Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
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Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage" Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 34, Dienstag, den 10. Februar 1014.
Bus der Heimat«
* Eine für Lehrherren wichtige Ent - schetdung hat das Kammergericht getroffen. Der Schmiedemeister B. hatte einen Lehrling aus der Fortbildungsschule zu Hause behalten, weil in Eile vier Pferde beschlagen werden mußten, die versandt werden sollten. Er hatte sich deswegen vor dem Strafrichter zu verantworten. Die Strafkammer sprach ihn in der Berufungsinstanz frei, weil sie für sestgestellt erachtete, daß der Meister die Hilfe des Lehrlings bei der Arbeit brauchte und daß Ersatz für ihn in der Eile nicht zu beschaffen war. Das Kammergericht hob, wie das „Cass. Tgbl." meldet, das Urteil auf und verurteilte den Angeklagten zu der niedrigsten Geldstrafe. Nach der Gewerbeordnung (§ 127) hat der Lehrherr den Lehrling zum Besuck der Fortbildungsschule anzuhalten und den Schulbesuch zu überwachen. Nach der Rechtsprechung des Kammergerichts ist die Ansicht, daß der Lehrherr durch § 127 nicht gehindert sei, den Lehrling vom Schulbesuch zurückzuhalten, wenn ihm die Hilfe bei einer sehr eiligen Arbeit unentbehrlich ist, falsch. So ist die Rechtslage auch dann zu beurteilen, wenn das in Betracht kommende Ortsstatut bestimmt, daß aus dringenden Gründen für einzelne Stunden ein Lehrling vom Schulbesuch befreit werden kann. Dringende Gründe im Sinne eines solchen Ortsstatuts sind nur solche, die in der Person des Lehrlings liegen. Das Ortsstatut sagt nun allerdings, daß ein Lehrling ausnahmsweise aus für den Arbeitgeber dringenden Gründen von der Schule ferngehalten werden dürfe. Aber in einem solchen Falle müsse rechtzeitig die Genehmigung des Schulleiters eingeholt werden. Letzteres sei hier unterblieben und deshalb habe die Verurteilung eintreten müssen.
- ö- Hersfeld, 9. Februar. Der Verein „gegen Verarmung und Bettelei" hielt am 2. ö. M. seine diesjährige Jahresversammlung im evangelischen Vereinshause ab. — Zunächst wurde die Rechnung über die Einnahmen und Ausgaben vom abgelaufenen Bereinsjahr vom Kassierer vorgetragen. Wenn auch die Einnahme an Mitgliederbeiträgen — was in dem Verziehen und Ableben von Mitgliedern seinen Grund hatte —, die der Vorjahre etwas zurückgeblieben war, so hat der Verein ebenso segensreich wie früher gewirkt. An hiesige würdige und bedürftige Arme konnten an Gelöunterstützungen 319,20 Mk. und an Arme Durchgereiste 30,45 Mk. gezahlt werden. An Naturalunterstützungen sowie zur Weihnachtsbe- scheerung wurden insgesamt 217 Mark verausgabt. Mit diesen Beträgen hat der Verein wiederum manche Not in hiesiger Stadt gelindert, wie es ja das Bestreben desselben ist, solches auch künftighin zu tun. Um dieses aber zu ermöglichen, ist derselbe angewiesen, an die Mitbürger unserer Stadt die Bitte zu richten, ihn hierbei durch Mitgliederbeiträge tatkräftig zu unterstützen. In den nächsten Tagen wird mit dem Einsammeln derselben begonnen werden und wäre es sehr zu wünschen, daß die dem Verein noch fernstehenden von auswärts in den letzten Jahren hierher verzogenen Herrschaften, welchen die segensreiche Einrichtung des Vereins gleichfalls zu Gute kommt, ebenwohl durch ihren Beitritt unterstützten. — Zweiter Punkt der Tagesordnung betraf Wahl von 2 Rechnungsprüfern. Dieselbe fiel auf die Herren: Pfarrer Gonner- mann und Rentner Hrch. Gesing. Dritter Punkt der Tagesordnung bildete die Neuwahl des Vorstandes. 77 Mittelst Zurufs wurden einstimmig wiedergewählt
Herren Superintendent Feyerabend, Pfarrer Scheffer, Pfarrer Gonnermann, Fabrikant Hermann Braun, Rentner Hrch. Gesing und Hospitalverwalter Demme. — Neugewählt Herr Pfarrer Lieberknecht. — Hieraus wurden die seit der letzten Sitzung des Verems auf schriftlichen Wegen bewilligten Unterstützungen vorgetragen und Anträge der Helferschaft entgegengenommen.
