Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger ^Z^ für den Kreis Hersfeld
Weiber Armblatt
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wiederholungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Zernsprech-slnschlutz Nr. 8
Nr. 105.
Mittwoch, den 6. Mai
1914.
Bus der Heimat.
* (Schnellere Abfertigung des Reisegepäcks.) Durch einen Erlaß an die Eisenbahndire ktion kommt der Minister der öffentlichen Arbeiten den Wünschen des reisenden Publikums hinsichtlich der schnelleren Abfertigung des Reisegepäcks entgegen.
*(DieAusdehnungöesweiblichenHanü- w e r k s.) In der kurzen Zeit, seit der auch für weibliche Handwerker ein ordentlicher Bildungsgrad vorgesehen ist, hat das weibliche Handwerk eine starke Verbreitung gefunden. Am 1. April des Vorjahres gab es in Deutschland bereits 18 700 weibliche Lehrlinge, die einen ganz regelmäßigen Bildungsgang, wie die männlichen Handwerker durchwachen, um auf Grund dieser Bildung späterhin Stellung 31t erlangen. Die Gesellenprüfung haben bis zu dem gleichen Zeitpunkt 6200 Frauen bestanden. Naturgemäß ist die Zahl der Meisterinnen im Verhältnis zu der Zahl der Lehrlinge und weiblichen Gesellen noch gering. Es gab nämlich 1913 in sämtlichen Handwerkskammerbezirken 2120 weibliche Handwerksmeister, sodaß auf eine Meisterin rund drei Gesellen und neun weibliche Lehrlinge kommen. Die Gesamtzahl der Frauen mit einer regelmäßigen Handwerkerausbildung beträgt demgemäß rund 27 000. Bemerkenswert ist die Tatsache, daß eine größere Anzahl weiblicher Meister in den Meister-Prüfungskommissionen sitzen, deren Zahl sich auf 665 Frauen beläuft. Auch die Organisation des weiblichen Handwerks in Deutschland hat bereits große Fortschritte gemacht, denn es gab bis zum Abschluß der Erhebungen schon 63 Fachvereine weiblicher Handwerker, die die Interessen der weiblichen Handwerker nach außen hin vertreten.
):( Hersfeld, 5. Mai. Gegenwärtig findet hier eine Revision der Quittungskarten statt. Im Interesse der Arbeitgeber möchten wir darauf Hinweisen, die Karten in Ordnung zu bringen und zur Revision bereit zu halten.
):( Hersfeld, 5. Mai. Am 10. Mai ö. Js. läuft die Frist für die Anmeldung der zur P r ä m i i e r u n g bei der in der Zeit vom 3. bis 5. Juli in Hersfeld stattfindenden landwirtschaftlichen Ausstellung in Vorschlag zu bringenden Dienstboten ab. Im Interesse derjenigen Dienstboten, welche 25 Jahre lang bei denselben Dienstherrn oder deren Eltern, Kindern, Enkeln sich befinden, dürfte es sich empfehlen, wenn die noch fehlenden Anmeldungen möglichst umgehend bei dem Herrn Vorsitzenden des landwirtschaftlichen Kreisvereins in Hersfeld zur Vorlage gebracht würden, da spätere Anmeldungen nicht mehr berücksichtigt werden können.
):( Hersfeld, 5. Mai. Der 15jährige Schuh- macherlehrling Hermann F. aus Hersfeld hatte sich gestern vor der Strafkammer wegen schwerer Urkundenfälschung, Diebstahls und Betrugs in drei Fällen zu verantworten. Wie er reumütig zugab, hatte er unbefugter Weise bei der Kundschaft verschiedene Beträge einkassiert und das Geld für sich verwendet. In einem Falle hatte er die Unterschrift des Meisters gefälscht, ferner einen Geldbetrag gestohlen. Der Gerichtshof ließ Milde walten und verurteilte den jugendlichen Sünder zu einer Gesamtstrafe von 6 Wochen Gefängnis, er wird auch der bedingten Begnadigung empfohlen.
