Hersselder Tageblatt
für den Kreis Hersfeld
Willst
Amtlicher Anzeiger
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Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. SS. Mittwoch, den 11. März 1914.
Bus der Heimat«
* (Die Entwickelung der O b st b ä u m e.) Aus Obstzüchter-Kreisen wird geschrieben: Um einige Wochen ist nach Ansicht erfahrener Landwirte die Entwickelung der Obstbäume in diesem Jahre gegenüber dem Vorjahre zurück. Dies wird allgemein als eine durchaus erfreuliche Tatsache empfunden. Man wünscht, daß die kühle Witterung noch einige Wochen anhalte, da dann die meisten Besorgnisse nm die Obstbaumblüte behoben sind. Der gänzliche Ausfall der letztjährigen Frühobsternte war lediglich eine Folge der allzufrühen Blütezeit. Die Aprilfröste vernichteten die ganze Aprikosen- und Pfirsichernte und den größten Teil der Kirschenernte. Dadurch erwuchs dem Kreise Witzenhausen ein sehr beträchtlicher Schaden. Der gegenwärtige Stand der Frühobstarten berechtigt zu den besten Hoffnungen. Das Holz ist vorzüglich ausgereift und zeigt reiche Ansätze zu Knospen. Dabei sind keinerlei nennenswerte Schäden durch Winterfrost zu bemerken. Eine späte Baumblüte, und die diesjährige Obsternte dürfe gerettet sein.
* Eine partielle Mondfinsternis werden wir am 12. März von 3/<4 bis 3/»7 Uhr morgens beobachten können, und zwar werden etwaneun Zehntel der Mondscheibe verfinstert. Die Finsternis ist außer in Europa in Kleinasien, Afrika, im Atlantischen Ozean, in Amerika und der östlichen Hälfte des Großen Ozeans sichtbar. Die letzte hier beobachtete Verfinsterung des Mondes fand am 1. April 1912 statt.
§ Hersfeld, 9. März. Ueber eine Aufführung von Tangoprinzessin durch das Neue Berliner Operetten Ensemble, welches am Donnerstag bei uns gastiert, schreiben die Neudammer Nachrichten: Das Neue Berliner Operetten-Ensemble, welches gestern hier ein Gastspiel mit der Operetten-Novität „Die Tangoprinzessin" gab, hat die an dieses Ensemble gestellten Erwartungen noch bei weitem übertroffen. Es war nach all dem wenig guten was wir in letzter Zeit gesehen haben, eine Wohltat, dieses erstklassige Ensemble zu hören. Die Gesangskräfte sind durchweg vorzüglich, das Zusammenspiel in jeder Weise glänzend, kurz es war ein Kunstgenuß, wie er hier so bald nicht wieder geboten werden dürfte. Die Hauptschlager in der Operette „Ich tanz so gern den Tango" „In Hi-Ha Hellerau" und „Ach wenn das der Petrus wüßte" mußten wiederholt werden: das letzte Lied sogar 2 mal. Stürmischer Applaus belohnt die guten Darsteller bei jedem Aktschluß und auch an offner Szene. Wir können dem Ensemble am Schluß nur zurufen: „Auf baldiges Wiedersehen!"
):( Hersfeld, 10. März. Da einige der als Geschworenen ausgelösten Herren von diesem Amte entbunden werden mußten, hatte die Wahl von Ersatzgeschworenen stattzufinden, unter denen sich auch Herr Fabrikant Georg Braun von hier befindet.
):( Hersfeld, 10. März. Vor gut besetztem Hause hielt gestern abend Herr Schriftsteller Schwiegers- hausen einen V o r t r a g über seine auf dem Rade zurückgelegte Weltreise. In fesselnden Schilderungen verstand es der Vortragende seine Zuhörer in leicht verständlichen Ausführungen durch alle Weltteile zu führen. Groß war die Gefahr, die den Weltreisenden auf seiner einzig dastehenden Tour begleitet haben, und man muß die eiserne Energie bewundern, die Herrn Schwiegershausen die Durchführung seines Planes möglich machte. Oftmals kaum dem Tode entronnen, ließ er sich doch nicht abhalten nach Durch- vollständig unzivilisierter Gegenden immer Gefahren entgegen zu gehen, bis er ?ach fünfjähriger Abwesenheit wieder ttt eintraf, jubelnd empfangen von »einen Sportskolleg^r. Die hochinteressanten Schilder- wurden durch eine große Anzahl vortrefflicher Lichtbilder auf das schönste illustriert.