- t- Hersfeld, 9. Febr. Der Beamtenverein hielt am vergangenen Sonnabend seine diesjährige Generalversammlung ab. Nachdem einige Vereinsangelegenheiten erledigt waren, gab der Vorsitzende den Jahresbericht bekannt, aus dem besonders der Zuwachs an neuen Mitgliedern mit Befriedigung ausgenommen wurde. Der hierauf vorgebrachte Kassenbericht zeigte, daß trotz der bedeutenden Mehrausgaben, im vergangenen Vereinsjahr die Kasse im allgemeinen noch ziemlich günstig steht. Nachdem die Revisoren erklärt hatten, daß die Kasse ordnungsmäßig und gut geführt sei, wurde dem Kassierer Entlastung erteilt und ihm der Dank für seine Arbeit ausgesprochen. Die Vorstandswahl ergab keine Aenderung, nur wurde für Herrn Otto, der die Kassengeschäfte entgiltig übernahm, Herr Schumacher als Beisitzer neu gewählt. Der Vorsitzende machte einige Ausführungen bez. des Familienfestes. (Beschluß hierüber im Inseratenteil.) Herr Lohrmann
dankte dem Vorstand für die geleistete Arbeit und bat, auch im neuen Vereinsjahr dieselbe Tätigkeit zu entfalten. Einige unrichtige Behauptungen bez. der letzten Stadtverordnetenwahl wurdenvom Vorsitzenden und einigen Anwesenden richtig gestellt.
):( Hersfeld, 9. Februar. Einen schweren Sturz tat gestern ein Arbeiter in der Breitenstraße, der des guten zu viel getan hatte. Der Mann trug stark blutende Verletzungen davon.
):( Hersfeld, 9. Februar. Eine mit Freuden zu begrüßende Einrichtung hat die hiesige Genossenschaft freiwilliger Krankenpfleger im Kriege getroffen. Der Genossenschaft war s. Zt. durch Herrn Kommerzienrat Fritz Rechberg hier in hochherziger Weise die Mittel zur Beschaffung einer fahrbaren Krankentrage zur Verfügung gestellt worden. Da diese Krankentrage jetzt beschafft worden ist, so hat die Genossenschaft hier am Marktplatz 27 eine Unf allmelde st elle eingerichtet, die unter Nr. 156 an das Fernsprechnetz angeschlossen worden ist. Dieselbe ist für Jedermann in Stadt und Land jederzeit zur Hilfeleistung bereit.
):( Hersfeld, 9. Februar. In der Nacht vom Freitag zum Sonnabend wurden einem hiesigen Einwohner fünf Kaninchen aus dem Stall entwendet und an Ort und Stelle geschlachtet. Gestern wurden nun drei dieser Tiere von Kindern in der Geis und eins inmitten der Stadt in einer Seitenstraße gefunden. Das fünfte Tier ist noch nicht ermittelt. Jedenfalls haben die Diebe aus Furcht vor Entdeckung die Tiere weggeworfen.
):( Hersfeld, 9. Februar. Gestern nachmittag gegen 4 Uhr entstand in dem oberhalb der Hamburger Hütte gelegenen F i ch t ü e st a n d e i n B r a n d, der in dem dürren Gras rasend weiter griff. Nur dem tatkräftigen Eingreifen einiger Spaziergänger war es zu danken, daß das Feuer gedämpft werden konnte, bevor es größeren Schaden anrichtete.
