Mariannes tust und teld.
Die Hilferufe gegen Deutschland.
Marianne ist sehr anspruchsvoll. Zuerst fout der russische Liebhaber an die Reihe. Was hat sie für ihn schon alles hingegeben? Zehn und eine halbe Milliarde für äußere Anleihen, ein unö ein drittel Milliarde für innere, dreihundertzehn Millionen Kommunal- und Stadtanleihen, macht zusammen mehr als 12 Milliarden und dazu kommen noch 4,7 Milliarden für industrielle Anlagen. Und wie benimmt er sich? Was hat er sur ihren Lieblingswunsch getan, den Zaren im Triumph m Berlin einziehen zu sehen? Es ist ja wahr, daß die russische Armee beim Beginn eines Krieges aus den Gouvernements von Warschau, Wilna, Petersburg und Kiew 608 Bataillone, 418 Schwadronen, 215 Feldbatterien, 28 Batterien zu hferde, 54 sonstige Batterien zur VeM- mmg hat, denen Preußen in den Armeekorps von Königsberg, Allenstein, Danzig, Posen, Breslau und Sie - tin nur 164 Bataillone, 130 Schwadronen, 150 Feldbat- terien, 11 Batterien zu Pferde, 4 sonstige, Oesterreich- Ungarn in seinen galizischen, Wiener, Pester und böhmischen Korps nur 243 Bataillone, 208 Schwadronen, 144 Feldbatterien, 21 Batterien zu Pferde und 21 schwere, beide verbündete Mächte also nur 407 Bataillone, 338 Schwadronen, 297 Feldbatterien, 32 Batterien
Pferde, 25 schwere Batterien entgegenstellen können. MOer wie sieht es mit den Eisenbahnen, den Landwegen aus? Vor dem zweiten Monat nach der Kriegserklärung wäre es ganz unmöglich, die russische Armee schlagfertig an den Feind zu bringen. Während in Lothringen die erstell Entscheidungsschlachten gegen die französische Armee geschlagen werden, kann die russische auf dem östlichen Kriegsschauplatz noch kein Lebenszeichen von sich
geben.
So hat es jemand in einem sehr gründlichen Artikel der Zeitschrift „Le Correspondant" genau berechnet. Und der Sachverständige gibt auch genau an, was zur Erhaltung der freigebigen Gunst Mariannens zu geschehen hat. Rußland muß sich die schleunige Eroberung Berlins zum Ziel setzen, alles andere hat keinen Zweck. Sonst könnte es kommen, daß die erste Linie der französischen Armee schon geschlagen wäre, noch bevor die Armee des russischen Verbündeten einen L-chuß abgegeben hätte. Deshalb hat Rußland unbedingt Bahnen und Wege zu bauen und von den je 500 Mill. Franken, die Frankreich fünf Jahre hintereinander hergeben will, muß immer ein Teil auf Bahn- und Wegebauten unter rein strategischen Gesichtspunkten verwendet werden. Dabei wünscht der französische Generalstab nicht Warschau, sondern Groöllo-Kownv als Basis für den russischen Aufmarsch genommen zu sehen, weil von hier aus die preußischen Korps von Königsberg und Allenstein am schnellsten aufgerollt werden können. Man kann nicht bestreiten, daß diese Direktiven für den russischen Schuldner klar und deutlich sind. , ,
Aber auch die militärische Lässigkeit des englychen Reserveliebhabers muß ein Ende nehmen. Der Akademiker Larisse und die früheren Minister Pichon und Clemenceau haben um die Wette, der eine gröber, der andere feiner, ihrem Schmerz über die militärische Minderwertigkeit der Tripleentente Luft gemacht. Das französisch-englische Einvernehmen genügt nicht, es muß sich ein Bündnis mit genauen Vorschriften über das, was England zu Lande zu leisten hat, verwandeln und durch eine englisch-russische Allianz ergänzt werden. Eine sonderbare Einleitung für den englischen Königsbesuch in Paris! t ,
Zum Unglück braucht der englische Freund nicht so nachsichtig für solche larmoyanten Ansprüche zu sein als der tiefverschllldete russische. Die liberalen Daily News lehnen diese Bündnistöeen schroff ab, auch die unioni- stischen Times wollen von neuen Verpflichtungen nichts wissen und der altkonservative Daily Telegraph bestreitet glattweg den exklusiven Charakter der Entente und warnt Old England davor, sich in Verwickelungen hineinziehen zu lassen, die es nichts angehen, sondern nur das kontinentale System betreffen. Für diese Absagen an das Verlangen nach einer aggressiven Politik des Dreiverbandes bietet es eine matte Genugtuung, daß es einem deutschen Bildhauer verwehrt worden ist, seine Kaiserbüste im Pariser Salon auszustellen. Gute Franzosen haben sogar ein Gefühl der Beschämung über diese Heldentat, durch die der klägliche Eindruck der Hilferufe gegen den abscheulichen deutschen Michel noch verstärkt wird.
der Reichstag vor ernsten Entscheidungen.
