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Lach Men Venedig.

Sie Bedeutung der Monarchenbegegunugen.

Am Mittwoch ist Kaiser Wilhelm auf seiner Reise nach Korfu mit König Viktor Emanuel in Venedig zu­sammengetroffen, nachdem er zuvor in Wien dem greisen Kaiser Franz Joseph einen kurzen Besuch abgestattet hat. Mögen auch beide Begegnungen privaten Charakter tragen, so sind sie doch in politischer Hinsicht nicht ohne Bedeutung. An irgendwelchen Abmachungen und Son- derbesprechungen ist ja nicht zu denken, und deren braucht es auch gar nicht, vielmehr wird gerade in einer so kritischen Zeit wie der jetzigen mit aller Deutltchkert dokumentiert, daß die Dreibundmächte fest zusammen­halten. Im Schönbrunner Schlosse hatte Kaiser Wil­helm eine lange intime Unterhaltung mit Kaiser Franz Joseph, und bei der Entrevue von Venedig befindet sich der Minister des Aeußeren San Giuliano im Gefolge des Königs von Jtaltem woraus erhellt, daß politische Besprechungen in Aussicht genommen sind.

Stoff genug dafür ist ja vorhanden, denn am poli­tischen Horizont haben sich schwere Wolken aufgetürmt. Der Ausbruch eines baldigen Unwetters ist ja vorläufig nicht zu erwarten, andernfalls hätte Kaiser Wilhelm sicherlich nicht seine Erholungsreise angetreten, aber in einer derartigen Situation ist es gur, wenn die maß­gebenden Persönlichkeiten gelegentlich einmal direkt Fühlung nehmen, um sich über die Tagesfragen gründ­lich auszusprechen. Im Verlauf der letzten großen Wir­ren hat der Dreibund sich auf das trefflichste bewährt, er hat sich als ein schwerwiegendes Gegengewicht gegen­über gewissen Aspirationen anderer Großmächte erwie­sen und verhindert, daß eine Machtverschiebung einge­treten ist. Hätten die Verbündeten in ihren Maßnahmen sich nicht so einmütig gezeigt, wer wxiß, ob nicht Rußland und Frankreich schon längst losgeschlagen hätten, weit davon ist man ja nicht gewesen. Rußland hat sicherlich auf eine passende Gelegenheit gewartet und ist erst dann zurückgeschreckt, als man an der Newa merkte, daß Deutschland seinen Bundesgenossen unter keinen Um­ständen allein gelassen hätte. Dazu kommt, daß auch die Differenzen zwischen Oesterreich und Italien ausge­glichen sind, auf die unsere Gegner gern spekulierten, in der Erwartung, daß im Ernstfalle Italien sich vom Dreibünde lossagen würde.

Aber auch hierin dürfte man sich gründlich irren, Italien bat in den letzten Jahren die Vorteile des Drei­bundverhältnisses sehr genau kennen gelernt, es handelt sich eben um eine Vernunftsehe, denn die Liebe spielt in der Politik keine Rolle; weiß man doch auch, mit welchem Widerwillen maßgebende politische Kreise in Petersburg Frankreich als Bundesgenossen begrüßen, was sie aber keineswegs daran hindern würde, gegebenenfalls dessen Unterstützung sich zu nutze zu machen. Mit großem Mißvergnügen muß man an der Seine die Wahrneh­mung machen, daß Italien dem französischen Liebes- werben nicht folgen will und daß Italien im ausge­sprochenen Gegensatz zu Frankreich eine maßgebende Rolle in den Interessensphären des Mittelmeers aus­üben will. Mit gemischten Gefühlen verfolgt denn auch die Pariser Presse die Begegnung von Venedig, der man große Bedeutung beimißt.

Nur der Mächtige flößt Respekt ein, die Welt hat gesehen, daß der Dreibund nicht Bloß auf dem Papier steht, und die Begegnungen von Wien und Venedig künden erneut, daß die drei Mächte fester denn je zu- sammensteben wollen, nicht in aggresiver Absicht, sondern im Interesse der Erhaltung des Weltfriedens.

