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Hersfelder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Sersfelder WW Kreisblutt

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wieder­holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage"

Zernsprech-slnschlutz Nr. 8

Nr. 111.

Mittwoch, den 13. Mai

1914

Hus der Heimat.

):( Hersfeld, 12. Mai. Die Frage der N e u b e b a u- ung des Platzes neben dem Rathaus hatte bekanntlich den Bund für Heimatschutz in Cassel veranlaßt, eine aus den Herren Professor Knackfuß, Professor Freiherrn von Tettau, beide an der Königl. Kunstakademie in Cassel, und Stadtbauinspektor Labes aus Cassel bestehende Kommission zur Besichtigung des betreffenden Platzes hierher zu senden. Das Casseler Tageblatt" veröffentlicht nunmehr das Gut­achten dieser Herren über die Bebauung. Aus demselben entnehmen wir folgendes:Durch Abreißen der alten Fachwerkhäuser seitlich des Rathauses zu Hersfeld ist die eine Seite des vor ihm gelegenen ursprünglich ganz geschlossenen Platzes freigelegt und damit das hervorragend schöne Stadtbild an dieser Stelle wesent­lich verändert worden. Das Stadtbild, welches der frühere Zustand des Platzes bot, muß, soweit dies aus noch vorhandenen Bildern zu ersehen ist, als künstlerisch vollendete städtebauliche Leistung bezeichnet werden, und zwar beruht dies in der Hauptsache auf folgenden Punkten: Der Platz war früher verhältnis­mäßig eng, und gerade dieser Umstand war am besten geeignet, zur Steigerung der Wirkung des schönen alten Rathauses beizutragen, zumal die jetzt ver­schwundenen Gebäude in kleinen Verhältnissen und äußerst schlicht ausgeführt waren. Namentlich kam die niedrig gehaltene Silhouette der einfachen Giebel dem Rathause maßstäblich zugute. Heute dagegen hat der Platz seinen Maßstab eingebüßt, da seine eine Seite vollständig geöffnet ist und in großer Ferne erst einen ganz unzureichenden Abschluß in einigen kleinen Häusern besitzt. Bei der alten Bebauung bestand zwischen dem Rathaus und den abgerissenen Häusern ein reizvoller Durchblick auf die dahinter liegende gotische Kirche, und zwar gerade auf den malerischen Winkel zwischen Chor und Schiff mit der eingebauten Vorhalle, und auf die prachtvolle, überragende Masse des Turmes mit seiner charakteristischen, abgestumpften Haube. Dieses glücklich abgestimmte Bild wurde noch durch die gerade in der Lücke liegende Freitreppe gehoben. Jetzt liegt der Chor der Kirche monoton und kahl im Vordergrund ohne die interessante Ueber- schneidung der kleinen Häusergruppe, die auch dem Turm durch ihren maßstäblichen Gegensatz zu noch mächtigerer Wirkung verhalf. Gerade das halb ver­deckte Herauswachsen der Dach- und Turmmassen aus dem niedrig gehaltenen Vordergrund machte das Bild interessant. Mit der Freilassung des Platzes würde die Stadt einen sehr wertvollen Baugrund aufgeben zugunsten einiger Privatinteresfen, und sich so nicht bloß in ihrer Schönheit, sondern auch wirtschaftlich schädigen. Wenn schließlich mit wenigen Worten die Art der empfohlenen Wiederbebaunng berührt werden soll, so kann dabei nur möglichste Schlichtheit und Zurückhaltung in großen und kleinen Banformen, einfache ruhige Dachausbildung und Niedrighalten des Gebäudes ans Herz gelegt werden, alles im Interesse des alten Rathauses, mit dem jede Konkurrenz des Neubaues in Masse und Einzelformen vermieden werden muß. Ferner wäre die Verbreiterung der Gasse möglichst zu vermeiden. Bei dem vorliegenden Projekt ist diese Verbreiterung in sehr geschickter Weise durch einen Laubengang erreicht, ohne die schmale Erscheinung zu stören. Mit einem Wort: Man mußte, um wirklich Schönes zu schaffen, auch bei ernem modernen Bau möglichst auf die Kon- 5* ursprünglichen Erscheinung zurückgehen.

