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Hersfelder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger ^A^ für den Kreis Hersfeld

MÄr Kreirblatt

Bszugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wieder­holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage"

Zernsprech-stnschlutz Nr. 8

Nr. 36.

Donnerstag, den 12. Februar

1914

Bus der Heimat.

* Der Herr Minister der öffentlichen Arbeiten hat Folgendes angeordnet: Freiwillige Gaben aller Art, z. B. von Lebensmitteln, Kleidern, Decken, Betten, Hausgeräten, Brennmaterial, Kartoffeln, Heu, Stroh, Rüben, Saatgut, Düngemitteln usw., die zur Linderung der 9tot der durch die Ueberschwem- mungen im Küstengebiet der Ostsee betrof­fenen Bevölkerung an Behörden, gemeinnützige öffentliche Kommitees und Sammelstellen zur unent- geltlichenVerteilungandieUeberschwemmtenabgegeben werden, oder von solchen Behörden usw. zu gleichem Zwecke aus freiwillig gespendeten Geldern angeschafft und bezogen werden, werden widerruflich bis auf weiteres auf den preußisch-hessischen Staatsbahnen frachtfrei befördert. Die Sendungen sind im Frachtbriefe mit dem Vermerk zu versehen:Freiwillige Gaben für die Ueberschwemmten im Küstengebiet der Ostsee."

* (Neue Kälte in Sicht?) Der herrliche Sonnenschein, das wundervolle Frühlingswetter, das uns in der letzten Zeit beschieden war, verleitet die Menschen zu Lenzeshoffen. Aber der Wetterbericht lautet dahin, daß diese Hoffnungen schon in den nächsten Tagen zunichte werden können. Es geht über Amerika eine ungewöhnlich starke Kältewelle, die erfahrungsgemäß auch zu uns kommen wird. Nach der Meinung der Meteorologen wird es noch unge­fähr acht bis zehn Tage dauern und wir werden in Nord- und Mitteldeutschland die gleiche niedrige Tem­peratur haben wie in Amerika. Die kalte Welle ge­langt über den Ozean, wie die Erfahrungen allen gegenteiligen Beweisen zu Trotz gelehrt hat. So steht uns für die Mitte Februar und den Anfang des März kaltes Frostwetter bevor.

- r- Hersfeld, 11. Februar. Sonntag den 8. d. M. fand im Kaiserhof die Generalversammlung desEvangelischenArbeitervereins Hers­feld statt, zu der sich eine stattliche Zahl von Mit­gliedern eingefunden hatte. Der Jahresbericht, welcher der Vorsitzende, Herr Färbmeister Wolff erstattete, gab ein sehr erfreuliches Bild von der Entwickelung des Evangelischen Arbeitervereins im letzten Jahre. Ist schon der Zuwachs von 32 Mitgliedern in einem Jahre ein sichtbares Zeichen seiner Rührigkeit und erfolgreichen Arbeit, so bewiesen die größeren Ver­anstaltungen, mit denen der Evangelische Arbeiter­verein im letzten Jahre an die Öffentlichkeit trat, die vaterländischen Gedenkfeiern und Vortragsabende, der zahlreiche Besuch derselben und die dem Evan­gelischen Arbeiterverein zuteil gewordene Anerkennung für seine Darbietungen, daß er sicher darauf rechnen kann, hier immer mehr Boden zu gewinnen. In den Monatsversammlungen wurde durch Vorträge tüchtiger Sekretäre der Christlich-nationalen Arbeiter­bewegung oder durch Verlesung gediegener Artikel über zeitgemäße Fragen für Belehrung gesorgt, während die Ausflüge mit den Familien an Sonn­tagen im Sommer eine Anregung für Herz und Ge­müt brachten. Mit besonderem Dank gedachte der Vorsitzende der Verschmelzung des früher hier be­stehenden Arbeitervereins mit dem jetzigen. Nach vorhergegangenen Verhandlungen löste sich der alte Arbeiterverein am 31. Oktober auf und übergab sein ganzes Inventar, namentlich sein schönes Banner und sein Barvermögen dem neuen Verein, der da­durch auch eine finanzielle Stärkung erfuhr. Die Rechnungsablage des Kassenwarts, Herrn Glebe, sowie das Ergebnis der Prüfung durch die gewählten Revrsoren zeigte ein erfreuliches Wachstum der Lerstungsfähigkeit des Vereins. Auf Antrag des Vorsttzenden wurde beschlossen, eine Auskunftstelle für Versicherungswesen hier einzurichten, durch welche die Arbecker zur Geltendmachung ihrer Ansprüche auf Renten Rat und Belehrung unentgeltlich erhalten können. Sodann fand eine eingehende Besprechung über den Verbandstag der Kurhessischen Arbeiter­vereine statt, welcher in diesem Jahre, voraussichtlich im September, hier abgehalten wird. Ein zu diesem Zweck gewählter Festausschuß soll zeitig mit dem Verbandsvorstand der Evangelischen Arbeitervereine Kurhessens die Festsetzung der Zeit und Ordnung für diese Tagung vereinbaren und alsdann hier die nötigen Vorbereitungen treffen. Schließlich berichtete Herr Branöau über die öffentlich rechtliche Lebens­versicherung, über den Vertrag des Kurhessischen Ver­bandes Evangelischer Arbeitervereine mit dieser An­stalt, die den Arbeitern aus einer Versicherung bei dieser Organisation erwachsenden Vorteile und em­pfahl den Mitgliedern den Abschluß von Versicherungen mit warmen Worten. Damit war die Tagesordnung erledigt, und die Generalversammlung konnte um Mitternacht geschlossen werden.

