Hers selb er Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
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zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei )JE[5|UUU Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
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Zernsprech-Nnschlutz Nr. 8
Nr. 80. Sonnabend, den 4 April 1914.
Der heutigen Nummer liegt ein Amtlicher Anzeiger bei.
Bus der Heimat«
* sDertotal verregnete März.) Der verflossene März darf wohl neben dem gleichen Monat im Jahre 1876 als der regenreichste seit 1852 bezeichnet werden, betrug doch die in Frankfurt gemessene Niederschlagsmenge mit 102 Millimetern fast das 212 fache der normalen. Die Folge dieser außerordentlichen Regenfälle waren Ueberschwemmungeu, die besonders auch in unserer Gegend ungeheuren Schaden anrichteten. Erst die letzten Tage brachten uns warmes, trockenes Frühlingswetter, doch scheint es schon wieder, als ob auch diese Trockenperiode nicht mehr von langer Dauer sein dürfte. Aber das darf ja nicht sonderlich auffallen, denn wir kommen jetzt in den April, der durch sein unbeständiges Wetter sprichwörtlich geworden ist. Rascher Wechsel zwischen Sonnenschein und Regen, Windstille und stürmischen Winden, angenehmer Frühlingswärme und Schnee- schauern charakterisiert das „Aprilwetter". Der normale Gang der meteorologischen Elemente in Frankfurt a. M. ist kurz folgender: Der Luftdruck zeigt im allgemeinen einen recht unregelmäßigen Verlauf, im Mittel beträgt er 751.3 Millimeter. Die Temperaturen, die fast täglich bedeutende Schwankungen aufweisen, ergeben im Monatsmittel 9.7 Grad Celsius. Frosttage kommen im April nur selten vor, durchschnittlich 1.5. Ebenso selten steigt in diesem Monat die Temperatur über 25 Grad,' schon häufiger sind Tage mit Gewittern. Trübe Tage überwiegen mit 8.6 im Mittel gegen die heiteren (5.9); entsprechend gibt es mehr Tage mit Niederschlag als trockene. Die mittlere Regenhöhe beträgt in Frankfurt 33.5 Millimeter. Von allen im April beobachteten Winden. kommen über 20 Prozent aus Südwest, an zweiter Stelle kommen die Nordostwinde (17 Prozent). Windstille Tage kommen im April nur selten vor.
):( Hersfeld, 3. April. Selten ist wohl ein schöneres Werk auf dem Film vorgeführt worden, wie das jetzt im Hersfelder Lichtschauspielhaus auf dem Flimmerband befindliche Drama „D i e H e r r i n des Nils". Die Szenen sind von der größten Natürlichkeit und teilweise so spannend, daß das Publikum atemlos die Vorgänge verfolgt. Prächtige Gestalten sind es, welche die Hauptrollen des Stückes vertreten, und nur erstklassige Schauspieler waren dazu befähigt, die Gestalten so lebenswahr zu verkörpern, wie dies hier der Fall ist. Erstaunlich ist die große Menschenmenge, welche in dem Stücke mit- wirkt und überwältigend schön nehmen sich die Landungsszenen der römischen Truppen aus, die von den Wogen des Meeres umbraudet in laugen Reihen dem Ufer zuschreiten. Die Lichteffekte dieser Bilder sind außerordentlich gut gelungen. Die ganzen Szenen an dem ägyptischen Königshofe sind mit größter Prachtentfaltung und unter Wahrung eines genauen geschichtlichen Studiums ausgenommen. Das Werk wirkt spannend bis zum letzten Augenblick und bietet einen echten Kunstgenuß. — Man kann nur wünschen, daß das Hersfelder Publikum die Bestrebungen des Lichtschauspielhauses durch recht zahlreichen Besuch unterstützt. Denn nur unter großensinanziellen Opfern ist es möglich, derartige hervorragende Filmkunstwerke hierher zu bringen.
):( Hersfeld, 3. April. Die sommerliche Wärme der letzten Tage brächte uns bereits in vergangener Nacht ern G e w i t t e r. Während abends schon der Himmel stark von Blitzen erleuchtet war, eutlud sich nachts ein von starkem Regen begleitetes Gewitter.
