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Hersfelder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger ^j^ für den Kreis Hersfeld Msidier WW WMt

Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wieder­holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Vuchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage §ernsprech-5lnschlutz Nr. 8

Nr. 115. (erstes Matt) Sonntag, den 17. Mai ' 1814

Bus der Heimat.

* (Eine weitere Verkürzungd er Eisen­bahnstrecke Kran k für tBerl i n.) In der Plenarsitzung der Hanauer Handelskammer wurde mitgeteilt, daß der Bau einer Umgehungsbahn, welche Bebra nicht mehr berühren und die Verbindung FrankfurtBerlin entsprechend abkürzen soll (wie jetzt die Umgehung von Elm seit 1. Mai) von neuem Ver­schiebungen im Fahrplan bedingen wird. Die Um­gehungsbahn bei Bebra soll am 1. Mai 1915 betriebs­fähig sein.

8 Hersseld, 16. Mai. Zur Wetterlage wird von "der Wetterwarte Weilburg unter dem 15. Mai geschrieben: Im Laufe der Woche haben schon die Regenfälle im allgemeinen nachgelassen und die Sonne machte auch schon einige schüchterne Versuche durch- zukommen. Jetzt ist jedoch ein durchgreifender Um­schwung der allgemeinen Wetterlage eingetreten. Ein langgestrecktes Hochdruckgebiet trennt uns von den durch Nordeuropa immer noch ziehenden Tiefdruck­wirbeln. Dort wehen noch westliche Seewinde, bei uns sind schon Nordostwinde eingetreten, die aus jenem Hochdruckrücken stammen, der von Island her nach Rußland sich erstreckt. Damit ist die Wahrschein­lichkeit sehr groß geworden, daß wir jetzt eine ganze Reihe von Tagen heiteres und trockenes Wetter bei allgemein steigender Tagestemperatur haben werden. Auch Gewitter sind zunächst wenig wahrscheinlich.

§ Hersfeld, 16. Mai. Gnädig gemeint haben es in diesem Jahre die von den Landleuten und den Gemüsezüchtern so sehr gefürchteten Tage und Nächte der Eisheiligen Pankratius, Servatius und Bonifatius. Die Tage vom 12. bis 14. Mai sind ohne den gefürchteten Frost vergangen. Allerdings gab es um so mehr Regen. Daß der Glaube an die Frost­gefährlichkeit der drei Tage noch tief eingewurzelt ist, zeigt sich darin, daß vielfach die Züchter der Bohnen imb anderer zarten Gemüse schwer zu bewegen sind, vorher die Aussaat zu machen. In vielen Gegenden fürchtet man auch St. Urban, der auf den 25. Mai fällt.

):( Hersfeld, 16. Mai. Infolge des morgen in Darmstadt beginnendenPrinzHeinrichFluges passierten auf dem Fluge dorthin eine ganze Anzahl Flugzeuge auch unsere Gegend. Nach den bereits gestern gemel­deten beiden Eindeckern wurden gestern nachmittag zwei weitere Flugzeuge gesehen, die über den Wehne- bera kamen und an der Stadt vorbeiflogen. Heute früh kurz vor 7 Uhr konnte man in nicht zu großer Höhe eine Flugmaschine bei dem klaren Wetter beobachten, die über die Stadt flog, ihr folgte um ^*12 Uhr ein weiteres Flugzeug.

Gerstungen, 14. Mai. Mit Rücksicht auf die großen Truppentransporte für das diesjährige Kaisermanöver ist au der Eisenbahnstrecke nach Untersuhl der große Truppenverpflegungsplatz mit elektrischer Beleuchtung versehen worden. Auch anderwärts werden im Manövergelände umfangreiche Maßnahmen für das Kaisermanöver getroffen. Das Manövergelände wird sich in östlicher Richtung bis in das Werrataal bei Gerstungen erstrecken.

Fulda, 14. Mai. In der Nähe des Landkranken- hauses wurde ein Handwerksbursche aus Rinteln in schwer leidendem Zustande aufgefunden. Er hatte Salzsäure zu sich genommen, wahrscheinlich um sich zu vergiften. Er fand Aufnahme in das Land­krankenhaus.

