Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger ^7I^ für den Kreis Hersfeld
Weiber fireisblitt
Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wiederholungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage“ Sernsprech-Nnschlutz Nr. 8
Nr. 92. Dienstag, den 21. April 1914.
Aus der Heimat»
* Versichert rechtzeitig gegen Hagelschaden! Der Vorstand der Landwirtschaftskammer nimmt auch in diesem Jahre Veranlassung, den Land- wirten des Bezirks dringend zu empfehlen, ihre Halm-, Hülsen- und Oelfrüchte rechtzeitig gegen Hagelschaden zu versichern.
* D a s V e r j ü n g e u der O b st b ä u m e. 3« den gegenwärtigen Arbeiten im Obstgarten gehört auch das Verjüngen älterer Bäume. Man sei dabei vorsichtig, daß Apfelbäume nicht zu kurz geschnitten werden. Es leiden in diesem Falle leicht die Wurzeln, auch wird die Rinde an den Schnittstellen der Aeste schlecht. Größere Schnittwunden sind mit Baumwachs zu überstreichen. Birnbäume können beim Verjüngen älter sein, auch kann man sie kürzer schneiden. Am zweckmäßigsten ist es, solche Arbeiten von einem ausgebildeten Baumwärter ausführen zu lassen.
* (Zur Verhütung der Hochwassergefahr.) Herr Regierungspräsident Graf v. Bernstorff hat zur Verhütung von Hochwassergefahr mit Zustimmung des Bezirksausschusses eine Polizeiverordnung für den Umfang des Regierungsbezirks Cassel erlassen, die aus acht Paragraphen besteht und in der Hauptsache bezweckt, die Benutzung der Ufergrundstücke einheitlich zu regeln, um irgendwelche Behinderungen der Vorflut in den Hochwasserabfluß- gebieten der einzelnen Flußläufe zu verhinoern. Diese Polizeiverordnung hat vom 22. April bis 2. Juni bei den Bürgermeisterämtern sämtlicher Städte des Regierungsbezirks öffentlich auszuliegen.
* Die Organisation der d e u t s ch e n Militär an wär ter hat im verflossenen Jahre bedeutende Fortschritte gemacht. Der Bund zählte 1912 insgesamt 710 Vereine mit 78 754 Mitgliedern, Ende 1913 dagegen 740 Vereine mit 77 942 Mitgliedern. Die prozentuale Zunahme des Bundes beträgt 5,68.
§ Hersfeld, 20. April. (Der e r st e S ch n l t a g.) Wenige Tage nach Ostern beginnt für unsere jüngste Generation ein neuer Lebensabschnitt. Der erste Schultag naht heran, der wichtigste Tag im Kalender des Abe-Schützen. Je nach der Stellung, die ein solcher Hosenmatz oder eine solche angehende junge Dame bisher im Kreise der Familie eingenommen hat, bringt dieser Tag irgend eine bisher nicht gekannte Offenbarung neuer Verhältnisse. Schmer ist vor allen Dingen das Gehorchenlernen, denn manches dieser eigenwilligen kleinen Geschöpfe hat bisher zu- Hause die ganze Familie beherrscht und durch Weinen
Hause die ganze und Schreien st
____ stets seinen Willen durchzusetzen verstanden. (Womit nicht gesagt sein soll, daß wir einer derartigen Erziehung, die leider oft genug zu beobachten ist, das Wort reden wollen.) Das wird nun anders! Schwer ist der Stand des Lehrers einer solchen ungeberdigen Kinderschar gegenüber; sehr viel Liebe und Verständnis für die Eigenarten der Kindesseele gehören dazu, wenn das Erziehungswerk des Lehrers gute Früchte tragen soll. Und den Lehrer in dieser schweren Aufgabe zu unterstützen ist Pflicht einer jeden verständigen Mutter. Manchem Kind ist durch die ständige Drohung: „Warte nur, wenn Du erst zur Schule kommst und der Lehrer den Rohrstock nimmt!" die Schule schon vorher verleidet worden, und solche Kinder lassen oft schon im ersten Schuljahre das gerade da am notwendigsten zu nennende Interesse am Unterricht vermissen, ein Verlust, den das betreffende Kind nie wieder einholt. Also Lust und Freude an der Schule erwecken, wenn das Kind gern hineingehen und etwas ordentliches lernen soll! und wo ern solcher Knirps einen oft wohlverdienten Lehrer erhält, da schimpfe der Vater nicht, sei dem Lehrer dankbar, daß sich dieser aus an seinen Schutzbefohlenen der nie- anß^ebnten und deshalb oft sehr schweren ^ner gelegentlichen Bestrafung unterzieht, wo er solche in Anbetracht seiner Erziehungsaufgabe für unbedingt notwendig hält. Dann werden aus den tollsten Kindern später die besten Männer.
