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Hersfelder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger ^A^ für den Kreis Hersfeld

Weiher fireishlott

Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wieder­holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittag«.

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

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Zernsprech-Knschlutz Nr. 8

Nr. 54.

Donnerstag, den 5. März

1914.

Bus der Heimat«

* (Dereingehängte" Soldat.) Der Er­laß des kommandierenden Generals des Gardekorps, Generals der Infanterie Freiherrn v. Plettenberg (bcr frühere Kommandeur der 22. Division in Cassel), hat gegen die englische kurz gestutzte Schnurrbarttracht Schule gemacht. Durch Parolebefehl hat der neue Kommandierende des 11. Armeekorps, Generalleutnant von Plüskow, sich scharf dagegen ausgesprochen, daß auf der Straße, im Ballsaal, im Theaterfoyer usf. die Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften des Korps sich an ihrer weiblichen Begleitung führen. Das Ein­hängen wird künftighin nur der Frau oder dem Mädchen gestattet. Für den Soldaten ist es als unmilitärisch aussehend verboten.

§ iZerstörungsakte in Eisenbahnzügen.) In der letzten Zeit werden wieder Fensterriemen in den Eisenbahnzügen abgeschnitten und mitgenommen, ohne daß es den Fahrpersonalen gelungen wäre, die Täter zu ermitteln. Für die Namhaftmachung solcher Frevler werden, falls sie gerichtlich bestraft werden, stets Belohnungen der Eisenbahnbehörden gezahlt. Die Strafkammer in Oldenburg hat vor kurzem einen Reisenden, der einen Fensterriemen abschnitt und mitnahm, zu einem Jahr Gefängnis verurteilt und ihn sofort verhaftet.

§ Hersfeld, 4. März. DasNeue Berliner Operetten-Theater," welches sich auf einer großen Tournee durch das Deutsche Reich befindet, kommt am Donnerstag den 12. März bei uns zu Gast, und bringt uns den neuesten Operetten-Schlager Die Tango Prinzessin" von Krem und Kraatz mit der reizenden Musik des so schnell populär ge­wordenen Componisten Jean Gilbert. Die Haupt­schlager dieser Operette:Ach wenn dies der Petrus wüßte,"Ich tanz sogern den Tango,"Das Glück kommt über Nacht" undIn Hi-Hu-Hollerau" sind be­kannt geworden wie selten eine andereOperettenmelodie. Seit einer Reihe von Monaten erzielt diese lustige Operette in Berlin täglich ausverkaufte Häuser. Es wurden bereits über 100 Aufführungen in Berlin veranstaltet.Die Tangoprinzessin ist tatsächlich die Sensation dieser Saison!! Aber nicht nur in Berlin nein auch in Hamburg, Stettin, Breslau, Wien und anderenGroßstädten finden täglich Aufführungen dieses Operettenschlagers statt. Ganz besonderen Reiz erhält die Vorstellung noch durch den großen Tangowett­streit im Ren Akt. Es wird uns da der Original Tangotanz von vier Paaren vorgetanzt. DasNeue Berliner Operetten-Ensemble, welches uns die Be­kanntschaft mit dieser Operetten-Novität vermittelt, erfreut sich des besten Renomees und ist nicht zu ver­wechseln mit anderen reisenden Gesellschaften, es ist ein erstklassiges durchaus künstlerisches Unternehmen. Wir können also mit gutem Gewissen den Besuch dieser Gastspielvorstellungen empfehlenDie Tango Prinzessin" ist eine Operette, welche sich jeder Musik­freund ansehen sollte.

§ Hersfeld, 4. März.Totentanz!" von August Strindberg, so ist die Komödie betitelt, in der die Frankfurter neue Schauspielbühne am Sonntag, den 8. März hier (neue Turnhalle) gastieren wird. Das Werk, das unter Pros. Max Reinhardts Regie am Deutschen Theater in Berlin den größten Erfolg er­zielte, dürfte auch hier das größte Interesse erwecken, zumal es genau nach der Professor Reinhardt'schen Buhneneinrichtung gegeben wird. Auch dürften Dar- Itellung und Inszenierung eine ganz brillante werden, da dre Rollen und Regie nur in Händen allererster Künstler sind. Billetvorverkauf befindet sich bei Bäch- stadt Nachf. Jnh.: F. Heeg, Cigarrenhandlung, hier.