-h- Allmershausen,9 März. Einen recht würdigen Verlauf nahm ein am Sonntag, den 8. d. Mts. statt- gefundener christlicher Familienabe nd. Neben Gesängen und Deklamationen der Schuljugend bildete den Höhepunkt des Abends ein Vortrag des Herrn Pfarrers Lieberknecht, Hersfeld über die Mission auf Kaiser-Wilhelmsland. Die Anwesenden waren erfreut, einen Einblick in die meist so wenig bekannten Verhältnisse dieser unserer Kolonie zu gewinnen. Zum Schlüsse richtete noch Herr Lehrer Schinde- w o l f herzliche Worte an die Gemeindeglieder.
-m- Schenklengsfeld, 9. März. Gestern nachmittag Glider hiesige Gesangverein in der Gastwirt- 'Laft der Witwe Stöppler eine außerordentliche ^ueralversammlung ab. Auf der Tagesordnung stand
Besprechung über die 25jährige Jubiläumsfeier oes Vereins. Die Feier soll am 14. Juni d. Js 6e= »«ngen werden. Die Vorbereitungen zu dem Feste,
welches besonders schön begangen werden soll, wurden sofort in die Wege geleitet.
-n- Widdershansen a. d. Werra, 9. März. (Starkes H o ch w a s s e r der Werra.) Infolge der anhaltenden Niederschläge der letzten Tage ist die Werra in hiesiger Gegend ganz bedeutend über die Ufer getreten. Große Wiesenflächen in unserer und Dankmarshäuser Gemarkung sind vollständig von den braunen Fluten bedeckt, sodaß man sich an das Ufer eines Sees versetzt glaubt. Auch die Landstraße zwischen Dankmarshausen und Dippach ist unter Wasser gesetzt und somit dem Verkehr gesperrt. Sehr unangenehm werden dieses Verkehrshindernis wohl vor allen Dingen diejenigen Schachtarbeiter der Gewerkschaft Alexandershall in Dippach empfinden, die in Dankmarshausen ihren Wohnsitz haben und nun erst auf einem großen Umwege ihre Arbeitsstätte erreichen können. Allem Anschein nach ist noch ein weiteres Steigen der Werra zu erwarten.
-n- Philippsthal, 8. März. (Einweihung des n e u e r b a u t e n Rathauses.) Heute Nachmittag fand hier die Einweihung unseres neuerbauten Rathauses statt. Zu dieser Feier hatten sich außer Herrn Pfarrer Heßler und den hiesigen Herrn Lehrern noch die Herrn der Bauleitung und die hiesigen am Bau beschäftigten Handwerksmeister eingefunden. Auch die hiesige Bevölkerung nahm regen Anteil an dem seltenen Ereignis. Nach der Besichtigung des sehr praktisch eingerichteten Hauses folgte ein gemeinsames Essen in den Räumen des auch erst vor kurzer Zeit erbauten Kinderheimes. Möge nun das Rathaus, eine Zierde unseres Ortes, voll und ganz seinem Zwecke genügen zum Wohle unserer Gemeinde.
Loshausen, 6. März. Die leidige Angewohnheit vieler Kinder, am Treppengeländer herumzuklettern, hatte hier ein Unglück zur Folge. Das 8jährige Töchterchen des Schuhmachermeisters D. stürzte die fast 3 Meter hohe Treppe herunter und zog sich so schwere Verletzungen am Kopfe zu, daß ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden mußte.
Fulda, 7. März. Wegen Blutschande, begangen an seiner 34 Jahre alten Tochter, hatte sich der Weißbindermeister Wilh. Sch., 55 Jahre alt, von Hetten- Hausen (Rhön), vor der hiesigen Strafkammer zu verantworten. Das Urteil lautete gegen den Angeklagten auf 4 Jahre Zuchthaus und gegen dessen Tochter auf 1 Jahr Zuchthaus.