In wenigen Wochen nimmt der Reichstag nach vier Ferienwochen seine Arbeit wieder auf und zwar mit der Absicht, in weiteren drei Wochen in die großen Sommerserien zu gehen. Es ist noch fraglich, ob dies möglich sein wird. Denn der Reichstag hat noch große Aufgaben vor sich. Der Etat, der vor dem 1. April fertig sein sollte, ist in seinen wichtigsten Abschnitten — Militäretat, Etat
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Gattf^en^tt Schein
Original-Roman von Ludwig Blümcke.
27) (Nachdruck verboten.)
„Gut, so tun Sie das. Aber in spätestens einer Woche bin ich wieder hier und hole es mir ab. Es bleibt dabei. Und nun habe ich keine Zeit mehr. — Adieu!"
Er ging, und Udo sank wieder in seinen Sessel, schlug mit der zitternden Hand an die Stirn und stöhnte: „Das ist der Fluch der bösen Tat!" Vergessen war Agnes, vergessen alles andere, nur der eine Gedanke peinigte ihn: „Wie kommst du los von diesem Kerl, wie befreist du dich aus seinen Krallen? Heute verlangt er 3000 Mark, wer weiß, was er nach wenigen Wochen von dir fordert."
Während er noch so dasatz, ganz vernichtet und ein- mal völlig ratlos, kauerte Agathe Rehfeld mit fliegen- den Pulsen im Kabinett und glaubte in der dumpfen MW ^stäen Raumes ersticken zu müssen. Auch nicht ein Wörtlem war ihr entgangen, das ganze Gespräch hatte sie von Anfang bis zu Ende belauscht. Und nun drängte alles, was noch gut in ihr war, sie mit Ungestüm: „Rette den unschuldigen Menschen, geh zur Poli- was du gehört hast, damit Roland und seine Tochter nicht langer unverdient leiden!" Aber auch zugleich eine entsetzliche Furcht vor -^ache, unb der Gedanke wurde wach in ihr: „Dein Plan ist vernichtet, wenn Roland frei kommt und der
Ernst« würde dann höchstwahr- chetnlich Agnes wieder seine Liebe schenken und das Unrecht, das er ihr durch sein Mißtrauen zugefügt, gut zu machen suchen. Die Schlaue, die alle Männer so geschickt zu kapern versteht, wird natürlich auch alles daran setzen, ihn zurück Bit erobern, zumal sie Udo dann ver- abscherlen müßte. Oh, dieses Scheusal, dieser Unmensch!"
So schwankte sie also, was sie tun sollte. Vielleicht würde sie sich dennoch für das Rechte, das ihr Gewissen
deS Reichskanzlers und des Auswärtigen Amtes — noch nicht einmal in der Budgetkommission beraten worden. Außerdem liegt dem Reichstag eine ganze Reihe von sehr wichtigen Gesetzentwürfen vor, die zum Teil noch in den Reichstagsausschüssen stecken.
Verschärft wird die Lage dadurch, daß die Regierung nicht weniger als vier Kommissionsbeschlüssen ein glattes Nein entgegengestellt hat: der Konkurrenzklauselvorlage. der Besoldungsnovelle, der Wiederaufnahme im Disziplinarverfahren und der Militärstrafgesetznovelle. Angesichts dieser schwierigen Geschäftslage wird sofort nach Wiederbeginn der Reichstagsverhandlungen eine Verständigung zwischen Regierung und Reichstag in die Wege geleitet werden. Es soll vereinbart werden, welche Materien noch vor der Sommerpause zur Erledigung kommen sollen. Die noch unerledigten Etats gelangen natürlich zuerst zur Verabschiedung. Dann hofft man, die Getreiöestatistik, die Konkurrenzklausel, die Besoldungsnovelle, das Rennwettgesetz, die Militärstrafgesetznovelle, einige kleinere Borlagen zu verabschieden und die Frage des Kolonialgerichtshofes zu entscheiden.