§ Hersfeld, 4. März. (A u f d e m R a d e u m d i e Welt.) Der Leipziger Schriftsteller W. Schwiegers- hausen, welcher bekanntlich eine fünfjährige Reise auf dem Zweirade durch die fünf Kontinente ausführte, wird nächsten Montag im Saale öesHotel Stern einen Projektions-Vortrag über seine Er­fahrungen halten. In fünf Jahren hat er Europa, Asien, Afrika, Australien, Neuseeland, Süd-Zentral- Amerika, Mexiko und die Vereinigten Staaten zu Rade durchfahren und einen Welt- und Reiserekord geschaffen, indem er eine nachweisbare Radtour durch sämtliche Weltteile, sowie die längste Reise zu Lande ausführte, welche je gemacht wurde. 52000 Kilometer legte er zu Rade zurück und brauchte 4 Räder und 28 Gummireifen auf. Der Energie und dem Wage­mute des jungen Deutschen wurde in allen Ländern Anerkennung gezollt. In Teheran wurde er vom Schah empfangen, in Indien an Fürstenhöfen, in Australien und Südsee von den Gouverneuren und in Peru und Mexiko von den Präsidenten. Sämtliche dieser Persönlichkeiten zeichneten sich in das Auto­graphenbuch des Reisenden. Sein erster Begleiter kehrte infolge der Strapazen bald zurück, während

der zweite im Kampfe mit Beduinen fiel. Seine Reise ist reich an Abenteuern und Studien. Er nahm mehrere tausend Photographien und wird einen Teil derselben bei seinem Vortrage als bühnengroße Pro­jektionsgemälde vorführen. Niemand versäume, diesem seltenen, lehrreichen und unterhaltenden Vortrage beizuwohnen.

* (Vernichtung der Tragknospendurch Vögel.) Dompfaffen, Spatzen und andere Vogel- arten picken jetzt im Frühling mit besonderer Vor­liebe die dicksten Knospen an den Beerensträuchern ab; da diese meist Tragknospen sind, wird auf diese Weise ein guter Teilder Blüte und damit der späteren Ernte vernichtet. Umspannen mit Zwirn oder Garn ist viel zu mühsam und zeitraubend; wer nicht schießen will oder kann, streue Samenkerne aus, welche zuvor mit Branntwein getränkt wurden. Im Anfang werden diese begierig aufgepickt, dann aber kommen die Vögel nie wieder, um ihre verheerende Tätigkeit zu beginnen. Anstatt Getreidekörner tut Grassamen die­selben Dienste. Jedenfalls ist dieses Mittel sehr ein­fach und durchaus unschädlich.

-n- Widdershausen a. d. W., 8. März. Gestern nachmittag überflog ein aus der Richtung Fulda kommendes Zeppelin-Luftschiff unser Dorf und verschwand in der Richtung nach Gotha. Da der Luftkreuzer" in geringer Höhe flog, hatten die Widdershäuser Gelegenheit, sich einenZeppelin" aus nächster Nähe betrachten zu können. Deutlich konnte man die Besatzung erkennen; jedoch war es nicht mög­lich, den Namen des Luftschiffes zu entziffern.

-h- Schenklengsfeld, 3. März. Um die Ausführung der hiesigen Wasserleitung hatten sich ea. 30 Unter­nehmer beworben. Das höchste und niedrigste An­gebot wies einen Unterschied von über 6000 Mark auf. Den Zuschlag erhielt die Firma Gräbner u. Co. in Cassel.

Ronshanfen^b. Bebra, 3. März. Hie<verunglückte der Musiker Ludwig Dann dadurch, daß ihn beim Holzfällen im Walde ein fallender Baumstamm traf. Der Schwerverletzte wurde der Marburger Klinik zu­geführt, wo er gestorben ist.

Gießen, 3. März. Der Rechner des Vorschuß- und Kreditvereins in Hungen, der den Fehlbetrag von 95 000 Mark verschuldet haben soll, ist in Haft genommen worden. Die Mitglieder des Vereins weigern sich, den'ausgefallenen Betrag selbst zu decken und haben gegen den Aufsichtsrat Klage eingereicht.

