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Hersfelder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger ^^^ für den Kreis Hersfeld Wider WW Wlatt

B-zugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wieder­holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage"

Zernsprech-5lnschlutz Nr. 8

Nr. 45. (erstes Statt)

Sonntag, den 22. Februar

1914.

Aus der Heimat«

):( Hersfeld, 21. Febr. Zu der demnächst in Cassel beginnenden Schwurgerichtsperiode wurden von hier und aus dem Kreise folgende Herren als Ge­schworene ausgelost: Professor Schaaff-Hersfeld, Gutspächter Dootermann-Hattenbach und Domänenpächter Rabe von Pappenheim - WilHelmshof.

):( Hersfeld, 21. Februar. Seltenes Jagd­glück hatten mehrere hiesige Herren, denen es gelang am vergangenen Donnerstag in dem Jagdrevier der Gemeinde Tann fünf Hirsche zur Strecke zu bringen. Die Tiere waren in einem starken Rudel von ca. 20 Stück aufgetreten.

§ Hersfeld, 21. Februar. Im Obst- und Ge­müsegarten beginnt jetzt bereits wieder die erste Frühjahrsarbeit. An den Obstbäumen und Beeren­sträuchern ist mancherlei auszuputzen und zu schneiden, auch den Kalkanstrich der Bäume erneuert man am besten jetzt, weil dadurch nicht nur das Ungeziefer ferngehalten, sondern auch eine etwas spätere Blüte erzielt wird, der die in jedem Frühjahr als Rück­schlag eintretenöen Nachtfröste dann weniger schaden können. Im Gemüsegarten lockert man jetzt das Erdreich. Boden, der im Vorjahre eine Düngung er­halten hat, kann in diesem Jahre ohne eine solche zweckmäßig für Erbsen, Zwiebeln usw. Verwendung finden, während man das im Vorjahre hierzu ver­wendete Stück Boden dieses Jahr mit guter Nach­düngung für Gurken, Bohnen, Kohl usw. benutzt. Man kann mit solchem jährlichen Wechsel stets eine Düngung der Hälfte des Gartenlandes ersparen, da Gemüse wie Erbsen, Zwiebeln, Lauch usw. gerade auf solchem Boden guten Ertrag liefern, der im laufenden Jahre noch nicht gedüngt ist, sondern noch von den Resten des Vorjahrs zehrt.

- h- Heimboldshausen, 21. Febr. Der hiesige Ein­wohner Tagelöhner W e n k konnte heute mit seiner Ehefrau den Tag dergoldenenHochzeit begehen. Aus diesem Anlaß wurde dem Jubelpaare ein kaiser­liches Gnadengeschenk von 50 Mark überreicht.

- ck- Widdershaufen a. d. W., 20. Februar. Am kommenden Sonntag den 22. Februar, findet in der hiesigen Kirche unter Mitwirkung des rühmlichst be­kannten, erblindeten Orgelvirtuosen Herrn Heinrich Härtung aus Eschwege ein K i r ch e n ko n z e r t statt.

-ck- Widdershausen a. d. W., 20. Februar. Vor einigen Tagen lagerte an der weimarischen Grenze zwischen Dankmarshausen und Widdershausen ein Trupp Zigeuner, der auch einige Bären mit sich führte. In nicht geringen Schrecken wurden nun die Be­wohner unseres Ortes versetzt, als dieSöhne der Pußta" unser Dorf nach einem in der Nacht ent- laufenen Bären absuchten. Man suchte und suchte und fand endlichMeister Petz" in einer Eisen­bahnschutzhütte gemütlich schlummernd. Froh über die Wiedererlangung ihres Tanzbäres zog die Truppe darauf weiter dem Werratal entlang.

- ck- Heringen a. d. W., 20. Februar. Die hiesige Gemeinde hat vor einiger Zeit beschlossen, die ge­planten Ortszulagen für die hiesigen Lehrer vorerst nicht zu gewähren.

- ck- Heringen a. d. W., 20. Februar. Die hiesige P r i v a t s ch u l e, deren Leitung sich in den Händen des Herrn Rektor Wagemann befindet, sieht ihrem baldigen Ende entgegen. Mit dem Schlüsse dieses ^chulmhres wird ihr Betrieb eingestellt werden. Das dieser Anstalt ist zu bedauern, zumal vor allzu langer Zeit die Errichtung derselben *de, umeinem dringenden Bedürfnis" avzuhelsen. Aus verschiedenen Gründen, insbesondere wegen der schlechten Frequenz der Schule, muß das Unternehmen nunmehr eingestellt werden.