. Ischwege, 15. Mai. Der Wehrbeitrag belauft sich Kreise Eschwege auf insgesamt 449 532 Mark. Auf ! Efchwege entfallen davon 214857 Mark, auf 1'^01 Mark und auf die Stadt "Vnb^^ ^ Mark. Den Rest bringt das platte

15. Mai. Von einer hohen Tanne abge- 5 stiern gegen abend der etwa 11jährige Sohn eines hiesigen Einwohners. Der Junge hatte den Baum erklettert, unrein auf diesem befindliches Raben- nest abzunehmen. Seine gleichaltrigen Schulgenossen Hefen, nachdem der Junge abgestürzt war, eiligst ins Dorf zurück, um Hilfe zu holen. Der Verunglückte erlitt mehrere Brüche beider Arme, schwere Verletz­ungen im Gesicht und scheinbar auch innere Ver- letzungen. Der Junge mußte sofort in ärztliche Behandlung gegeben werden.

Schlüchtern,15. Mai. Der Kgl. Landrat desKreises Schluchtern ichreitet gegen die von Jahr zu Jahr fich steigernde Vergnügungssucht ein; er ersucht die Z^LErmeister, die Vereinsvorstände und auch die Beremswirte bald davon in Kenntnis zu setzen, daß ^L.nst dreitägige Festveranstaltungen grundsätzlich nicht mehr und zweitägige Feste nur dann noch ge- neymlgt werden, wenn sich mehrere Vereine eines ^.rtes zu einer gemeinsamen Feier ihrer Gedenktage usw. zufammenschließen.

Schlitz, 14. Mai. Die vor einiger Zeit durch die Blätter gegangene Meldung über die Uebernahme der Gräflichen Brauerei durch eine Geuossenschaft, ist, wie die Presse meldet, nicht zur Ausführung gekommen. Die Brauerei bleibt nach wie vor im Betrieb der Gräflich Görtzschen Burggüterverwaltung.

Cassel, 16. Mai. Als gestern nachmittag mehrere Jungen in der Hentzestraße im Stadtteil Wehlheiden Fußball spielten, zog sich der 12jährige Sohn des Eisenbahnwerkstattsschreiners Christoph Zeichner eine Verletzung am Leib zu. Der Junge wurde in die elterliche Wohnung gebracht, wo er an den Folgen des Unfalles verstarb. Der hinzugezogene Arzt stellte als Todesursache Darmverschlingung fest.

Eisenach, 15. Mai. Wegen verschiedener Angriffe seitens des Gemeinderates betreffs der Gültigkeit der Stimmen für die in den Gemeinderat gewählten Vertreter verließ Oberbürgermeister Schmieder die Gemeinderatssitzung und beteiligte sich nicht mehr an den Beratungen des Gemeinderates.

Schönau a. Hörsel, 14. Mai. Unweit des Ortes wurde auf der Bahnstrecke die Leiche eines etwa 20= bis 22jährigen Burschen aufgefunden, dem ein Bein gänzlich, das andere bis zum Knie abgefahren war. Ob Unglücksfall oder Selbstmord vorliegt, hat sich noch nicht feststellen lassen, auch ist noch nicht er­mittelt wer der Tote ist.

Dransfeld, 14. Mai. Im nahen Barterode hat sich der Steinbrucharbeiter Wilh. H, aus unbekannten Gründen in seiner Wohnung erschossen. Er hinter­läßt eine Frau und ein Kind von sechs Jahren.

Hanau, 14. Mai. Bei Großauheim stürzte von einem mainabwärts fahrenden Floß der 14jährige Johann Sch. aus Neuses (Bayern) in das Wasser und ertrank.

Biedenkopf, 15. Mai. Auf der Grube Storch und Schöneberg bei Gosenbach im Siegerland wurde der verheiratete Bergmann Konstantin Köhler durch Ge- steinsmasseu getötet.

