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Liebäugeln mit dem Dreiverband.
Wenn es richtig ist, daß der türkische Minister der öffentlichen Arbeiten Dschemal Bei dem Vertreter der Agence Havas gegenüber den Anschluß der Türkei an die Mächte des Dreiverbandes proklamiert hat, unter allerhand Vorwürfen gegen den Dreibund im allgemeinen und Deutschland im besonderen, so darf man in dieser Stellungnahme einen neuen Beweis dafür sehen, daß die Herren Türken zuweilen ein etwas kurzes Gedächtnis haben. Zunächst ist es ja nicht gerade verwunderlich, daß die Türkei, die sich in dringender finanzieller Verlegenheit befindet, den zögernden französischen Geldgebern Angenehmes zu sagen sich bemüht. Sollte aber Dschemal Bei, -er noch in seiner letzten militärischen Stellung als Stadtkommandant von Konstantinopel keineswegs als Deutschenfeind, sondern als ausgesprochener Gegner Rußlands galt, dessen armenischer Politik er mit äußerstem Mißtrauen gegenüber® stand, etwas mehr als eine bloße Liebenswürdigkeit beabsichtigt haben — und man erinnert sich allerdings, daß schon vor etwa zwei Monaten erzählt wurde, er habe einen engeren Anschluß an England und Frankreich als einzige Rettung der Türkei bezeichnet, — so würde man sich wohl fragen dürfen, was von der europäischen Türkei wohl noch übrig wäre, wenn der Dreibund und Deutschland nicht bisher an dem Grundsätze möglichster Stärkung und Erhaltung der Türkei festgehalten hätten, sondern mit ihren Feinden zusammen gegangen wären.
Auch die jetzt so mißgünstig besprochene Eisenbahnpolitik Deutschlands hätte zu einer wesentlichen militärischen Stärkung der Türkei beitragen können und beitragen müssen, wenn nicht sowohl die Pläne für die Hedschas-Bahn wie die für die Bagdad-Bahn bedeutsame Abänderungen und Umbiegungen erfahren hätten. Daran aber, daß dies geschehen ist, daran trügt nicht Deutschland die Schuld, und auch nicht der Dreibund, sondern gerade die neuen Freunde Frankreich und England. Schließlich ist es auch nicht richtig, daß Deutschland die Türkei finanziell im Stich gelassen hätte. Wenn das vorhin erwähnte kurze Gedächtnis nicht wäre, so müßte man sich vielmehr auch in Konstantinopel daran erinnern, daß Dschawid Bei, der erste jungtürkische Finanzminister, im Jahre 1909 gerade in Deutschland die finanzielle Hilfe und Rettung gefunden hat, die man ihm damals in Paris nur unter Bedingungen zugestehen wollte, die man seinerzeit als Tunifikation der Türkei bezeichnete.
Indes, die politische Haltung der Völker ist schließlich noch nie durch Erwägungen der Dankbarkeit oder ähnlicher Sentimentalitäten bestimmt worden, und so wird selbstverständlich die Türkei auch jetzt diejenigen Wege gehen, von denen sie sich die besten Erfolge verspricht. Es hätte auch keinen Sinn zu leugnen, daß die deutschen wirtschaftlichen Unternehmungen ihren Vorteil in der Türkei gesucht haben, wie dies nun einmal in der Art wirtschaftlicher Unternehmungen liegt. Aber Deutschland hat sich an der Herbeiführung des „Ausverkaufs" des ottomanischen Reiches nie beteiligt, sondern im Gegenteil, redlich das seinige getan, um sie lebensfähig zu erhalten. Wenn freilich irgendwer in der Türkei irgendwann gemeint haben sollte, daß Deutschland für die Unversehrtheit des Ottomanischen Reiches mit den Massen eintreten werde, so ist das immer ein verhängnisvoller Irrtum gewesen, dem die Enttäuschung nicht erspart bleiben konnte.
Mit der historischen Begründung der Anschuldigun- Sen gegen den Dreibund und Deutschland, für die ja brigens zunächst nur Dschemal Bei selbst verantwortlich zeichnet, sooatz man auch noch nicht von einer tatsächlichen Abkehr der Türkei von Deutschland und dem Dreibund sprechen kann, ist es schlecht bestellt. Aber die Mißstimmung als solche ist ja erklärlich und in solcher Mißstimmung sucht man eben nach neuen Freunden, auch wenn man besser täte, die Ursachen des Unheils in sich selber zu suchen.
Die Tarlf-verlröge in Deutschland.
