Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger ^»^^ für den Kreis Hersfeld
Miller Äreisitott
Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im anülichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wiederholungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
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Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr 118
Donnerstag, den 21. Mai
1914.
SMMM
Der heutigen Nummer liegt ein Amtlicher Anzeiger bei.
Himmelsahrtsleft.
Himmelfahrt ist das Fest, das jeder gern feiert und das doch für viele seine innere Bedeutung fast verloren hat. Ein Festtag im Mai, mitten in der Woche, ein Tag so recht zum Hinausziehen in die prächtige Maiennatur, wer sollte ihn nicht gerne feiern! Und wenn irgend ein Monat, so hat der Mai ein Recht auf einen freien Tag außer den Sonntagen, auf einen besonderen Wandertag,' wir schütteln den Staub ab, der sich im Kontor oder in der Werkstatt oder im Haushalt auf die Seele gelegt hat, und für Jung und Alt soll es gelten :
„Da singet und jauchzet das Herz zum Himmelszelt."
Was in den Kirchen zu hören ist an diesem Tag, das sind wohl andere Töne und klingen doch merk- würdig an diesen Maienvers an. Zum Himmelszelt hinaufblickend, das Herz voller Freuden, so werden auch die uns geschildert, die einst das erste Himmelfahrtsfest erlebten. Der Grund ihrer Freude war freilich nicht die Maienpracht, sondern das Bewußtsein, daß droben eine Heimat auf sie warte . . . Himmelshoffnung, Himmelssehnen — irren wir, wenn es uns scheinen will, als ob unsere Zeit diese Stimmungen wieder besser verstehen lernte, als noch die Zeit vor zwanzig und dreißig Jahren? Man verdächtigt zwar noch mitunter den Jenseitsglauben, als vertröste er das Volk auf den Himmel, nur damit es nicht den Versuch wage, hier seine Ketten abzuschütteln. Aber wer hineinhorcht in das Leben unserer Gegenwart, wer auf die feineren Töne lguscht, die sich oft kaum hervorwagen und die doch an so vielen Orten erklingen, der vernimmt immer wieder bald sehnsüchtig zagend, bald fröhlich hoffend das Lied: Es muß ein Himmel sein. Es muß eine Welt geben ohne Leid und Tod, eine Welt in der die Rätsel gelöst sind und das vergebliche Ringen ein Ende hat, eine Welt der Reinheit und der Wahrheit, der Güte ohne Flecken und ohne Hintergedanken,- und wir Menschen sind für diese Welt geschaffen. Wir suchen sie nicht mehr draußen im Weltenraum, noch weniger kann uns jener Himmel abhalten von der Arbeit auf unserer Erde; wir stehen mit beiden Füßen auf diesem Boden und kennen keine dringlicheren Aufgaben, als die, die der Tag uns stellt. Aber wir haben aus der Geschichte gelernt und wir spürens an uns selber, daß Kraft und Mut zu solcher Arbeit dort am stärksten vorhanden sind, wo man nicht in diesem Tagesgetrrebe untergeht, wo man seinen Blick hinauflenkt und aus einer anderen Welt Kraft und Freude schöpft. Dazu soll uns Himmelfahrt helfen. Nicht süße Gefühle eines lähmenden Himmelsheimwehs, sondern Kraft, die als heiliger Lebens- und Schaffensdrang sich aus- wirkt, soll uns der Blick zum Himmel geben; und freilich, je mehr das Leben Enttäuschungen bringt, desto mehr wird zum Schaffensdrang auch die stille Hoffnung treten auf einen Feierabend, da wir „ein- zieh'n in das Tor der Ewigkeit....."
Bus der Heimat«
* (Pfingstzeit und Paketverkehr.) Die Versendung mehrerer Pakete mit einer Postpaketadresse ist für die Zeit vom 25. bis einschließl. 30. Mai weder im inneren deutschen Verkehr noch im Verkehr mit dem Ausland — ausgenommen Argentinien — gestattet. Nach Argentinien können auch in dieser Zeit mehrere, jedoch höchstens 3 Pakete, mit einer Postpaketadresse versandt werden.
