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Set Mann mit den Wen Papieren.

Zum Fall Alexander-Thormann.

Die sensationelle Verhaftung des zweiten Bürger­meisters zu Cöslin gibt zu mehr als einer kritnchen Randbemerkung Anlaß, freilich nicht zunächst gegen den Grundsatz der Ausschreibung eines kommunalen Po­stens selbst, denn das Prinzip der Auslese bietet die verhältnismäßig vollkommenste Gewähr der Wahl des wirklich Geeignetesten und Tüchtigsten. Wenn also der mit einem falschen Assessorpatent und glänzenden Emp- fehlnngen ausgestattete frühere Kreisausschutzajsistent seine übrigen 699 Mitbewerber um den Posten des 2. Cösliner Bürgermeisters, Sie wohl richtige Patente, aber vielleicht weniger gute Empfehlungen besaßen, ausste­chen konnte, so ist nicht der Grundsatz der Auswahl da­für verantwortlich zu machen, sondern die große Ver­trauensseligkeit, mit der man den Empfehlungen blind­lings Glauben schenkte. Dabei ist den Cösliner Stellen, die die letzte Entscheidung zu fällen hatten, noch nicht einmal der schwerste Vorwurf zu machen, denn sie konn­ten sich auf die Zeugnisse aus der Bromberger, Bran­denburger und Weißenfelser Zeit berufen. Anders lag es schon bei der Bromberger Stadtverwaltung, noch mehr aber bei der Weißenfelser, denn hier tauchte der entlas­sene Strafgefangene zum ersten Male alsAssessor" auf, er, dessen juristische Kenntnisse die Frucht seiner Stu­dien bei der Bearbeitung der Akten des Niederbarnimer Kreisausschusses und bet der Beschäftigung in der Kanz­lei der Strafanstalt waren.

Nun liegen aber die Akten der mittelbaren Staats­beamten, zu denen die Kommunalbeamten gehören, beim zuständigen Regierungspräsidenten. Als Thormann in Weißenfels zum ersten Male als Assessor in die kommu­nale Laufbahn eintrat, muß also der erste Fehler bet der Regierung in Merseburg begangen worden sein, von der die Personalakten nur oberflächlich geprüft sein können. Sobald aber Thormanns Assessortum erst ein­mal gewissermaßen amtlich beglaubigt war, stand ihm der Weg offen. Nun konnte er auch die Unverfrorenheit begehen, sich um einen Berliner Stadtratsposten zu be­werben. Die Geschicklichkeit seiner Amtsführung, sein weltmännisches mtö sicheres Auftreten, des weiteren seine Verheiratung mit der Tochter des Bromberger Eisenbahndirektionspräsidenten ebneten ihm schließlich alle Wege. Da in der Regel eine Stadtverwaltung beim Einziehen von Erkundigungen über einen neuen Be­werber sich mit einem Einblick in die beim Regierungs­präsidenten aufbewahrten Akten begnügt, so konnte sich die Cösliner mit den Auskünften, die sie aus Bromberg, Brandenburg und Weitzenfels erhielt, zufrieden geben.

Daß es aber einem talentvollen und gerissenen Schwindler denn daß er ein befähigter Mensch ist, be­weist die Tätigkeit Thormanns möglich ist, trotz Meldewesen und Personalakten, derartig mit Erfolg ar­beiten zu können, ist eine der Unbegreiflichkeiten dieses neuesten Falles, die noch einer eingehenden Aufklärung bedarf. Denn wenn Thormann, statt zu drohen, seiner früheren Geliebten die verlangten 2000 Mark gegeben hätte, dann hätte derBürgermeister und Dr. juris" vielleicht noch einmal an der Spitze eines großen Ge­meinwesens gestanden und hätte seine bisherige so er­folgreiche Tätigkeit mit Glanz und äußeren Ehren ab- geschlossen. Aber die alte Erfahrung, daß jeder Ver­brecher bet aller Raffiniertheit in der Durchführung sei­ner ausgeklügelten Pläne durch eine unbegreifliche Dummheit plötzlich doch zu Fall kommt, zeigt sich auch hier wieder. Und daß es auch diesmal wieder eine Frau war, die den Stein ins Rollen brächte, ist nicht nur für die erfahrenen Kriminalpsychologen interessant. Jeden­falls werden die Aktenstücke über Herrn Alerander- Thormann diesmal aber die richtigen Gegenstand eingehender Kommentare, namentlich verwaltungsrecht- licher Art werden.