Die Stimmung im englischen Heere.

Die augenblicklichen Vorgänge in Irland, die zu Massenabschiedsgesuchen und Weigerungen der Offiziere der irischen Regimenter, gegebenenfalls gegen die re­bellische Provinz Ulster zu kämpfen, führten, erregten bei uns das denkbar größte Aufsehen, weil diese merk­würdige Art der Offiziere, ihre Disziplin zu bekunden, in einem so wohlgeordneten Staatswesen wie dem eng­lischen eigentlich unmöglich sein sollte. Und dennoch werben Kenner des englischen Heeres von dem Ver­halten der Offiziere nicht allzu überrascht gewesen sein. Die strenge militärische Auffassung von Pflichterfüllung und Disziplin, die jedem Deutschen, sei er Offizier oder einfacher Soldat, als selbstverständlich in Fleisch und Blut übergegangen ist, ist dem Engländer völlig fremd und entspricht auch scheinbar wenig der Eigenart des englisches Volkes. Es darf uns das auch nicht Wunder- nehmen bei einem Heere, das vollkommen auf dem Prinzip des Söldnerheeres aufgebaut, keine allgemeine Wehrpflicht des gesamten Volkes kennt. Soweit über­haupt noch Söldnerheere existieren, lebt in ihnen noch etwas vom alten Landsknechtsgeist, der nur die Frei­heit und Ungebundenheit kennt und dem Unterordnung, Disziplin als das Schwerste aller Dinge dünkt.

Schon oft haben warnende Stimmen darauf hinge­wiesen, welche Gefahren dem englischen Staatswesen

Täuschende» Schein.

Original-Roman von Ludwig Blümcke.

5) (Nachdruck verboten.)

Erwin stieg wieder in den Wagen und kam sich auf einmal sehr klein vor. „Bist du denn als abgedankter Leutnant rein gar nichts mehr? Ha, so hätte dir jemand begegnen sollen, als du den Degen noch an der Seite tragen durstest. Aber nun hast du nichts mehr, darum bist du nichts." So seufzte er vor sich hin.

Weiter ging es an wogenden Kornfeldern und satt- grunen Wiesen vorüber durch ein freundliches Kirchdorf mit sauberen Häusern und einer wunderschönen Linden- stratze. Nicht weit dahinter lag der Schlotzhof mit seinen neuen, großartigen Wirtschaftsgebäuden und dem eben­falls neuen, von Parkanlagen und Goldfischteichen um­gebenen Schlößlein. Das war kein imposanter, himmel- ragender Bau, wie ihn Junker Udo sich wohl gewünscht hatte, sondern ein schlichtes, aber vornehm und geschmack­voll anmutendes Herrenhaus.

. .. von blühenden, süßduftenden Akazien einge- örüne Rasenfläche dehnte sich vor der leuchtenden weißen Terrasse, neben der ein paar dunkel- H^^Hf^™^™^^ weithin aus, und Erwin

Blick zwei große, sternförmige Beete »^«I^^^5^ Blumenpracht auf. Alle Regenbogenfarben dünkten ihn in wundervoller Anordnung darin ver- treten zu sein. Eine Diana aus weißem Marmor stand Mf hohem Sockel im Hintergrund und schien das schlanke Reh aus Majolika, das sich von einer Zwergen- grotte entfernte, mit schußbereitem Bogen scharf zu beobachten.

„Wunderbar!" rief der Fremdling unwillkürlich «tS, als er nun abgestiegen war und sich der Terrasse mit hastigen Schritten näherte.