* (Wieviel Lehrlinge darf ein Handwerk sm eister beschäftigen?) Gesetzlich ist über die Beschäftigung von Lehrlingen der Anzahl nach "ichts festgelegt, so daß dies bei Streitigkeiten zwischen Lehrherrn und Lehrling bezw. dessen Vertreter dem richterlichen Ermessen anheimgegeben ist. Das Gewerbegericht zu Cassel hat zu dieser Frage folgende Stellung genommen: In einem Falle wurden von einem Handwerksmeister 15 Lehrlinge in seinem Be- trrebe beschäftigt, in dem außerdem noch a Gesellen tätig waren. Von einem Lehrling wurde darauf hm- gewiesen, daß er in diesem Betriebe nicht genügend ausgebildet werden könne und er um Auflöiung des Lehrverhältnisses bitten müsse. Das Gewerbegericht vertrat die Ansicht des Lehrlings, und zwar mit der Begründung, daß in einem Betriebe, wo la Lehrlrnge beschäftigt und nur 5 Gesellen tätig sind, die Ausbildung der Lehrlinge nicht so geregelt werden könne, um den Lehrling vollständig auszubilden. Hieraus ergibt sich, sofern 6er Meister nicht in der Lage rst, den Lehrling auszubilden bezw. einen Gesellen hrer- mit zu beauftragen, daß der Lehrling berechtigt ist, sein Lehrverhältnis unverzüglich aufzulösen.
-r- Hersfeld, 20. Mai. (W e h r b e i t r a g.) Die im hiesigen Kreise aufkommende Wehrsteuer beläuft sich auf 245 000 Mk. Die Summe des früher wissentlich verschwiegenen Kapitalvermögens ist auf 1200 000 Mk. festgestellt worden und verteilt sich verhältnismäßig gleichmäßig auf die einzelnen Schichten der Bevölkerung. Einschließlich des gelegentlich der Wehrbeitragsveranlagung ermittelten, bisher unbekannt gebliebenen, aber nicht wissentlich verschwiegenen Kapitalvermögens beläuft sich das gesamte Mehr an Kapitalvermögen im ganzen Kreise anf 2 000 000 Mk. Zum Verständnis dieser Zahl sei bemerkt, daß dies auf den Kopf der Bevölkeruug des Kreises berechnet einen Betrag von etwa 65 Mk. ergibt, und etwa 3«/» des bereits bekannt gewesenen Kapitalvermögens ansmacht, und daß die aus Ersparnissen ermöglichten neuen Kapitalanlagen beispielsweise im Jahre 1909 im hiesigen Kreise etwa 1,200 000 Mk. betragen haben dürften. Das festgestellte Mehr an Kapitalvermögen ist also im Verhältnis zu dem gesamten Vermögensbestand im Kreise recht gering und legt Zeugnis ab von einem erfreulichen Maß von Ehrlichkeit der Steuerzahler im hiesigen Veranlagungsbezirk.
):( Hersfeld, 20. Mai. Herr Kupferschmiedemeister Schüßler, Kommandaut der Feuerwehr, hielt gestern ineinigenKlassen der hiesigen gewerblichenFort- bildungsschule einen sehr belehrenden Vortrag über folgendes Thema: Was ist zur Vermeidung von Feuersbrünsten zu geschehen und wie hat man sich bei Ausbruch eines Brandes zu verhalte«? Auf Wunsch des Schulleiters wird Herr Schüßler denselben Vortrag auch in den anderen Klassen der Fortbildungsschule halten.
):( Hersfeld, 20. Mai. Allgemein wird es von den Kirchenbesuchern freudig begrüßt werden, daß die Bänke im Schiff der Kirche durch neue ersetzt werden sollen. Die Anfertigung von 136 Stück Kirchenbänken wird in der heutigen Nummer durch den Magistrat ausgeschrieben.
):( Hersfeld, 20. Mai. An dem am 29. d. Mts. in Alsfeld stattfindenden Z u ch t v i e h m a r k t wird auch die Körungskommission unseres Kreises im Interesse der einheimischen Viehzucht teilnehmen. Die Herren der Kommission, welche aus den Herren Otto Reinhardt-Landershausen, Gutspächter Hold-Kirchheim und Gutspächter Eschstruth- Frielingen besteht, werden die Interessenten des Kreises bei dem Ankauf von Zuchtvieh unterstützen. Im Bedarfsfälle wollen sich daher Kaufliebhaber mit den genannten Herren in Verbindung setzen.