Dienstallersgrenze der staatlichen Arbeiter.

Aus neuen statistischen Vergleichen geht hervor, daß der Staat gegenüber seinen Arbeitern mehr Rücksicht übt, als die Privatbetriebe. Es zeigt sich, daß in den Staatsbetrieben der nicht wehr leistungsfähige Arbeiter lange nicht so leicht abgestotzen wird, wie in Privatbe­trieben. Die Gründe dafür sind darin zu suchen, daß der Staat das nur Wirtschaftliche bei seinen Anlagen nicht so stark zu berücksichtigen braucht, wie es die Pri- vatunternehmungen zu tun gexnntnnen sind, hinter de­nen die Aktionäre stehen und die alle vorhandenen Ar­beitskräfte deshalb rücksß.htslos ansnützen und alle über­flüssigen und unrentablen Arbeitskräfte abstoßen.

Interessant ist auch in dieser Hinsicht ein Vergleich zwischen Gesellschafts- und Privatunternehmungen. Eine Maschinenaktiengesellschaft hat nur 10 Prozent Arbeiter im Alter von mehr als 40 Jahren, eine private Maschi­nenfabrik dagegen 24 Prozent. In den privaten Be­trieben ist eben das Verhältnis zwischen Unternehmer nnb Arbeiter enger als in den großen Gesellschaftsbe- trceben. @in Diensterprobter wird hier viel weniger

Täuschend«? Schein.

Original-Roman von Ludwig Blümcke.

28) (Nachdruck verboten.)

_ f Aengstlich pochenden Herzens hörte Agnes die alte schwarzwälder Uhr fünf schlagen. Oh, wie graute ihr

des Junkers Besuch! Sie hatte Frau Brummer fortgeschickt, doch nur auf kurze Zeit, und der getreue Hektor war ihr einziger Beschützer. Der Hund lag zu ihren Füßen und schaute sie mit seinen großen, klugen Augen an, als verstände er ihre Besorgnis.

? KUne^ ^^ stand sie auf und trat aus Fenster. Aber der Erwartete erschien noch nicht. Ganz langsam vergingen die Minuten, und als es halb sechs schlug, da Erde es ihr etwas leichter ums Herz.

die Brummer ja aus dem Dorf zurück Tür, da war die biedere Alte schon, kalt geworden auf einmal!" rief sie au», sich ichüttelnd und die Hände reibend Fräulein die Nacht gibt es Eis. Es friert schon jetzt." " '

«ie sah spaßig aus, die alte, vierschrötiae Person mit dem derben, fast männlichen Gesicht, in ihrer Ver-

Ät $ 0'8 NE--» «er Agn-s »er.

bitter kalt geworden. Das merkte : als ne heute, früher denn sonst, das Haus vor- fichtig verließ, um nach dem Katzenberg zu aeben ^rnk m°- B°r°o, wollte sie demW^

sie aus seinem Munde gehört: daß er ihr Geheimnis ^nnte, daß er um ihre Hand geworben und ihnen ein Retter in der Not zu werden versprochen.

Vor dem düstern Hause, in dem des Todes Grauen zu wohnen schien, schlürfte ihr, wie gewöhnlich, der ge­treue Grundmüller mit einer Laterne entgegen, sagte Nichts mMer U8- W$ sie in die überaus tzrmliche

schnell entlassen werden als dort, wo diese persönliche Verbindung des Auftraggebers mit feinen Lenten fehlt.