Artikel schließt dann mit folgenden Worten: .ocan kann im Interesse der schönen Stadt Hersfeld nur wünschen, daß diese klaren, überzeugenden Dar- , Zungen einen starken Eindruck machen werden. Wir zweifeln nicht, daß der kunstsinnige und für die heimatlichen Schönheiten begeisterte Teil der dortigen Bewohnerschaft sich den Inhalt dieser unwiderleglichen Ausführungen zu eigen machen und dafür eintreten wird, daß die Bebauungsfrage nicht ins Stocken gerät. Hier ist einmal die Gelegenheit zur Betätigung eines echten Lokalpatriotismus gegeben. An Unterstützung der hessischen Kunstfreunde wird es nicht fehlen! Der Bund für Heimatschutz wird auch fernerhin gerne die Besten aus seinem Kreise zur Verfügung stellen, wenn es gilt, für eine Sache von solcher Bedeutung zu wirken. Unmöglich kann sich die Bürgerschaft Hers- selds mit der dauernden Entstellung des Stadtbildes einverstanden erklären. Sie hat im Interesse der Allgemeinheit die Pflicht, ihre Meinung nachdrücklich kundzugeben und würde dies wohl am besten durch erne Versammlung erreichen, in der berufene Redner das Thema eingehend behandeln.

ssj Hersfeld, 12. Mai. Ein in jeder Weise wohl­gelungenes Fest feierte am Sonntag in Hersfelds Mauern der Kurhessische Verband evange - lricher Jungfrauenvereine. Große Scharen lunger Mädchen aus allen Gegenden unseres Hessen­

landes kamen schon mit den Bormittagszügen, denn es lag ihnen daran, vor Beginn des Festes die Sehenswürdigkeiten Hersfelds kennen zu lernen. Am Lullusbrnnnen und Linggdenkmal, in der Stiftsruine und in den Anlagen sammelten sich in den Vormittagsstunden zu Hunderten die fröhlichen jungen Menschenkinder und hörten mit größter Auf­merksamkeit die Schilderungen aus Hersfelds Ge­schichte. Die eigentliche Feier begann um 2 Uhr mit einem Festgottesdienst in der Stadtkirche. Fast war sie zu klein, um alle aufzunehmen, jedenfalls gefüllt bis auf den letzten Platz. Prächtige ansprechende Chöre des Kirchenchores, die packende frische Predigt des Herrn Pfarrers Eisenberg ans Marburg, welche den rechten Ton für die jugendlichen Zuhörer fand, gaben dem Jahresfest eine außerordentlich eindrucks­volle Einleitung. Von der Stadtkirche aus gingen dann die Jungfrauenvereine in geordnetem Zug unter Begleitung der Posaunenchöre von Hersfeld und Unterhaun nach dem Auguste Viktoria Haus. Es war keine Kleinigkeit und hatte umfassender Vor­bereitungen bedurft, alle die vielen Gäste zu bewirten, aber -dank der Rührigkeit unserer hiesigen Schwestern, der Hilfsbereitschaft der Mitglieder des hiesigen Jung­frauen- und Müttervereins und der anerkennens­werten Unterstützung von selten hiesiger Damen ge­lang es, ohne Stockung den Festgästen es waren nahe an Tausend Erfrischungen darzubieten. Im Anschluß daran fand die Nachfeier in der Turnhalle statt. Auch dieser Raum vermochte die Zahl der Teilnehmerinnen kaum zu fassen. Nach einem sehr passenden eigens zu diesem Zwecke verfaßten Be­grüßungsgedicht und einem vom Hersfelder Jung- srauenverein vorgetragenen Begrüßungslied eröffnete der Vorsitzende des Kurhessischen Verbandes, Herr Dr. th. Sardemann-Cassel, die Feier mit einem Dank an die Stadt Hersfeld und den Hersfelder Jung- frauenverein für die Einladung und Aufnahme, wünschend, daß das Jahresfest am Sonntag Kantate ein hellklingender Lobpreis zur Ehre Gottes werde. Der Kreisverbandsvorsitzende, Herr Pfarrer Scheffer, begrüßte die anwesenden Vertreter der staatlichen und städtischen Behörden, die Vor­standsdamen des Ausschusses für weibliche Jugend­pflege, des Vaterländischen Frauenvereins und die erschienenen Mitglieder der Jungfrauen-Vereine aus Kurhessen. Dann folgten in reicher Abwechslung gute eingeübte Reigen, Chorlieder und eine sehr nette Aufführung, welche das Frühlings Erwachen darstellte. In einer wirkungsvollen Festansprache wies Fräu­lein Schönian-Cassel auf das mächtige Wachstum der evangelischen Jungfrauenvereine hin, die sich in Deutschland in einem Verband eine starke Organisation geschaffen und seit wenigen Jahren mit den evangelischen Jungfrauenverbänden anderer Länder zu einem Weltbund zusammengeschloffen haben. Leb­haften Beifall fand ihre Schilderung von der letzten Weltbundkonferenz in Berlin, für deren Aufnahme der Zirkus Busch in Berlin nicht ausgereicht hatte, und die ein beachtenswertes Zeugnis für die Be­deutung der Jugendpflege ist, wie sie in den evangelischen Jungfrauenvereinen an der Heran­wachsenden weiblichen Jugend getrieben wird. Es war ein glücklicher Gedanke, daß Pfarrer Kroger- Jhringshausen in seinem mit köstlichem Humor ge­würzten Schlußwort anknüpfend an die Ausführungen der Festansprache einen warmen Appell an die An­wesenden richtete, für dieses großzügige Unternehmen Freunde und Anhängerinnen zu gewinnen - Die Nachfeier war so zeitig beendet, daß die Mitglieder der auswärtigen Vereine mit den Abendzugen ab­reisen konnten. Die Vorstände der Jungfrauenvereine aber versammelten sich am Montag vormittag im Auguste Viktoria Haus zu einer Konferenz, an der anch hiesige Mitglieder des Kreisausfchuffes für Jugendpflege und des Vorstandes des Vaterländischen Frauenvereins teilnahmen. Der Vorgtzeiide des Kur- hessischen Verbandes, Herr Pfarrer Dr. th. Sardemann, eröffnete und leitete die Verhandlungen. Nach einem Jahresbericht des Schriftführers und Rechnungsablage des Kassierers des Verbandes hieltFrauleinConsbruch- Cassel einen höchst interessanten und allen wertvollen Vortrag über die FrageWie treiben wir Jugend­pflege in unseren Jungfrauenvereinen"-- und Pfarrer Schwab-Cassel über die Organisation der Jung­frauenvereine. An beide Vortrage fch offen sich leb­hafte Diskussionen an. Mit .einem herzlichen Dankes- wort für die liebevolle Aufnahme, die die Gaste in Hersfeld gefunden und die Anregungen, die sie hier empfangen hatten, schloß der Vorsitzende die Tagung um 1 Uhr.