Heinebach, 1. März. Beim Spiel mit einem soge­nannten Flitzbogen flog einem Kinde des Arbeiters M. dahier ein Rohrpfeil ins Auge, so daß der Arzt zu Hilfe, gezogen werden mußte.

Göttingen, 1. März. Ein junger Mann aus einem Dorfe des Landkreises Göttingen hatte seine Militär­dienstpflicht in einer elsässischen Garnison erfüllt und sich dort eine Braut angeschafft. Aus aufrichtiger Liebe zu seiner Braut brächte er sie bei der Ent­lassung vorn Militär im letzten Herbst mit in seine Heimat. Die Braut wurde denn auch von den zu­künftigen Schwiegereltern auf das liebenswürdigste empfangen und freundlich ausgenommen. Die jungen Leute lebten zusammen wie die Turteltäubchen, und da es an der Zeit war, so sollte im Frühjahr ge­heiratet werden. Zum Heiraten gehören bekanntlich allerhand dumme Papiere über den Personenstand der Heiratskandidaten, und so mußte auch nach der Heimat der jungen Braut geschrieben werden, um die erforderlichen Papiere zu beschaffen. Wer beschreibt aber den Schreck der Schwiegereltern und des Bräutigams, als sie hierdurch erfuhren, daß die Braut vier Jahre älter ist, als wie sie sich ausgegeben hatte, daß sie schon seit sechs Jahren verheiratet und glück­liche Mutter von fünf Kindern, aber ihrem Manne durchgegangen, aber nicht etwa geschieden ist. Die Wut und Empörung der Schwiegereltern über dle,e Entdeckung war natürlich sehr groß. Diese ihnen an- getane Schmach sollte furchtbar gerochen und die Braut aus dem Hause gejagt werden. Aber da hatten die Schwiegereltern die Rechnung ohne den Sohn ge­macht. Die wahre Liebe überwindet alles, sie setzt sich auch darüber hinweg, daß das Vorleben der Ge­liebten vielleicht nicht so ganz einwandfrei gewesen ist. Aber auch die Braut wehrte sich energisch da­gegen daß sie aus dem Hause solle, wo sie sich im Schoße der sehr gut situierten Familie sehr wohl fühlte. Der Hinweis, daß rhre Gesundheit und be­sondere andere Umstände das nicht vertragen könnten, im Winter in die Fremde zu gehen, stimmte die er­bosten Schwiegereltern weicher, und die treue Liebe des Sohnes brächte es schließlich zuwege, die Eltern zu bestimmen, daß sie die junge Frau doch im Hause behielten. Und wenn alles gut geht, dann soll doch, ehe es wieder Winter wird, geheiratet werden.

Gotha, 2. März. In dieser Woche sollen zwischen Gotha, Erfurt und Weimar große militärische Uebungen mit Flugzeugen, Freiballons und mit einem Zeppelin- Luftschiff stattfinden. Daran nimmt auch ein größeres Kommando des Kraftfahrbataillons aus Mainz teil. Dasselbe ist bereits mit einer Anzahl Geschützlast­wagen, die mit den Ballon-Abwehrkanonen ausge­rüstet sind, unterwegs auf der Fahrt nach Gotha. Den interessanten Uebungen, die besonders eine Ver­folgung der Flugzeuge bewirken sollen, werden zahl­reiche höhere Offiziere beiwohnen.

Sondershausen, 1. März. Auf hiesiger Station ließ sich gestern abend von dem aus der Richtung Erfurt kommenden Zuge 12.05 der Bergingenieur a. D. Tensch aus Nordhausen überfahren. Der Tod trat auf der Stelle ein. Die Leiche war furchtbar verstümmelt.

