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Set Knalleffekt in Frankreich.

Paris nach dem Attentat.

Die Franzosen haben ihre „affaire", denn um die tödlichen Revolverschüsse der Gattin des Finanzministers auf den Leiter des „Figaro" dreht sich jetzt das politische und gesellschaftliche Leben Frankreichs. Wie in der Re­gel, so mischt sich auch jetzt allerlei Weibliches in die über den französischen Staat herausgezogene Krise, und bei der Unberechenbarkeit des gallischen Temperaments ist heute nicht zu ersehen, ob sich die Volksgunst nach wem- gen Tagen auf die Seite des viel verleumdeten Caillaux, oder des durch fünf Revolverschüsse niedergestreckten Opfers neigen wird. t „ , _ f, . „

Die Enthüllungen, die der „Figaro" der Welt seit Wochen über Caillaux preisgab, waren nicht belastend genug, um die Kammermehrheit, die hinter dem Kabinett Doumergue stand, zu zertrümmern. Die Wahlausstchten für dieses Ministerium der radikalen Linken schienen sich immer günstiger zu gestalten, sodaß ihr der Sieg winkte, da übernahm es Caston Calmette, Frankreich noch vor der Volksentscheidung von dem „plutokratiichen Demagogen" Caillaux zu befreien, dem er auch persön­lich seit langer Zeit abhold war. Die Gattin des in die Gespinste der Verleumdungen hineingezogenen Mini­sters griff mit leidenschaftlich erregter Hand in die Vor­gänge ein, und wenn sie Glück bei den Geschworenen uno Richtern hat, so kann sie noch freigesprocken und als Hel­din gefeiert werden. Sehr viel wird in Meier Beziehung von der Entwicklung der Dinge abhängen, denn die po­litische Stimmung wird in Frankreich mit Vorliebe aus das Tribunal getragen. Frau Caillaux wird als eine sehr lebhafte und schöne Frau geschildert, und diese Ei­genschaften machen nicht nur in Frankreich Eindruck.

Caillaux's Wandlungen werden in der seiner Fi­nanzreform feindlich gesinnten Presse in schärfster Ton­art behandelt. Alle Welt scheint sich verschworen zu ha­ben, dem fast bemitleidenswerten Finanzminister Aer- ger und Unannehmlichkeiten zu bereiten. Auch eine Ab­ordnung der Beamtenschaft suchte sein Gedächtnis für die früher in Aussicht gestellten Gehaltserhöhungen aufzu- frischen. Caillaux soll der Unterredung indes eine der­artig unfreundliche — ja unhöfliche Wendung gegeben haben, daß den Delegierten nichts übrig blieb, als sich tief verletzt und bestürzt zurückzuziehen. Natürlich wurde in den Reihen der Beamten sofort der Feldzug gegen den Finanzminister ausgenommen. Inzwischen ist Cail­laux von den Schüssen seiner Frau auf Caston Calmette mitgetroffen worden. Er hat sofort seine Entlassung ge­geben. Der Ministerrat versuchte Caillaux zum Bleiben zu bewegen, doch er weiß nur zu gut, daß ihm von den Bänken der Opposition der Ruf „Verbrecher" entgegen­geschleudert werden würde, falls er wieder in die Kam­mer käme.

Für den Augenblick ist Caillaux unmöglich, obwohl er an der Tragödie auf der Redaktion des „Figaro" völ­lig unschuldig ist, doch schon nach Monaten kann sein Stern von neuem emporsteigen. Schnell wechselt in Frankreich der Gedanke und die Gesinnung. Caillaux hat in seinem Lande erfahren, daß Steuerreformer, die oen großen Besitz belasten wollen, leicht gestürzt werden. Der „Figaro" machte gegen Caillaux mobil, als er in der Besteuerung der Rente hartnäckig blieb. Noch kurz zuvor, als die Schüsse seiner Frau am Boulevard ertön­ten, vertrat Caillaux zum letztenmale als Finanzmini- ter vor dem Senate sein verhängnisvolles Steuerpro- ekt. Es kam zu tiefgehenden Meinungsverschiedenhei- en, daß Caillaux schließlich der Kommission Vorwürfe machen mußte, weil sie ihre frühere Haltung verleugne und sich von neuem von der Regierung trenne. Doch jetzt heißt es allerorten: Nieder mit Caillaux — nieder mit den Mördern! —

Zwei Reichslagsersatzwahle».