) :( Hersfeld, 11. Febr. Im Monat Januar ü. I. wurden beim hiesigen Standesamt 7 Ehen

geschlossen. Zum Aushang gelangten 15 Aufgebote. Die Zahl der Geburten belief sich auf 20 und zwar 12 männlichen und 8 weiblichen Geschlechts. Hiervon entfallen auf die Stadt Hersfeld 18 und auf die Gemeinden Kalkobes und Heenes je eine. Die Zahl der Sterbefälle einschließlich Totgeburten belief sich auf 16 und zwar 11 männlichen Geschlechts und 5 weiblichen Geschlechts. Auf die Stadt Hersfeld ent­fielen 12, auf die Gemeinde Heenes 1, während im hiesigen Landkrankenhause 3 verstorben und aus­wärtigen Gemeinden angehören.

- b- Heringen, 10. Febr. Am vergangenen Sonn­abend, den 7. d. Mts. veranstaltete der Flottenverein (Ortsgruppe Heringen) einen Kinoabend. Vor Beginn der Vorführungen legte der Vorsitzende der Ortsgruppe, Herr Lehrer Einschütz hier, den Er­schienenen in kurzen klaren Worten den Zweck und die Ziele des Flottenvereins dar und brächte dabei ein Hoch auf den Kaiser aus. Es wurden eine An­zahl Films über Flotten und auch andere interessante Sachen vorgeführt. Der GesangvereinLiederkranz" Heringen und Gesangverein Leimback verschönerten noch den Abend durch patriotische Liedervorträge. In erfreulicher Weise begnügte sich damit das überaus zahlreich erschienene Publikum. Es wäre sehr er­wünscht, einen Kinoabend recht bald zu wiederholen.

Rotenburg a. Fulöa, 10. Febr. Das altrenom­mierte Gasthaus zum Weidenberg ging heute durch Kauf in den Besitz des Gastwirts Carl Hackelbörger aus Cassel über. Der Kaufpreis beträgt 37 500 Mark.

Lauterbach, 9. Februar. In dem Gg. Krömmel- bein'schen Dampfsägewerk dahier erstickte der 35jährige Arbeiter Merrtin aus Maar dadurch, daß er in einen großen trichterförmigen Kasten, der mit Sägemehl angefüllt war, hineinstürzte, wobei ihn das nach- rutschende Sägemehl verschüttete. Ehe Hilfe zur Stelle kam, war der Tod bereits eingetreten.

Lengenfeld «. St., 9. Februar. Vorgestern ver­unglückte der Knecht Montag beim Holzfuhren dadurch, daß er unter den schwerbeladenen Wagen geriet und ihm beide Beine überfahren und stark zerquetscht wurden. Der Bedauernswerte liegt im Krankenhause schwer darnieder.

