Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be- Ä*MrfAfhA9 zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei jJu5|uUn H«rsfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
für den Kreis Hersfeld
^ Wlatt
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Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 85
Freitag, den 10. April
1914
Der heutigen Nummer liegt ein Amtlicher Anzeiger bei.
Karfreitag.
Wir sind ein Volk, vom Strom der Zeit gespült zum Erdeneiland, voll Unglück und voll Herzeleid, bis heim uns holt der Heiland. das Vaterhaus ist immer nah, wie wechselnd auch die Lose,' es ist das Kreuz von Golgatha
ein Heim für Heimatlose----
Ein gekröntes Haupt, Carmen Silva, Rumäniens geniale Königin und Landesmutter hat mit diesen Zeilen einen Gedenkstein geschmückt, der hoch im "Norden unseres Vaterlandes auf dem Friedhofe namenloser Meeresopfer eine stille Andacht für jene Heimatlosen erbittet, die uns das Meer nicht lebend wieder herausgab und deren Namen und Herkunft uns ewig in Dunkel gehüllt bleibt. Aber weit über diesen eng begrenzten Kreis menschlichen Elends hinaus haben die obenstehenöen Zeilen als Symbol erhabenster und verklärtester Auffassung des Christentums ihren Weg durch die Lande gefunden. Es ist und bleibt ein Trost für uns alle, daß wir einen Karfreitag haben. Einen Tag, dessen düstere, herbe Tragik auf keinen von uns ihre Einwirkung verfehlt, mag er über Wahrheit und Mythus in der Geschichte des Christentums denken wie er will. Die erschütternde Gestalt des am Kreuze ersterbenden Heilands, dessen letzte Worte in eine Bitte für seine irregeleiteten Peiniger ausklingen, ist von solcher überwältigender Größe und Erhabenheit, daß demgegenüber alles verblassen muß, was spitzfindige Menschenweisheit zu ihrer Erklärung zu sagen weis. Widerstandslos, mit der Urgewalt eines ewigen Wahrheitsquells drängt sich das Dogma von Christi Opfertod für die Sünden der Menschheit jedem Herzen, auch dem verhärteten, auf. Und aus dieser Empfindung heraus ist jenes zweite, ungleich weniger tragische, sondern stolze und freudige Erkenntnis emporgewachsen, daß angesichts solcher Ueberzeugungen die christliche Gemeinschaft ein Heim und Hort für alle Gläubigen bildet, sie wie eine einzige große Familie umfängt und allen jenen eine zweite Heimat wird, die steuer- und richtlvs auf dem Strome des Lebens dahintreiben. „Ein Heim für Heimatlose", diesen Ehrennamen verdient einzig und allein das Christentum, und wohl uns, wenn wir allen Widersachern zum Trotze uns eine solche, schöne Auffassung unserer Religion nicht rauben lassen, zu der auch die Ergebnisse unseres logischen Denkens uns führen müssen. Denn nur wo brüderliche Liebe und Freundschaft alle Menschen vereint, da ist die wahre Heimat: keine Erdenmacht aber hat in dieser Hinsicht sich größere Verdienste um die Erziehung der Menschheit zu Freunden und Brüdern erworben, als das echte, wahre Christentum mit seinem unerschöpflichen Quell von Liebe und Hilfsbereitschaft für alle jene, deren strauchelnder Fuß unserer Hilfe bedarf.
Bus der Heimat.
* (Die Viehhaltung im Regierungs - bezirk C a s s e l.) Nach einer amtlichen statistischen Zusammenstellung haben die sämtlichen Viehgattungen Mit Ausnahme der Schafe im Jahre 1918 gegenüber Borjahre 1912 in unserem Regierungsbezirke eine erhebliche Vermehrung aufzuweisen, besonders ist die gewaltige Vermehrung der o^?Einezahl. Das Jahr 1913 hatte an Pferden einen Zuwachs von 2890 Stück, an Rindvieh 25 548 Stück- . 68 886, an Ziegen 9921, während die Schafe um 222 Stück weniger geworden ist. Auch die Zahl der Obstbäume ist in den letzten 13 Xistyren, d. h. nach der Zählung im Jahre 1900 ganz erheblich gewachsen, denn es stieg die Zahl der Obstbaume bis zum Jahre 1918 von 3 880 763 auf 4 735 815 Stuck, das sind 22 Prozent. Diese Zahlen sind gewiß recht interessant, und ist es daher ganz natürlich, wenn bei dem ganz bedeutenden Zuwachs von Schweinen die Preise für dieselben einen Rückgang aufznweisen haben, im anderen Falle beweisen diese Zahlen aber auch, daß ein allgemeiner Wohlstand bei unserer hessischen Landwirtschaft eingetreten ist.
