Hersselder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
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Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage" Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 37. Freitag, den 13. Februar 1914.
Der heutigen Nummer liegt ein Amtlicher Anzeiger bei.
Bus der Heimat«
*sPro bejahrte nmitneuenTriebwagen. Die Eisenbahnverwaltung will, wie die „Eisen. Tagespost" schreibt, zur Verbesserung der Verkehrsverhältnisse auf den Thüringer Bahnstrecken die Zahl der Triebwagenzüge wesentlich vermehren und zwar will die Verwaltung versuchen, die neuen benzolektrischen Triebwagen auf den Thüringer Bahnen einzuführen und zwar an Stelle der jetzigen elektrischen Triebwagen. Um zu prüfen, ob sich diese neuen Triebwagen für die Thüringer Eisenbahnen eignen, sollen in dieser Woche auf der Strecke Bebra-Gerstungen-Eisenach- Erfurt und auf anderen Strecken Versuchsfahrten mit diesen neuen Triebwagen vorgenommen werden. Diese Wagen haben stündlich auf den Hauptstrecken 70 Kilometer (die jetzigen fahren nur 60 Kilometer) und auf steilansteigenden Gebirgsbahnen 20 Kilometer zurückzulegen. An den Versuchsfahrten nehmen eine Anzahl höhere Eisenbahnbeamte teil. Wie verlautet, sollen die neuen Triebwagen bereits in diesem Sommer auf verschiedenen Strecken eingeführt werden.
* (11. K u r h e s s i s ch e s B u n d e s s ch i e ß e n i n C a s s e l.) Seine Hoheit der Landgraf Chlodwig von Hessen hat soeben dem Casseler Schützenverein mit- teilen lassen, daß er bereit sei, das Protektorat über das 11. Kurhessische Bundesschießen zu übernehmen. In Kürze wiröeingrößerer Ehrenausschuß gebildetwerden, und da auch die staatlichen Behörden und städtischen Körperschaften dem Verein ihr Wohlwollen und Ent- gegenkommen bereitwilligst zugesagt haben, so ist die beste Grundlage *für das Gelingen des geplanten Festes gegeben.
§ Hersfeld, 12. Febr. Zur Wetterlage wird unter dem 11. Februar von der Wetterdienststelle Weilburg mitgeteilt: Die bisher sehr gleichförmige Wetterlage ist jetzt endlich in Bewegung gekommen. Seit gestern entwickelt sich bei Island eine starker Tiefdruckwirbel, der sich uns nähert, wie das jetzt eingetretene Fallen des Barometers anzeigt. Er besitzt zudem kräftige Tiefdruckausläufer. Wahrscheinlich werden ihm auch andere Wirbel bald nachfolgen. In ihrem Bereich ist dann jetzt eine längere Zeit unruhiger regnerischer Witterung bei allmählig lebhafter werdenden milden südwestlichen Seewinden zu erwarten. Wiedereintritt von Frost ist für die nächste Zeit also nicht wahrscheinlich.
):( Hersfeld, 12. Februar. In der heutigen S ch ö f f e n g e r i ch t s s i tz u n g, an der die Herren Bürgermeister Großkurth aus Unterhaun und Apotheker Drube aus Hersfeld als Schöffen teilnahmen, wurden folgende Strafsachen verhandelt: Ein hiesiger Volksschüler und ein Schlosserlehrling von hier hatten im Dezember v. Js. in der Hainstraße versucht, einer Dame das Handtäschchen zu entreißen. Der Versuch war jedoch mißglückt. Die beiden jugendlichen Angeklagten erhielten je einen Verweis. — Ein hiesiger mehrfach vorbestrafter Handlanger wurde wegen Körperverletzung zu 6 Wochen Gefängnis verurteilt. — Gegen den durch seinen Einbruchsdiebstahl bei Schade und Neuhaus bekannten Arbeiter Paul Berlinski, welcher sich gegenwärtig im Landgerichtsgefängnis in Cassel befindet und zu dem heutigen Termin hierher transportiert worden lag eine Anklage wegen öffentlicher Beleidigung, Widerstand gegen Beamte und Diebstahls vor. Das Gericht erkannte wegen dieser Straftaten auf eine Gefängnisstrafe von 6 Wochen. — Mehrere Einwohner von Sorga hatten wegen Uebertretung einer Polizeiverordnung von 1910 betreffend das • Eeurvon ungekörten Ziegenböcken zu Zuchtzwecken polizeiliche L>trafverfügungen erhalten, und gegen die- jelben Einspruch erhoben und gerichtliche Entscheidung beantragt. Während bei einem der Angeklagten die Uebertretung verjährt war, erkannte das Gericht bei den übrigen Angeklagten teils auf Freisprechung, teils auf Beibehaltung der polizeilichen Geldstrafen.