Frankfurt a. M., 15. Mai. Eine auffällige Spionagetätigkeit wird seit einiger Zeit hier in Frank­furt von einigen gedungenen Agenten einer fremden Macht (vermutlich Frankreich) entfaltet. Wie die Franks. Nachr." berichten, sind letzthin mehrer Fälle bekannt geworden, daß sich fremde Leute an Offizters- burfchen und solche abkommandierte Soldaten, die auf Militärbureaus Schretberdienste leisteten, heranmachten und sie zu veranlassen suchten, gegen Bezahlung Schriftstücke und Aktenpläue usw. zu liefern. Die harmlos auftretenden Leute hatten mit ihren Be­stechungsversuchen keinen Erfolg. Die Spione konnten nicht dingfest gemacht werden.

Wiesbaden, 16. Mai. Bei der gestrigen Fest­aufführung desRichters von Zalamea" im Hoftheater, der der Kaiser beiwohnte, ereignete sich ein Unfall. Im ersten Akt wurde Frau Doppelbauer, die Dar­stellerin der Marketenderin, durch einen unglücklichen Zufall von dem Säbelhiebe eines andern Darstellers getroffen, der eine stark blutende Wunde verursachte. Die Künstlerin wurde ins Krankenhaus gebracht. Der Kaiser ließ sich wiederholt nach ihrem Befinden erkundigen.

Darmstadt, 15. Mai. Bis jetzt sind 28 Flugzeuge hier eingetroffen, teils auf dem Luftweg, teils mit der Bahn. Am Nachmittag fanden Flugzeug-Vor­prüfungen für die noch nicht abgenommenen Flug­zeuge statt. Bei einem Uebungspfluge stürzte Leut­nant Carganico aus beträchtlicher Höhe fenkrecht ab. Trotz des Sturzes aus groyer Höhe blieb Carganico bei vollem Bewußtsein. Er hat einen Oberfchenkel- bruch und einen Beinbruch davongetragen. Das Befinden des Verunglückten war abends gut, er konnte selbst an seinen Vater schreiben.

Itiriwereine.

Man muß es dem guten Deutschen lassen, er macht gar zu gern von feinem Staatsbürgerrecht, sich zu versammeln und zu vereinen, Gebrauch. Nirgends ist die Vereinsmeierei so groß rote in Deutschland; und wenn im Auslande an irgend einem Orte drei Deutsche tätig sind, dann haben sie nicht nur vier Meinungen, sondern gründen sofort den oder jenen Verein. Leider arten die meisten Vereine, die zu irgend einem Zwecke gegründet werden, leicht in Vergnügungsvereine aus; es gibt ttt ihnen in der Regel bei weitem mehr passive als aktive Mitglieder und mancher Verein scheint nur darin seinen Daseinszweck zu suchen, dem Götzen Alkohol zu frönen und geschäftsgewandten Gastwirten die Taschen zu füllen. Bon dieser Entartung kann mancher Gesangverein, manche Freiwillige Feuerwehr, mancher Sportverein Zeugnis ablegen. Sehr zahlreich sind gerade die

Sportvereine. Sie sollen alle ihre Ehre behalten, wenn sie wirklich das üben und pflegen, rvas sie auf ihre Fahnen geschrieben haben. Radeln, Schießen, Kegeln, Rudern, Segeln, Schwimmen sind Leibes­übungen oder Pflege der Sinne, die niemand unter- schätzen wird. Aber die kommen nicht dem gesamten Körper zugnte, sie stählen und schürfen nur einzelne Glieder und Sinne. Oft gehören auch zur Pflege solcher besonderen Sportliebbabereien, zum Reiten folcher Steckenpferde reichere Mittel; wer segeln will oder mit dem Kraftwagen oder Kraftschiff Meilen fressen, muh über das nötige Kleingeld verfügen und stellt was fast schlimmer ist recht oft die Menge der Leistungen höher als ihre Giite, er hält nicht Maß und wird ein Knecht seines Sports.