h Hersfeld, 12. Mai. Zu einer Besprechung über den anläßlich des Landwirtschaftlichen Be­zirksfestes hier stattftndenden Festzn^ hatten sich am gestrigen Abend eine große Anzahl Vereins- vorftäude eingefunden. Nachdem Herr Oekonom Schimmelpfeng die Anwesenden begrüßt hatte,

gab Herr Kupfcrschmiedemcister Schüßler ein Bild von dem geplanten Festzuge. Derselbe soll in drei Abteilungen zerfallen und zwar Landwirtschaft, Ver­eine und Gewerbe. In der ersten Abteilung verspricht die Beteiligung außerordentlich groß zu werden, da bereits zahlreiche Gemeinden unseres Kreises sowie der Nachbarkreise ihre Mitwtrknng zugesagt haben, so daß besonders interessante Trachtengruppen zu sehen sein werden. Da die Vereine sich fast ebenfalls ohne Ausnahme beteiligen werden, und zwar meistens durch einen Festwagen, so wird Hersfeld einen Festzug erleben, wie er noch niemals hier geboten worden ist. Es ist erwünscht, daß die Teilnehmer ihre bestimmte Zusage bis zum 1. Juni an den Festzug-Ansschuß gelangen lassen.

):( Hersseld, 12. Mai. Ans der Fahrt nach dem Truppenübungsplatz Ohrdrnf passierte heute mittag die RadfahrkompagniederMarburger Jäger unsere Stadt und machte hier eine kurze Rast. Auf dem Marktplatz wurden die Räder zusammengestellt und die Mannschaften auf kurze Zeit in die Stadt beurlaubt. Gegen 4 Uhr wurde die Fahrt nach Vacha fortgesetzt.