Unerledigt würden noch bleiben: das Petroleumgesetz, das Spionagegesetz, die Sonntagsruhenovelle, die Hausierhandelsgewerbenovelle, die kleine lex Heinze, die Schank- und Kinokonzessionen und mehrere weniger wichtige Entwürfe. Ob der Reichstagsantrag, die Frei- fahrkarten auf die ganze Legislaturperiode auszudehnen, noch zur Verhandlung kommen wird, steht dahin. Die Regierung soll jetzt geneigt sein, den Reichstag nicht zu schließen, sondern nur zu vertagen, — die Freikarten- frage würde damit ihre aktuelle Bedeutung verlieren.
Politische Rundschau.
Die Nordlandsreise des Kaisers wird im unmittelbaren Anschluß an den Besuch der Kieler Woche erfolgen. Da die sportlichen Veranstaltungen der Kieler Woche gegen Ende des Monats Juni angesetzt sind, so ist die Abreise des Monarchen in die nordischen Gewässer für die letzten Tage des Juni zu erwarten. Es sind auch bereits dahingehende Anordnungen an den norwegischen Lotsen des Kaisers ergangen, sich um diese Zeit für den Kaiserbesuch bereit zu halten. Die Kieler Woche selbst beginnt am 25. Juni mit einer Seewettfahrt auf der Kieler Förde durch den kaiserlichen Jachtklub und den Norddeutschen Regattaverein.
Der Reichskanzler von Bethmann Hollweg bleibt, wie die „Kreuzzeitung" erfährt, noch einige Tage in Korfu. Er gedenkt dann direkt nach Berlin zurückzu- kehren, wo er voraussichtlich am 27. d. M. eintreffen wird.
Die Reichstagsersatzwahl in Schwetz. Bei der durch die Mandatsniederlegung des Abgeordneten von Halem- Schwetz im Wahlkreise Marienwerder 5 notwendig gewordenen Reichstagsersatzwahl wurden nach dem vorläufigen Ergebnis für v. Halem lReichspartei) 8490, für von Satz-Jaworski (Pole) 7282 und für den sozialde- mokratischen Kandidaten 107 Stimmen abgegeben. Der Reichsparteiler ist gewählt. — Zu dem deutschen Wahlsieg in Schwetz sagt die „Post": Alle Deutschen der Ostmark werden Genugtuung empfinden, daß der polnische Ansturm wieder einmal abgeschlagen ist und daß der Wahlerfolg erfochten wurde in einer Zeit, in der die Welle des Polentumes an Stärke zunimmt.
Die Besoldungsnovelle wird im Reichstage voraussichtlich Anfang Mai verabschiedet werden, ehe die Vollversammlung die Haushaltsberatungen fortsetzt. Im Abgeordnetenhause wird die Besoldungsnovelle erst nach Erledigung des Haushalts also erst nach dem 16. Mai zur Beratung gestellt werden. Da Preußen sich in Be- solöungsfragen nach dem Reiche richtet, wird die Behandlung der Novelle im Landtage keine Schwierigkeiten machen. Wie im Reichstage wird auch im Landtage die Regierung sich gegen eine Erweiterung der Vorlage aussprechen.
Eine Denkschrift über die Entwicklung der neben- babnähnlichen Kleinbahnen in Preußen ist dem Abge- orönetenhause zugegangen. Die Streckenlänge der ge- nehmigten Bahnen betrug bei 311 Unternehmen am 31. März 1913 10 509 Kilometer, im Betriebe befanden sich 9921 Kilometer. Die meisten Kleinbahnen zählt Pommern mit 1539 Kilometer. Im Betriebe der nebenbahn- ähnlichen Kleinbahnen wurden 7326 Beamte und 9183 ständige Arbeiter beschäftigt. Das Anlagekapital aller Kleinbahnen betrug am 31. März 1913 675 513 350
Die Rentabilität der Betriebe läßt eine allmähliche Besserung erkennen. Der Staat hatte bis zum Schluß des Jahres 1913 124 305 792 ^ bewilligt, 179 000 in Aussicht gestellt. Der Kleinbahnuntersttttzungsfonds beträgt zurzeit 127,5 Millionen Mark.
Das englische Königspaar in Paris. Der König und die Königin von England sind Dienstag nachmittag 4 Uhr 35 Min. in Paris eingetroffen und von einer großen Menge herzlich begrüßt worden. Sie wurden am Bahnhof vom Präsidenten der Republik und Frau Poin-
forderte, entschieden haben, wenn ihr die Tochter des unschuldig Verdächtigten nicht eben so sehr verhaßt gewesen wäre. Ach, die Eifersucht war gar zu groß!
Und jetzt hörte sie den Mann, den sie vor wenigen Monaten noch so heiß geliebt, um dessentwillen sie hierher gekommen war, seufzen und stöhnen. Ihm gönnte sie eine schwere Strafe, dem Treulosen, dem Falschen, dem Hochmütigen, der sie hundertmal gekränkt hatte. Was sprach er da zu sich selber vom Fluch der bösen Tat?