Allerdings ist auch hinsichtlich der Betriebstätigkeit ein Unterschied vorhanden, der sich nach der Art der Beschäftigung richtet. In der chemischen und Pianoforte- fabrikation, in der Möbeltischlerei und in den Braue­reien ist der Prozentsatz alter Arbeiter ungleich höher als in den anderen Betrieben. In den Textilbetrieben in Schleswig waren z. B. 30 bis 40 Jahre alt 19,4 Proz. der Arbeiter, 40 bis 50 Jahre alt 21 Proz., in den We­bereien in Cöln 30 bis 40 Jahre alt 15,3 Proz. und 40 bis 50 Jahre alt 19,2 Proz. Ein ähnliches beträchtliches Hinaufgehen der Alterskurve ist in den Flachsspinne­reien Breslaus zu beobachten. Während dort 17,6 Proz. der Arbeiter nur 30 bis 40 Jahre alt sind, waren 20,2 Proz. 40 bis 50 Jahre alt.

Politische Rundschau«

Vertagung des Reichstages. In gutunterrichteten politischen Kreisen gilt es nunmehr als sicher, daß eine Vertagung und nicht der Schluß des Reichstags statt- ftnden wird. Man erwartet, daß sich zwischen der Reichsregierung und dem Reichstag unschwer eine Ver­ständigung darüber herbeiführen lassen wird, welche Vorlagen in der gegenwärtigen Tagung noch erledigt werden sollen und welche auf die nächste Herbst- bezw. Wintertagnng verschoben werden sollen.

Der Minister des Innern, v. Loebell, gehört, wie es heißt, zu den entschiedenen Anhängern der Reform des Erbrechts zugunsten des Reiches. Neben dem damaligen Finanzminister von Rheinbaben und dem damaligen Ministerialdirektor Dr. Kühn gebührt ihm das Haupt­verdienst an der Einbringung der Gesetzesvorlage über das Erbrecht des Staates vom 3. November 1908, die jetzt in der Fassung vom 28. März 1913 dem Reichstage vorliegt.

Huldigungen des Fürstenpaares Wedel. Dem schei­denden Statthalterpaar Fürsten Wedel wurde Mittwoch nachmittag von sämtlichen Musikkorps der in Straßburg garnisonierenden Regimenter eine Huldigung darge- bracht. Die Kapellen boten unter großem Andrange des Publikums eine Stanömusik. Fürst und Fürstin von Wedel empfingen die Generalität, die Minister, die Un­terstaatssekretäre a. D. Dr. Petri und Mandel und viele andere im Garten des Palais und wohnten dem Konzert bis zum Schluß bei.

Das nationalliberal-fortschrittliche Wahlabkommen für die nächste Landtagswahl in Sachsen ist jetzt endgül­tig abgeschlossen. Der Besitzstand beider Parteien wird gewahrt. Das Abkommen erstreckt sich über ganz Sach­sen. Die Nationalliberalen werden in 63, die Fortschritt- ler in 28 Wahlkreisen einen Kandidaten aufstellen.

Kleine llacfiricfiten.

Die Angelegenheit der Berliner Luftschiffer ist in ein neues Stadium getreten. Nach einer in Berlin ein­getroffenen Mitteilung Berliners hat die russische Re­gierung jetzt auch gegen Berliner die Anklage auf Spio­nage fallen gelassen. Alle drei gefangenen Luftschiffer haben sich jetzt nur wegen Ueberfliegens der Grenze zu verantworten. Die Gerichtsverhandlung in Perm soll am 1. Mai beginnen.

Erinnerung an dieL. 1"-Katastrophe. Das Tor­pedobootT. 52" hat Mittwoch nachmittag um 6 Uhr 50 Minuten 18^ Seemeilen südlich von Helgoland einen Propeller mit Antrieb von dem im vorigen Jahre hier verunglückten Marineluftschiff ,,L. 1" geborgen.