Stichwahl in Borna-Pegau.

Bei der Reichstagsersatzwahl im Wahlkreise Borna- Pegau (Sachsen 14.) wurden abgegeben für von Liebert (Reichsp.) 8527 Stimmen, für Nitzschke (natlib.) 6437 Stimmen, für Ryssel (Soz.) 11995 Stimmen. Vier Ort­schaften stehen noch aus. Es findet Stichwahl zwi­schen v. Liebert und Ryssel statt. Bei der Hauptwahl im Jahre 1912 erhielt der sozialdemokratische Kandi­dat 11566 Stimmen, der Vertreter der Reichspartei 7331 und -6er der Nationalliberalen 7217 Stimmen. Bei der dadurch notwendig gewordenen Stichwahl siegte Abg. Generalleutnant v. «Liebert (Reichsp.) mit 13 081 Stim­men über Massel (Soz.), der 13 058 Stimmen erhielt.

Polensieg in Samter-Birnbaum.

Bei der Reichstagsersatzmahl im zweiten Posener Wahlkreis Samter-Birnbaum-Schwerm-Obornik, die durch die Mandatsniederlegung des Reichstagsabgeord- neten Graf Mielzynski erforderlich geworden war, wur­den abgegeben für Rittergutsbesitzer Haza-Radlitz (kons.) 13 019, für Prälat Klos (Pole) 16 438, für Schulz (Soz.) 636 Stimmen. Zersplittert waren drei Stimmen. Klos ist somit gewählt.

8i$.

Eine Herzensgeschichte von Walter Kabel.

19) (Nachdruck verboten.)

Jarotzki nahm den Einwurf nicht für ernst, sondern erwiderte:

„Bester, reden Sie jetzt nur nicht von dem hohen Gipfel Ihrer Staatsstellung herab, sondern überlegen Sie sich, daß ich durch diesen Abschluß der Angelegenheit wirklich allen Teilen genutzt habe — allen! Die Bade­verwaltung wird glücklich sein, daß die für sie so un­angenehme Affäre ganz unter Ausschluß der Oeffentlich- keit abgetan ist, und Sie sollten mir's ebenso danken, weil ich Ihnen Gelegenheit gebe, meiner Schwägerin unter einem harmlosen Vorwand baldigst einen Besuch abzustatten. Denn wären Sarakows vielleicht mit dem Gericht in nähere Berührung gekommen, so hätten die Schmucksachen noch wochenlang auf der Behörde lagern müßen, bevor sie der Eigentümerin ausgehändigt wer- ben konnten — das wissen Sie doch selbst, Verehrtesterl Und dann hatten auch Sie sich irgendeinen anderen schö­nen Grund sür die Fahrt nach Königsberg ersinnen oder aber warten müßen! Und ich glaube nicht, daß Ihnen diese Kunst geduldiger Gemüter nach dem Brief meiner Lisa, mit besten Inhalt ich Sie jetzt gleich bekannt machen will, so leicht geworden wäre . . .! — Ja, senken Sie nur beschämt Ihren Kopf, Assessorchen! Diesen leisen vorwurf wegen meiner angeblichen Pflichtvergessenheit konnten Sie sich ruhig sparen . . .!"

Benters lachte und streckte dem Freunde jetzt dank­bar die Hand hin.

„War ja auch nicht so schlimm gemeint, Jarotzki, trotzdem . . . na, lassen wir's ruhen. — Doch nun," fügte er sichtlich zögernd hinzu, „möchte ich Sie daran ermnern, was Sie vorhin sagten . .. Das Beste zu- letzt! — Sitz vertzeM mich wohl!"