):( Hersfeld, 9. April. Ueber das am Sonntag ™ tt21P r iI stattfindende Kriegsspiel ver- ouentlicht der Leiter desselben, Herr Dr. Blauer, in der Gauzeitung folgendes: Die Turner aus Fulda- und Haunetal sammeln sich in Hersseld bis 10 Uhr vormittags: 10 Uhr Antreten an der Fuldabrttcke. Die Turnvereine aus dem Werratal sammeln sich bis Uhr vormittags in Heimboldshausen. Antreten 1 ^br vormittags am Bahnhof Heimboldshausen.
Vereinen, deren Wohnort in keinem der genannten Täler liegt, ist der Anschluß an die eine oder andere Partei freigestellt. Der besondere Auftrag geht beiden Parteien am Tage selbst zu. Nach Beendigung des Spiels gemeinsames Abkochen. Vorbereitung hierzu und Beteiligung bleibt den Vereinen überlassen. — Voraussichtlich wird bei Friedewald die Entscheidung fallen. Bei dem weiten Anmarsch sind Radfahrer als Aufklärer und zur Nachrichtenermittelung sehr erwünscht,' zumal da durch ihre Beteiligung das Spiel viel interessanter wird. — Als Einheit gilt die Gruppe von 8 Mann unter einem Gruppenführer,' die Gruppen werden zu Zügen zusammengefaßt. Beim Zusammentreffen entscheidet die Ueberzahl,' die an Zahl geringere Abteilung muß unbedingt weichen. Patrouillen sollen viel sehen, aber möglichst wenig gesehen werden; es hat keinen Zweck, wenn Patrouillen große Schlachten schlagen wollen und dabei ihren Auftrag vergessen. Für alle Führer, besonders die von Radfahrer-Abteilungen, gilt es, Hetzjagden zu vermeiden, die Unfälle im Gefolge haben können. Wir wollen hoffen, daß uns der Wettergott einen schönen Tag schenkt. Für alles andere wird die Spielleitung sorgen.
8 Hersfeld, 9. April. «W i e w i rd d a s W e t t e r zu Ostern?) Die unruhige Witterung die sich besonders am Montag durch weitverbreitete Stürme, Sturmgewitter und typisches Aprilwetter bemerkbar machte, eröffnet zunächst noch keine sehr erfreulichen Aus sichten für das Osterfest, obwohl bei der häufigen Verschiebung der Wetterlage die Hoffnung auf eine rechtzeitige und durchgreifende Wandlung der Witterung noch durchaus aufrecht erhalten bleiben kann. Ein barometrisches Minimum von weniger als 730 Millimeter liegt nördlich von den britischen Inseln und verleiht mit seiner für die Jahreszeit ungewöhnlich großen Tiefe der Wetjerka , 'in entschieden winterliches Aussehen. Ein Teilminimum unter 745 Millimeter, das die Witterung in Deutschland so lebhaft beunruhigte, lag Dienstag früh über der südlichen Ostsee und verursachte in Deutschland überwiegend trüben Himmel, mäßige Winde aus Südwest und West und zahlreiche kleinere und größere Regenfälle, von denen in erster Linie Süddeutschland betroffen wurde. Zurzeit ist der größte Teil Europas in den Bereich des tiefen Luftdrucks einbezogen worden und hat unter wenig angenehmen Frühlingswetter zu leiden. Dem Landmann sind ausgiebige Aprilregen durchaus willkommen, wie viele alte Bauernregeln ausdrücklich betonen, und auch für den Wetterverlauf im Spät- frühjahr und Sommer ist es erfahrungsgemäß im allgemeinen günstiger, wenn der April sich noch launenhaft und etwas unwirsch gebärdet, als wenn er den Sommer vorwegnimmt. Mit diesem Trost wird nun freilich denen, die bestimmte Osterpläne hegen, wenig geholfen sein. Willkommener wird daher die Möglichkeit sein, daß man auf eine Ausbreitung des südwestlichen Maximums bis Ostern sehr wohl rechnen darf und damit auf eine bessere Gestaltung des augenblicklich noch nicht sehr erfreulich anmutenden Wetters.