):( HerSfeld, 20. Mai. Vor der zuständigen Prüfungskommission in Fulda bestand gestern Herr Jakob Lipph ardt von hier seine Prüfung als M e tz g e r m e i st e r.
Rotenburg a. F., 19. Mai. Ein Unfall widerfuhr am Sonnabend einem Fuhrwerk des Herrn Gutsbesitzers Schröder in Wüstefeld, das umflürzte und einen auf dem Wagen sitzenden Monteur unter sich begrub. Der Verletzte wurde nach Caßel ins Landkrankenhaus gebracht.
Fulda, 18. Mai. Wahrscheinlich wird die Landestelle für Luftschiffe und Flugzeuge auf dem Exerzierplatz bei Sickels noch weiter ausgebaut. Gegenwärtig liegt die Entscheidung beimKriegsminiiterium. Zurzeit ist ein mächtiger Anker (für 400 Tonnen Tragkraft) ill einem mehreren Meter tiefen Eisenbetonfundament eingebaut.
Frankershausen, 19. Mai. Hier trug sich gestern ein eigenartiger Unfall zu. . In Abwesenheit des Lehrers gerieten zwei etwa zehnjährige Schüler aus nichtiger Ursache in Streit. Der eine stach dabei den Mitschüler mit seiner Schreibfeder in den Hinterkopf, sodaß die Feder bis auf den Knochen drang. Bei dem Versuche, sie zu entfernen, brach dre Feder ab Der Kopf des bedauernswerten Kindes schwoll sogleich m bedenklicher Weise an. Glücklicherweise waren zwei Aerzte aus Eschwege hier anwesend, aber auch ihnen gelang es nur unter Anwendung der Chloroform-Narkose den Rest der Feder zu entfernen. Die Verletzung ist nicht unbedenklich.
Göttiugeu, 19. Mai. Ein schwerer Unglücksfall ereignete sich gestern mittag auf dem Personenbahnhof. Der Schlosser Winter von hier, welcher zur Arbeit nach dem Maschinenhaus am Güterbahnhof gehen wollte und kurz vor dem Güterzug 7083 über die Gleise schritt, wurde vom Zuge erfaßt. Dabei wurden ihm beide Beine abgefahren, außerdem wurde er noch erheblich am Kopfe verletzt. Nachdem ihm ein Notverband angelegt war, wurde er nach der Klinik gebracht.
Cassel, 19. Mai. Als in einem Steinbruche bei dem benachbarten Bad Wolfsanger mehrere Arbeiter an einer Winde hantierten, schlug plötzlich der eiserne
Handgriff zurück und traf mit aller Milcht dieIbcideu Arme des Arbeiters Attendvrn. Der linke Unterarm wurde zersplittert und der rechte Arm ebenfalls schwer verletzt. Der Arbeiter rvurde in das Unfallkranken- haus Wolfsanger geschafft.
Abgeordnetenhaus.