Da lob ich mir die edle T u r n e r e i. Hier kommt in mannigfaltigen Uebungen der ganze Körper zu seinem Rechte, zu seiner Ausbildung und Stärkung. Welch eine Fülle von Geräten geben Gelegenheit Kraft und Gewandtheit zu beweisen, Gefahren zu überstehen und alle Muskeln nnd Nerven in Zucht zu nehmen. Marschübungett unb Freiübungen, wo­möglich mit Eisen- oder Holzstab, geben dem Körper Haltung, Anmut und Beweglichkeit. Die Mitgliedschaft ist leicht zu erwerben. Standesunterschiede kennt man nicht. Arm und reich, hoch und niedrig können in trauter Kameradschaft sich betätigen. Auch Knaben und Jünglinge, Mädchen und Jungfrauen sind doch gern gesehen als Nachwuchs, als Träger der Zukunft. Politik ist ausgeschlossen, aber Vaterlandsliebe, Charakterfestigkeit, Selbstbewußtsein und Bürgersinn werden gepflegt. Freilich könnte die Beteiligung stärker, die Zahl derpassiven Freunde" geringer sein. Niemand sollte sich den Freiübungen, die der Schwäch­lichste mitmachen kann, entziehen. Die Alte-Herren- Riege sollte an keinem Turnabend fehlen. Das Turnen muß noch mehr als bisher Gemeinsport werden. Wie gern ist der Turner im Heere gesehen. Jährlich werden 3040 000 junge Turner als bestes Rekrutenmaterial ausgehoben. Zum Turnen gehört das Singen und das Wandern. Schlichte Volkslieder und schlichtes Wandern auf Schusters Rappen gehören zum frischen, freien, fröhlichen, frommen Turner. Auf Turnfahrten kann man deutsche Fröhlichkeit und Innigkeit, deutsche Freundschaft und deutsche Genügsamkeit und Mäßigkeit in höchster Vollendung kennen lernen. In den Turn­vereinen wird auch die Erinnerung an die Vergangen­heit wird die deutsche Geschichte gepflegt. Deutsches Nationalbewußtsein und deutsche Treue sind dort wohlgeborgen. Wer in der Ostmark oder Nordmark ein deutsches Turnerfest miterlebte, weiß aus unmittel­barer Erfahrung, daß deutsches Wesen dort, wie Lichtstrahlen int Brennpunkte, alles durchleuchtete und durchströmte, daß dort ein Bollwerk gegen das Fremde und llndeutsche trotzig emporragte.

Natürlich hat die Sozialdemokratie ihre Mannen gesondert gesammelt. Sie gründet Sportvereine aller Art, um die Genossen zu entdeutschen und von nationalen Einflüssen fernzuhalten, sie hat auch einenArbeiter- Turnerbund" (1893 in Gera) gegründet, der in 700 Vereinen etwa 35000 Mitglieder gesammelt hat. Als antisemitischer Sonderbund besteht derDeutsche Turnerbund", der nicht 20000 Mitglieder hat. Wenn man von zahlreichenwilden" Vereinen absieht, sind alle übrigen Turner Deutschlands in derDeutschen T u r n e r s ch a f t". Fast 9000 Vereine gehören zu ihr mit fast einer Million Mitglieder. An ihrer Spitze steht derAusschuß", dessen Vorsitzender der greife Jüngling Dr. Goetz-Leipzig ist. In Coburg wurde auf dem ersten Deutschen Turnfeste im Jahre 1860 der jetzt so gewaltig erstarkte Verband ins Leben gerufen; damals 20000 Turner, jetzt das Fünfzigfache. In derDeutschen Turnzeitung", die in Leipzig erscheint, hat dieDeutsche Turnerschast^ ihren geistigen Mittel­punkt. Bewundernswert ist der Aufbau des Ganzen.

18 Turnkreise bestehen in Deutschland, einschließlich Deutsch-Oesterreichs, die Kreise zerfallen in Gaue; in den Gauen sind die Ortsvereine zusammengefaßt. Gaufeste, Kreisfeste und Reichsfeste werden gefeiert, auf denen Musterriegen in ($erät= und Freiübungen ihr Können zeigen und besonders Gewandte und Kraftvolle in engeren Wettbewerb treten. Als Preise werden schlichte Eichenkränze verliehen und von den Siegern hoch in Ehren und Andenken gehalten. Möge die deutsche Turnerei weiter blühen und gedeihen. Wem die Zukunft des Vaterlands, wem die eigene und seiner Kinder Leibeszucht am Herzen liegt, der helfe dazu, daß das Turnen ein Jungbrunnen deutschen Wesens bleibe,ein Luickborn des gesamtenVolkeswerde.

Wetteraussichten für Sonntag den 17. Mai.

Ziemlich heiter,'trocken, warm, zeitweise auffrischende. östliche Winde.