Rotenburg, 20. §ebr. Prinz Christian von Hessen, der stch augenbltcklrch auf einer Auslandsreise befindet, ist rn Karro schwer erkrankt. Landgraf Chlodwig von Hesien, der Stresbruder des Prinzen, der augenblick­lich in Rotenburg weilt, rüstet sich mit seiner Mutter, Prinzessin Wilhelm, zur sofortigen Abreise nach Kairo. Der erkrankte Prinz Christian ist ein Sohn des verstorbenen Prinzen Wilhelm von Hessen aus dessen vierter Ehe mit Auguste Prinzessin zu Schles- wig-Holftein-Sonderburg-Glücksburg. Er ist am 16. Juni 1887 auf Schloß Luisenlund geboren, Oberleut­nant zur See und gehört der Linie Philippsthal- Barchfeld an.

Fulda, 19. Februar. Die Schneeschmelze in der Rhön nimmt bei eingetretenem Regenwetter so rapid zu, daß dem Fuldatal eine große Ueberschwemmung droht. Das Haunetal steht schon dermaßen im Hoch­wasser, daß der Verkehr nach Hünfeld zum Teil schon behindert ist.

Marburg, 19. Febr. Im Etatsjahre 1913 sind in der Stadt Marburg nicht weniger als 810 Strafbe- fehle gegen Studenten erlassen worden.

Marburg, 19. Februar. Mit Rücksicht auf einige unliebsame Vorkommnisse zu Fastnacht in den letzten Jahren erließ die hiesige Polizei im vorigen Jahre eine Verordnung, nach welcher am Fastnachtsdienstag um 12 Uhr Feierabendstunde für die Wirtschaften angeordnet wurde. Gerade diese Bestimmung führte jedoch zu den bekannten Tumultszenen der Studenten. Die Polizeiverordnung ist jetzt dahin abgeändert worden, daß man von der Festsetzung einer Feier- abendstunde Abstand nahm und den Wirten anheim- stellt bezw. von ihnen erwartet, die Lokale früher als sonst zu schließen.

Cassel, 20. Febr. Wegen Betruges in 953 Fällen verurteilte heute mittag die hiesige Strafkammer den Kaufmann Harry Hörle aus Wandsbek zu drei Jahren Gefängnis, 3000 Mark Geldstrafe oder weitere 300 Tage Gefängnis und vier Jahren Ehrverlust. Der Angeklagte hatte gemeinsam mit seinem Stief- sohn Hoppe aus Hamburg von Kopenhagen aus durch betrügerische Vorspiegelungen und marktschreierische Reklame zahlreiche Personen in allen Teilen Deutsch­lands zur Beteiligung an Serienlosgesellschaften ge­wonnen. Den Spielern wurden die schlechtesten Serienlose aus ganz Europa angestellt, sodaß auf un­gefähr 390 Mark Einzahlungen im besten Falle eine Mark Gewinn entstand. Dem Angeklagten erwuchsen aus diesemGeschäft" Jahreseinnahmen von 100 000 bis 120 000 Mark. Sein Stiefsohn Hoppe ist im Oktober v. Js. zu neun Monaten Gefängnis verur­teilt worden. Mit großer Mühe gelang es der hie­sigen Staatsanwaltschaft, den AngeklagtenimDezember v. J. in Genf ausfindig zu umchen und verhaften zu lassen.

Nordhausen, 20. Februar. Einer hierher gelangten Meldung zufolge wurde heute der frühere Fürstlich- Stolbergsche Forstkassenrendant Wolff aus Jlfeld, der im Sommer vorigen Jahres nach Unterschlagung von 500 000 Mark flüchtig wurde, in Dortmund verhaftet. Er war daselbst von einem Nordhausener Einwohner erkannt worden, der seine Festnahme veranlaßte.