)st HErsfeld, 3. April. Am kommenden Sonntag veranstaltet der Frankfurter Automobil-Club und der Verern für Luftfahrt mit Unterstützung des Generalkommandos des 18. Armeekorps eine kriegsmäßige y all onverfolgung mit Flugzeugen und Auto- mobrlen. Für den Fall, daß diese Veranstaltung unseren Kreis berührt, hat das hiesige Landratsamt die Ortspolizeibehörden angewiesen, die Automobile bei dem Passieren der Ortschaften unbehindert zu lassen.
Cassel, 2. April. An der Gemälde-Gallerie an der Schönen Aussicht spielte sich heute morgen halb drei Uhr eine Liebestragöüie ab. Dort schoß ein in den zwanziger Jahren stehender junger Mann aus Eifer- Mcht auf die achtundzwanzig Jahre alte Bardame Gertrud B. aus Köln und verletzte sie durch einen Streifschuß. _ Er selbst brächte sich durch einen Schuß
Kopf so schwere Verletzungen bei, daß er lebensgefährlich verwundet im Krankenhause darniederliegt
E^ltzeuhaufen, 1. April. Die deutsche Kolonial- 'chule jchließt heute ihr Wintersemester. Von den abgehenöen Kolonialschülern erhalten 8 das Diplom
zeugnis. Von diesen gehen einige sofort hinaus und zwar nach Kamerun und nach Indien. Die übrigen genügen erst ihrer Militärpflicht. Mehrere Kolonial- schüler, die ihre Dienstzeit bereits hinter sich haben, gehen jetzt nach Deutsch-Ostafrika, Samoa und Chile.
Heiligenstadt (Eichsfeld), 2. April. Amtlich wird festgestellt, daß über fünf Millionen Mk. im Kreise Heiligenstadt infolge des Generalpardous mehr als bisher zur Veranlagung gekommen sind.
Hümme, 2. April. Heute morgen kurz nach 6 Uhr wurde auf dem hiesigen Bahnhöfe der Rottenarbeiter Litzing aus Sielen durch einen rangierenden Wagen umgestoßen und ihm durch die Räder das rechte Beiu am Oberschenkel abgetrennt. Der Schwerverletzte wurde durch einen zufällig anwesenden Militärarzt sofort verbunden. Bald darauf traf auch der Privatarzt aus Hofgeismar ein. Der Verunglückte wnrde nach Cassel transportiert.
Mühlhausen, 2. April. Vorgestern abend gegen
12IO Uhr stieß zwischen Peterhof und der Heilanstalt ein Lastautomobil der Burgbrauerei mit einem Wagen der Thuringia-Brauerei zusammen. Der Insasse des Wagens, ein Reisender der Thuringia-Brauerei, ist erheblich verletzt und mußte dem Krankenhause zugeführt werden, während der Kutscher uuverletzt blieb. Der Führer des Lastautos hat die Flucht ergriffen.
Langenthal, 1. April. Der Holzhauer Karl Schambach von hier kam unter einen Baum in der Königlichen Waldung bei den Arbeiten der elektrischen Kabellegung. Der Tod trat auf der Stelle ein. Schambach hinterläßt eine Frau mit drei unmündigen Kindern.
Frankfurt a. M., 1. April. Im Hauptbahnhof stürzte heute Nachmittag gegen 2 Uhr am nördlichen Erweiterungsbau eine Mauer ein. Der Maurer Karl Müller aus Marktlos und dessen Helfer Ferdinand Kreß waren mit der Aufführung einer zwei Meter hohen Mauer oberhalb des zweiten Obergeschosses beschäftigt. Sie waren im Begriff, die nach dem Treppeu- Hause zu gelegenen Fugen auszukratzen und lehnten sich zu stark an die frisch aufgeführte Mauer, die plötzlich nachgab und in das Treppenhaus, etwa 12 Meter tief, herabstürzte. Müller stürzte nach und erlitt schwere Kopfverletzungen. Kreß ko- ute rechtzeitig zur Seite springen und blieb unverletzt.