Aus dem Lande der Revolution.

Mittagessen geht vor Kriegführen.

So blutdürstig die Mexikaner im allgemeinen in dem jetzigen Rebellenkrieg gegeneinander wüten, ob sie nun Anhänger Huertas sind oder zur Armee General Villas gehören, so beobachten sie doch in ihrer Krieg­führung gewisse Gebräuche, die uns Europäer recht ko­misch anmuten. Man kann wohl sagen, daß dem mexi­kanischen Soldaten sein Mittagessen durchaus höher steht, als das ganze rauhe Kriegshandwerk. Beide Par­teien, seien sie nun Rebellen oder Bundestruppen, wer­den recht ungemütlich, wenn die auf ungeschriebenem Gesetz beruhende Mittagspause nicht strengstens inne- gehalten wird. Amerikanische Blätter haben erst jüngst ergötzliche Episoden zum besten gegeben, daß dem Mexi­kaner zur Mittagszeit das Kriegführen „Wurst" ist. Wenn sie noch so sehr in einem hitzigen Gefecht begriffen, wie wild aufeinander losschlagen, so legen sie pünktlich um 12 Uhr die Waffen nieder und erholen sich bei Speis und Trank von den Anstrengungen der Schlachten und Kämpfe.

Dieser löbliche Brauch wird vom höchsten General herab bis zum letzten Soldaten genauestens befolgt, ein Zuwtöerhandeln gibt es garnicht, und eher würde der mexikanische Soldat seinem schlimmsten Feinde einen heimtückischen Verrat oder Ueberfall verzeihen, als eine Störung seiner wohl verdienten Mittagspause. Es ist bewundernswert, wie sich in diesem Punkt die beiden feindlichen Parteien in rührender Eintracht zusammen finden. Ein amerikanischer Berichterstatter, der jüngst den erbitterten Kämpfen um den Ort Panuco in der Nähe der Grenze von Texas beiwohnen konnte, bestätigt diese originelle Art Krieg zu führen ganz und gar. Er schreibt darüber:

„Es war wirklich zum Lachen, wie um Punkt 12 Uhr mitten im wütendsten Kampfe auf beiden Seiten die Mittagsglocke erklang und mit einem Schlage das wü­tende Toben des Gefechts, das Knallen der Gewehre, das Donnern der Geschütze verstummte, als wäre es nie gewesen. Hätten nicht zahllose Leichen am Boden gelegen, hätte man nicht das Aechzen und Stöhnen der Verwundeten vernommen, so hätte man sich ruhig in die friedliche Stille des Landes versetzt glauben können. Mit dem Glockenschlage 1 Uhr hatten die Herren Re­bellen wie die Herren Föderalisten jedoch ihr Mittags­mahl beendet und die Knallerei ging vergnügt von Neuem los." Es wäre sehr zu erwägen, ob sich nicht auch die großen Armeen der zivilisierten Mächte dazu entschließen könnten, diesen löblichen Brauch der Mit­tagspause, der ein versöhnendes Element in das grause Kriegstheater hineintragen würde, zu übernehmen.

Politische Rundschau«

Das Reiseprogramm des Kaisers für die Fahrt nach Venedig liegt jetzt in allen Einzelheiten vor. Am 22. März, abends gegen ^6 Uhr, wird der Kaiser vom Bahn­hof Friedrichstratze in Berlin seine Reise antreten. Am 23. März trifft er um 11 Uhr vormittags in Penzing bei Wien ein und begibt sich nach dem Empfang, zu dem die Mitglieder des österreichischen Kaiserhauses erschei­nen, nach Schloß Schönbrunn und nimmt dort an einer Frühstückstafel teil. Die Abreise von Wien erfolgt am gleichen Tage um %6 Uhr. In Venedig trifft der Kaiser am 24. März vormittags ein. Es findet dort keinerlei Empfang statt. Der Kaiser begibt sich direkt vom Bahn­hof zur Einschiffung auf die „Hohenzollern". Am 25. nimmt er als Gast des italienischen Königspaares an einer Frühstückstafel teil, die im Schloß zu Venedig stattfindet. Am Abend wird ein Mahl an Bord der „Hohenzollern" folgen. Ueber die Abreise aus Venedig nach Korfu sind bestimmte Daten noch nicht festgesetzt.