):( Hersfeld, 12. Febr. Der Kriegerverein beschloß in seiner letzten Hauptversammlung jHerrn Oberstleutnant von Rex, den Kommandeur des hiesigen Bezirkskommandos, zum Ehrenmitglied zu ernennen.
§ Hersfeld, 12. Febr. Das Garde-Schützen- B a t a i l l 0 n hat alle ehemaligen Kameraden zu seiner am 26., 27. und 28. Mai 1914 stattfindenden Jubelfeier eingeladen. Beabsichtigt wird, dem Bataillon u. a. einen bis jetzt fehlenden Fonds zum besten unterstützungsbedürftiger Oberjäger und Schützen zu stiften. Für die Provinz Hessen-Nassau sind Anmeldungen an Konstantin Reininger, Frankfurta. M., Wiesenstraße 56, zu richten.
Casfel, 11. Februar. Heimlich von ihrem Truppenteil entfernt haben sich gestern morgen zwei Musketiere, geborene Elsässer, des Infanterie-Regiments Nr. 167. Man nimmt an, daß die Soldaten von einer Nebenstation aus mit der Bahn in ihre Heimat abgefahren sind. Unteroffiziere und Gefreite waren ausgesandt worden, nach den Vermißten zu suchen, was jedoch erfolglos blieb.
Fulda, 11. Februar. Eine recht unsaubere Sache wurde gestern vor dem hiesigen Schöffengericht verhandelt. Angeklagt war der 51 Jahre alte Bäckermeister Hermann L. Günther, Lindenstraße 26 hier, wegen grober Fahrlässigkeit bei Anfertigung von Backwaren. Er ist beschuldigt, geduldet zu haben, daß der Teig statt geknetet mit den Füßen getreten worden ist, daß die Tauben auf den Brödcben herumspaziert sind u. a. m. Der als Sachverständige vernommene Kreisarzt Dr. Marx bekundet, daß die Behandlung des Mehles mit bloßen, ungewaschenen Füßen wohl bedenklich sein könne, da dadurch leicht Krankheitskeime übertragen werden sönnen; eine solche Gefahr sei aber bei Backwaren ausgeschlossen, weil die Backofenhitze alle Krankhettskeime vernichte. Die Frage der Ekelerregung beantwortete der Gutachter dahin, daß ein derartig behandeltes Mehl in der Regel für den Genuß wohl noch brauchbar sein könne, jedoch könnten empfindliche Menschen insofern an ihrer Gesundheit Schaden erleiden durch die Vorstellung, von solchem Backwerk genossen zu haben. Der Vertreter der Anklage beantragte gegen Günther eine Geldstrafe von 200 Mark bezw. für je 5 Mark einen Tag Gefängnis, das Gericht erkannte auf eine solche von 100 Mark und zur Tragung der Kosten.
Ascherode, 10. Febr. Den unehrlichen Manipulationen eines Reisenden einer Wormser Weinhandlung fielen viele hiesige Einwohner und solche der Umgegend zum Opfer. Er vertrieb Medizinalwein, wovon die Leute einige Flaschen bestellten und diese Bestellung unterschrieben, ohne eine Kopie zu erhalten. Kurze Seit darauf erhielten sie das 3—4fache des bestellten uantums in höherer Preislage. Sie verweigern die Zahlung. Die Firma droht mit Klage. Man darf auf den Ausgang gespannt sein.