Da schritten aus den Parkanlagen zwei Damen auf ihn zu. Die vmaygMnde, etnz, trotz ihrer schlichten,

von der völlig unzeitgemäßen Organisation seines Hee­res drohen. Kein Geringerer als der FelSmarschall Lord Roberts hat immer wieder den Finger in diese Wunde gelegt, und die Engländer müssen nun mit Schrecken zu spät erkennen, daß hier Fehler begangen sind, die kaum von heute auf morgen wieder wett ge­macht werden können. Die Systeme offener Disziplm- losigkeit im englischen Heere, wie sie jetzt dem staunen­den Europa sich darbieten, sind nicht die ersten ihrer Art. Bereits vor 2 Jahren brach unter den englischen Truppen in Longmoor einer nichtigen Ursache halber helle Meuterei aus, die die durchaus minderwertige Disziplin des englischen Soldaten schlagend zu Tage tre­ten ließ. Auch hat die englische Heeresverwaltung in zahlreichen Manövern die traurige Erfahrung machen müssen, daß die aktiven Soldaten wie die Reservisten in einer Gehorsamsverweigerung durchaus nichts Schlimmes erblicken. Und wie im Heere, so herrscht in Englands stärkster Stütze, seiner Flotte, nicht selten der gleiche aufrührerische Geist der Subordination. Man erinnert sich dabei, daß vor nicht allzu langer Zeit die Offiziere der englischen Handelsmarine einfach in Streik traten, ein Vorkommnis, das bei uns ganz undenkbar wäre.

Die Geschehnisse der letzten Tage sind durchaus ge­eignet, Großbritannien, sonst das staatliche Muster aller anderen Länder, durch einen blutigen Bürgerkrieg an den Rand des Abgrundes zu bringen. Geben selbst Offi­ziere und Mannschaften ihr zweifellos aufrührerisches Verhalten in der Homerule-Frage wieder auf, nachdem sie zur Einsicht gelangt sind, wer will dem englischen Staat dafür bürgen, daß bei solchem militärischen Geist sich ähnliche Dinge nicht morgen bei anderer Gelegenheit wiederholen? Erst hieran erkennt man die ganze Schwere der Situation und die Tragik der Dinge die sich da un­ten in Irland vorbereiten. Der politisierende englische Offizier und Soldat liefert, ganz wie es seiner Zeit im osmanischen Heere geschah, einen recht traurigen Beweis dafür, wohin man kommt, wenn die Politik bis weit in die Reihen des Heeres hineindringt.

Politische Rundschau.

Die Wiener Besprechungen Kaiser Wilhelms. In diplomatischen Kreisen wird der Ueberzeugung Ausdruck gegeben, daß in den Wiener Unterredungen Kaiser Wil­helms die internationale Lage als durchaus friedlich und beruhigend beurteilt worden ist. Es ist selbstverständlich anzunehmen, daß die aktuellen politischen Fragen ein­gehend erörtert wurden, und man will wissen, daß Graf Berchtold von Kaiser Wilhelm besonders freundlich emp­fangen und mit Auszeichnung behandelt worden ist.

Die Reichstagskommission für die Sonntagsruhe nahm am Dienstag die Bestimmung an, daß durch die Beschäftigung an Sonn- und Feiertagen der Angestellte nicht am Besuche des öffentlichen Gottesdienstes gehin­dert werden dürfe. Ohne Erörterung angenommen wurde ein Ausgletchsautray der bürgerlichen Parteien, der nach Ablauf der zulässigen Beschäftigungsdauer in den offenen Verkaufsstellen die Bedienung der im Laden anwesenden Kunden noch für eine Viertelstunde frer- gibt.

Der Waffeugebrauch des Militärs bei inneren Un­ruhen. Nach einer Meldung aus München haben die Verhandlungen zwischen den verschiedenen Bunöesstaa- ten dahin geführt, daß eine Vereinheitlichung der bisher verschiedenen Bestimmungen über den Waffengebrauch des Militärs bei inneren Unruhen für die Truppen im Reichslande erzielt wurde. Die Fertigstellung einer ein­heitlichen Instruktion für die Truppen aller Kontingente in Elsatz-Lothringen steht unmittelbar bevor.