-r- Hersfeld, 9. April. «Kirchliche s.) Wir weisen auch an dieser Stelle darauf hin, daß am Karfreitag Abend um 7 Uhr in unserer Stadtkirche ein liturgischer Gottesdienst stattfindet, in welchem der Kirchenchor und der .ünabenchor der Bürgerschule mitwirken.
Frielingen, «Krs. Hersfeld), 7 April. Herr Pfarrer Kühn dahier tritt am 1. Oktober in den wohlverdienten Ruhestand. In seiner 20jährigen Wirksamkeit erwarb er sich hier und in der Filialgemeinde Wlllrngshmn unter den Pfarrkindern viel Sympathie.
Hünfeld, 6. April. Heute Vormittag hatten wir den ersten Apri/sturm mit starkem Regen. Wahrend derselbe hier weniger Schaden verursacht hat, hauste derselbe in Molzbachum so verheerender. Ander Straße von Hünfeld nach Molzbach und acht alte Pappelbaume aus der Erde gerissen und liegen kreuz und quer über die Straße, sodaß dieselbe bis auf weiteres für Fuhrwerk gesperrt werden muffte. Anch an den Ob,t- bäumen ist der Schaden bedeutend, ebenso sind im Dorfe selbst die Dächer stark beschädigt worden.
Alsfeld 7 April. Im benachbarten Groß-Felda machten sich Burschen in einer Spinnstube den Spaß, kleinen noch nicht fchulpstlchtrgen Kindern alkvholr,che Getränke zu reichen. Ein chahriger Junge erkrankte an Alkoholvergiftung, in deren Verlauf er unter großen Qualen gestorben ist.
Worbis, 8. April. In einem zum Gute Teistungen- burg gehörenden Brunnen m der Flur Leistungen wurde die Leiche eines 4 Wochen alten Kindes gefunden. Die »eiche hatte eine Schnur um den Hals und war in Lumpen gewickelt. Die mutmaßliche Täterin, eine polnische Arbeiterin, wurde verhaftet.
Worbis, 8. April. Wie sich durch einen Brief-
Wechsel erst jetzt herausstellte, dieut der 28jährige Steinsetzer Karl Reschwamm, der einzige Sohn des Steinsetzers Peter Reschwamm von hier, seit Jahresfrist in Marokko im 1. Regiment der französischen Fremdenlegion. R. war als Steinsetzer in Essen tätig. Er hatte seinen Angehörigen keinerlei Lebenszeichen znkommem lassen. Es konnte daher noch nicht festgestellt werden, ob R. freiwillig oder durch List Fremdenlegionär geworden ist.