):( Hersfeld, 5. Mai. Am nächsten Sonntag findet wer das Jahresfest des kurhessischen Verbandes evangelischer Jungfrauenvereine statt, zu dem eine große Anzahl von Teilnehmerinnen irrtet werden. Nachmittags um v-2 Uhr findet in ein 5$edurch Herrn PfarrerEisenberg-Marburg ^»Gottesdienst statt, während abends in der neuen " 11 ,l1^c Eine Nachfeier abgehalten wird.
Hersfeld, 5. Mai. Eine wirklich schöne 8„ r r tt u n g s e i u e s G a st z i m m e r s hat Herr Hoflieferant Reinhardt n 1 e s e ™Wren lassen. Der Raum ist äußerst ungestaltet worden, und es gebührt den Handwerkern volle Anerkennung. Die $ Umbaues lag in den Händen des Herrn 3 iems (Fa. O. Seidemann Nächst.) hier, oem es in hervorragender Weise gelang, dem Zimmer ein vornehmes und doch gemütliches Gepräge zu geben.
Gastzimmer befindliche Säule, die auf Nu^ohe^ Alter zurückblickt, ist erst kürzlich wieder H«/ru Professor Dr. Max Laux, Berlin bei einem Ailfenthalt im Hotel zum Stern untersucht Wurden. Er schreibt dann aus Wiesbaden über seine p'O^'chungeu an Herrn Kniese folgendes: Wiesbaden, den 3. April 1914. Sehr geehrter Herr Kniese. Auf izyren Wunsch bestätige ich Ihnen gern, daß nach meiner Ansicht Ihre beiden Säulen, die Kellersäule und die Holzsäule, aus der ältesten Zeit Hersfelds nammen. Die Steinsäule ist meines Erachtens noch
bedentend älter als die Säulen der Stiftsruine, die Holzfäule jedenfalls aus der Zeit der ersten An- siedlung der Mönche in Hersfeld, da die Verzierungen der Säule unzweifelhaft auf die älteste primitive Schnitzkunst hinweisen. Sicher sind beide Säulen über 1000 Jahre alt. Mit vorzüglicher Hochachtung Professor Dr. Max Laux, Berlin.
):( Hersfeld, 5. Mai. Nach einer Bekanntmachung der Landwirtschaftskammer zu Cassel ist der Schlußtermin für die Anmeldung der Erzeugnisse für Acker- und Gartenbau, für Bienenzucht, für wissenschaftliche und sonstige Darstellungen zur Bezirk s - A u s st e l l u n g Hersfeld bis zum 15. Mai verlängert worden.
Fulda, 4. Mai. Ein nachahmenswertes Beispiel gibt die Stadt Fulda, indem sie auf die Erhebung der Gemeinde-Einkommensteuer von alle» denjenigen Kriegsteilnehmern verzichtet, die ein gemeindesteuer- pflichtiges Einkommen von nicht über 1650 Mark haben; sie müssen jedoch Kombattanten sein.
Borsch (Rhön), 2. Mai. Das 1‘ 1 Jahre alte Kind des Landwirts August Kümpel stürzte in den Ortsbach und ertrank, ehe Hilfe hinzukam.
Biedenkopf, 3. Mai. In Eiserfeld zündete ein kleiner Junge beim Spielen mit Zündhölzern seiner 7jährigen Schwester die Kleider an. Das Kind ist an den Brandwunden gestorben.
Cassel, 4. Mai. Der 22jährige Kaufmann Fritz Berger ist Werbern der französischen Fremdenlegion in die Hände gefallen. Er wurde zunächst nach Paris und dann nach Algier verschleppt, wo er in die Fremdenlegion eingereiht wurde. Die Eltern haben sich wegen Befreiung ihres Sohnes an den deutschen Botschafter in Paris gewandt.
Hann. Münden, 3. Mai. Größeren Anklang als die Veranstalter der Forststudienreise nach Deutsch- Ostafrika es geahnt hatten, fand der Gedanke in weitesten Kreisen, als es sich darum handelte, die nötigeTeilnehmerzahlfür diese Studienreisezusammen- zubringen. Die kürzlich abgeschlossene Teilnehmerliste sieht die beträchtliche Zahl von 50 Mitwirkenden vor, älteren und jüngeren Vertretern des praktischen Forstfachs, Forstassessoren und Referendaren sowie Forstakademikern.