Weilbnrg, 2. April. Heute früh hat sich der Direktor der Landwirtschaftsschule, Professor Dr. Kienitz-Gerloff, in seiner Wohnung erschossen. Der Grund zu der Tat ist unbekannt. Die für heute angesetzte mündliche Schulprüfung der Abiturienten der Anstalt wurde verschoben.
Saalfeld, 2. April. Der 24jährige Landwirt Paul Kühn, der verdächtig ist, das Dienstmädchen Elsa Städtler erschossen zu haben, hat sich im Gefängnis erhängt. Die Erschossene war am Bahnkörper der Strecke Saalfeld—Arnstadt tot aufgefunden worden. Man glaubte zunächst an Selbstmord, da ein Revolver neben der Leiche lag. Später wurde jedoch Kühn unter dem Verdacht des Mordes verhaftet.
Erfurt, 1. April. Im benachbarten Mühlberg fiel ein mit Holz beladener Wagen auf den verheirateten Kaufmann Pabst. Der Mann konnte nur als Leiche unter dem Wagen hervorgezogen werden.
Bad Kösen, 31. März. Im nahen Dorfe Rehehausen wurde der Gutsbesitzer Müller, ein noch jugendfrischer Mann, als er ein ihm entlaufenes Pferd verfolgte, von einem Herzschlag auf der Stelle getötet, als er eben das flüchtige Tier erreicht hatte.
Nordhausen, 1. April. Auf dem Herzogsschacht der Chemischen Fabrik Fluor in Siptenfelde wollte der 44jährige Bergschmied Friedrich Rennecke eine Reparatur am Getriebe des Förderschachtes vor- nehmen und wurde hierbei zerquetscht so daß der Tod auf der Stelle eintrat. Der Verunglückte hinterläßt eine Frau und zwei Kinder.
Darmstadt, 1. April. Im Darmstadter „täglichen Anzeiger" liest man folgendes: Eine freudige Ueber- raschung bereitete das Prastdium der Zweiten Kammer den Abgeordneten und Journalisten, indem es als Stärkung zu dem schweren Werke der Durchberatung des Justizetats ein Faß Bennobier auflegen lieg Der vortreffliche Stoff trug selbstverständlich nicht wenig dazu bei, die Debatte zu beleben und die all- gemeine Stimmung in der von 3 bis^Uhr dauernden Sitzung angeregt zu erhalten. Wenn das Freibier solche Wirkungen hervorzurufen vermag dann muß man bedauern, daß das wohllobliche Präsidium nicht schon früher auf diesen tzuten Gedanken gekommen ist- die Beamten- und Lehrerbesoldungsvorlagen wären dann sicher viel rascher unter Dach und Fach aekommen und es hatte jedenfalls nicht zweimaliger Geh^tsprovisorien bedurft. Man wird sich also dieses Rezept für künftige parlamentarische Kampfe tn Hessen und anderwärts merken muyen.
Bleicherode, 1. April. Im Kaliwerk Ncn=Sollfte6t verunglückte der 25jährige Hermann Winsel. Sämtliche Glieder waren gebrochen, Brust und Schädel schwer verletzt. Nachdem man dem Verunglückten einen Notverband angelegt hatte, wurde er in das Bleicheröder Krankenhaus geschafft, wo er seinen schweren Verletzungen erlag.
Bor hundert Jahren.
„Es ziehen die Dämonen, schwanger mit Blut und Schmach,- doch die auf Sternen wohnen, senden die Rache nach!" Es ist der fromme Ernst Moritz Arndt, dem die Not des Vaterlandes und der Vergiftungs- drang des Volkes solche Worte entströmen ließ. Kein Wunder, wenn es da bei anderen Leuten noch ingrimmiger klang, wenn Napoleon für den Nichtchrist erklärt wurde, den man totschlagen dürfe, wenn man ihn fände. Bald sind es hundert Jahre her, daß der entthronte Franzosenkaiser ähnliches wirklich fürchtete. In sinnloser Furcht stieg er, während seiner Reise durch Südfrankreich seinem Fürstentum Elba zu, einmal zu Pferde und raste in die Nacht hinaus. Man wolle ihn totschlagen, man wolle ihn tvtschlagen! Allerdings, das war ihm mehr als einmal in seine Kutsche hineingerufen worden, und zwar von Franzosen, nicht etwa von Angehörigen der verbündeten Mächte. Der Dieb, der Mörder, der böse Nikolaus, so rief man und warf mit Steinen.