Um es zu verstehen, beugte sie deu Kopf wieder herunter ans Schlüsselloch. Und dabei stieß sie mit dem Fuß ein klein wenig an die Bretterwand, sodatz es ein kaum vernehmbares Geräusch gab, kaum hörbar, aber doch laut genug für Udos Ohren. Er fuhr empor, sprang auf die Tür zu und öffnete ängstlich.
Da steht Agathe vor ihm mit erblassenden Wangen, stöhnt ein erschrecktes: „Gott im Himmel!" aus, weicht furchtsam zurück vor seinen unheimlichen, rollenden Augen, hört einen Ton, wie das Zischen einer Schlange, versteht etwas wie einen unterdrückten Fluch und stottert nach einigen Sekunden beiderseitigen verlegenen Schweigens: „Herr von Schultental, Sie haben mich furchtbar erschreckt. Ich — ich war nämlich in diesem dumpfen Loch fest — ganz fest eingeschlafen. Muß über eine Stunde hier auf dem Fell gelegen haben. Weiß nicht, wie das kam, aber ich war todmüde."
„Und was wollten Sie hier?" fragte er ungläubig.
„Was ich wollte? — Weihnachten ist nicht mehr fern, und da hat man seine Geheimnisse. Für die Armen- bescherung suche ich aus der Rumpelkammer alte Sachen zusammen. Sehen Sie, die ganzen Kleidungsstücke will ich noch einmal zu Ehren bringen."
Das konnte nur eine Ausrede sein. Er glaubte der Falschen nicht und zweifelte auch keine Minute daran, daß sie alles mitangehört. Sie würde es nicht einge
caree sowie von den hohen Würdenträgern der Republik empfangen. Der König und die Konigin empfingen abends im Ministerium des Auswärtigen Korps.
Kleine Hadirlditen.
Weil er nicht in Kiautscho« dienen konnte, ist der Arbeiter Wilhelm Rauh aus der Luckenwalder Straße in Berlin in den Tod gegangen. Er schwärmte für Kiau- tschou und meldete sich freiwillig zu der dortigen Besatzung. Seine Untersuchung durch den Militärarzt ergab jedoch, daß er für das Klima nicht tauglich war, und er wurde für ein Infanterie-Regiment in Ostpreußen ausgehoben. Daraus erklärte er, daß er lieber in den Tod gehen wolle.
Tödlicher Sturz aus dem vierten Stock. In einem Hause der Joachimstaler Straße zu Berlin wollte der Arbeiter Brehner an einem Fenster im vierten Stock eine Markise anbringen und war zu diesem Zweck auf das Geländer des Balkons gestiegen. Plötzlich verlor er das Gleichgewicht, stürzte in die Tiefe und erlitt einen schweren Schädelbruch. Er starb, ohne die Besinnung wieder erlangt zu haben.
Das Stadion für Düsseldorf. Für das große Stadion in Düsseldorf, das bereits im nächsten Jahre fer- tiggestellt sein soll, bewilligten die Stadtverordneten einen Kredit bis zu 800 000 Mark.
10 000 Mark für notleidende Handwerksmeister. Der Münchener Magistrat genehmigte aus den Mitteln für die Arbeitslosenfürsorge einen Betrag von 10 000 Mark zur Unterstützung notleidender Handwerksmeister.
Zu einem schweren Unfall käm es Dienstag vormittag auf dem Truppenübungsplatz der Cöln-Deutzer Kürassiere. Ein Kürassier stürzte vom Pferde und wurde schwer verletzt dem Lazarett zugeführt. Ein anderer, der gleichfalls abgestürzt war, erlitt leichtere Verletzungen. Die wild gewordenen Pferde stürmten vom Platz hinweg, in die Stadt hinein, wo es gelang, die Tiere ein- zufangen.
Tragisches Ende eines Veteranen. Ein Teilnehmer am Sturm auf Düppel aus Jserlohn, der zur Düppel- feier in Cöln weilte, erlitt durch ein tragisches Geschick den Tod. Man fand ihn am Sonntagabend am Andreas- Kloster bewußtlos auf der Straße liegend auf und brächte ihn in ein Hospital. Hier starb er infolge eines Schlaganfalls.
Von einem wütenden Stier zerfleischt. Ein in Neu- stift bei Innsbruck im Hause des Gemeindevorstehers untergebrachter Stier griff den 26jährigen Schweizer Hofer an, schleuderte ihn in die Luft und zerfleischte ihn so entsetzlich, daß mit seinem Ableben gerechnet werden muß.