Gersfeld, 8. Februar. Bei den heute von dem Wettläuferverband mitteldeutscher Sktvereine in der Rhön veranstalteten Wettläufen errang im Patrouillen- lauf (25 Km.) den Sieg die 11. Komp. des Jnf.-Regts. 32 in Meiningen mit 3 Std. 48 Min. 15 Sek.,- im Langlauf (12 Km.) 1. Klasse: Böhm-Hennes mit 1 Std. 13 Min. 23 Sek. (längste Zeit 1 Std. 50 Min. 27 Sek.), 2. Klasse: Pfeil (Frankfurt a. M.) mit 1 Std. 13 Min. 58 Sek. (längste Zeit 1 Std. 44 Min. 11 Sek.) Beim Sprunglauf sind fast alle 14 Springer gestürzt. Der bisher bestehende Rekord wurde nicht geschlagen.
Kleinsassen, 6. Februar. Am 4. ü. M. fuhr ein Bauersmann von Vorderstellberg mit dem Schlitten durch Kleinsassen, die Dorfarme Gertrud Schmidt, eine 78 Jahre zählende Frau, die schwerhörig ist, lief auf die Straße. Als der Schlitten sie erreicht hatte, stürzte sie vor Schreck hinterrücks vor die Pferde. Diese bäumten hoch auf, als sie plötzlich angehalten wurden und traten auf der Armen mehrmals herum. Der Gertruöe Schmidt ist dabei ein Arm dreimal, der andere Arm einmal, ein Bein zweimal, das andere einmal gebrochen, und das Knie verrenkt, außerdem das Nasenbein und der Oberkiefer zweimal gebrochen worden. Ob die Frau mit dem Leben davon kommt, ist sehr fraglich. Den Lenker des Schlittens trifft keinerlei Verschulden.
Cassel, 7. Februar. Radium im Werte von 82 000 Mark ließ vor einigen Tagen der Direktor des Landkrankenhauses in Fulda im Beisein hiesiger Aerzte im städtischen Untersuchungsamt hier verwiegen. Die schwierige Arbeit wuroe, wie die „Hess. Post" meldet, im Verlaufe von 7 Stunden erledigt. Wegen der enormen Strahlung des Radiums mußten besondere Vorsichtsmaßregeln angewendet werden. Die ver- wogenen, an Gewicht so geringen Mengen des kostbaren Stoffes wurden in Silberröhren eingeschmolzen, um sie auf diese Weise leicht und sicher in den Körper krebskranker Personen einführen zu können.
Abgeordnetenhaus.
Das preußische Abgeordnetenhaus führte am Sonnabend die Beratung des Justiz-Etats fort. Die Abgg. Drinnenberg (Ztr.) und Mathis (Natl.) wünschten eine Besserstellung der Kanzleisekretäre. Abg. Dr. Cremer (Natl.) sprach sich für Einschränkung des Hilfs- richterwesens aus. Ihm entgegnete Justizminister Dr. Beseler, daß der Etat neue Richterstellen vorsehe, womit hoffentlich viel gebessert werden könne. Ueber die anderweitige Organisation der Gerichte im Jn- dustriebezirke schwebte bereits Erwägungen. Abg. Wildermann (Ztr.) beantragte, auf die Errichtung eines Landgerichts in Recklmgshausen Bedacht zu nehmen. Die Abgg. Hasenclever, Dinstage, Brust (Ztr.) sprachen sich ebenfalls dafür aus. Abg. Hne (Soz.) wünschte überhaupt eine stärkere Vermehrung der Gerichte im Industriegebiet. Abg. vou Gescher
(kons.) hielt namentlich auf die schnelle Erledigung von Streikausschreitungen die Vermehrung der Gerichte für notwendig. Die Wahl der Orte könne man der Regierung überlassen. Abg. Mathis (Natl9 ersuchte in den nächsten Etat Mittet einzustellen für Verbesserung der Dienstgebäude in Frankfurt a. d. O. Die Errichtung eines Amtsgerichts in Gevelsberg beantragte Abg. Dr. Crüger (fortschr.). Der Justizminister sagte möglichste Berücksichtigung dieser Wünsche zu. Abg. Dr. Becker (Ztr.) wünschte im Interesse der ländlichen Bevölkerung des