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Hersselder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger ^^^ für den Kreis Hersfeld Zmseitn WW kmtlstt

Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wieder­holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage Zernsprech-slnschlutz Nr. 8

Nr. 121. ............. Dienstag, den 26. Mai 1914.

Bus der Heimat«

* (Die Bedeutung des M i e ts t a l e r s.) Ueber die Bedeutung des Mietstalers herrscht noch vielfach Unklarheit, weshalb folgende Gerichtsent­scheidung bekannt gegeben sei: Ein Mädchen hatte sich bei einem Landwirt vermietet, ohne daß es einen Mietstaler erhalten hatte. Als das Mädchen dann vor­zeitig den Dienst verließ, wurde es zur Anzeige ge­bracht und vom Schöffengericht verurteilt. Die Straf­kammer hob aber die Vorentscheidung auf und sprach das Mädchen frei, weil der mündlich abgeschlossene Mietsvertrag ungültig sei, indem die Herrschaft es unterlassen habe, einen Mietstaler dem Mädchen ein- zuhändigen. Diese Entscheidung focht die Staatsan­waltschaft beim Kammergericht an und suchte nachzu- weisen, daß nach neuerem Recht ein mündlich abgeschlossener Mietsvertrag auch gültig sei, wenn ein Mietstaler nicht ausgehändigt worden sei. Das Kammergericht erachtete auch die Revision für gerecht­fertigt, hob die Vorentscheidung auf und wies die Sache zur erneuten Verhandlung und Entscheidung an die Strafkammer zurück, in dem u. a. ausgeführt wurde: Gesinde, welches ohne gesetzmäßige Ursache den Dienst verlasse, mache sich nach § 1 des Gesetzes vom 24. April 1854 strafbar. Voraussetzung der Straf- barkeit sei ein gültiger Dienstvertrag. Der Auffassung der Strafkammer, daß kein gültiger Dienstvertrag vor- liege weil der Mietstaler, nicht gezahlt sei, könne nicht beigetreten werden.

»(Günstige Aussichten für die Heidel- beerernte.) Die Aussichten auf eine ertragreiche Herdelbeerernte sind günstige. In den Wäldern haben die Sträucher reichen Fruchtbehang. Voraus­gesetzt, daß dre warme Witterung anhält, wird Ende Juni, Anfang Juli mit dem Einernten der Beeren begonnen werden können.

):( Hersfeld, 25. Mai. Aus Anlaß der Ernennung zum Ehrenmitglieds des hiesigen Kriegervereins stiftete Herr O b e r st l e u t n a n t v. R e x der Kasse des Vereins den Betrag von 100 Mark zu wohltätigen Zwecken.

):( Hersfeld, 25. Mai. Um den hohen An­forderungen betreffs Straßen- und Truppensicherheit, die heutzutage in erhöhtem Maße an Offizierpferde gestellt werden, mehr zu entsprechen, sah sich Herr Rittmeister der Res. Carl Bau man n veranlaßt, einenTeil seinesGestütes vonHersfeld nach Frankfurt a. M. zu verlegen. Herr Baumann hat zu diesem Zwecke das Gogelsgut (Be­sitz Sommerhoff) am Ende der Gutleutstraße in Frankfurt a. M. übernommen, wo jetzt schon über 30 Reitpferde eingestellt sein sollen. Das bekannte Gestüt in Hersfeld, das schon so viele brauchbare Reitpferde an Offiziere geliefert hat, bleibt zur weiteren Aufzucht ebenfalls bestehen. Herr Bau­mann läßt die jüngeren Pferde auf den dortigen Weiden, während die gebrauchsfertigen, eingefahrenen und gerittenen Pferde in Frankfurt eingestellt werden.