Marburg, 9. Febr.. In der Nacht zum Samstag wurde im nahen Ockershausen der Bürgermeistersohn auf seinem Hofe von einem maskierten Manne über­fallen und schwer verletzt. Dank der sofort in An­spruch genommenen Tätigkeit des hiesigen Polizei­hundes gelang es einen der Tat verdächtigen Mann zu ermitteln.

Schnellrode bei Spangenberg, 11. Febr. Einem Gaunerstreich nach Köpenicker Art fiel der hiesige Gastwirt zum Opfer. Vor einigen Tagen trat ein gutgekleideter Herr mit dem Koffer in der Hand bei ihm ein und erklärte, er sei Regierungsbeamter und beauftragt, die Einrichtungen der Wirtschaft, besonders den Zustand der Fremdenzimmer, zu kontrollieren. Den gerade in der Wirtschaft anwesenden Bürger­meister bat er, ihm dabei zur Seite zu stehen. Nun wurde alles besichtigt, besonders gründlich die Frem­denbetten, die als nicht entsprechend bezeichnet wurden. In solchen Betten mit solch schlechter Bettwäsche kann kein Reisender schlafen", erklärte der Regierungs­beamte und drohte mit Konzessionsentziehung. Der Wirt, in tausend Aengsten, bat weh- und demütig um Milde und Gnade und versprach, bessere Sachen baldigst zu beschaffen. Der Kontrolleur ließ nun auch noch einmal Gnade für Recht ergehen und sagte, daß er die Bettwäsche gleich mitgebracht habe und sie ihm verkaufen sollte. Der befangene, um nicht zu sagen dumme Wirt, fiel auch darauf hinein und kaufte ihm für bares Geld für über 80 Mk. Ware ab, die noch nicht einmal den dritten Teil wert ist. Nachdem der Regierungsbeamte das gute Geschäft gemacht hatte, entfernte er sich schleunigst. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Vor dem Gauner sei gewarnt.

Abgeordnetenhaus.

Das Preußische Abgeordnetenhaus beriet am Dienstag zunächst die Zentrumsinterpellation über den Straßenunfall der beiden Reichstagsabgeordneten, in der die Regierung gefragt wurde, wie sie den Ge­fahren begegnen wolle, die durch den gesteigerten Automobilverkehr entstehen. Abg. Freih. v. Stein- äcker-Trier (Ztr.) begründete die Interpellation. Der Fußgänger müsse endlich die Straßen passieren können, ohne in Lebensgefahr zu kommen. Die Autoführer fahren meist mit einer größeren, als der erlaubten Geschwindigkeit. Minister des Inner« v. Dallwitz verneinte, daß die Zahl der Unfälle prozentual zur Bevölkerungsziffer gestiegen sei. Eine Revision der Ausführungsbestimmungen zum Kraftwagenverkehrs­

gesetz sei bereits in Angriff genommen worden. Daß mehr Kraftdroschken an den Unfällen beteiligt seien, als andere Fuhrwerke, finde seine Erklärung darin, daß diese den ganzen Tag im Verkehr seien. Die Regierung würde bemüht bleiben, den Verkehr in die Bahnen der Sicherheit zu lenken, auf die das Pub­likum berechtigten Anspruch habe. Abg. Dr. v. Gefcher (kons.) bekannte sich, obgleich er Automvbtlbesitzer sei, durchaus zu den Ausführungen des Abg. v. Steinäcker. Von konservativer Seite sei schon früher auf das Automobil-Unwesen hingewiesen worden. Die konser­vative Fraktion habe das Vertrauen zur Staats­regierung, daß sie den Mißstänöen erfolgreich steuern werde. Abg. Just (natl.) meinte, die bestehenden Vor­schriften genügten zur Regelung des Verkehrs, wenn sie richtig angewandt würden. Abg. Rosenow (Fortschr.) führt Klage darüber, daß die königlichen Automobile vielfach ein zu schnelles Tempo anlegten. Nach kurzen weiteren Bemerkungen der Abgg. Hofer (Soz.), von Trampzinski (Pole), Frhr. v. Steinäcker-Trier (Ztr.) schloß die Besprechung. Es folgte die Fortsetzung der Beratung des Etats des Ministeriums des Innern. Staatsminister v. Dallmitz ging auf die gestrige Rede des polnischen Abg. Dr. v. Seyda ein. Die Anwendung des Enteigungsgesetzes sei durch den Terror der Polen veranlaßt worden, die ihre Landsleute ver­hinderten, ihre Güter an Deutsche zu verkaufen. Zum Fall Jagow bemerkte der Minister, daß es Sache der Vorgesetzten sei, wie sie sich mit ihren Beamten aus­einandersetzen, das entziehe sich dem Recht der Par­lamente. Der Beamte dürfe nicht abhängig sein von parlamentarischen Strömungen. Abg. Adolf Hoffmann (Soz.) behauptete, die Kirchenaustrittsbewegung sei auf eine allgemeine Unzufriedenheit zurückzuführen. Am Geburtenrückgang sei die Zollpolitik schuld, die die Lebensmittel verteure. Bei einer Kritik der wechselnden Minister sagte der Abg. Hoffmann, er wisse nicht, ob der jetzige Minister die Nummer 175 trage. (Lebhafte Pfuirufe bei den bürgerlichen Parteien. Vizepräsident Dr. von Krause rügte diesen Ausdrucks Schließlich vertagte sich das Haus auf Mittwoch 11 Uhr.