N Hersfeld, 20. April. Begünstigt vom schönsten Wetter unternahm am gestrigen Sonntag der hiesige T o u r i st e n k l u b unter reger Beteiligung seine erste diesjährige Wanderung. Die Tour ging von Rons- hausen aus, welches nachmittags gegen 2 Uhr mit der Bahn erreicht wurde, auf sanft ansteigender Straße nach Machtlos, wo eine kurze Ruhepause gemacht Aurde. Von hier führte der Weg dann auf prächtigen Waldwegen durch herrliche Wiesengründe nach der Oberforsterei Wildeck, deren idyllische Lage, von Teichen "Ergeben, allgemeine Bewunderung erregte. Nach ^slchtigung der in der Nähe gelegenen Ruine -udwigstetn und eines hohen inmitten eines Wiesen- ^Un^§ gehenden steinernen Turmes ging der Weg letzte Anhöhe, von deren Gipfel man eine prächtige Fernsicht bis weit in das Werratal mit seinen
Kaliwerken hatte. Nach kurzem Abstieg war das Ziel der Wanderung, Hönebach, erreicht, woselbst sich die Teilnehmer in der Justischen Wirtschaft bei bester Verpflegung an Speise und Trank labten. Allgemein war man von der schönen Tour befriedigt, die auf bequemen Wegen ohne sonderliche Anstrengung durch eine herrliche Gegend führte. Möchte auch bei den folgenden Wanderungen des Touristenklubs die Beteiligung ebenso rege sein.
- s- Hersfeld, 20. April. Der Beamteuveretn hielt am Sonnabend eine gut besuchte Versammlung ab. Nach Erledigung der kurzen Tagesordnung nahm Herr Lohr m a nn das Wort zu seinemVortrag. In bewußter, schöner Redeweise erläuterte Reduer die Geschichte des Klosters Kreuzberg von der Gründung an. Sodann führte er die Anwesenden int Geiste mittels einer Fußtour von Gersfeld über den Berg und Kloster Kreuzberg bis nach Bad Brückenau, wobei das Bairische Bier sowie das ungespundete nicht vergessen wurde. Anhaltender Beifall war der Mühe Lohn. Einige Musikstücke der Hauskapelle sowie Solovorträge brachten die Anwesenden bald in gehobene Stimmung, die bis zur vorgerückten Stunde anhielt.
) :( Hersfeld, 20. April. Die Impf- und Nachschau termine, welche am 23., 24. und 30. d. Mts. hier stattfinden, werden nicht, wie ursprünglich bekannt gegeben im Saale des Herrn Constantin Otto, sondern in dem kleinen Saale der neuen Turnhalle abgehalten.
- h- Riederaula, 19. April. Am Sonnabend mittag gegen 12 Uhr zog ein Flieger an unserem Orte vorüber. Die Absicht, den Apparat über die Berge zu bringen, gelang ihm arncheinend nicht, sondern der starke Wind trieb den Apparat seitlich ab. Der kühne Lenker versuchte dann etwas tiefer zu gehen, jedenfalls um in eine ruhigere Luftströmung zu kommen, was aber auch nicht viel uutjte. Die große Höhe, die der Flieger zuerst inue hatte, ließ vermuten, daß es dort oben ebenfalls nicht ruhiger war.