Lauch« a. U., 4. Mai. Im benachbarten Dorfe Wischrode kam der Brunnenbauer Hackmann aus Bibra im Brunnenschächte ums Leben. Er war auf der Brunnensohle mit Graben beschäftigt und hatte auch das Füllen des aufgehenden Eimers zu versehen. Bei dieser Arbeit riß plötzlich das Förderseil und der schwere Eimer stürzte in den Brunnen hinab und erschlug Hackmann.
Jena, 4. Mai. Wegen Unterschlagungen in Höhe von ungefähr 10 000 Mark wurde der Vizefeldwebel Scheidt von der zehnten Kompagnie des in Jena garnisonierenden Bataillons desJnfanterie-Regiments Nr. 94, der als Rechnungsführer im Offizierkasino tätig war, verhaftet.
Malmeneich b. Limburg, 4. Mai. Im Saal der Gastwirtschaft von Johann Hehl kam es heute nacht gelegentlich einer Tanzmusik, die aus Anlaß der Kirmesfeier abgehalten wurde, zu Streitigkeiten zwischen Burschen aus Elz und Niedererbach einerseits und jungen Leuten aus Hundsangen andererseits. Dabei wurde der Taglöhner Anton Kronick aus Elz von dem Inhaber der Wirtschaft durch einen Revolver- schuß, der den Unglücklichen ins Herz traf, getötet. Der Erschossene ist 30 Jahre alt und nicht verheiratet. Der Täter wurde verhaftet und in das Amtsgerichtsgefängnis nach Hadamar abgesuhrt. Er will in Notwehr gehandelt haben. Durch einen zweiten Schutz brächte er dem Bruder des Erschollenen eine schwere Verletzung an der Hand bei.
Naumburg, 4. Mai. Der starke Frost am Sonntagmorgen hat an der Baumblüte und^n den Wemstocken im Saal- und Unstruttale vielen Schaden angerichtet. Streckenweise sind die frühen Kartoffeln erfroren und auch die Erdbeeren haben gelitten.
Crainfeld, 4. Mai. Der gleich nach der furchtbaren Mordtat im Stein'schen Hause verhaftete Landwirt Karl Hofmann jun. aus Salz mußte bekanntlich am Donnerstag wieder aus der ^st entlasten werden, da sich der gegen ihn gehegte Verdacht nicht zu be- stätiaen schien. Bei der gerichtschemifchen Unter- suchung der im Hause Hofmanns in Salz beschlagnahmten Kleidungsstücke und nun ledoch erneut Verdachtsmomente gegen Hofmann aufgetaucht, die zu seiner abermaligen Verhaftung snhrten. Dune Verhaftung erfolgte aus Grund des Gutachtens des Gerichtschemikers Dr. Popp in Frankfurt a. M. Ein Geständnis hat Hofmann bisher nicht abgelegt, vielmehr behauptet 'er nach wie vor, mit der Mordtat nicht das geringste zu tun zu haben. — Die schaurige
Tat des Mörders von Crainfeld erinnert übrigens sehr an eine Bluttat, die sich ebenfalls in Oberhessen von dreißig Jahren zugetragen hat und die mit der in Crainfeld eine so große Aehnlichkeit und Uebereinstimmung zeigt, daß sie unwillkürlich auffallen muß. In dem kurhessischen, dem dem großherzoglich hessischen Städtchen Allendorf a. Lumda gegenüberliegenden Dorfe Nordeck wurde im Jahre 1884 eines Morgens der Handelsmann S. Wolf mit seiner Frau ermordet im Bette aufgefunden. Beide waren durch Beilhiebe im Schlafe Überfällen worden. Gestohlen war nicht das mindeste, so daß es sofort klar war, daß das Ehepaar einem Racheakt zum Opfer gefallen war. Der Täter hatte keine Spur zurückgelassen; den einzigen Anhalt konnten die geschäftlichen Verbindungen des Wolf mit den Landwirten der Umgegend geben. Als verdächtig eingezogen wurde ein Schmied aus Roßdorf mit Namen Hedderich. Dieser Mann hatte einst ein selbständiges Gut besessen, er kam mit Wolf in Geschäftsverbindung, und nad) Jahr und Tag wurde sein Anwesen gerichtlich versteigert. Hedderich war von da ab ein armer Mann, der sich sein Brot durch Holzfällen im Walde verdiente. Diese Umstände genügten, um ihn des Mordes zu beschuldigen. Er machte noch den Fehler, daß er, als der Verdacht geäußert wurde, flüchtig ging, stellte sich jedoch später freiwillig dem Gericht. Ein Ergebnis hatten die langwierigen und ausführlichen gerichtlichen Verhandlungen nicht: Hedderich wurde von den Geschworenen in Marburg im Herbst 1884 freigesprochen. Der Mörder des Wolf ist niemals entdeckt worden.