Eine Flottenrede Churchills. Im englischen Par­lament ergriff am Dienstag der Erste Lord der Admi­ralität Churchill das Wort zur Begründung des Flotten- etats. Er erklärte, daß die Politik, die er vor zwei Jah­ren eingeschlagen habe, unverändert geblieben sei. Die Notwendigkeit, eine größere Flotte zu unterhalten, als früher, sei durch die Faktoren der europäischen Poliük gegeben, die er oft genug auseinandergesetzt habe. Das Resultat dieser politischen Lage gipfle darin, daß er in diesem Jahre zur Unterhaltung von 33 Großkampfschif- fen gezwungen sei, während sein Vorgänger im Jahre 1911 nur für die Unterhaltung von 16 Schiffen dieses Typs gezwungen gewesen sei. Infolge der größeren Tätigkeit der Werften würde man in diesem Jahre wahr­scheinlich größere Fortschritte im Bautempo machen, als bisher.

Frau Caillaux in der öffentlichen Meinung. Die Pariser Abendzeitungen von Dienstag stellen die Sache so dar, als wäre die öffentliche Meinung einmütig gegen grau Caillaux. Das entspricht nicht der Wahrheit. Frau aillaux begegnen viele Sympathien. Der Abgeordnete für Versaille, Thalamas, richtete einen Brief an Frau Caillaux, in dem es heißt: „Ich weiß aus Erfahrung,

Der Referendar nickte gnädig, holte aus seiner Brief­tasche den blaugrauen, engbeschrtebenen Brief seiner Lisa hervor und begann ihn langsam und unter be­sonderer Hervorhebung verschiedener Stellen vorzulesen:

„ . . . . Als ich Käthi am Tage nach unserer Heim­kehr besuchte und sie fragte, von wem die herrlichen tiefroten Rosen seien, die auf ihrem zierlichen Damen- schreibtisch standen, bemerkte ich deutlich, wie ihr Tränen in die Augen traten. Und erst auf meine nochmalige Frage antwortete sie mir leise: „Ich erhielt sie gestern kurz vor meiner Ankunft zugeschickt ohne jedes Begleit- ivort. Aber ich ahne, wer der Spender ist. Es kann ja nur der Mann sein, der mir das Glück geben wollte, sicherlich ein großes, großes Glück, und den ich nun verloren habe für ... immer . . ." Und aufschluch­zend beugte sie dann ihren Kopf tief über die duftenden Blüten. Ich aber, liebster Goldschatz, habe diesen Augen­blick nicht versäumt, sondern das Eisen geschmiedet, so­lange es noch heiß war. — „Verloren für immer? — Ja, weshalb denn . . .?", sagte ich absichtlich recht er­staunt. „Ein Wort von Dir, und Benters fliegt zu Dir, Käthi, — fliegt. . .! Glaube mir doch! Wenn Du ihn wirklich lieb hast, so kannst Du noch immer gut machen, was Du durch Deine Weigerung vielleicht verschuldet hast