Ein wichtiger Faktor im wirtschaflichen Leben.
Das Kaiserliche Statistische Amt veröffentlicht als Sonderheft zum Reichs-Arbeitsblatte eine Bestandsstatistik der Arbeitstarifverträge in Deutschland. In dem Werke wird ein vollständiges Bild der tariflich geregelten Arbeitsbedingungen in Deutschland gegeben. Die wachsende Bedeutung der Tarifverträge für unser wirtschaftliches Leben wird aus der Feststellung ersichtlich, daß sich in den letzten sechs Jahren die Zahl der Tarifverträge und der von ihnen erfaßten Personen mehr als verdoppelt hat, mit dem Ergebnisse, daß Ende 1912 10 739 Tarifgemeinschaften in 151930 Betrieben für 1774 285 beschäftigte Personen galten.
Die Tarifgemeinschaften sind in Betriebe jeder Größe eingedrungen, in kleine und handwerksmäßige, tn mittlere und große. In den einzelnen Gewerbegruppen aber ist die Verbreitung der Tarifverträge sehr verschieden: während das polygraphische Gewerbe (Buchdruck usw.) sehr stark von Tarifverträgen erfaßt ist, so daß etwa zwei Drittel aller Arbeiter dort von Tarifverträgen erfaßt werden, und auch im Bekleidungsgewerbe und Baugewerbe die Arbeitsverhältnisse zum großen Teil durch Tarifverträge gereglt werden, sind letztere in der Textilindustrie und in der chemischen Industrie nur wenig verbreitet. Der Bergbau in Deutschland Hat überhaupt keine Tarifverträge, während in Großbritannien, wie aus einer internationalen Bergleichstabelle der Statistik hervorgeht, gerade im Bergbau die Tarifverträge außerordentlich stark verbreitet sind.
Bei dem Abschluß der Tarifverträge in Deutschland sind die Arbeitnehmerverbände auf feiten der Arbeitnehmer fast ausnahmslos beteiligt. Mehr als die Hälfte aller tariflich gebundenen Personen sind in ihnen organisiert. Auf der Arbeitgeberseite dagegen schließen in der Mehrzahl der Fälle nicht die Arveitgeberverbände, sondern einzelne Firmen die Verträge ab. Auch eine nicht geringe Zahl von Innungen ist an den Verträgen beteiligt.
Von den in den Tarifverträgen festgelegten Arbeitsbedingungen sind Arbeitslohn und Arbeitszeit am wichtigsten. Aus der Statistik geht hervor, daß für die Mehrzahl der Arbeiter eine tägliche Arbeitszeit von mehr als neun bis zehn Stunden, bezw. eine wöchentliche Arbeitszeit im Sommer von mehr als 58 bis 60 Stunden die Regel bildet. Was den Arbeitslohn angeht, so gelten die Tarifgemeinschaften, die einen niedrigsten Stundenlohn für gelernte männliche Arbeiter von mehr als 45 Pfennig angeben, für die Mehrzahl der Arbeiter. Anderseits findet sich dagegen ein niedrigster Stundenlohn für ungelernte männliche Arbeiter von 45 Pfennig und darunter in den Tarifgemeinschaften, die die überwiegende Mehrzahl aller Arbeiter umfassen. Die Tarifverträge mit der Mehrzahl aller Arbeiter enthalten einen niedrigsten Wochenlohn männlicher gelernter Arbeiter von mehr als 25 bis 30 Mark, während sie anderseits für ungelernte männliche Arbeiter einen niedrigsten Wochenlohn von 25 Mark und darunter enthalten
Außer diesen allgemeinen Feststellungen über den Arbeitslohn enthält die Tarifstatistik eine besonders eingehende tabellarische Darstellung der Lohnsätze in den einzelnen Berufsarten an den verschiedenen Orten und Bezirken des Reichs, die eine geeignete Unterlage für vergleichende Lohnbetrachtungen bildet. So sind denn auch in einer besonderen Tabelle der amtlichen Veröffentlichung die Lohnsätze für eine Reihe der wichtigeren Berufsarten und die ortsüblichen Tagelöhne in ausgewählten Bezirken mit den in Berlin herrschenden Lohnsätzen verglichen worden.
Der französische Branöpfei! gegen Luftschiffe.