Friedberg, 9. Febr. Nachdem erst in der Mittwochnacht mehrere Hunde in einer Schafhürde bei Dornassenheim zahlreiche Schafe getötet hatten, sind in der Nacht zum Sonntag abermals unter einer I Schafherde schwere Verheerungen angerichtet worden. Diesmal drangen die Hunde in einen Pferch bei Bauernheim ein und zerrissen nicht weniger als 14 Tiere. Viele andere sind schwer verletzt. Trotz aller Aufmerksamkeit gelang eS bis jetzt noch nicht, der verwilderten Tiere habhaft zu werden.
Eisenach, 10. Februar. Bei der Aufführung von Beyerleins „Zapfenstreich" im hiesigen Stadttheater wurde bei der Abgabe eines Schusses auf der Bühne die Schauspielerin Rettig im Gesicht und am Hals erheblich verletzt. Die Künstlerin mußte sich in ärztliche Behandlung begeben.
Erfurt, 9. Februar. Ein 38jähriger Arbeiter in Themar, der durch die Nase schwer atmen konnte, ging dieser Tage zum Arzt, um sich die Wucherungen, die er in der Nase zu haben glaubte, entfernen zu lassen. Der Arzt untersuchte den Mann und brächte bald aus dem Munde einen Fingerhut zum Vorschein. Der Patient erinnerte sich, in seinem vierten Jahre einen Fingerhut in den Mund genommen und verschluckt zu haben. Der Fremdkörper war aber damals nicht in die Speiseröhre gegangen, sondern hinter dem Zäpfchen in der Nasenrachenhöhle sitzen geblieben. Volle 35 Jahre hatte der Mann den Fremdkörper bei sich gehabt, der noch ganz gut erhalten ist.
Maiuz, 10. Febr. Das in der vorigen Woche vom Artillerie-Regiment Nr. 27 abgehaltene Scharfschießen hatte einen schweren Unfall zur Folge. Bei dem dichten Nebel gelangte unbemerkt ein 62jähriger Landwirt auf seinen Acker, obwohl die ganze Strecke durch Patrouillen streng abgesperrt war. Er war gerade an einem Zwetschenbaum mit dem Absägen nicht mehr tragfähiger Aeste beschäftigt, als plötzlich ein Schuß ihm den rechten Arm vollständig zerschmetterte.
Schlüchteru, 9. Febr. Die Nachricht von der be- । vorstehenden Vollendung des Distelrasentunnels macht z. Z. die Runde durch die Zeitungen. Die Verkürzung der Bahnstrecke. Bebra-Frankfurt ist gewiß 1 von allgemeinem Interesse, aber hart wird durch den Durchstich der Kreis Schlüchtern betroffen, der seine Schnellzugshaltestelle Elm verliert. Der Kreis Schlüchtern besitzt im Gegensatz zu seinen Nachbarkreisen Gelnhausen und Fulda weder Kreisbahnen noch, abgesehen vom Joßgrunö, Automobilverkehrs- inien. Daswenige was er hatte in Verkehrsbeziehung, wird ihm jetzt noch geschmälert.
| Abgeordnetenhaus.
Abg. Adolf Hoffmann (Soz.) der am Dienstag abends Vü8 Uhr seine Rede wegen Erschöpfung der Stenographen abbrechen mußte, setzte am Mittwoch um 11 Uhr seine Ausführungen fort. Wiederum behandelte er Polizei-Prozesse, bei denen angeblich Korruptionen aufgedeckt wurden. Man könne oft statt Schutzmann, Schmutzmann sagen. Nach IVs stündiger Rede endeten die Ausführungen. Unterstaatssekretär Holtz legte im Namen der Staatsregierung entschieden Protest gegen die Rede, besonders in bezug auf die Angriffe gegen den Minister ein. Das Haus habe seiner Auffassung durch Pfuirufen Ausdruck gegeben. Pfui sei ein Ausdruck des Ekels und der Verachtung. Im übrigen seien die Behauptungen des Abgeordneten Hoffmann nicht nachprüfbar. Wenn die Genossen im „Vorwärts" die Rede lesen, dann denken sie wohl, Herr Hoffmann habe mit Keulenschlägen die Regierung vernichtet, doch hätten sie keine Ahnung, wie das Material zustande gekommen sei. lLebh. anh. Beif. rechts. Unruhe links.) Abg. Graf