Die Hochzeit der Tochter des Landwirtschaftsmini- sters v. Schorlemer, Baronesse Panla mit dem Grasen Westerholt-Giesenberg, fand am Mittwoch in Lieser statt. Prinz Oskar von Preußen nahm an der Feier teil. Die Trauung vollzog Bischof Korum in der Pfarrkirche in Lieser.

Flammentod beim Maschinenreinigen. Der 28jäh- rige Arbeiter Willi Küsell aus Charlottenburg, der in der Berliner Maschinenfabrik von Alfred Draeger an­gestellt war, rauchte beim Reinigen von Maschinenteilen trotz des Verbotes. Dabei flog ein Funke in die mit Benzin gefüllte Schüssel, und in der nächsten Sekunde war der Unglückliche eine Feuersäule. Sinzueilende Ar­beitskollegen erstickten die Flammen. Nachts erlag der Unglückliche im Krankenhause seinen Leiden.

Flammentod einer einsamen Greisin. In ihrer Wohnung in der Gustavstratze zu Breslau verbrannte nachts die 65 Jahre alte Witwe Elisabeth Lueg. Die be­tagte Frau ist, als sie ein Licht anzünden wollte, von einem Blntstnrz befallen und ohnmächtig geworden, wo­bei ihre Kleider in Brand gerieten. Als man am Mor­gen das Schlafzimmer betrat, fand man die Greisin, mit Brandwunden bedeckt, tot vor.

Desertation aus der Fremdenlegion. Aus Ain Sefra wird gemeldet, daß ein Korporal und 14 Fremdenlegio- näre in der Nacht aus der Kaserne entwichen und in westlicher Richtung mit Waffen und Gepäck geflohen

Wohnstube, wo seine Schwester in der Kaminecke am schnurrenden Spinnrad saß. Die sah und hörte nichts und stieß, als die späte Besucherin dicht vor sie hintrat, um ihr einen guten Abend zu wünschen, nur einen grun­zenden Ton aus.

Wärmen Sie sich erst ein bißchen, Fräuleiu," sprach der Eitisiedler nun, ein paar Holzscheite in den Kamin werfend und die Glut mit der Feuerzange ansachend. Es wird Winter."

Was macht mein Vater; ist es in der Kammer leidlich warm?" fragte sie.Es geht mit der Wärme. Aber leider fühlt Herr Roland sich gar nicht gut. Ich weiß nicht, was das ist. Er hat immer noch Fieber; und es stand doch schon mal ganz gut. Vielleicht ist noch ein Fremdkörper in der Wunde. Man hat das oft. Etwa ein Stückchen Zeug könnte mit hineingekommen sein. Wir müßten doch einen Arzt haben, sage ich."

Es stand in der Tat nicht gut mit dem Verwun­deten, der nun nicht mehr im modrigen Gewölbe, son­dern in einer Kammer neben der Wohnstube sein Lager hatte. Die schlechte Luft dort unten konnte er nämlich ganz und gar nicht vertragen. Was war aus dem star­ken Riesen nur geworden! Zum Skelett abgemagert, hohlwangig, mit fahlem Gesicht, schien er nur noch der Schatten seines früheren Menschen zu seiu.

Heute kannte er seine Tochter kaum, uud es war darum ganz ausgeschlossen, daß sie ihm von dem, was sie auf dem Herzen hatte, etwas mitteilen konnte. Sie übergab Grundmüller also, was sie an Lebensmitteln mitgebracht, setzte sich an den Bettrand und harrte ge­duldig einige Stunden aus, um dann recht bekümmert heimzukehren und abzuwarten, was der beginnende Tag bringen würde.

War Udo gestern nicht gekommen, so würde er sich heute bestimmt einfinden. Das mußte sie vermuten.

sind, nachdem sie vorher die Telefonörähte des Forts Hasia durchgeschnitten hatten. Eine Abteilung Kavallerie ist zur Verfolgung aufgebrochen.