-w- Hersfeld, 25. Mai. Zu der gestern hier abge­haltenen Hauptversammlung des Vereins Preußischer Justizsekretäre im Oberlandes­gerichtsbezirk Caffel hatte sich eine stattliche Zahl von Amtsgerichtssekretären im Saale des Hotel zum Stern eingefunden. Die Versammlung wurde pünktlich um 11 Uhr vormittags durch den Vorsitzenden, Herrn Rechnungsrat Nielebock aus Caffel, eröffnet. Die Be­ratungen der zahlreichen Standesinteressen nahmen längere Zeit in Anspruch. Es folgte dann ein gemein­sames Essen,welches durch verschiedene Ansprachen und musikalische Genüsse in angenehmer Weise unterbrochen wurde. Die Teilnehmer der Versammlung unter­nahmen hierauf einen gemeinschaftlichen Rundgang durch unsere schöne Lullusstadt.

):(Hersfeld, 25. Mai. Der gestrige Sonntag brächte uns beistarkenRegenfällen eine ganz empfind­liche Abkühlung. Der Regen hat seit gestern abend noch nicht nachgelassen und ist zur Zeit stellenweise mit Schnee vermischt. Hoffentlich ändert sich die Wetterlage wieder bis zum Pfingstfest.

Bacha in der Rhön, 23. Mai. Beim Baden in einem Teiche ist ein russisch-polnischer Arbeiter an eine tiefe Stelle geraten und da niemand in der Nähe war, der ihm rechtzeitig Hilfe bringen konnte, ertrunken.

Marburg, 22. Mai. Auf dem Transport zur hiesigen Klinik starb ein Kind aus dem Dorfe Gönnern im Kreise Biedenkopf, das schwere Brandwunden erlitten hatte.

Schwarzenborn, 23. Mai. Eine unglaubliche Roheit hat sich der Knecht H., der bei einem Gastwirt am Knüll- köpfchen im Dienst stand, zuschulden kommen lassen. Beim Ackern wollte eines der Pferde nicht recht anziehen.

Darüber geriet H. in eine solche Wut, daß er dem Pferde die Zunge umdrehte und ausriß. Das Pferd mußte getötet werden.

Fulda, 23. Mai. Die Opfer desKrainselder Mordes, soweit sie am Leben erhalten sind, wurden dem hiesigen Landkrankenhaus zwecks Weiterbehandlung zugeführt. Die drei Personen, Mutter und zwei Söhne, sind nun­mehr zwar außer Lebensgefahr, aber die Spuren der Untat werden wohl unverwischbar bleiben.

Sachsenhausen (Kr. Ziegenhain), 23. Mai. Das vier Jahre alte Töchterchen des Landwirts Gohl hier fiel am gestrigen Nachmittag in einen mit kochendem Wasser gefüllten Kessel und trug erhebliche Brandwunden am Unterleib und den Beinen davon. Trotz ärztlicher Hilfe verschied das Kind unter den gräßlichsten Schmerzen.

Caffel, 25. Mai. Schwere Brandwunden zog sich am Freitag abend eine bei einer Familie in der Königsstraße tätige Aufwärterin zu. Die Auf­wärterin wollte für eins der Kinder Milch wärmen. Sie beging die Unvorsichtigkeit, auf den brennenden Spirituskocher Spiritus nachzugießeu, wobei die Maschine explodierte. Die Frau mußte schleunigst ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen.

Waldeck, 22. Mai. Die mit der Abnahme der Gerüste für die Drahtseilbahnenan öer Sperrmauer beschäftigten Arbeiter müssen wohl nicht die nötige Sorgfalt haben walten lassen; zwei davon stürzten herunter, sodaß einer sofort tot war und der zweite mit zerschmetterten Gliedern nach dem Helenenheim zu Wildungen ge­bracht werden mußte. Er wird kaum mit dem Leben davon kommen. Man wird sich erinnern, daß bei der Aufstellung des Gerüstes ebenfalls drei Monteure heruntergestürzt sind, wobei zwei sofort tot blieben. Hoffentlich sind dieses die atzten Opfer, die der Bau der Eddertalsperre forderte, denn noch kurze Zeit und die Arbeiten sind beendet. Der Himmelfahrtstag brächte uns einen unzähligen Besuch von nah und fern. Auf dem See hatten die Motorboote voll zu tun, um den Andrang zu bewältigen: es wurden über 800 Fahrkarten ausgegeben.