Heute bemühen sich Mediziner um den Nachweis, daß Napoleon in einer Art Dämmerzustand gehandelt habe, daß er einem epileptischen Anfall unterlegen sei. Uns dünkt, es gibt dafür eine schlichtere Erklärung: das böse Gewissen saß dem Volkvernichter im Nacken; in Gedanken mußte er durch ein Meer von Blut und Tränen waten.
Die am schwersten von ihm Getroffenen, die Preußen, waren es, die in diesen Tagen die jcywerste Arbeit gegen ihn geleistet hatten. Schon Mitte Dezember 1813 hatte Clausewitz an Gneisenau geschrieben: „Ihre Armee kommt mir vor wie die Spitze von Stahl in dem schwerfälligen eisernen Keil, womit man den Koloß spaltet." Das war sie in der Tat. Die Verbündeten, soweit es Russen und Oesterreicher waren, hatten ursprünglich garnicht die Absicht gehabt, Napoleon „bis in seine Höhlen hinein" zu verfolgen, sondern nur, ihn über den Rhein zu drängen. Vergeblich erließ Ernst Moritz Arndt seine Flugschrift: „Der Rhein — Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze!" Aber Blüchers ungestümes Drängen hatte endlich doch gesiegt, man war in Feindesland, man stand schließlich vor seiner Hauptstadt, und am 31. März 1814 hatte man in Paris siegreich einziehen können, nachdem die Stadt kapituliert hatte. Was nun noch folgte, war lediglich das Schlußkapitel des großen Dramas. Die durch fortwährende Kriege nicht glücklicher gewordenen, sondern nur ausgemergelten Franzosen waren froh, den gewalttätigen Korsen loszuwerden. Schon am 2. April erklärten sie ihn und sein Haus für ewig der Krone Frankreichs verlustig, eine Entscheidung, die Napoleon, der nach dem Abfall des Marschalls Marmont und gleich darauf sogar Neys untätig im Schlosse zu Fontainebleau harrte, unterschreiben mußte. Er war nur noch ein Schatten seiner selbst. Der Mann, vor dem die ganze Welt gezittert hatte, vor dem große Monarchen sich hatten beugen müssen, verfärbte sich, als die Kommission zu ihm kam. „Quittegelb, fast grün im Gesicht" — so erzählt Marschall Maedonald, empfing er die Herren und — unterschrieb. Was er geschaffen, das brach in diesem Augenblick alles zusammen: die Dämonen der Rache schlugen ihre Fittiche um deu Welteroberer.
Die Preußen schlugen schon damals Napoleons Verbringung nach der Insel St. Helena vor. Wäre man ihnen gefolgt, so hätte man sich den nächsten Feldzug sparen können, so aber mußte es noch einmal losgehen, als der Korse von Elba zurückkehrte. Auch sonst hatten es die Mächte garnicht eilig damit, deutsche Anregungen und Wünsche zu erfüllen; den Heimsall Elsaß-Lothringens hätten wir sonst schon damals erleben können (wenn ihn nicht die Engländer verhindert hätten) und auch Antwerpen wäre sonst eine deutsche Stadt geblieben. Heute rüstet sich Frankreich von neuem, das Werk Napoleons wieder aufzunehmen, zum zweiten Mal den Rhein zu „Deutschlands Grenze, nicht Deutschlands Strom" werden zu lassen; aber diesmal sind wir nicht auf fremdes Wohlwollen angewiesen, diesmal holen wir auch nicht mehr für Fremde die Kastanien aus dem Feuer: wehe denen, die uns noch einmal freventlich herausfordern wollten!
Wetteransfichten für Sonnabend den 4. April.
Vorwiegend heiter und trocken, mild, nachts kühler, nördliche Winde.