Göttinnen, 8. April. Das Schwurgericht verurteilte den Zigarrenmacher August Fuhrmann, der am Weihnachtsheiligabend den Förster Knoche im Nonnen- Holz erschoß, wegen Mordes zum Tode, wegen des Versuchs, am 80. Dezember in Trubenhausen 2 Geu- darmen und einen Tischlermeister zu erschießen, zu 5 Jahren Zuchthaus. Den Geschworenen wurden zehn Schuldfragen vorgelegt, die auf Jagdfrevel, Ueber- tretung des Forstpolizeigesetzes, vorsätzlichen Mord mit und ohne Ueberlegung hinsichtlich des Försters Knoche, auf Mordversuch an den Gendarmen Jacob und Homberg und an dem Tischlermeister Trebiug, sowie auf mildernde Umstände lauteten. Der Staatsanwalt plaidierte in mehr als einstündiger Rede auf vorsätzlichen Mord und streifte dabei noch einmal die grauenhafte Tat, die den Weihuachtsfrieden gestört, die Kirche geschändet und ein Famtlienglück zerstört habe. Der scheußliche Frevel verdiene eine gerechte Sühne, die nur in einer Verurteiln»«, des Mörders zum Tode gefunden iverden könne. Die unverändert, gleichgültige Ruhe Fuhrmanns, die sich mit Zynismus mische und die Tatsache, daß der Angeklagte bislang auch nicht ein einziges Wort des Bedauerns oder gar der Reue geäußert habe, reden eine deutliche Sprache und seien ein überzeugender Berveis für das Schuldbewußtsein des passionierten Wilderers, der bei allen seinen Streifzügen durch die Wälder bis an die Zähne bewaffnet gewesen sei. : my erfolgter Rechtsbelehrung durch den Vorsitzenden zogen sich die Geschworenen gegen 4 Uhr zur Beratung zurück. Die Beratung dauerte kaum mehr als eine Viertelstunde. In dem überfüllten Saal, in dem das Publikum sich bis weit über die Zeugenbänke hinaus, fast in die Saalmitte, vordrängte, herrschte Totenstille, als der Obmann der Geschworenen den Wahrspruch verkündete. Allgemein herrschte die Auffassung, daß Fuhrmann sich durch die Dreistigkeit seines Auftretens, wie sie sich namentlich in seinen letzten Verteidigungsreden zeigte, bei den Geschworenen sehr geschadet hat und daß er sich gleichsam um seinen Kopf geredet habe. Der gehässige Ton, den er gegen Zengen unb Staatsanwalt anschlng, ließen auch die Vermutung aufkommen, daß es mit der angeblichen inneren Wandlung zum Guten doch nicht so recht stimmt, ebensowenig wie mit der Abkehr von der Sozialdemokratie. Vielfach neigte man daher zu der Ansicht, daß der Angeklagte nach dieser Richtung eine raffiniert durchgeführte Komödie gespielt habe, in der Annahme, dadurch bei den Geschworenen und dem Gericht sich Sympathien zu erwecken.
Carlshafen, 8. April. Zu der Schießaffäre in Lauenförde, der leider ein jnnges Menschenleben zürn Opfer fiel, erfährt man noch folgende Einzelheiten: Gestern nachmittag war das Gericht von Uslar in Lauenförde, um den Tatbestand festzustellen und eine Ortsbesichtignng vorzunehmen, wobei auch die Komplizen des jugendl. Mörders, verschiedene Anstaltszöglinge, welche ebenfalls in Lauenförde in der Lehre sind, zugegen sein mußten. Dabei hat sich herausgestellt, daß diese jungen Bürschchen ein wahres Verbrecherleben geführt haben. Von den 6 oder 7 Zöglingen wurde immer einer bestimmt, der für den nächsten Sonntag Geld zu besorgen hatte, einerlei, woher unb wie er es bekam. So haben sie gestohlen und betrogen, wo und wann sich ihnen Gelegenheit bot. Bei den jetzt entdeckten und auch zum Teil eingestandenen Diebstählen handelt es sich um Beträge bis zu 20 Mk. Das Geld wurde dann verjubelt, oder, wie in diesem Falle, zur Anschaffung unnützer Dinge verwandt. Der am letzten Sonntag erst gekaufte Revolver ist eine unscheinbare kleine Waffe, deren Geschoß kaum hätte tödlich wirken können, wenn die Entfernung eine größere gewesen und nicht gerade die Stirn getroffen wäre. Das unglückliche 8jährige Söhnchen des Bäckermeisters P. lebte nach erhaltenem Schusse noch 1'/ü Stunde. Der traurige Borfall erweckt allgemeine Teilnahme.
Schkeuditz, 6. April. In der Alt-Scherbitzer Feld- flur vergnügten sich eine Anzahl Schulknaben mit Steinwersen. Dabei wurde der l 1jährige Schulknabe Henze durch einen unvorsichtigen Wurf so schwer am Kopfe verletzt, daß er einen Schädelbruch erlitt und infolge der erhaltenen Verletzung gestern verstarb. Eine polizeiliche Untersuchung ist eingeleitet worden.
Wetteransstchten für Freitag den 10. April _
Wolkig, zeitweise Regenfälle, kühler, westliche Winde.