Göttingen, 24. Mai. Am 28. Januar fochten ein Göttinger Referendar und ein Casseler Oberleutnant vor Mariaspring ein unblutig verlaufenes Pistolen- duell mit zweimaligem Kugelwechsel aus. Die Ehe des Offiziers ist auf seine Klage hin geschieden worden. Der Referendar hatte mit der Frau Briefe gewechselt, in denen er sie duzte. Weiteres scheint zwischen diesen beiden nicht vorgekommen zu sein, denn sonst wäre wohl bei dem sich am Freitag vor der Göttinger Strafkammer abspielenden gerichtlichen Nachspiel die Oeffentlichkeit ausgeschlossen worden. Der Referendar wurde zu sechs Monaten Festung verurteilt, wett er die Veranlassung zu dem Duell gegeben hat. Der Offizier ist bereits vom Kriegsgericht der 22. Division in Caffel zu drei Monaten Festung verurteilt worden.

Göttingen, 22. Mai. Im SchachtHildaglück" bei Hardegsen verunglückte durch Herabfallen eines schweren Steines der Bergmann H. aus Gierswalde. Er war sofort tot. Auch wurde der Bergmann Sp. aus Elienrode am Hinterkopf schwer verletzt.

Göttingen, 22. Mai. Bei der Rückkehr von Mariaspring trieben die Mitglieder einer studentischen Korporation auf ihrem großen Kremier allerhand Allotria. Ganz besonders tat sich der erste Chargwrte der Korporation, der nicht Farben tragenden Ver­bindungThuringia" hervor. Wiederholt mußte ihn der Kutscher vom Verdeck herunterholen, um ohne Gefahr weiter fahren zu können. Unterwegs wurde noch einige Male eingekehrt, jodatz ichließlich alle Teilnehmer mehr oder weniger illuminiert waren. In dieser Stimmung sprang der erste Chargierte, der Student der Theologie Ergenzmger aus Hamburg aus dem in voller Fahrt befindlichen Wagen und geriet unter ein Hinterrad, das ihm über den Kopf ging. Seine Verbindungsbruder hatten sein Ver­schwinden garnicht bemerkt, nur der Änlicher hatte empfunden, daß der Wagen über irgend etwas gefahren war. Beim Nachsuchen fand man den ersten Chargierten blutüberströmt auf der Chaupee liegen. Man fuhr den Verunglückten sofort znr Klinik, als man aber dort eintraf, hatte er bereits seinen Geist aufgegeben. So wurde aus der so fröhlich angetretenen Spazierfahrt eine Trauerfahrt.

Jühnde 22. Mai. Am gestrigen Himmelfahrtstage nachmittags gegen 5 Uhr stürzte der 23jährige unver­heiratete Bauarbeiter August Tele aus Niedernfefa auf der Straße von Hoya nach Jühnde mit feinem Fahrradc. Seine Kameraden .fuhren weiter und mußten erst durch einen anderen Radfahrer zurück- geholt werden. Der Verletzte wurde durch Jühnder Einwohner mit einem des Weges kommenden Wagen nach Jühnde in die Gastwirt,chaft von Weitemeyer gebracht. Der durch Boten herbeigerufene Arzt Wolff

aus Dransfeld stellte einen Schädelbruch -fest. In einem Automobil wurde der Verletzte nach Göttingen in die Klinik geschafft, wo er kurz uach seiner Ein- lieferung starb.

Hanau, 22. Mai. Die Stadtverordneten bewilligten für den Ausbau der Staatsbahn WilhelmsbadHanau- Ost als Hochbahn 300 000 Mk. Die Gesamtkosten für den Ausbau betragen 3 055 000 Mk. Hiervon gehen die kapitalisierten Jahresausgaben in Höhe von 2 456 000 Mk. ab. Von den verbleibenden rund 600 000 Mark trägt die Stadt Hanau zu den Baukosten 240 000 Mk. und übernimmt mit 60 000 Mk. die Ver­pflichtung der Reinigung und Beleuchtung der Straßeuunterführungen usw. Die Stadtverordneten stimmten ferner der versuchsweisen Einführung der Schulzahnpflege an den Volksschulen zu.

®tr AMlttMrbrM Der ZWMicht«.