Deutscher Reichstag.
Der Reichstag setzte am Montag bei recht schwacher Besetzuug des Hauses die 2. Beratung des Konkurrenz- klauselgesetzes fort. Dazu lag ein Ausgleichsantrag der bürgerlichen Parteien vor, nach dem u. a. die Gehaltsgrenze auf 1500 Alk. festgesetzt wird. Die Entschädigung soll den Wünschen der Regierung gemäß so geregelt werden, daß der Arbeitgeber für jedes Verbotsjahr ein Drittel des letzten Gehaltes zahlt. Die Kommission hatte die Hälfte beschlossen. Eine Einigung zwischen beiden Wünschen ist noch nicht erzielt worden. Abg. Hoch (Soz.) forderte für die Handlungsgehilfen die gleichen Rechte wie für die Geschäftsleute und trat für Abgrenzung der Gehaltsgrenze auf 2000 Mk. ein. Eine völlige Beseitigung der Klausel sei notwendig. Abg. Trimborn (Ztr.) trat für einen billigen Ausgleich der entgegengesetzten Belänge ein. Schließlich müsse doch auch an die Prinzipale gedacht werden, an die der sozialdemokratische Redner nicht gedacht habe. Eine völlige Beseitigung der Klausel sei unerreichbar. Die Vorlage sei durchaus annehmbar. Auch Abgeordneter Dr. Thoma inatl.) bezeichnete den Ausgleichsantrag zugleich auch als den Ausgleich sich widerstreitender Interessen. Nicht nur die Parteien seien „umgefallen", sondern auch die Regierung, die Prinzipale und Gehilfen. So ergäbe sich schließlich ein brauchbares Gesetz. Abg. Frommer (fonf.) betonte, daß die Klausel einen der Auswüchse des Wirtschaftslebens darstelle, wie sie der Reichstag schon oft beseitigen mußte. Um so mehr sei der Ausgleich aller Interessen zu begrüßen.
Abgeordnetenhaus.
Am Montag wurde die Beratung des Kultusetats fortgeführt bei dem Anträge Dr. Heß (Ztr.), bei der Aufnahme in die höheren Schulen keine Bevorzugung der Schüler eintreten zu lassen, die von Vorschulen kommen. Nach längeren Ausführungen des Abg. Pietzker lFortschr.) ging Kultusminister v. Trott zu Solz auf die bisherigen Redner zum Kapitel höhere Schulen ein. Die Einheitsschule nannte er ein theoretisches Problem, an dessen Verwirklichung nicht zu denken sei. Zu warnen sei in den höheren Schulen vor einer übertriebenen Individualisierung. Nichts sei falscher als die Meinung, daß der Ertemporale- Erlaß Neuerungen bringen sollte. Er sollte nur die alte Form und Bedeutung wieder herstellen. Dem Abg. v. Kessel stimmte der Minister zu, die höheren Schulen müßten auf der Grundlage von Gottesfurcht und Vaterlandsliebe den »Charakter der Schüler festigen. Bei der Versetzung müsse Gerechtigkeit herrschen. Unzutreffend sei, daß die höheren Schulen an Ueberfüllung litten. Es liege aber eine große Gefahr darin, daß jeder Vater durch die Schulbildung für seinen Sohn ein gesichertes Amt erhoffe. Die Folge sei, daß die Behörden, um sich vor den vielen Bewerbern zu schützen, die höchsten Anforderungen stellen. Gegen eine solche Steigerung der Ansprüche wolle sich der Minister wenden.
Wetteraussichten für Mittwoch den 6. Mai.
Wolkig, zeitweise Regenfälle, etwas kühler, westliche Winde.