Göttingen, 9. März. Heute vormittag wurde auf dem hiesigen Güterbahnhof der Hilfsgleiswärter Kistner aus Weende von einer Lokomotive angefahren und schwer verletzt.
Wetter, 9. März. Auf dem Bahnhöfe zu Cölbe wurde ein siebzehnjähriger Burcaugehilfe vom Landratsamt in Marburg verhaftet, der die Gastwirte des Kreises heimgesucht hatte und auf Grund emer tue gefälschte Unterschrift des Landrats tragenden angeblichen Verfügung versucht hatte, bei den Gastwirten eine nachträgliche Konzessionsgebühr einznziehen. Der junge Mann wurde der Staatsanwaltschaft zugefuhrt.
Abgeordnetenhaus.
Das Preußische Abgeordnetenhaus setzte am Montag die Beratung des Etats der Handels- und Gewerbeverwaltung bei dem konservativen Antrag Dr. Roesicke-Dr. Hahn fort, der eine Denkschrift fordert über die Entwicklung des Börsenhandels und die Anlage deutscher Kapitalien im Auslande. Abg. Dr. Roesicke (kons.) begründete den Antrag. Er beklagte den langen hohen Diskontsatz, unter dem Landwirtschaft und Industrie gleichermaßen gelitten haben. Bei der Aufnahme ausländischer Werte müsse große Vorsicht walten. Näher als die BedurmUse de<- Auslandes ständen die des ^olandes. Die Aufnahme ausländischer Wertpapiere schwache öen deutschen Markt und mache ihn unfähig zur Ausnahme der eigenen Staatsanleihen. ^er Konzentration der Großbanken müsse entgegengewirkt werden, das; sie nicht zu einem Staat im staate werden. Handeln- minister Dr. Sydow bemerkte, er stehe aus dem Standpunkte, daß deutsches Geld in erster ,-une im Jn- lande angelegt werden solle, aöem die Rücksicht aus unsere Industrie, Schiffahrt L^E> Weltpolitik läge es angezeigt erscheinen, um wirtschastlicher Vorteile ausländische Anleihen nicht zu
690 Millionen seien im Ausland angelegt. Die Aufnahme der chinesischen Anleihe ser aus politischen Gründen notwendig gewesen. Ein Einspruchsrecht könne die Regierung nicht übernehmen, denn darin läge zugleich die Uebernahme ^^Etie sur die
SSeTte« — 9(69* SR0tttmfett ( wandte sich gegen den Antrag. Die Banken wären aus eiaener Kraft der Schwierigkeit des Geldmarktes ©err ^ gleichen Zinne äußerte sich Abg. Lncas (natl.). Der Antrag wurde an die Budget
kommission verwiesen. Mehrere Titel wurden ohne erhebliche Debatte erledigt. Beim Kapitel Gewerbliches Unterrichtswesen forderte Abg. Viereck (freit) größere Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse der Gewerbetreibenden bei Festsetzung der Unterrichtsstunden. Die Handelshochschule in Berliu sollte besser unterstützt werden. Ein Regierungsvertreter sagte möglichste Berücksichtigung dieser Wünsche zu. Abg. Münsterberg (Fortschr.) wünschte, daß in den Fachschulen besonders auf die Lebensbeschreibung großer Männer eingegangen würde, um zur Nacheiferung anzuregen. Abg. Bacmeister (natl.) wünschte eine bessere Regelung der Besoldungs- und Anstellungsverhältnisse der Handelsschullehrer. Der Handels- minister bemerkte, daß die Handelslehrer mit den Lehrern der gewerblichen Fortbildungsschulen durchaus paritätisch behandelt würden. Abg. Lieneweg(kons.) gab dem Wunsche der Handwerker Ausdruck, daß sie zur Hälfte in den Schulkuratorien vertreten seien. Mit der Leistung des Gesellenstücks sollte der Lehrling vom Schulzwang befreit werden. Dem Abg. v. d. Hagen (Ztr.) antwortete ein Regierungsvertreter, daß an der Navigationsschule in Papenburg ein Lehrer für die Schiffahrts-, ein zweiter für die Steuermannsklasse tätig seien. Die Abgg. Rosenow (fortschr.) und Leinert (Soz.) polemisierten gegen die Handwerkerforderungen des Abg. Lieneweg. Ein Regierungsvertreter gab bekannt, daß die vom Abg. Leinert erwähnte Zeitschrift Deutschlands Jugend auf den Schulen nicht mehr verbreitet werden dürfe aus prinzipiellen Erwägungen. Der Handelsminister gab bekannt, daß die Lehrlinge nur die landwirtschaftliche Schule besuchen dürfen, wenn am Ort keine gewerbliche Fortbildungsschule bestehe. Abg. Heins (Hosp. b. d. Kons.) wünschte eine Besserstellung der Lehrer der Bäugewerkschulen.