- o- Heringen (Werra), 19. April. In der vergangenen Nacht verschwand die geistesschwache Ehefrau eines hiesigen Einwohners plötzlich aus ihrer Wohnung. Heute morgen wurde die Frau in der Gemarkung Widdershausen als Leiche aus der Werra gezogen. Die arme Frau hatte ihrem Leben in geistiger Unmachtung ein freiwilliges Ende bereitet.
- o- Heringen (Werra), 20. April. Herr Rektor Killmer aus Großalmerode, welcher au der dortigen Stadtschule lange Jahre tätig war, ist vom 1. Mai d. Js. als Rektor hierher versetzt worden.
Cassel, 19. April. In das hiesige Landkrankenhaus überführt wurde gestern ein Schulmädchen im Alter von 11 Jahren aus dem Dorfe Vockerode am Meißner, Töchterchen des Landwirts W., das auf dem Felde beim Abbrennen von Hecken und Dorngesträuch dem Feuer zu nahe gekommen war, sodaß die Flammen die Kleider ergriffen und dem Kinde schwere Brand- wnnden im Gesicht, an Armen, Händen und Beinen verursachten.
Cassel, 19. April. Die fünf jungen Leute, die zwecks Eintritts in die Fremdenlegion eine Ausland- reise angetreten hatten, sind in Emmerich durch die dortige Polizei angehalten und festgenommen worden. Die Inhaftierten sollen nach Cassel zurückgebracht werden, sobald die nötigen Formalitäten erfüllt sind. Die hiesigen Eltern sind aufgefordert worden, 800 M. Rücktransportkosten zu zahlen, doch sind ne meist nicht dazu in der Lage und haben daher zum Teil die Zahlung verweigert. Einer der zukünftigen Fremden- legionäre soll sich übrigens des Schwindels und der Urkundenfälschung schuldig gemacht haben. ^£1°^ die Unterschrift seines Prinzipals aus einem «check gefälscht und darauf 790 M. bei einer hiesigen Bank abgehoben haben.
Gießen, 16. April. Zu einem hiesigen Gärtner kam vor drei Wochen ein junger Bauersmann aus der Umgegend und verlangte 60 bis 70 Köpfe grünen Salat. Der Gärtner bedauerte, bau seine Pflanzung im Mistbeet noch nicht soweit sei und erst in 14 Tagen verkaufsfähige Salatkapse geben wurden. „Na", meinte der Kunde, „ich wollte^ Hochzeit machen, aber da warten wir solange, bis Sie «alat haben." T^r Gärtner hielt die Rede für Scherz, staunte aber nicht wenig als jetzt der angehende Ehemann wiederkam, den Salat holte und beruhigt erklärte: „Nun kann die Heiraterei losgehen."
A-orf in Waldeck, 17. April. Bei einer verheerenden Feuersbrunst, welche in unserem Flecken vorgestern plötzlich zum Ausbruch kam und wobei drei Gehöfte mit allen Vorräten, Inventar u,w. vollständig em- geäschert wurden, wurde der jung verheiratete Feuerwehrmann Buddenfeld bei den Löscharbeiten von einer einstürzenden Seitenwand getötet.
Das deutsche Handwert.
