurhessischen Bezirke das Losholz nicht abgelöst wird. Denn es steht in dem Vertrage mit Gotha, daß, wenn in der Mehrzahl der kurhessischen Bezirke das Losholz abge­löst sei, Gotha bezw. sein Herzog aus dem Vertrage mit Preußen von 1866/69 bezüglich der auf dem Walde ruhenden Gerechtsame heraus ist. Den Wald hat es natürlich nicht ohne die Uebernahme sämtlicher darauf ruhender Verpflichtungen gegenüber der Bevölkerung vom König von Preußen geschenkt bekommen. Alle alten Gerechtssame hat Gotha solange uneingeschränkt auszuführen. Der Redner erklärte, daß die Königlich preußische Staatsregierung doch auf das allerschärfste gerade im Regierungsbezirk Cassel auf die Vorgänge bei den Ablösungen von Forstgerechtsamen achtenmöge, weil andernfalls der sehr wichtige Vertrag mit Gotha fallen würde.

* (Warnung vor dem Goldregen!) Derin den Gärten und in den Anlagen sehr häufige ange- pflanzte Goldregen ist einer unser schönsten Zier­sträucher. Es erscheint aber der Hinweis angebracht, daß nicht allein der Samen des Goldregens giftig ist, säubern, daß auch die Blüte und die Rinde des Gold­regens das stark gistige Cytisin enthalten. Den Kindern sollte streng eingeschärft werden, den Goldregen nicht anzufassen und vor allen Dingen nicht in den Mund zu nehmen, da die schöne gelbe Blüte schon manche Vergiftung herbeigeführt hat.

* P fingstsonderzüge. Aus Anlaß des bevor- nehenden Pfingstverkehrs hat die Eisenbahnverwaltung NAer eine Anzahl Sonderzüge eingelegt. Den ^oenben wird dringend empfohlen, die eingelegten <>orz,lge zu benutzen, da diese die Anschlüsse auf den ueoergangsstationen in der Regel sicherer erreichen ble nachfolgenden Hauptzttge. Fahrpläne hängen "U1 den Bahnhöfen aus.

£ Hersfeld, 28. Mai. (Schöffengericht.) Zwei htejrge Einwohner erhielten wegen Beleidigung und Hausfriedensbruchs je 5 Mark Geldstrafe. Eine ^rtvsttflage wegen Betrugs wurde der Staatsanwalt­schaft zur weiteren Verfolgung überwiesen.

A U Hersfeld, 28. Mai. Am Pfingstsonntag sowie am Pfingstmontag, jedesmal abends 8- 4 Uhr, findet in ernem Zelt an der Wigbertstraße je ein ö f f e n t- V.Her Lichtbildervortrag statt, zu denen der Cintritt für Jedermann frei ist. Näheres imJnserate^- teil der heutigen Nummer.

. Au.lda, 27. Mai. Das Projekt zur Errichtung ^s^r Ueberlandzentrale scheint jetzt wieder einen Schritt vorwärts getan zu haben. Die Firma Siemens u. Halske und die AEG. bearbeiten jetzt den Kreis Fülda sowie die umliegenden Kreise. Es

dürfte jetzt wohl darauf ankommen, wer nach Lage der Sache den in Frage kommenden Kreisen das günstigste Angebot machen kann.

Alsfeld, 26. Mai. Ein Kind des Lehrers Reinhard im benachbarten Elpenrod kam dem Herdfeuer zu nahe, sodaß die Kleider Feuer fingen. Im Nu stand das Mädchen in Flammen und erlitt derartige Brand­wunden, daß es in kurzer Zeit nach qualvollem Leiden verschied.

Cassel, 27. Mai. Die Fulda und ihre Nebenflüsse führen infolge des andauernden Regens seit gestern Hochwasser. Das Wasser steigt noch. In Cassel wurden bereits die Ufermauern überspült. In den hessischen Bergen liegt Schnee. Das Hochplateau des Hohen Meißner ist in eine Winterlandschaft verwandelt.

Vöhl, 26. Mai. Infolge des Stausees ist bekannt­lich die Edderbrücke bei Asel verschwunden. Dadurch war den hiesigen Einwohnern der Verkehr nach dem anderen Edderufer sehr erschwert und um 20 Klm. verlängert worden. Die Kgl. Regierung hat deshalb eine Abfindungssumme von 95 000 Mk. gewährt, die dieser Tage angewiesen wurde. Ueber die Verwendung des Geldes, an dem nur die Hausbesitzer Anrecht haben, verlautet noch nichts.

Vom Eichsfelde, 26. Mai. Durch Ueberfahren ge­tötet wurde das 4jährige Mädchen des Mühlenbesitzers Scharfe in Beuren, das auf der Straße in der Nähe der Mühle gespielt hatte.