Frankfurt a. M., 20. Februar. Bei dem städtischen Elektrizitätswerk 1 explodierte heute nachmittag eine Dampfturbine. Durch die Eisenstücke wnrden dem Ingenieur Keller aus Mannheim der linke Ober­schenkel völlig zerschmettert. Der Obermaschinist Schneider erlitt einen Schädelbruch. Die Ober­maschinisten Henne und Körte wurden gleichfalls schwer verletzt. Alle vier wurden sofort ins Kranken­haus gebracht. An dem Aufkommen des Schneider und Keller wird gezweifelt.

Gotha, 21. Februar. Im Thüringer Walde trat in der Nacht zum Freitag Schneefall ein.

Twiste, 18. Febr. Gestern wurde hier der erst 50 Jahre alte Landwirt und Familienvater Christian Stürmer, der auf bedauerliche Weise sein Leben ein­gebüßt hatte, zu Grabe getragen. Mit seinem Wagen zum Holzfahren nach dem Walde, unterwegs scheuten die Pferde, über die er die Gewalt verlor. St. war vorn Wagen gesprungen, die Pferde zu halten, stürzte nieder und die Räder gingen ihm über den Leib, wobei er innere Verletzungen, besonders an der Harnblase erlitt, die nach kaum drei Tagen den Tod zur Folge hatten.

Deutscher Reichstag.

Auf der Tagesordnung der Sitzung von Freitag stand zunächst die Anfrage des Abg. Bassermann (ntl.) nach dem Gesundheitszustände des deutschen Heeres. Generaloberarzt Hoffmann erwiderte, daß der Ge­sundheitszustand, namentlich im Hinblick auf die Vor­jahre, durchaus gut sei. Das Haus nahm diese Ant­wort mit lebhaftem Beifall auf und setzte die allgemeine Erörterung zum Marineetat fort. Abg. Baffermauu (ntl.) wünschte eine zielbewußte deutsche Politik und bezeichnete einen etwaigen Verzicht auf die errungene Seemachtstellung Deutschlands als frevelhaft. Fest­zustellen sei eine zielbewußte und stetige Entwickelung unserer Marine. Abg. Nehbel (kons.) betonte, daß ein Bündnis mit England bei den gegenwärtigen Ver­hältnissen kaum möglich erscheine. Die ruhige Durch­führung des Flottengesetzes werden am besten darin zutage treten, daß darauf verzichtet werde, beim Marineetat die auswärtige Politik aufzurollen. Ein­verstanden könne man mit der Anstellung pensionierter Marineoffiziere in kaufmännischen Betrieben sein. In der zielsicheren Amtsführung des Staatssekretärs liege eine der besten Garantieen für den Weltfrieden. (Beifall rechts.) Staatssekretär v. Tripitz erläuterte die Notwendigkeit einer Betätigung im Auslands- dienste und betonte, daß diese Betätigung infolge der

noch nicht erreichten Anzahl der Anslandsschiffe bisher nur sehr beschränkt erfolgen konnte. Eine stärkere Vertretung im Auslande sei notwendig. Er (Redner) sei fest davon überzeugt, daß daß deutsche Volk von der Notwendigkeit der Durchführung des Flotten- gesetzes durchdrungen sei. (Lebhafter Beifall.) Abg. Dr. Heckscher (fortschr.) begrüßte die deutsch-englische Annäherung, erkannte aber au, daß ein Marinefeier­jahr verhängnisvolle Folgen für die Werftarbeiter haben müßte. Die Abgg. Warmuth (Rp.) und Herzog (w. Vg.) erklärten der Marine ihr volles Vertrauen. Auf verschiedene Bemerkungen des Abg. Vogtherr (Soz.) nahm Staatssekretär v. Tripitz noch einmal das Wort und erklärte, daß in den langen Jahren seiner Amts­führung kein Rüstungsinteressent irgendwelchen Ein­fluß auf die Entschließungen des Staatssekretärs ge­habt habe. Bei der Untersuchung anläßlich des Kruppprozesses sei nichts herausgekommen. Auf den Flottenverein habe er (Redner) gar feinen Einfluß. Die Angriffe des Abg. Vogtherr seien ungerecht. Daß der Verein für die Flotte agitiere, sei ja sein Zweck. (Beifall.) Damit endete die allgemeine Aussprache, und das Gehalt des Staatssekretärs wurde bewilligt. Nach kurzer Einzelberatung trat Vertagung auf Sonnabend ein: Fortsetzung.

Abgeordnetenhaus.