Seuchen in Japan. Der seit Anfang März in Tokio herrschende Flecktyphus hat mehr als 2000 Opfer ge­fordert. In Yokohama ist die Seuche wenig aufgetreten. In der Umgebung von Tokio sind zehn Personen an Lungenpest gestorben. Die Krankheit ist wahrscheinlich von Tokio her übertragen worden; denn hier sind zwei Fälle von Lungenpest und ein Fall von Beulenpest fest­gestellt worden.

Im Streit erstochen wurde am Mittwoch abend in der Nähe des Großen Sterns im Berliner Grunewald der Arbeiter Brollek von seinen Arbeitskollegen Kas- marek und Schulze. Die drei waren beim Straßenbau be­schäftigt und hatten den ganzen Tag über in der Kan­tine gesessen. Abends kam es zu einem Streit, der mit dem Tode des Brollek infolge mehrerer Messerstiche endete. Die Täter flohen, wurden aber von Gendarmen verhaftet.

Der Streik am zweiten Simplontunnel hat sich jetzt auf die schweizerische Seite des Tunnels nach Brieg ausgedehnt. Inzwischen haben Alpenjäger die italieni­sche Tunnelseite besetzt. Die Bauleitung will alle Ar­beiten für drei Monate einstellen.

Maskierte Räuber überfielen zwischen den italieni­schen Städten Trapani und Monte San Giuliano das Post- und Passagierautomobil und beraubten dessen Passagier, der 50 000 Lire bei sich trug.

Bootskatastrophe auf dem Schwarzen Meer. In der Nähe von Toöosia erlitt ein großes Fischerboot wäh­rend eines Sturmes eine Havarie, bei der die ganze Mannschaft von neun Personen ums Leben kam.

Gerieft! und Recht«

Wegen Mißhandlung Untergebener stand der Un­teroffizier Wolker vor dem Kriegsgericht der 1. Garde- Division in Berlin. Der Angeklagte, der bei der Feld- artillerie-Schietzschule steht, hat sich in einer Reihe von Fällen au Untergebenen vergriffen und sie teils mit Schlägen ins Gesicht, teils mit Fußtritten traktiert. In einem Falle trat er dem Kanonier Ohle beim Exerzie­ren, als Ohle den Befehl nicht nach Wunsch ausführte, ins Gesäß. Beim Pferdeputzen hatte derselbe Kanonier einmal nicht richtig anfgepaßt; er erhielt dafür eine Ohrfeige. In einem weiteren Falle paßte dem Ange- klagten das Benehmen des Kanoniers Krahl beim Putzen nicht recht. Er glaubte den Untergebenen dadurch erziehen zu können, daß er ihn fortwährend die Treppe hinauf und hinunter schickte und ihm dann noch einen Fußtritt gegen das Gesäß verabfolgte. Der Kanonier gab an, daß er etwa zehn Minuten lang von dem Un­teroffiziergeschliffen" worden sei. Der Kanonier Zim­mermann erhielt, als ihm einmal die Pferde im Manö­ver durchgegangen waren, einen Schlag ins Gesicht. In der gleichen Weise wurde ein anderer Kanonier miß­handelt, weil er im Manöver, anstatt wie befohlen im Kuhstall, auf dem Heuboden geschlafen hatte. Der.Ka­nonier Zwark erhielt, als er einmal die Aeußerung tat, er lasse sich nicht schlagen, eine Ohrfeige. In anderer Weise betätigte sich der Angeschuldigte in einem wei­teren Mitzhaudlungsfall. Das Kriegsgericht verurteilte den Unteroffizier zu vierzehn Tagen Mittelarrest.

Ein Handel mit Kindern.

Zuchthausstrafe für einen gewissenlosen Pflegevater.