Deutscher Reichstag.

Der Reichstag stimmte am Dienstag zunäckst dem Antrag von Graefe (kons.) zu, die für die Kalipropa­ganda in San Francisco ausgesetzte halbe Million für allgemeine Auslandspropaganda zu verwenden und setzte dann die Besprechung über das Kapitel Reichsgesundheitsamt fort. Abg. Meyer-Celle (nl.) begründete eine Resolution, die Erhebungen über den Gesundheitszustand der Arbeiter in der Groß- eisentndustrie wünschte. Abg. Büchner (Soz.) wünschte reichsgesetzliche Regelung des Hebammenwesens, während Abg. Krings (Ztr.) die Staubplage auf dem Lande, verursacht durch Automobile, beklagte. Ministerialdirektor Lewald antwortete, daß zahlreiche Versuche, die Landstraßen zu teeren, angestellt worden seien. Jedoch sei die allgemeine Teerung mit großen Kosten verbunden. Abg. Dr. van Calker (nl.) empfahl seine Resolution, die die Aufstellung allgemeiner Grundsätze zur Regelung der Arbeits- und Rechts­verhältnisse des Krankenpflegepersonals wünschte. Abg. Lenbe (fortschr.) wünschte Erleichterung der Quarantänevorschriften für die Schlachtvieheinfuhr und nannte das, was von dem preußischen Land­wirtschaftsministerium komme volksfeindlich. Abg. Frommer (kons.) begründete eine Resolution, für die wissenschaftliche Erforschung der Maul- und Klauen­seuche weitere größere Mittel in den Etat für 1914 einzustellen. Die Seuche habe in den 24 Jahren von 18871910 ungeheure Ausdehnung gewonnen. Leider sei der Grenzschutz nicht ausreichend. Zu bedauern sei auch, daß die Bemühungen, den Seuchenerreger zu finden, so wenig Erfolg hatten. Präsident des Reichs- gesundheitsamtes Dr. Bumm teilte mit, daß Vorbe­reitungen zur einheitlichen Regelung der Hebammen- ausbildung getroffen seien. Anerkannt müsse werden, daß auf dem Gebiete der Wöchnerinnenfürsorge Ver­besserungen erzielt wurden. Die Wünsche auf weitere Absperrungen usw. bei der Maul- und Klauenseuche müsse er an das preußische Ministerium verweisen. Die Abschlachtung verseuchter Tiere sei zwar eine einschneidende Maßregel, aber einer solchen Gefahr gegenüber müsse das Interesse des Einzelnen zurück- stehen. Sobald größere Mittel zur Verfügung stehen, werde die wissenschaftliche Erforschung mit allem Nach­druck betrieben. (Beifall.) Nach weiterer kurzer Er­örterung vertagt dasHausdieFortsetzungauf Mittwoch.

Wetteranssichte« für Donnerstag den 12. Februar.

Trübe, zeitweise Niederschläge, milde frische Winde.