Bei der Fortberatung des Etats des Ministeriums des Innern am Freitag griff Abg. Leinert (Soz:) wiederum die Polizeibehörden an; die Essener Polizei habe sich der Bestechung bezichtigen lassen, ohne da­gegen aufzutreten. Wenn das Haus den sozialdemo- kratischen Antrag auf Untersuchung ähnlicher Miß- stände ablehne, decke er das verbrecherische Treiben der Polizei. Präsident Graf Schwerin erteilte dem Redner einen Ordnungsruf für diese Worte, die die Rechte des Hauses in starke Unruhe versetzt hatten. Abg. Frank (Ztr.) bat die Regierung um scharfe Durch­führung der Reformen bei der Kölner Polizei. Dies sagte Ministerialdirektor Freund zu und ebenso eine Nachprüfung der Auswanderungsvorschriften anläßlich des Mädchenhändlerprozeffes in Myslowitz. Auf diesen Prozeß ging Abg. Korfanty (Pole) erneut ein. Auch er erhielt einen Ordnungsruf, als er von der Polizei als gemeinen Verbrechern sprach, die mit den Mädchenhändlern gemeinsame Sache gemacht hätten. Ministerialdirektor Freund erklärte, auf Grund der Rede eines Abgeordneten könne man noch keinen Beamten suspendieren, dazu müßten die Akten nach­geprüft werden. Abg. Dr. Flesch (Fortschr.) wünschte eine Aenderung des Gemeindeverwaltungsprinzips, um den Mißständen in der Polizei zu begegnen. Der sozialdemokratische Antrag wurde abgelehnt. Ange­nommen wurde der konservative Antrag über neu- vorpommersche Stadtrezesse. Nach kurzer Debatte wurde ein Antrag auf Verstaatlichung der Distrikts­ämter in Posen der Budgetkommission überwiesen. Abg. Hammer (kons.) brächte dann eine Reihe von Wünschen der Landgendarmerie vor. Die Dienstaus­wandsentschädigung wäre zu gering, auch müßten die Beamten Eisenbahnfreifahrkarten und die Berechtig­ung zum Tragen von Zivil an dienstfreien Tagen erhalten Im gleichen Sinne äußerten sich die Abgg. Hengsberger (freikons.) und Delius (fortschr.). Ein Regiernngskommiffar wies auf die im Etat vorge­sehenen vermehrten Mittel zur Schaffung von Dienst­wohnungen hin. Eine Aenderung in den Bestimm­ungen der Militär-Eisenbahn-Ordnung würde den Wünschen der Gendarmen nach freier Eisenbahnfahrt gerecht werden, auch eine Erleichterung in der Kleider­ordnung stellte er in Aussicht. Beim Kapitel Allge­meine Ausgaben im Interesse der Polizei besprach Abg. P. Hoffmann (Soz.) mehrere Fälle von Polizei­spitzeln. Minister von Dallwitz bemerkte, er könne darauf nicht eingehen, denn der Abg. Hoffmann habe ihm nicht mitgeteilt, daß er derartiges besprechen würde, so habe er kein Material zur Hand. Wie jeder Staat, so könnten aber auch wir nicht eine politische Geheimpolizei entbehren. Abg. A. Hoffmann (Soz.): Wenn der Minister Schamröte besäße, müßte er rot werden, sich solcher Mittel zu bedienen. Vize­präsident Dr. Porsch rief den Redner wegen dieser Aeußerung zur Ordnung. Abg. Hirsch (Soz.) kritisierte das System der Fürsorge-Erziehung. Ein Regierungs­kommiffar betonte, daß auf das Gesindel in den Er­ziehungsanstalten meist nur Arrest- und Prügelstrafen Eindruck machten. Abg. Dr. Wuermeling lZtr.) und Abg. Dr. v. Gescher (kons.) sprachen sich für eine weitere Erhöhung der Mittel zur Förderung der Fürsorgebestrebungen für die gefährdete Jugend aus. Der Minister erläuterte besonders die Vormund­schaftsfrage. Nach weiterer kurzer Besprechung ver­tagte sich das Haus auf Sonnabend 10 Uhr. Schluß 5 Uhr.__________________________________________ -

Wechselnde Bewölkung, zeitweise Regenfälle, etwas kühler, westliche Winde.