Mit dem „Reißenden Wolf", jenem Brandpfeil, mit dem jüngst Versuche vom Pariser Eiffelturm aus erfolgreich gemacht wurden, scheint den Luftschiffen ein gefährlicher Feind erstanden zu sein. Wenigstens verspricht sich die französische Heeresverwaltung in ihm eine ausgezeichnete Waffe, deren Erfindung vollkommen aus die Zerstörung der Lenkballons gemünzt scheint. Seinen seltsamen Namen hat das Brandgeschoß daher erhalten, weil es nach dem Ausspruch seines Erfinders, des Franzosen Guerre, in die Heere der feindlichen Luftschiffe wie ein reißender Wolf einbrechen soll.
Die bisherigen Versuche haben ergeben, daß beim Auftreffen der Pfeilspitze auf einen harten Gegenstand sofort die Entzündung des Geschosses erfolgt. Soweit bisher bekannt geworden, ist der Brandpfeil in der Hauptsache folgendermaßen konstruiert: Ungefähr in der Mitte trägt er ein paar Widerhaken, die sich beim Abfeuern ausspreizen. Die Haken sind in der Ruhelage d. h. so lange der Brandpfeil noch nicht abgefeuert ist, eingeklappt und werden erst beim Abfeuern durch eine federnve Vorrichtung yerausgedrückt, sodatz sie senkrecht zur Flugrichtung stehen. Sobald der Brandpfeil abge- feuert ist, fliegt er nicht als ein glattes Geschoß, sondern von einem Kranz ausgespreizter Widerhaken umgeben auf fein Ziel zu. Der etwa 40 Zentimeter lange Pfeil trägt an der Spitze eine Zündkapsel die ein Fünftel Liter flüssigen Explosivstoffes enthält. In dem Augenblick, wo der „reißende Wolf" in die Hülle des Luftschiff- körpers eindringt, explodiert die Zündkapsel mit furchtbarer Gewalt und setzt den Luftschiffkörper in Brand Um die Entzündung herbeizuführen, genügt, wie die Versuche ergeben haben, das bloße Auftressen des Brandpfeils auf den Luftschiffkörper.
Die deutsche Heeresverwaltung wird ernstlich daran denken müssen, unsere Luftschiffmacht gegen diese Waffe zu sichern, da hier doch mehr als eine eingebildete Gefahr zu bestellen scheint.
Politische Rundschau«
Die Frühjahrsreise des Kaisers. Die Entscheidungen der Reisedispositionnen des Kaisers hängen von dem Zeitpunkte und dem Verlaufe des am braunschwei- gischen Hofe erwarteten Familtenereignisses ab. Soweit bis jetzt verlautet, dürfte die Kaiserin an einer eventuellen Korfureise des Kaisers nicht teilnehmen.
Das Eintreffen des Statthalters Grafen Wedel in Berlin und die gleichzeitige Anwesenheit des Oberpräsidenten Freiherrn von Rheinbaben in der Reichs- Hauptstadt hat vielfach zu Vermutungen über die demnächst bevorstehende Ernennung des neuen Statthalters von Elsaß-Lothringen Veranlassung gegeben. Wenn auch vieles dafür spricht, daß dem Freiherrn von Rheinbaben der leitende Posten in den Reichslanden übertragen werden wird, so dürfte der Wechsel au der höchsten reichsländischen Regierungsstelle, entsprechend der früheren offiziellen Ankündigung, noch einige Zeit auf sich warten lassen.
Konservativer Wahlsieg in Jericho«. Bei der Reichstagsstichwahl im Wahlkreise Magdeburg 3 erhielten nach dem amtlichen Wahlergebnis von 31884 abgegebenen Stimmen Rittergutspächter Schiele-Schollene (kons.) 16 625, Expedient Haupt-Magdeburg (Soz.) 15 259 Stimmen. Das ist ein überraschend großer Sieg des konservativen Kandidaten, der beweist, daß die Fort- schrittler des Kreises der von der Parteileitung ausge- gebenen Parole doch nicht alle gefolgt sind. Der Wahlkreis, der 1912 von dem Expedienten Haupt in der Stichwahl den Konservativen mit nur sieben Stimmen Mehrheit entrissen wurde, ist alter bürgerlicher Besitz. Zum Vergleich seien die Stimmenzahlen vom 10. d. M. ange- führt: Konservative: 11999, Sozialdemokraten: 12 600 und Fortschrittler Fleischermeister Kobelt-Magdeburg: 6893 Stimmen.