v. d. Groeben (kons.) erklärte, daß es ihm die Würde des Hauses verbiete, auf die Rede des Abg. Hoffmann einzugehen. Mit Entschiedenheit wandte er sich dann gegen den Abg. Dr. Pachnicke, der einen Unterschied zwischen Neu- und Echtpreußen konstruieren wollte. Das Bestreben der Neupreußen des Abg. Pachnicke, die parlamentarische Macht, zu erweitern, sei zu bekämpfen. Am preußischen Wahlrecht dürfe ebensowenig gerüttelt werden wie an den Grundlagen des Reiches. — Minister von Dallwitz erklärte auf Anfrage des Abg. Graf v. d. Goeben, daß aus der schnellen t^HeNuyunß der Umsatzsteuerordnung der Staatsregierung kein Vorwurf gemacht werden könne. Die Zustimmung zum Ankauf der Herrschaft Lanke sei im Juli erfolgt, die Berliner Stadtverordnetenversammlung fei sich aber erst im September schlüssig geworden. — Abg. Fuhrmann (Natl.) geißelte ebenfalls den Mißbrauch der Redefreiheit durch die Sozialdemokratte. Das sei eine Verhöhnung des Hauses. Bei der Neuregelung der Handelsverträge müsse die Landwirtschaft Hand in Hand gehen mit dem Handel. — Minister von Dall- witz wünschte, daß der Terror der Sozialdemokratte vor allem in den Fabriken durch die Arbeitgeber bekämpft werde. In der Rheinprovinz sei schon der Versuch mit neuen Polizeivorschriften bei Streikunruhen gemacht worden. — Abg. Herold fZtr.) bemerkte, daß die Nationalliberalen keinen Anlaß hätten an der Königstreue des Zentrums zu zweifeln, bei ihm gäbe es keinen demokratischen Flügel wie bet den Nationalliberalen. Das Haus vertagte sich um 5 Uhr auf Donnerstag 12 Uhr: Fortsetzung.
Deutscher Reichstag.
Das Haus setzte am Mittwoch die Einzelberatungen des Etats des Innern fort. Zum Kapitel Biologische Anstalt für Land- und Forstwirtschaft lagen zwei Resolutionen vor. Die des Zentrums wünschte die Aussetzung einer Prämie für die Erfindung eines zuverlässigen Mittels gegen den Heu- und Sauerwurm. Die nationalliberale Resolution wünschte größere Mittel zur Erforschung und Bekämpfung tierischer Schädlinge in Land- und Forstwirtschaft. Ministerialdirektor Dr. v. Jonquieres verwies diese Wünsche an die Landesregierungen. Die Erfinder beschäftigten sich schon längst mit der Frage. Nach kurzer Erörterung wurden die Resolutionen angenommen. Es folgte eine ausgedehnte Besprechung des Kapitels Patentamt. Abg. Giebel (Soz.) forderte Schutz der mittellosen Erfinder und meinte, das neu geplante Patentgesetz mache nur schwächliche Zugeständnisse. In mehr als einstündiger Rede besprach Abg. Dr. Bell jZtr.) den geplanten Gesetzentwurf. Eine Verbesserung des Entwurfs werde hoffentlich dem erfinderischen Fortschritt die Wege bahnen. Im allgemeinen bringe er wesentliche Verbesserungen zugunsten der Angestellten. Abg. Dr. Böttger (nl.) erkannte an, daß der Vorentwurf auch nach der sozialen Seite hin Befriedigendes enthalte. Ministerialdirektor Dr. v. Jonquieres hoffte auf einen Ausgleich der Gegensätze durch den Entwurf, der im nächsten Winter eingebracht werde. Das Kapitel wurde bewilligt und das Haus wandte sich nun dem Kapitel Reichsversicherungsamt zu. Im Zusammenhang damit wurde die Denkschrift über die Rücklagen der Berufsaenofsen- schaften besprochen. Abg. Bauer iSoz.) beschäftigte sich eingehend mit der Rechtsprechung in Unfall-Ver- sicherungssachen und warf dem Reichsversicherungs- amte eine dem Sinne des Gesetzes widersprechende Rechtsprechung vor. Donnerstag: Fortsetzung.
Wetteraussichten für Freitag den 18. Februar.
Trüb, mild, südwestliche Winde.