Als der 1877 geborene Eisenbahnsekretär Hans Lett­ner aus Nürnberg im Iahe 1911 wegen eines Nerven­leidens pensioniert wurde, siedelte er nach München über, Als das Pensionat, das er hier gründete, nicht recht gehen wollte, suchte er durch Kinderhandel seine Ein­nahmen aufzubessern. Auf eine Anzeige, wonach er ein Kind zur Adoption gegen eine einmalige Abfindung suche, gab ihm eine Buchhalterin ihr Kind gegen Zahlung von 800 Mark. Nach einiger Zeit nahm sie jedoch ihm das Kind wieder fort und Leitner mußte 200 Mark zurückzählen. Bald darauf rückte er eine neue Anzeige ein, nach welcher ein Kind diskreter Geburt gegen einmaligen Erziehungsbeitrag in dauernde Pflege genommen werden sollte und erhielt gegen Abfindung von 500 Mark ein Kind, das er in der Schweiz an ein Ausländerehepaar abzugeben sich bemühte.

Interessanter ist der Fall, der nach Frankfurt spielt und Lettner, sowie seine Ehefrau Frieda Lettner vor die Frankfurter Strafkammer führte. In einem Frank­furter Blatt inserierte er:Kind diskreter Geburt be­liebigen Alters wird von kinderlosem, gutsituierten Ehe­paar gegen einen Erziehungsbeitrag von 600 Mark an Kindesstatt angenommen." Es meldete sich ein Fräulein, das sich wegen ihres Kindes mit Frau Lettner alias Frau Fabrikbesitzerin Hönninger, Zürich, Villa des Akazias, in Verbindung setzte. Es wurde in Frankfurt ein Vertrag geschlossen, wonach das Fräulein 300 Mark sofort und 300 Mark nach einem halben Jahr bezahlen sollte. Das Kind sollte von Herrn und Frau Hönninger

6. Kapitel.

Frau v. Schultental kehrte zwei Tage nachdem Udo das Schloß verlassen hatte, von ihrer kurzen Reise zu­rück und fand von ihrem Sohn einen Brief vor, der von Berlin abgeschtckt war und folgendermaßen lautete: Liebste Mama! Erfuhr in Bnchenwerder, wohin ich zum Besuch geritten war, daß mein bester Freund Hein­rich v. Schulte in Berlin schwer erkrankt und von den Aerzten aufgegeben sei. Da hielt ich es für meine Pflicht, ihn zu besuchen. Erwartet mich also nicht vor Mitte nächster Woche. In Liebe dein Sohn."

In ihrem mitfühlenden Herzen fand die alte Dame es nur natürlich, daß Udo nach Berlin gefahren war und ließ sich nichts Arges träumen. Am nächsten Vor­mittag entdeckte sie zu ihrer höchsten Ueberraschung den Verlust des ihr als Andenken an die verstorbene Mut­ter überaus wertvollen Juwelenschmucks, und sofort stieg der Verdacht in ihr auf, nur Udo könnte ihn entwendet haben, da außer ihr lediglich ihm allein der etwas un­gewöhnliche Aufbewahrungsort bekannt gewesen war. Und mit diesem Argwohn zugleich stiegen auch Zweifel an der Richtigkeit seiner Angaben im Brief auf. In größter Erregung telegraphierte sie also sofort nach Ber­lin an die Familie v. Schulte, fragte an, wie es mit dem Befinden Heinrichs stehe und ob Udo glücklich bei diesem angekommen sei. Darauf traf der Bescheid ein:Hein­rich wohl und munter. Udo nicht hier."

So bin ich wieder einmal in nichtswürdigster Weise von meinem Sohn betrogen worden!" stöhnte die alte Dame, rang die Hände und verfiel in Weinkrämpfe.

Als Fräulein Rehfeld herein kam, befand sie sich infolge der großen Aufregung in einem höchst bedenk­lichen Zustand. Ihr krankes, so oft getäuschtes Herz er­trug keine Aufregung mehr, es schien, als habe sie der Schlag gerührt. Doktor Kalau, der Hausarzt, wurde un­verzüglich geholt und machte ein recht besorgtes Gesicht.

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