Rückgang der Säuglingssterblichkeit. Die Säuglingssterblichkeit im Deutschen Reiche weist nach der neuesten Statistik wiederum einen erfreulichen Rückgang auf. Nach den soeben veröffentlichten Angaben der „Münchener medizinischen Wochenschrift" starben im Jahre 1912 275 571 Kinder unter einem Jahre gegen 359 522 im Vorjahre. Gegenüber 1911 betrügt der Rückgang 23 Prozent, aber auch gegenüber dem bisher günstigsten Jahr 1910 mit 311462 Todesfällen ist die Besserung noch bedeutend.
Kleine Iladiricftfen.
Die Ozeanreise des Prinzen und ver Prinzessin Heinrich von Preußen wird am 10. März von Hainburg ■ **- aus mit dem Dampfer „Cap Trafalgar" ihren Anfang nehmen. Buenos Aires wird am 28. März erreicht werden. Dort wird das Schiff bis zum 9. April bleiben. Am 27. April wird der Dampfer „Cap Trafalgar" tn Hamburg eintreffen.
Kardinal Dr. von Kopp erkrankt. Kardinal Dr. von Kopp erkrankte am Dienstag unter leichten Fieberer- scheinungen. Am Dienstag konstatierte der behandelnde Arzt den Beginn einer Lungenentzündung. Nach dem Krankheitsbericht vom Freitag ist das subjektive Befinden des Patienten bedeutend besser. Das Fieber hai nachgelassen und der Auswurf ist fast völlig geschwunden.
Ein neues deutsches Opfer der Fremdenlegion. Ein junger Mann aus Remagen hatte sich vor fünf Jahren vor: fremden Agenten für die Legion anwerben lassen, stiegen einer Gehorsamsverweigerung war er zu sechs Jahren Festung verurteilt worden. Er entfloh, wurde oon Arabern wieder eingefangen und zum Tode verur- teilt. Der Legionär wurde am 10. Januar in Algier erschossen. Das Urteil wurde der Schwester des Erschos- •,enen von Paris aus zugesandt.
Gnirmtsche Ozeanfahrten. Der deutsche Dampfer „Kronprinzessin Cecilie" ist mit zweitägiger Verspätung, oerurfacyr-durch ungewöhnlich heftige Stürme und grobe See, m Neuyorr angelausen An Bord des Schiffes war alles wohl. Dagegen haben die Passagiere des gleichzer-» ng m Neuyork eingetrofsenen Dampfers „Neu-Amster- uam" schwer gelitten. Einem Passagier wurden während des Schlafes in der Kabine drei Rippen eingedrückt.
Ein amerikanisches Brigantenstückchen. Drei Räuber hielten den Expreßzug von New Orleans bei Birmingham (Alabama) an, raubten 40 000 Dollars aus den Postsäcken, koppelten dann die Lokomotive ab nnd fuhren auf ihr bis zu einer Stelle, an der, wie angenommen wird, ein Antomobil auf die Räuber wartete.
o—^ Tragischer Tod eines Forschers. Der durch seine Höhlenforschungen bekannte Arzt Dr. Herrings in Coblenz wurde bei der Erforschung einer Höhle bei Ben- dorf von einem herabstürzenden großen Stein so unglücklich getroffen, daß er sofort tot war.
«= Trauer an Bord des Panzers „Kaiser". Der Marinestabsingenieur Schädler, Maschinenchef des Panzerkreuzers „Kaiser" ist in Rio de Janeiro, wo der Kreuzer mit dem Geschwader vor Anker liegt, gestorben. Am vergangenen Sonntag wollte er einen geisteskran-
Die Dame im Schleier.
Spionage-Roman von Matthias Blank.
471 (Nachdruck verboten.)
Da zischte sie: „Wie ich Dich hasse!"
„Nicht so, wie ich Dich verachte!"
Ihre Hände zitterten, als sie nun den Schreibtisch aufsperrte und die Bankscheine, die sie kurz vorher erst von Frank Burnett gebracht hatte, heraussuchte. Was He dabei heraussuchte, war kaum die Hälfte von dem, was sie verwahrt hatte.
Sie warf die Scheine auf den Tisch.
„Hier! Aber nun will ich allein sein!"
„Gerne! Und in vierundzwanzig Stunden —" „Ich weiß es!" unterbrach sie ihn.
Dann trat er aus dem Zimmer, wie von einer Fremden fort. In seinem Herzen war jedes Gefühl er- storben, das früher mit einer besinnungslosen Leidenschaft dieser Frau gehört hatte. Selbst die Tochter, die ja beider Kind war, hätte diese beiden nicht mehr zusammenführen können.