„Ltsachen, zweifelst Du denn noch daran, daß mein Herz ihm ganz, ganz gehört?" meinte sie dann mit schmerzlichem Borwurf und wandte mir ihr trauriges Gesichtchen zu . . . „Ich bin ja nur deshalb so plötzlich aus Stranddorf geflohen, weil ich fürchtete, daß die Lei- benschaft, die Sehnsucht nach Glück mich veranlassen könnte, ihn zurückzurufen zu mir . . . irgendwie, — ihm zu sagen, wie unendlich ich ihn liebe und mich bange sehnte rfad) seiner weichen Stimme und dem zärtlichen Blick seiner Augen .... Ja, das fürchtete ich. Denn Du ahnst ja nicht, wie er all das, was ich längst er- storben glaubte, in wir geweckt hat, ahnst nichts von

welchen Krieg eine gewisse Presse gegen die Familie« und die achtungswertesten Privatangelegenheiten derje­nigen führt, die gegen unberechtigte Vorwürfe ankämp- sen. Wenn ein Mensch sich soweit vergißt, sich außerhalb des Sittengesetzes zu stellen, dann ist er ein Bandit. Wenn die Gesellschaft einem keine Gerechtigkeit ver­schafft, dann muß man sich diese eben selbst verschaffen."

Kleine Iladiridifen.

Telefunkendienst für Prinz Heinrich. Die größte deutsche Funkenstation Nauen hat einen Spezialdienst eingerichtet, um dem Prinzenpaar auf seiner Reise nach Südamerika die neuesten Nachrichten zu übermitteln. Täglich zweimal werden die in Nauen aufgegebenen Nachrichten von der Telefunkenstation des Dampfers „Cap Trafalgar" ausgenommen und in Form einer Zei­tung herausgegeben, unter dem Titel: „Nachrichtendienst der Telefunken-Station Nauen für Se. königliche Hoheit den Prinzen Heinrich."

Die Wirkungen des Generalpardons in Lippe-Det- mold. Im Fürstentum Lippe-Detmold hat sich nach authentischer Mitteilung infolge des Generalpardons bei der Veranlagung der Wehrsteuer in zwei von vier Bezirken ein Mehr an Kapitalvermögen von 8% Mil­lionen Mark ergeben.

Unter dem Verdacht der Untreue, begangen durch Unterschlagungen an den ihm anvertrauten Geldern, wurde laut dem „B. L.-A." am Dienstag ein Rechtsan­walt K. in Berlin verhaftet, nachdem er sich selbst der Staatsanwaltschaft gestellt hatte.

Ein neuer Suffragettenstreich. Während der Vor­stellung im Londoner Palladiumtheater, der der König und die Königin beiwohnten, machten zahlreich er­schienene Suffragetten solchen Lärm, daß kaum ein Wort von der Bühne im Zuschauerraum zu verstehen war.

Die Untaten des Weißen Wolfes. Wie Telegramme aus Laschokon in China berichten, haben die Banden des Weißen Wolfes während ihres letzten Plünderungs­zuges 1500 Einwohner getötet und 4000 verwundet. Eine Räuberbande des Weißen Wolfs hat die Truppen der Regierung geschlagen.

Zigenner als Mnsenmsdieve. Am Dienstag durch­zogen die Stadt Prenzlau vier Zigeuner, die überall wertvolle Münzen zu billigen Preisen anboten. Das er­weckte den Verdacht, daß man eine Spur der Einbrecher habe, die vor einigen Tagen aus dem Lübecker Museum eine Münzensammlung entwendet haben. Einer der Zi­geuner wurde verhaftet. Man fand bei ihm zwölf wert­volle Münzen, von denen die eine den Namen Lübeck trug. Die drei Kumpane des Verhafteten konnten ent­fliehen.

SsriM und Recht«

Wiederaufnahmeverfahren gegen einen zum Tode Verurteilten. Das Schwurgericht in Düsseldorf hatte am 27. November vorigen Jahres den 19jährigen Fab­rikarbeiter Faßbender aus Neutz wegen Raubmordes zum Tode verurteilt. Auf Grund neuer Beweisumstände hatte der Verteidiger des Faßbender den Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens gestellt, doch war dieser Antrag von der Strafkammer des Landgerichts ab­schlägig beschieden worden. Nunmehr hat das Ober­landesgericht in dem Prozeß gegen Faßbender das Wie­deraufnahmeverfahren angeordnet.