Eine neue Reichstagsersatzwahl erforderlich. Die Wahlprüfungskommission des Reichstags hat über die Prüfung der Wahl des Abg. Hösch (Kons.) im Wahl­kreise Osterburg-Stendal schriftlich Bericht erstattet. In der Stichwahl am 22. Januar 1912 erhielt Hösch 13 288 Stimmen, sein Gegenkandidat Generalsekretär Fuhr­mann 10 995 Stimmen. Dem Gewählten wurden 2329 Stimmen abgezogen, so daß er 36 Stimmen weniger hatte als der Gegenkandidat. Hauptsächlich aus diesem Grunde erklärte die Kommission mit acht gegen sechs Stimmen die Wahl für ungültig. Das Plenum des Reichstags wird sich mit der Wahlprüfung am Donnerstag beschäf­tigen. Die Konservativen wollen namentliche Abstim­mung beantragen.

Die Entscheidungsschlacht in Mexiko. Ein Tele­gramm aus Elverijel im Staate Durango meldet: Der wirkliche Angriff auf Torreon begann am Montag. Ge­neral Villa besetzte Leröo ohne Widerstand zu finden und ging mittags zum Angriff gegen General Gomez in Patafw über, wo ein sehr blutiges Gefecht stattfindet. Die Verluste sind auf beiden Seiten schwer. Massen von Verwundeten wurden nach dem Hospital von Elverijel gebracht. Nach einem Telegramm aus dem Hauptquartier der Aufständischen in Matamoros haben die Aufständi-

schwarzen Kleidung, sehr vornehm anmutende, weiß­haarige Matrone mit blassem, milden Gesicht, mußte Frau Oberst von Schultental, die Herrin von Heinrichs­walde sein, das erriet Erwin auf den ersten Blick, und die alte Dame gefiel ihm recht wohl. Das ihr folgende überschlanke, fast mager zu nennende, hochaufgeschossene junge Mädchen in heller Seide war ein Sommergast, der Landluft genießen sollte, um rote Backen zu be­kommen: Fräulein Agathe Rehfeld, Tochter eines reichen Bankdirektors und Geschäftsfreundes der Schloßherrin.

„Ah, Herr Leutnant Rudorp," redete die Frau Oberst diesen nun mit verbindlichem Lächeln an, ihm ihre wohlgepflegte, ringgeschmückte Hand reichend, die er ehrerbietig an seine Lippen führte. „Sie haben eine weite Reise hinter sich und fühlen sich gewiß recht ab­gespannt. Johann soll gleich für eine Erquickung sorgen. Wie gefällt Ihnen denn Ihr neues Heim? Liegt Hein­richswalde nicht wundervoll?" Das klang so recht herzlich und natürlich, daß er Udos Behandlung voll­ständig vergaß und sofort volles Vertrauen zu seiner Herrin und Gebieterin faßte. Schon, daß Sie ihn nstt „Herr Leutnant" titulierte, wie es ihm ja immer noch gebührte, hob ihn wieder etwas, und er bestätigte aus voller Ueberzeugung, daß er geradezu entzückt sei von Heinrichswalbe, besonders von dem reizenden Schloß mit seiner Umgebung. Die Bankierstochter, der er auch gleich vorgestellt wurde und die Frau von Schultental ihre liebe junge Freundin nannte, lächelte, daß er ihre etwas zu großen, unschönen Zähne sehen konnte und sagte mit einer belegt klingenden Stimme: „Nicht wahr, es ist wirklich paradiesisch hier?"

Man konnte diese junge Dame mit ihren scharfen Zügen im sommersprossigen Gesicht, dem großen Mund, der nicht kleinen Nase und der langen, schmächtigen Gestalt unmöglich schön nennen, aber in den leuchten­den braunen Augen lag dennoch etwas, das junge Her-

scheü Guitrero traty eMrn neunstündige« ÄMhyfe ein­genommen.