Und trotzdem lebte jetzt in Michael Purgstaller, der eigentlich ein Recht an den Namen Graf von Lersbach hatte, nur die Sehnsucht nach seinem Kinde, um das er als Vater neunzehn Jahre lang betrogen worden war.
Er hatte das Zimmer verlassen.
Das Mädchen wollte ihn hinausführen: doch er verlangte: „Zeigen Sie mir das Zimmer der Baronesse Mia." —
Einundzwanzigstes Kapitel.
Nur wenige Kleinigkeiten waren es gewesen, die Mia von Theben in ihrem Zimmer gesucht hatte, um sie in die freiwillige Verbannung, in das neue Leben, das sie sich selbst bestimmt hatte, mitzunehmen. Erinne- runaen an Stunden der Freude. Eine Weile hatte sie
dann noch am Fenster gestanden, um in den Garten, tn dem sie doch manche frohe Stunde verlebt, noch einen letzten Blick hinunterzuwerfen.
Alles ließ sie ja zurück. Alles! Und in diesem Worte, das so viel enthielt, bedeutete für sie alles Glück nur ein Name, dem ihre Liebe gehört hatte und noch gehörte: Robert Haßfeld!
Das war das Schwerste, daß dieses Scheiden ein Fortgehen von dieser Liebe war, die, wie der Frühling, reich an Blüten, reich an Hoffnungen begonnen hatte! Und nur die Erinnerung an ihn ließ Träne um Träne über die Wangen tropfen.
Ein Pochen schreckte sie auf. Mit dem Taschentuchs versuchte sie die Tränenspuren zu verwischen, ohne es verhindern zu können, daß die etwas geröteten Augen doch die Wahrheit verrieten.
Am meisten erstaunt aber war sie dann, als auf ihren Zuruf jener Fremde eingetreten war, dem sie vorher schon im Salon begegnet war.
Mia von Theden glaubte an irgendeinen Irrtum und sagte deshalb: „Mama ist auf ihrem Zimmer. Diese wünschten Sie doch!"
Michael Purgstaller fühlte eine Beklemmung, die er wie einen Druck auf dem Herzen verspürte. Was sollte er sprechen? Wie sollte er sich zu erkennen geben? Wie seine Geschichte erzählen?
Er empfand nur das eine, daß diese zierliche Erscheinung mit den treuen blauen Augen und mit dem goldenen Haar seine Tochter war, und daß er sich nur danach sehnte, von diesen Lippen zum ersten Male das Wort „Vater" zu hören.
„Ich komme von dort."
„Haben Sie Mama nicht angetroffen?"
„Gewiß! Das ist schon erledigt."
„So suchten Sie mich?"
„Ja!"
„Wollen Sie sich nicht setzen?"
Da war von unten herauf das Vorfahren eines Automobils zu hören. Der Kopf Mia von Thedens wandte sich überrascht und fast unfreiwillig dem Fenster zu.
Da erklärte er: „Lassen Sie das! Die Baronin von Theden reist ab."
Erstaunt wandte sie ihm nun den Blick zu: „Woher wissen Sie das?"
„Weil ich es verlangte!" „Verlangte?"
„Ja! Oder auch erzwäng! Deshalb bin ich nun gekommen, um das alles zu erklären. Das ist doch am besten, stets die Wahrheit zu bekennen. Können Sie sich Gründe denken, die die Baronin von Theden zu einer so beschleunigten Abreise zwingen?"
Da war das Gesicht von Mia von Theben mit einer brennenden Glut übergossen. Sie ahnte solche Aber was konnte der Fremde davon wissen?
Ganz leise antwortete sie: nicht."
Gründe.
Früher
„Seit heute!
„Verzeihen Sie mir! Wenn ich auch ein Fremder zu sein scheine, wenn es auch indiskret ist, aber die Frage brennt mir auf den Lippen, daß ich sie nicht verschweigen kann: mußten Sie dadurch nicht erschrocken sein und erschüttert werden? Und was wollen Sie nun tun?"
„Hat Mama Sie geschickt, damit Sie mich umstim- men sollen?"
„Umstimmen? So hatten Sie also schon einen Entschluß gefaßt?"
„Wenn Sie Mama bewegen konnten, sofort zu verreisen, so wird sie Ihnen auch gesagt haben, daß ich in dieses Leben, von dem ich ja bis heute keine Ahnung hatte, nie mitfolgen werde. Ich werde allein gehen, um in der Arbeit zu sühnen, wenn mich eine Schuld treffen kann, daß ich ahnungslos mitgenoß."
(Fortsetzung folgt.)