Hann. Münden, 27. Mai. Heute nacht entstand hier in der Siebenturmstraße ein Brand, der wahr­scheinlich dadurch verursacht wurde, daß eine 88jährige Frau eine brennende Lampe umwarf. Die Frau wurde mit erheblichen Brandwunden bewußtlos aus dem Hause getragen und ist bald darauf infolge des ausgestandenen Schreckens und der Aufregung gestorben.

Vom Thüringer Wald, 27. Mai. Nach den heißen Tagen der vorigen Woche ist ein Temperatursturz von durchschnittlich 30 Grad eingetreten. Seit drei Tagen gehen fast ununterbrochen Regengüsse nieder, in den Höhenlagen des Rennsteiges ist der Regen mit Schnee vermischt gewesen. Die Waldbäche und Flüsse führen ziemlich hohen Wasserstand. Der Pfingstreise- verkehr hat sich infolge der schlechten Witterung bis­her nur schwach entwickelt.

Göttingen, 27. Mai. Im Göttinger Bankprozeß wurde gestern vor der Strafkammer Hannover nach dreiwöchigen Verhandlungen die Beweisaufnahme geschlossen. Staatsanwalt Schütz aus Göttingen hält die Angeklagten in vollem Umfange der ihnen zur Last gelegten Vergehen für schuldig und beantragt wegen Bilanzverschleierung in drei Fällen, Untreue und Vergehens gegen die Konkursordnung gegen den früheren Bankdirektor Riepenhausen eine Gesamt- gefängnisstrafe von 2 Jahren, gegen den früheren Bankdirektor Reese eine solche von 1- 2 Jahren und gegen das Aufsichtsratsmitglied Senator Kauffmann- Göttingen wegen Bilanzverschleierung in zwei Fallen eine Gefängnisstrafe von drei Monaten, außerdem gegen jeden Angeklagten eine Geldstrafe von 1000 Mk.

Göttingen, 27. Mai. Auf dem hiesigen Güterbahn- Hof ereignete sich ein sehr schwerer Unfall. Eine vorn Ablaufberg abgelassene Abteilung Wagen her aus Versehen auf eine andere im Gleis stehende Abteilung. Der Rangierer Reinecke sprang auf den ersten Wagen und suchte durch Bremsen den Anprall zu verhindern. Das Bremshaus wurde zertrümmert, R. darm fe)t= geklemmt und ihm ein Bern zerquetscht. Ferner wurden zwei auf dem Wagen benndliche, Nrrt Salz­säure gefüllte Behälter zertrümmert, besten Inhalt sich über R. ergoß, der schwere Verbrennungen erlitt. Der Bedauernswerte wurde der Klinik zugefuhrt. Das Bein mußte ihm bereits abgenommen werden.

Naumburg, 25. Mai. An derselben Stelle der Saale, an der vor einigen Tagen ein Kmd unterging, verunglückte gestern der Einährige Wrtt aus Blan- kenese, der in der 3. Kompagnie des hiesigen Jager­bataillons stand. Allem Anschein nach hat ihn beim Baden ein Schlaganfall getrosten, denn er verschwand plötzlich in den Wellen, obgleich er Schwimmer war. Bis heute sind die Nachforschungen von Patrouillen zur Auffindung der Leiche ohne Erfolg geblieben.

Krofdorf, 25. Mai. Der hiesige 24jährige Kaufmann Jsidor Simon, Sohn achtbarer Eltern,.hat sich in der 2ca$t von vergangenen Freitag auf ^amstag su seinem Bett erschossen. Was den Lebensmüden m den Tod trieb, ist unbekannt, jedoch icheint ein schweres Leiden die Ursache zu sein.

Oberlahnstein, 25. Mai. Im Zorn warf ein hiesiger Schlosfermeister feinem Lehrling ein Stuck glühendes Eisen an den Kopf. Die Verletzungen waren so schwer, daß der junge Mann nach kurzer Zeit verstarb.

Rodach, 25. Mai. Bei einem Sonnabend abend über unsere Gegend ziehenden Gewitter nmrbe der in seinem Hofe stehendeHerzogl. WegwartChristianDressel von einem Blitzstrahl getroffen und zu Boden ge­schleudert, so daß er in seine Wohnung geschafft werden mußte. Seine rechte Seite ist gelähmt. Ferner wurde ein Arbeiter des Ritzschen Dampfsägewerks von einem Blitzstrahl getroffen lind schwer verletzt. Letzterer hatte längere Zeit die Sprache verloren.