Kleine Hadiridite»

Aus dem Berliner Stadtparlament. In der Diens­tag-Sitzung der Berliner Stadtverordneten wurde der Antrag auf Aufhebung der Kinosteuer abgelehut. Auch im Jahre 1914 bleibt es in Berlin bei einem Zuschlag von 100 Prozent zur Einkommensteuer. Der veran­schlagte Mehrbetrag am Einkonnnen durch den General­pardon beläuft sich für Berlin auf acht Millionen Mark, woraus ein Mehr an Steuern von 240 000 bis 300 000 Mark resultiert.

Einsegnung des jüngsten Kanzlersohnes. In der idyllischen Dorfkirche zu Dahlem bei Berlin wurde am Dienstag die Konfirmation des jüngsten Sohnes August Felix unseres Reichskanzlers vollzogen. Der Kanzler nahm selbst an der Feier teil. Der junge Bethmann Hollweg besucht das jüngst erst erbaute Arndt-Gym- nasiurn.

Ein Ehrengeschenk der Nationalflugspende. Das Kuratorium der Nationalflugspende hat dem Flieger Bruno Langer für seinen Weltrekord im Dauerflug über 14 Stunden 20 Minuten ein Ehrengeschenk von 8000 .F bewilligt, da es Langer als erstem deutschen Flieger ge­lungen war, den bis dahin in französischem Besitz ge­wesenen Rekord an sich zu bringen.

Ein Brandstifter in der Turnhalle. In die Turn­halle der Cecilienschule zu Einbeck, die auch den Ver­einen als Turnhalle dient, war nachts ein Mensch ein­gestiegen, der die Matten von der Wand losschnitt und in Brand steckte. Glücklicherweise bemerkte der Schul- diener das Feuer, ehe es größeren Umfang annehmen konnte, und löschte es. Auf die Ergreifung des Brand­stifters, der schon seit längerer Zeit Einbeck beunruhigt, ist eine Belohnung von 1000 ausgesetzt worden.

Tragisches Ende einer Greisin. Eine 82jährige, fast erblindete Frau H. aus der Friedrichsberger Straße in Berlin stürzte sich in einem Anfall ihres schweren Asthmaleidens aus dem Fenster ihrer im 3. Stock be- legenen Wohnung in den Hof hinab und starb auf der Stelle. Der unglückliche 87jährige Ehemann hatte, da er vollständig taub ist, von dem Vorgang nichts gemerkt, obgleich er in dem gleichen Zimmer schlief.

Die Roosevelt-Expedition außer Gefahr. Ein Tele­gramm aus Santarem (Brasilien) besagt, daß Roosevelt und seine Gefährten in keiner Gefahr geschwebt hätten. Es handle sich um eine andere Abteilung der wissenschaft­lichen Expedition, die eine Zeitlang gefährdet gewesen sei; diese habe ihre Boote verloren, doch feiiit Verluste an Menschenleben nicht zu verzeichnen gewesen.

Gericht und Recht.

Die umfangreichen Eisenbahndieb stähle in Belgien führten zu einer mehrwöchigen Verhandlung vor der Strafkammer in Lttttich. Es waren 28 Personen ange­klagt, meist Eisenbahnbeamte. Von den Angeklagten wurde nur einer freigesprochen. 27 wurden zu Gefäng­nisstrafen von mehreren Wochen bis zu vier Jahren ver­urteilt. Die Diebstähle hatten seinerzeit großes Aufsehen erregt. Der Gesamtwert der gestohlenen Gegenstände belief sich auf mehrere hunderttausend Mark.