Kaiser Franz Zoses vor 60 Fahren.
Wie der Monarch Hochzeit feierte.
Mit ängstlicher Sorge blickt in diesen Tagen die Welt nach Wien, da der verehrungswürdige greise Herrscher Oesterreichs eine Erkrankung sich zugezogen hat, die bet seinem hohen Alter zu Besorgnissen einen gewissen Anlaß gibt. Für die Wiener aber bieten diese Tage nicht nur mit Rücksicht auf die Erkrankung des allverehrten Kaisers erwünschte Gelegenheit, mit besonderer Liebe des Monarchen zu gedenken, sondern die Erinnerung an Kaiser Franz Josefs Hochzeit, die gerade vor 60 Jahren stattfand, und an der ganz Wien wie an einem großen Familienfeste teilgenvmmen hatte, steigt in jedem echten Wiener Herzen wieder auf und läßt es unwillkürlich bei dem kranken Kaiser weilen.
Es war der 20. April des Jahres 1854, als die bayrische Prinzessin Elisabeth München verließ, um zu ihrem kaiserlichen Bräutigam zu fahren. Das war wirklich noch eine Brautfahrt voller Romantik, voll süßen, heimlichen Zaubers, wie ihn unsere Zeit, der nichts hei- liq ist als die Geschwindigkeit, garnicht mehr heraufzu- beschwören vermöchte. Drei volle Tage brauchte der kleine Dampfer, um die Braut in die Arme des kaiserlichen Verlobten zu geleiten. Die österreichische Landschaft hatte ihr bezauberndstes Gewand angelegt, wie um der Prinzessin Elisabeth die Fahrt in die neue Heimat leichter zu machen. Die Frühlingsfahrt längs der in duftigem Grün prangenden Donauufer, die mit jubelnden Menschen besäumt waren, blieb stets wie ein zarter Traum in der Erinnerung der Kaiserin Elisabeth haften.
In Linz stieg Kaiser Franz Josef an Bord, um seine zukünftige Gemahlin zu begrüßen. Am 23. April tras das hohe Paar in Wien ein, die ganze Kaiserstadt samt tausenden von Fremden war auf den Beinen, um dem Einzug, einem Prachtstück höfischen Schaugepränges, bewundernd beiwohnen zu können. Es war ein Bild von malerischer Schönheit, in dem die Reize Alt-Wiens mit ungeahnter Eindringlichkeit zu jedem Herzen sprachen, als der feierliche Zug sich an den fröhlichen, von fast südlicher Lebhaftigkeit bewegten Wienern vorbeifuhr. Die junge Kaiserin im rotmeißen Kleide bestrickte die leichtentzündlichen Wiener im Nu, und die Begeisterung kannte keine Grenzen mehr, als sie für jeden neuen Gruß
stehen in dieser Minute, aber sein Verderben dürfte ihr ein Hochgenuß sein.
„Du bist verloren, rettungslos verloren!" rief es in ihm. „Unmöglich hat sie hier geschlafen, sie sieht nicht aus wie jemand, der eben aus dem Schlummer geschreckt wurde. Und hätte sie nur alte Sachen aus dem Kabinett holen wollen, dann würde sie die Tür nicht erst hinter sich geschlossen haben. Du bist verloren. Schleunige Flucht ganz allein könnte dich noch retten. Raffe zusammen, was du an Wertsachen bei dir hast, hebe von der Bank auf Mamas Namen eine größere Summe ab und mache, daß du über die Grenze kommst! Jede Sekunde ist kostbar."
Nur recht dürftig gelang es ihm, seine Fassung wenigstens einigermaßen zu behaupten, als er nun sagte: „So entschuldigen Sie, daß ich Sie störte. — Der Raum eignet sich zur Mittagsruhe freilich sehr wenig."
Sie sagte nichts, sondern huschte mit einem Arm voll schnell zusammengeraffter Kleidungsstücke hinaus, als folgte ihr nichts Gutes.
Es kam Udo für seinen Plan sehr zu statten, daß seine Mutter soeben wieder einmal auf ein paar Tage verreist war. Er brauchte also nicht lange nach einem Vorwand ihr gegenüber zu suchen.
Nachdem er denn alles ihm notwendig Erscheinende schnell zusammengerafft und sich aus dem Boudoir der Mama auch noch einen sehr kostbaren Juwelenschmuck angeeignet hatte, bestieg er seinen feurigen Hengst, sagte Johann, er müsse dringend nach einem entfernteren Gut reiten und käme zur Nacht nicht zurück, ordnete noch einiges an und sprengte davon.
(Fortsetzung folgt.)