Eisenach, 3. März. Ein schrecklicher Unfall ereig­nete sich am Sonnabend in der Kasselerstraße. Dort benutzte das vierjährige Töchterchen des Arbeiters Max Fischer das Alleinsein in der elterlichen Wohnung dazu, sich mit dem Feuer im Ofen zu schaffen zu machen. Das Kind setzte ein Stückchen Holz in Brand, kam damit aber seiner Kleidung zu nahe, sodaß diese Feuer fing und ihm buchstäblich vom Leibe brannte, wodurch das Kind schwere Brandwunden am ganzen Körper davontrug. Die Brandwunden waren so er­heblich, daß das Kind noch am selben Abend durch den Tod von seinen Leiden erlöst wurde.

Bad Homburg, 2. März. Am Sonnabend wurde der Fuhrknecht eines Vilbeler Mineralwassergeschäftes auf der Landstraße überfallen und beraubt. Er wurde derart schwer verletzt, daß er in das Krankenhaus nach Vilbel gebracht werden mußte. Der Ueberfallene wurde erst Sonntag morgen mit schweren Kopfver­letzungen aufgefunden. Er dürfte kaum mit dem Leben davonkommen. Von dem Täter fehlt noch jede Spur.

Mainz, 1. März. In der Kaserne des Magde­burgischen Dragonerregiments Nr. 6 erschoß sich gestern nachmittag auf einer Mannschaftsstube ein Rekrut namens Senf. Auf einem zurückgelassenen Zettel schreibt der Lebensmüde, er habe sich krankheitshalber erschossen.

Deutscher Reichstag.

Im Reichstage wurden am Dienstage zwei kurze Anfragen erledigt. Auf die vom Abg. Keil lSoz.) ge­stellte Anfrage nach den Ursachen der Erkrankungen im Ludwigsburger Trainbataillon, erwiderte General­major v. Grävenitz, daß die an Paratyphus erkrankten 18 Mann genesen seien. Ob den Wurstlieferanten Schuld treffe, habe sich nicht ermitteln lassen. Auf die Anfrage nach den Ursachen der Lichtenberger Ex­plosion antwortete Ministerialdirektor Dr. Caspar, daß die Ursachen noch nicht feststehen, geeignete Maßnahmen dagegen seinerzeit nicht auf sich warten lassen würden. Nunmehr setzte das Haus die allgemeine Erörterung des Postetats fort. Abg. Kiel fFortschr.) wollte den Beamten das Recht gewahrt wissen, sich an Abgeordnete zu wenden und wünschte Aufbesserung der Postagenten. Die Telephonverbindungen reichten auf dem Lande nicht aus. Abg. Mertin jRp.) begrüßte die Einfüh­rung der Postkreditbriefe und erkannte die Leistungen der Beamtinnen an. Im Zaberner Falle habe der Staatssekretär seine Beamten nicht verleugnet. Staats­sekretär Kraetke erwiderte auf die Ausführungen des Abg. Kiel, daß gerade dessen Partei s. Zt. die Fern- sprechgebührenordnung abgelehnt habe. Die Viel- sprecherei sei ein Uebelstand des jetzigen Tarifs. Es sei keine Rede davon, den Beamten zu verbieten, sich an Abgeordnete zu wenden. Aber er müsse sich wundern, wenn Abgeordnete Beamtenwünsche als berechtigt erklären, ohne die Verwaltung zu hören. Den Postagenten komme die Verwaltung soweit als möglich entgegen. Abg. Brandys sPole) führte Be­schwerde über die angeblich vom Ostmarkenverein ver­anlaßte Versetzung polnischer Beamten, woraufStaats- sekretär Kraetke erklärte, daß bei Versetzung von Beamten stets geprüft werde, ob ihren Bedürfnissen Genüge geschieht. Die Vorwürfe des Vorredners treffen nicht zu. Auch bei der Briefbestellung an Polen werde nicht anders verfahren, wie üblich. Abg. Dr. Werner-Gießen lWirtsch. Vag.) trat für die Ost- markenzulagen ein, die allen Beamten in gemischt­sprachigen Bezirken gewährt werden sollten. Not­wendig sei eine neue Personalordnung und einheitliche Regelung der Postarbeiterlöhne. Abg. Zubeil sSoz.) befaßte sich in nahezu zweistündiger Rede mit zahl­reichen einzelnen Beschwerden über ungenügende Be­soldung, Unterkunftsräume, Beförderung usw. Mitt­woch Fortsetzung. - SG