Deutscher Reichstag.
Der Reichstag erledigte am Montag zunächst einige Wahlprüfungen. Bei der Wahl des Abg. Frommer (kons.), deren Gültigkeit die Kommission vorschlug, widersprach der Abg. Dr. Neumanu-Hofer (Fortschr.) der Gültigkeit und verlangte Beweiserhebungen. Nunmehr setzte das Hans die allgemeine Erörterung des Kolonialetats fort. Abg. v. Böhlendorff (kons.) stellte die Einigkeit der bürgerlichen Parteien in der Frage des Bahnbaues fest und gab seiner Freude über die unverkennbaren Fortschritte der Kolonien Ausdruck. Seine Freunde seien stets energisch für eine kräftige Kolonialpolitik eingetreten, deren Zweck die Hebung der deutschen Steuerkraft und die Schaffung guter Lebensbedingungen für die Arbeiter sei. Der Verwaltung sei dafür zu danken, daß sie für Ruhe und Frieden in den Schutzgebieten gesorgt habe. Eine Abgrenzung des Tätigkeitsgebietes der Missionen sei wünschenswert. Eine Hebung der Kolonien, die zugleich eine Hebung der Eingeborenen bedeute, könne nur durch Ausbau der Verkehrswege erfolgen. (Beifall rechts.) Abg. v. Morawski (Pole) verlangte Abschaffung der Haussklaverei. Nunmehr ergriff Staatssekretär Dr. Solf das Wort. Die Kolonien müßten in tropische und Siedelungskolvnien geschieden werden. Mit gewissen Einschränkungen seien die letzteren geeignet, den Bevölkerungsüberschuß aufzunehmen. Ein Pessimist solle nicht in die Kolonien gehen. Neue Bahnen seien notwendig. Die Tanganyikabahn sei ein Werk der Herren v. Lindequist und v. Rechenberg: er (Redner) habe lediglich die Fertigstellung der Bahn um 14 Monate beschleunigt. Kein Land habe die Handelsbeziehungen zum Mutterlande so gesteigert wie die deutschen Kolonien zu Deutschland. Am Plantagenbau müsse er im Interesse der Eingeborenen festhalten. Die Regierung suche ihren Stolz darin, den wirtschaftlich Schwachen in den Kolonien zu helfen. Ein Bevölkerungsrückgang müsse entschieden be- stritten werden. Die Tätigkeit der Missionen als Kulturbringer sei anzuerkennen; kolonisieren bedeute missionieren im Sinne der Erziehung der Eingeborenen zu höherer Kultur. Der Alkoholmißbrauch und Branntweinhandel werde nach wie vor bekämpft. Es würde mehr erreicht werden, wenn Frankreich nicht im Wege wäre. In Südwest- und Ostafrika sei den Eingeborenen der Alkohol überhaupt verboten. Wenn die Neger trotzdem sich betrinken, dann nur mit ihren eigenen heimischen Getränken. Immerhin geschehe das nur bei gelegentlichen Festlichkeiten, wo sie allerdings mehr zu sich nehmen, als die Aesthetik wünschenswert erscheinen lasse. Zum Schlüsse bat der Staatssekretär darum, die Debatten über die Eingeborenen- und Arbeiterfrage versöhnender zu führen. Er habe nicht nur für die Eingeborenen, sondern auch für die deutschen Landsleute zu sorgen und hoffe, daß das Haus ihm im nächsten Jahre mit Ruhe zuhören werde, wenn er alles Gute vor tröge, was Deutschland den Deutschen in den Kolonien 5» danken habe. (Lebhafter Beifall.)