Die dritte Beratung des Etats wurde am Dienstag fortgeführt. Beim Etat der Eisenbahnverwaltnng bemängelte Abg. Dr. Runze (Fortschr.), daß den Arbeitern vielfach Schwierigkeiten bei der Ausübnng ihres Beschwerderechts gemacht werden. Dem Abg. Dr. Wagner (freik.) erwiderte Minister v. Breitenbach, daß in Breslau mit den Aerzten der Betriebskrankenkassen Verhandlungen angekniipst seien, die hoffentlich Befriedigung schaffen werden. Er bemerkte lveiter, daß den Beamten die nebenamtliche literarisch- wissenschaftliche Tätigkeit wohl gestattet sei, doch dürfe das nicht zur Vernachlässigung des Hauptberufs führen. Eine weitherzige Handhabung der diesbezüglichen Bestimmungen forderte Abg. Gottschalk (natl.). Wünsche aus dem Waldenburger Bergrevier trug Abg. Krause (freik.) vor. Abg. Gronowski (Ztr.) kritisierte die Beeintrüchtignng des Koalitionsrechts der Werksarbeiter. Der Minister bemerkte, daß die Verwaltung keinen Einfluß habe auf die Firmen, die für sie arbeiten. Bestimmungen über die Koalitionsfreiheit könnten daher in die Verträge nicht ausgenommen werden. Dem Abg. Leinert (Soz.) antwortete der Minister, es sei die alte Methode der Sozialdemokratie, auf Grund unbeweislicher Nachrichten gegen verdiente Beamte und die Verwaltung schwere Anschuldigungen zu erheben. Das habe der Abg. Leinert getan mit seiner Schilderung der Zustände auf dem Bahnhof Seelze, in Hannover und Breslau. Alle Angriffe seien grundlos. Nach kurzen Bemerkungen des Abg. Frhr. v. Reitzenstein (kons.) wurde dem Eisenbahn-Etat zugestimmt. Zum Bau-Etat war ein konservativer Antrag eingegangen, der die in der zweiten Lesung abgesetzten 50 000 M. für den Bau des Opernhauses nachdemHoffmannschenEutwurs wiedereinsetzen wollte. Nach längerer Debatte, an der sich u. a. die Abg. Dr. Rewoldt (freit), Linz (Ztr.), Rosenow (Fortschr.), Fritsch (natl.) beteiligten, wurde auf Antrag des Abg. Frhr. v. Maltzahn (kons.) namentlich abgestimmt. Für den Antrag fielen 218 Stimmen, dagegen 145. Abg. Dr. Liebknecht (Soz.) hatte bemerkt, er hoffe, daß der Bau noch lange stehen werde, wenn er den Charakter eines Königlichen Hofopernhauses verloren habe. Vizepräsident Dr. Kranse rief den Redner dafür zur Ordnung. Minister v. Breitenbach hatte um Aunahme des Antrags gebeten und bemerkt, daß in dem neuen Theater weitgehende Rücksicht auf die Preisgestaltung für die minderbemittelten Bevölkerungsschichten genommen werden sollte. Der Etat wurde bewilligt eine Reihe weiterer Etats konnten ohne Debatte erledigt werden. Beim Etat des Ministeriums des Innern begründete Abg. Dr. König (Ztr.) einen Antrag znr Förderung des Baues von Kleinwohnungen für Staatsarbeiter und gering besoldete Staatsbeamte Hypothekendarlehen und Bürgschaften durch die Regierung zu übernehmen. Unterstaatssekretär Drews erklärte, daß die Regierung der Wohnungsfürsorge ständig Aufmerksamkeit widmen und dem Abg. Oertel (natl.) erwiderte er, daß über die Auslegung des Weingesetzes in den beteiligten Ressorts noch nicht völlige Uebereinstimmung herrsche. Abg. A. Hoffmann (Soz.) nannte es eine stupide Hetze, daß man die Sozialdemokratie für die Charlottenburger Denkmalsschändung verantwortlich zu machen suche. Der Antrag wurde der Wohnungskommission überwiesen. Das Haus vertagte sich dann auf Mittwoch. Fortsetzung. Schluß ^*6 Uhr. — Das Herrenhaus hielt gleichfalls eine Sitzung ab und erledigte neben einer Reihe von Petitionen und kleinen Vorlagen den Gesetzentwurf über Aenderungen im Fürsorgegesetz und das Gesetz über die Zuständigkeit der Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsbehörden. Wachste Sitzung Mittwoch 1 Uhr.
Eingesandt.
Hersfeld, 20. Mai. Die Bewohner der Breitenstraße würden sich über einen öfteren Besuch des Sprengwagens jetzt ganz besonders freuen, denn durch Pflaster- ausbesserungsarbeiten liegt der Sand einige Zentimeter hoch und wird durch den jetzt täglich herrschenden Wind hoch emporgewirbelt. Es ist fast unmöglich noch ein Fenster offen halten zu können, denn ehe man sich versieht, fegt der Wind einen Sandregen in die Zimmer.
Wetteraussichten für Donnerstag den 21. Mai.
Vorwiegend heiter, höchstens ganz vereinzelt Ge- wittererschetnungen, ein wenig kühler.