Das Königlich-Bayerische Bezirksamt in Kehlheim hat eine Mahnuug an die Eltern und an die Ver­käufer von Zigaretten gerichtet, in der auf die große Gefahr für die körperliche Entwicklung der Jugend durch das Zigarettenrauchen hingewiesen wird. Es vermindere die Eßlust, bewirke durch ungenügende Ausnutzung der Speise Blutarmut, führe zu Schwäche des Herzens und schaffe nervöse Zustände. Schließlich bedinge es eine mangelhafte körperliche und geistige Entwicklung und setze somit die Leistungsfähigkeit der jugendlichen Personen herab. Das Bezirksamt Kelheim wünscht, es möchten alle berufenen Kreise, in erster Linie die Eltern, zur Bekämpfung der schlechtenGewohnheitzusammenarbeiten.DieGemeinde- behörden sollten auch nach Möglichkeit die Verkäufer von Zigaretten beeinflussen, daß solche an jugendliche Personen nicht mehr abgegeben werden.

Diese amtliche Mahnung ist leider nicht ohne tiefe Berechtigung. Selbst verständige Eltern beginnen in der Ueberschätzung, die man in mancher Beziehung den modernen Kindern entgegenzubringen sich gewöhnt hat, und die im starken Gegensatze zu der Bescheiden­heit und Unterordnung steht, in der früher die Kinder erzogen wurden, den Wünschen ihrer Kinder eine größere Nachsicht entgegenzubringen, als es berechtigt ist, und sie vergessen ganz und gar, daß selbst bei fönst gut erzogenen Kindern diese Wünsche meistens auf dem bei jedem Kinde vorhandenen Bestreben beruhen, möglichst den Erwachsenen es gleich zu tun und ihnen ale ch zu gelten. Wie weit der Körper, wie weit der Geist, die beide in der Entwickelung begriffen sind und einer Beurteilungsfähigkeit über die Berechtigung des Wunsches vollkommen entbehren, unter der Erfüllung leiden, findet bei den Eltern nur ungenügende Beach­tung und tritt vielfach hinter dem falschen Stolz zurück, was der Junge schon für ein forscher Kerl sei.

Es ist nicht so selten, daß man von dem Vater eines 1415jährigen Jungen hören kann, es sei doch kein großes Verbrechen, wenn der Knabe zu Hause nach Tisch 12 Zigaretten rauche. Daß darunter auch bei älteren Kindern der Körper leiden muß, gibt die Begründung der Kelheimer Mahnung mit nur zu großer Berechtigung an. Das Kelheimer Bezirks­amt hätte aber auch darauf Hinweisen können, daß die frühzeitige Erlaubnis zum Zigarettenrauchen zu Hause für Geist und Gemüt ebenfalls nur nachteilig sein müssen, weil diese Erlaubnis in gewissem Sinne die Autorität der Eltern den Kindern gegenüber durchbricht und den Kindern Freiheiten einräumt, die der ihnen gebührenden Bescheidenheit nicht förder­lich sind. Sehr zu wünschen ist es daher, daß dem Kelheimer Vorgehen andere örtliche Behörden mit Nachdruck folgen möchten, und es wäre sogar daran zu denken, daß durch ein Reichsgesetz diese Frage geregelt wird. In England ist das Rauchen der Personen unter 16 Jahren, sowie der Verkauf von Tabak und Zigaretten an dieselben durch Gesetz unter Strafe gestellt und zwar ist dieses Gesetz im Jahre 1910 erlassen worden. Man sieht darum in England auch nicht, wie es bei uns nicht fv selten in den letzten Jahren vorgekommen ist, daß halberwachsene Knaben mit der Zigarette sogar auf der Straße getroffen werden, und wenigstens sollte gegen diesen letzteren Unfug die Polizei einschreiten. Ein solches Verbot des Rauchens auf öffentlichen Plätzen für Personen unter 18 Jahren oder mindestens 16 Jahren würde auch gleichzeitig eine Mahnung an Eltern und Er­zieher sein, daß für diese Personen das Manchen nur als ein Schaden aufzufassen ist. 8 R.

Wetteraussichten für Dienstag den 26. Mai.

Bewölkung abnehmend, meist trocken, wärmer, nordöstliche Winde.