In Erpresserhänden. Erpressungen, die sich über einen Zeitraum von zehn Jahren erstrecken, lagen einer Anklage zugrunde, die am Montag die 4. Strafkammer des Berliner Landgerichts beschäftigte. Wegen fortge­setzter vollendeter und versuchter Erpressung und schwe­rer Urkundenfälschung waren der Spediteur Alfred Re- der aus Tempelhof und besten Ehefrau Flora angeklagt, ferner wegen Beihilfe zur Urkundenfälschung der ?I<f?niLJ Franz Kienitz. Reber kam im Jahre 1899 nach Bem- Heim, um dort eine Stellung in einem Speditionsgeschäft anzunehmen. Er lernte dort seine jetzige Ehefrau ken­nen, die seinerzeit mit dem Kreisbahnöirektor St. ver­heiratet war. Die damalige Frau Kreisbahndirektvr lei­tete gegen ihren Ehemann die Scheidungsklage ein. Als dieser erfuhr, daß seine Frau mit dem jetzigen Angeklag­ten m Beziehungen stand, wurde die Klage abgewiesen und die Frau auf die Widerklage hin als allein schul­diger Teil angesehen. Ebenso wurde der Angeklagte, der Wenfalls verheiratet war, als schuldiger Teil geschieden. Wahrend diese Prozesse schwebten, soll die Frau Amts­gerichtsrat C., die mit ihrem etwa 20 Jahre älteren SRann sehr unglücklich lebte, zu Reder in Beziehungen gestanden haben. Als öer Angeklagte infolge der Skan- dalaffare Bentheim verlassen hatte, half ihm die Frau Amtsgerichtsrätiu, deren Mann bald darauf starb, mit erheblichen Beträgen aus. Nachdem Reder dann in Tempelhof ein Speditionsgeschäft gegründet hatte, das schlecht ging, wandte sich die Ehefrau an die ehemalige Freundin und Mitwisserin der früheren Liebesabenteuer, unö bat sie um Geld. Die Frau C. zahlte auch viele tausend Mark freiwillig. Als sie sich schließlich weigerte, noch weitere Opfer zu bringen, gingen die Rederschen Eheleute mit den schamlosesten Erpressungen gegen Frau

ren über ihre vielen Schönheitsfehler milder urteilen ließ. Ja, diese Augen mußte jeder geradezu bewundern; ebenso suchte das volle, überaus sorgfältig frisierte, dun­kelblonde Lockenhaar seinesgleichen. Erwin fand nichts Verlockendes an Fräulein Agathe, denn vor seiner Seele schwebte ein ganz anderes Wesen, ein Engelsbild, wie er noch keines geschaut im Leben.

„Wir sehen Sie nachher zum Tee im Park wieder, Herr Leutnant, wenn ich bitten darf."

Damit verabschiedete die alte Dame den Volontär einstweilen, und Johann, der eine kornblumenblaue Livree mit gelben Aufschlägen und silbernen Tressen trug und recht bieder ausschaute mit seinem lächelnden, roten Vollmondgesicht, führte ihn in ein im Erdgeschoß des Schlosses gelegenes, freundliches Zimmer.

2. Kapitel.

Junker Udo besaß drei Leidenschaften, die ihn ganz und gar beherrschten, in denen er aufging: die Jagd, die Weiber und die Karten. Alles andere auf der Welt ließ ihn ziemlich kalt. Hier in Heinrichswalde, wo er immer nur einen Teil des Jahres zu weilen pflegte, frönte er nur der ersteren, da sich für die anderen keine Gelegenheit bot. Mit wem hätte er hier auf hohe Sum­men spielen sollen? Oberförster Weidenbaum wäre der einzige gewesen, denn der liebte die Karten ebenfalls. Doch mit dem Mann stand er nicht auf gutem Fuß, weil er ein paarmal in seinem Jagdeifer über die Grenze gegangen war und darum Unannehmlichkeiten gehabt hatte, an denen jener einzig und allein die Schuld trug, wie er aus guten Gründen vermuten durste. Freilich war's immer noch recht glimpflich mit ihm abgelaufen, weit glimpflicher als mit gewöhnlichen Wilddieben. Gleichviel, er wollte sich von niemandem Gesetze vorschreiben lassen und wünschte Weidenbaum zum Teufel.

(Fortsetzung folgt.)