Cassel, 11. Mai. Mus beut Waldauer Exerzierplatz ereigneten sich am Montag zwei schwere Unfälle. Der Kanonier Tischler der ersten Batterie des Feld- artillerieregiments Nr. 11 wurde beim Uebersetzen über einen Graben vom Mnnitionswagen geschleudert und erlitt einen Bruch der Wirbelsäule. Gleichzeitig stürzte ein Husar der fünften Eskadron des Husaren­regiments 9tr. 14 vom Pferde und trug außer inneren Verletzungen einen Beckenbruch davon. Die beiden Soldaten wurden in bedenklichem Zustande in das Casseler Garnisonlazarett gebracht.

Opfertshauseu, 10. Mai. Ein im vergangenen Jahr dahier verstorbener früher Gastwirt vermachte in seinem Testament u. a. auch den Dorfmusikanten den Betrag von 1000 Mk. mit der Bestimmung, daß sie jedes Jahr an seinem Geburtstage eine halbe Stunde lang vor dem Geburtshause spielen müssen und dafür das Recht haben, die Zinsen von den 1000 Mark an diesem Tage in der betreffenden Wirtschaft zu verjubeln. Der Betrag verfällt, wenn die Kapelle auch nur ein einziges Mal am Geburtstag des Spenders" das Spielen unterläßt.

Heiligenstadt, 11. Mai. Die Zahlungen eingestellt hat die altangesehene Firma Biermann & Co. in Nenmühle bei Worbis. Die Firma strebt durch ein Moratorium mit ihren Gläubigern einen Vergleich an. Voraussichtlich wird in aller Kürze in Worbis eine Glänbigerversammlung stattfinden, um Mittel und Wege zu finden, für die Gläubiger eine möglichst hohe Quote herauszuschlagen. Die Firma, deren In­haber der Oekonomierat A. Biermann und der Bankier E. Biermann sind, betrieb ein Bankgeschäft, eine große Landwirtschaft sowie eine Kunst- und Handelsmühle. Die Inhaber sind im Kreise Worbis hochangesehene Leute. Oekonomierat Biermann ist Kreisdeputierter, Mitglied der Handelskammer, Amtsvorsteher zweier Amtsbezirke, Vorsitzender des landwirtschaftlichen Kreisvereins usw. Die Zahlungseinstellung betrifft zahlreiche kleine Geschäftslente und Landwirte, die ihr erspartes Geld der Firma anvertrauten. Die Passiven sollen ca. IV« Millionen Mark betragen.

Schmalkalden, 9. Mai. Der veranlagte Wehr­beitrag belauft sich nach amtlicher Feststellung für den Kreis Herrschaft Schmalkalden auf etwa 180 000 Mark, davon entfallen, wie derHausfreund" meldet, auf die Stadt Schmalkalden allein 120 000 Mark, der Rest auf den ländlichen Bezirk.

Ohrdruf, 9. Mai. Gestern früh erschoß sich auf dem hiesigen Truppenübungsplatz mit seinem Dienst- gewehr ein Soldat der 6. Kompagnie des Infanterie- Regimentes Nr. 71 aus Erfurt. Der Beweggrund zur Tat ist unbekannt.

Faltenberg Kr. Hvmberg, 9. Mai. Eine vom Schicksal vielfach heimgesuchte Familie ist im hiesigen Orte die Familie Sippel. Vor kaum einem halben Jahre zog sich der 20jährige Sohn, welcher Maurer ist, bei einem Arbeitsunfall bedeutende Verletzungen am Rückgrat zu. Der Vater Sippel erlitt in diesem Frühjahr einen Armbruch. Noch weilte er im Kranken­hause, als Frau Sippel vor einigen Wochen in Aus­übung ihrer häuslichen Arbeiten durch einen Sturz vom Boden der Scheune auf die Tenne beide Beine brach und eine sehr schwere Verletzung des Rückgrats davontrug.

Frankfurt a. M., 9. Mai. Heute morgen gegen 7V2 Uhr wurden der 64 Jahre alte Schreinermeister Jean Ettling und seine Ehefrau int Bette liegend tot auf- gefunden. Anscheinend handelt es sich um einen Unglücksfall durch Gasvergiftung._________

Wetteraussichten für Mittwoch den 18. Mai.

Wolkig, zeitweise noch geringe Niederschläge, kühl, nordwestliche Winde.