Im nächsten Jahre wirb in Dresden eine Ausstellung „Das deutsche Handwerk" verunstaltet werden. Das Gelände der Hygieue-Ausstelluug wird sie voll und ganz in Anspruch nehmen. Die meisten Körper- f(haften und Vereinigungen des Handwerks machen für diese große Krafterprobung eifrigst Propaganda, unterstützt von den Verbündeten Regierungen des gesamten Deutschen Reiches. Dort wird das deutsche Handwerk den Beweis erbringen, daß es lebenskräftig und entwicklungsfähig ist. Es wird sich zwar zeigen, wie die Berufszählung es bereits gelehrt hat, daß einzelne Zweige des Handwerks zurückgegangen sind, zumal die, welche gegen die Schleuderkonkurrenz der Großbetriebe nicht aufkommen, weil ihre Waren nicht künstlerisch veredelt zn werben brauchen oder nicht künstlerisch veredelt werden können, aber dort wird sich auch in glänzender Weise Herausstellen, daß viele Handwerksarten in schöner Blüte stehen, erstarkt und vorangekommen sind. Die gute alte Zeit des Handwerks wird in ihren Leistungen, in ihrer Bedeutung erreicht, ja übertroffen werden. Im Programm des Unternehmens lesen wir u. a.:
„Es soll gezeigt werden, was für Rohstoffe verarbeitet werden, in welcher Weise dies geschieht und welche Erzeugnisse entstehen. Dabei wird man ersichtlich machen, inwieweit Handarbeit allein zweckmäßig ist, in welcher Weise Handarbeit durch die Maschine unterstützt werden kann unb wo sich lediglich Maschinenarbeit auch im Handwerksbetriebe empfiehlt. Der Wissenschaft, Behörden unb gesetzgebenden Körperschaften soll die Ausstellung die Möglichkeit zur Kenntnis des Handwerks in seiner geschichtlichen Entwicklung und nach seinem gegenwärtigen Stande gewähren nnd damit im Zusammenhänge Richtlinien für die Anwendung der bestehenden und für den Erlaß künftiger Gesetze bieten. Sem Handwerker soll die Allsstellung in reichem Maße Belehrung und Anregung vermitteln. Die Darstellung der Verwendung von Rohstoffen und Maschinen, der Arbeitsweise und Kunstformen vergangener Zeiten unb verschiedener Gegenden, der neuesten technischen Errungenschaften usw. soll dem Handwerker fruchtbare Anregungen dazu geben, seinen Erfindungsgeist beleben und seinen Geschmack läutern. Er soll besonders auch unterrichtet werden über die zweckmäßige Gestaltung des Betriebes."
So wird die Ausstellung, wie die „Sozialkorrc- spondenz", das Organ des Zentralvereins für das Wohl der arbeitenden Klassen hervorhebt, „ein Bild des deutschen Handwerks" geben, ein gut getroffenes Bild, das den Beschauer und Handwerkerfreund erfreuen unb mit Bewunderung erfüllen wird, wie wir wohl alle hoffen und erwarten dürfen. In dreißig Gruppen, von denen wir nur die Gruppen der Fleischer, Kleinbäuer, Bäcker, Friseure, Goldschmiede, Sattler, Schuhmacher, Drechsler, Uhrmacher, Tischler besonders nennen wollen, wird das Handwerk sein Können beweisen. Rohstoffe und Halbzeuge, Arbeitsbehelfe aller Art, Werkzeuge und Leistungen werden nebeneinander aubgebreitet sein unb in einem sprechenden Bilde von des Handwerks Wesen und Bedeutung zusammenwirken. Wenn möglich, wird jede Gruppe durch einen leibhaftigen Werkstattbetrieb vertreten sein. An die erwähnten dreißig Gruppen werden sich vier große Sonderabteilungen reihen, welche die Entwicklung des Handwerks, seine Organisation, Sitten, Gebräuche und Bildungsmittel, sowie die staatliche Förderung des Handwerks veranschaulichen sollen. Auch sollten in ihnen die Berufskrankheiten und ihre Verhütung, die Erzeugnisse des häuslichen Fleißes und vor allem die Arbeit an bem Nachwuchs, an den Lehrlingen und Jugendlichen geschildert werden; besonderes Interesse und starken Zuspruch wird die geschichtliche Abteilung und neben ihr die Abteilung, die der Wohlfahrtspflege und Hygiene im Handwerk gewidmet ist, erregen.
Für die Besucher und Aussteller sind VerkehrS- erleichterungen undVerkehrsverbilligungen vorgesehen; für Minderbemittelte ist ein Sparsystem vorgesehen, das ihnen bei den ^Organisationen des Handwerks Gelegenheit gibt, rechtzeitig und bequem die Kosten zusammenzusparen. Zu den Kosten, die auf 2100000 M. veranschlagt sind, leisten Innungen uub sonstige Vereinigungen erhebliche Beiträge;zum Garantiesonds, der auf eine Million festgesetzt ist, haben der Staat Sachsen und die Stadt Dresden je 200 000 M. gespendet. So ist für alles gesorgt, um im nächsten Fahr ein treffendes Bild des deutschen Handwerks geben zu können.
Wetteraussichten für Dienstag den 21. April.
Meist heiter, trocken, warm, schwache südliche Winde.