Frauen als Rächerinnen.

„Heldinnen" in Frankreich.

Jedes Land hat seinen bevorzugten Nationalhelden, nur Frankreich hat in der gepanzerten Jungfrau von Orleans, in Jeanne d'Arc, eine Nationalheldin, die alle männlichen Mitbewerber des Landes an Ruhm und Volkstümlichkeit überragt. Das wehrhafte Mädchen nimmt im Lande der wehrhaften Frauen den ersten Platz ein. Kein Wunder, daß die modernen Töchter Frank­reichs sich ebenfalls durch schnellen und wirksamen Waf- fengebrauch hervortun. Die Rächerin ihrer Ehre, die dem Mann, der sie beleidigt hat oder ihr untreu ge­worden ist, mit dem Revolver gegenübertritt, ist in keinem Lande so häufig und so populär. Sie verfolgt ihr Ziel mit ebenso viel Kaltblütigkeit wie Zähigkeit.

Bekannt ist der Fall des Fräulein Thouret, das dem ehemals geliebten Marcel Prövost drei Jahre lang fast täglich auslauerte und ihn dadurch zu einem System des beständigen Wohnungswechsels und Verleuguens zwang, bis er am Tage seiner Wahl zum Vorsitzenden der Schriftstellergenossenschaft seinem Schicksal nicht mehr entrinnen konnte. Zwei aus dem Hinterhalt einer Droschke abgeschossene Revolverkugeln machten damals für den berühmten Romanschriftsteller die nötige Re­klame und sicherten seine Wahl.

Fräulein Emma Thouret hatte ihr Opfer verfehlt. Die meisten ihrer Schicksals- und Gesinnungsgenossinnen zielen besser, wenn sie auch nicht immer den Richtigen treffen. So erging es der Frau Palmier, die den spä-

den letzten durchweinten Nächten, weißt nicht, wie Bix mich jetzt peinigt mit den steten Fragen nach dem lieben Onkel Benters . . ." Und da hat Käthi mir plötzlich die Arme um den Hals gelegt und so herzbrechend ge­weint, daß ich sie gar nicht beruhigen konnte . . ."

Halb betäubt und doch innerlich jubelnd lauschte Benters diesen Worten, die ja für ihn die beseligendste Offenbarung enthielten. Und als der Referendar jetzt mit einem fragenden Blick den Brief vorsichtig wieder zusammenfaltete, sagte er mit vor freudiger Erregung halb erstickter Stimme:

„Ja . . . wir fahren zu ihr, Jarotzki — wir fahren! Und ihr, die sich über die wiedergefundenen Schmuck­sachen kaum sonderlich gefreut hätte, will ich etwas Kost­bareres mitbringen, etwas, das sie an mich ketten soll sür das ganze Leben..." —

Es war am folgenden Tage. Frau Käthi saß auf dem blumengeschmückten Balkon ihrer Wohnung, hatte die Hände im Schoße gefaltet und schaute sinnend auf dce wie eine ferne Gletscherlandschaft geformten Wolken- gebilöe, deren höchste Spitzen von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne in ein zartes Rot getaucht wurden. Ihr gegenüber in einem bequemen Schaukel­stuhl hatte Lisa Döring Platz genommen, während Bix zwischen ihnen auf dem teppichbelegten Boden spielte. Lisa rückte den Schaukelstuhl jetzt möglichst unauffällig noch näher an das schmiedeeiserne Gitter, zog dann eben­so verstohlen zum so und so Dielten Male ihre Uhr und schaute hierauf wieder aufmerksam die stille, vornehme Straße der Villenvorstadt entlang, deren Bürgersteige durch alte, breitästige Linden überschattet wurden. Doch das grüne Blätterdach entzog die Vorübergehenden fast vollkommen ihren Blicken. Daher lauschte sie desto an­gestrengter, lauschte pochenden Herzens. Die Erwar­tung, die Wiebersehensfreube, machte sie fiebern.

(Schluß folgt.)