Niedermarsberg, 26. Mai. Welche gewaltige Steuerkraft die Provinz Westfalen besitzt, zeigt die Summe der Provinzialsteuern, die für das Rechnungs­jahr 1914 6 839137 Mk., gegen 5 784 430 Mk. im Vor­jahre betragen. Von diesem Betrage hat allein unser Regierungsbezirk (Arnsberg) 4101139 Mk. aufzu- bringen, während der Bezirk Münster nur 1856 334 Mk. und der Bezirk Minden nur gar 881763 Mk. zu zahlen hat. Im Regierungsbezirk Arnsberg liegen bekanntlich die großen Industriestädte Dortmund, Bochum, Hagen u. a.

Ederbringhausen, 26. Mai. Ein am Sonnabend von Westfalen heranziehendes Gewitter hat auf den Grenzfluren von Hessen und Waldeck Hagelschlag ge­bracht. Hier ist der verursachte Schaden auf 20 Pro­zent abgeschätzt worden. Viel stärker war der Hagel in der Gemarkung des Dorfes Somplar, wo dem Vieh auf den Weiden starke Beulen durch den Hagel beigebracht wurden.

Berrenhaus.

Das Herrenhaus setzte am Mittwoch die Etats­beratung fort. Vorerst ivitrbe dem Präsidenten Graf v. Wedel die Ermächtigung erteilt, dem Kaiser die Glückwünsche zur Verlobung des Prinzen Oskar auszusprechen. Zum Etat sprach zunächst Freiherr v. Richthofen. Bei der Uebersicht über die innere Lage gab er der Zuversicht Ausdruck, daß der Kriegs­minister sich nicht ein Titelchen von der Kommando­gewalt des Kaisers rauben lasse, denn sie sei mit der Monarchie unlösbar verbunden. Finanzminister Dr. Lentze betonte, daß an die Aufhebung der Steuer­zuschläge nicht zu denken sei. Herzog zn Trachenberg bat, bald die Gütertarifkompensationen für die obcr= schlesische Industrie einzuführen, die durch den Groß­schiffahrtsweg Berlin-Stettin stark benachteiligt würde. Beide Redner bedauerten die durch das Abgeordneten­haus verzögerte Vorlage des Etats. Minister des Innern v. Loebell legte Gewicht auf die Feststellung, daß er besonders dem Mittelstände Aufmerksamkeit in sozialer Hinsicht zuwenden werde. Die dänische Agitation in der Nordmark solle den starken Arm Preußens zu spüren bekommen, der deutschen Kultur aber solle freie Bahn geschaffen werden. An dem Kampf gegen den Terrorismus der svzialdemokratischen Arbeiter müsse alles teilnehmen, was in der Monarchie, dem Staat, der Religion noch das Ideale sähe. Dann würde der Kampf siegreich sein. (Lebh. Beifall.) Graf Mirbach bedauerte, daß in den Theatern, die doch unter königlicher Aufsicht ständen, Stücke gegeben werden können, die Sitte und Anstand verhöhnen. Graf Zieten-Schwerin übte ebenfalls Kritik an der späten Vorlage des Etats. Herr v. Gwinner trat, um Klarheit im Finanzplan zu schaffen, für die Trennung der Ausgaben von Betrieb und Bau. Dem widersprach der Finanzminister. Das würde zu ver­mehrten Anleihen und bei etwa verminderten Eisenbahneinnahmen die Schuldentilgung unmöglich machen. Freiherr v. Bissing bezeichnete es als eine Schande, daß das deutsche Volk im Reichstage Männer zu sitzen habe, die dem Kaiser die schuldige Achtung verweigern. Scharf müsse auf die jugendvergiftende sozialdemokratische Presse geachtet werden. Herr v. Buch-Carmzow sah in der verzögerten Etatsberatung eine bedenkliche Erscheinung des Parlamentarismus. Wenn es nicht gelänge, die Wahlreden einzudämmen, dann sei das ein Beweis, daß er nicht lebensfähig sei. Die Regierung dürfe den Parlamentarismus nicht über die verfassungsmäßigen Grenzen hinauswachsen lassen. Freiherr v. Rheinbaben warnte bei der jetzigen guten wirtschaftlichen Lage Anleihen aufzunehmen. Der Markt müsse für Zeiten der Not offen gehalten werden. Herrn v. Gwinner antwortete kurz der Finanzminister, daß sein Vorschlag mit neuen Anleihen Schulden zu tilgen, nur möglich sei dadurch, daß neue Schulden gemacht würden. Damit schloß die General­debatte. Beim Etat für Handel und Gewerbe antwortete Minister Dr. Sydow dem Grafen Hoens- broech, daß die gelben Gewerkschaften der Sympathie der Regierung sicher wären, weil sie treu zu Kaiser und Reich ständen. Nach weiterer Einzelberatung vertagte sich das Haus auf Donnerstag: Fortsetzung.

Wetteraussichten für Freitag den 29. Mai.

Wolkig, meist trocken, etwas wärmer, nordwestliche Winde.