Siegkreises eine Dezentralisation der Gerichte. Abg. von Bonin- Stormarn (freik.) erbat ein zweites Amtsgericht in der Umgebung Reinbecks. Abg. Dr. Liebknecht (Soz.) versuchte den Fall der angeblich unschuldig verurteilten Witwe Hamm in Flandersbach aufzurollen. Das sei nicht mehr bei der Einzelberatung zulässig, erklärte Vizepräsident Dr. Krause und rief den Avg. Dr. Liebknecht mehrmals zur Sache. Auf Befragen erklärte sich das Haus gegen die Besprechung von Einzelfällen. Das könne nur in der Generaldebatte geschehen. Unter heftigen Pfuirufen und Lärm nahmen die Sozial- demokraten das Ergebnis der Abstimmung entgegen. Vizepräsident Dr. Krause rief dafür die Abg. Hofer, Paul und Adolf Hoffmann, Ströbel und Hänisch (Soz.) zur Ordnung. Abg. Dr. Liebknecht (Soz.), der mit den Worten die Tribüne verließ: Sie haben sich zur Krupp-Korruption bekannt, wurde gleichfalls zur Ordnung gerufen. Abg. Braun (Soz.) versuchte ebenfalls, einzelne Fälle von Klassenjustiz zur Sprache zu bringen. Nach langer, ziemlich erregter Geschäftsordnungsdebatte lehnte das Haus dies ab. — Daraufhin begründete Abg. Dr. Liebknecht (Soz.) einen Antrag, der den Minister ersuchte, den Staatsanwalt anzuweisen, die Witwe Hamm in Flandersbach aus der Haft zu entlassen. Der Justizminister erklärte, daß die Regierung einen solchen Antrag nicht annehmen könne, denn er bedeute nicht nur einen Eingriff in die Exekutive, sondern auch in die verfassungsmäßigen Rechte des Königs. Ueber Schuld oder Unschuld habe allein das Gericht zu entscheiden. Abg. Grundmann (kons.) bat, den Antrag abzulehnen, da er einen Druck bedeute uud das Abgeordnetenhaus ja nicht in der Lage sei, das Urteil und das Material nachzuprüfen. Gegen den Antrag sprachen ferner die Abgg. Dr. Ehlcrs (Fortsch.) und Jtschert (Ztr.), Gottschalk (natl.). Der Antrag wurde abgelehnt. Die Anträge auf Errichtung neuer Amtsgerichte im rheinischwestfälischen Industriegebiet wurden der Justizkommission überwiesen. Nach weiterer kurzer Debatte, die nur Sonderwünsche zutage förderte, wurden mehrere Titel bewilligt und der Justiz-Etat erledigt. Montag 11 Uhr: Etat des Innern. Schluß 5 Uhr.
Deutscher Reichstag.
Der Reichstag setzte am Sonnabend die Einzelberatung des Etats des Innern mit der Besprechung der Ausführung des Kaligesetzes fort. Dazu lag ein Antrag der Konservativen, des Zentrums und der Nationaliberalen vor, den Fonds zur Hebung des Kaliabsatzes, den die Kommission bereits um 900 000 Mark erhöhte, um weitere 500 000 Mark zu erhöhen, den von der Kommission gewünschten Betrag von 500 000 Mark für Propagandazwecke in San Franzisko aber zu streichen. Abg. Sachse (Soz.) forderte eine Kaligesetznovelle und sprach von Umgehungen des Gesetzes, die der Herzog von Gotha begangen habe, was man einen Betrug nennen müsse. Präsident Dr. Kaempf rief den Redner deshalb zur Ordnung. Unterstaatssekretär Richter besprach den angeblichen Betrugsfall und betonte, daß sich die herzogliche Verwaltung in gutem Glauben befunden habe. Eine Novelle zum Kaligesetz werde in allernächster Zeit dem Hause zugehen. Die Verstaatlichung der Werke wäre zurzeit sehr schwierig. Abg. Krix (Ztr.) trat für eine Erhöhung derMittel für die Auslandspropaganda ein. Auch im Inland sei eine enorme Steigerung des Absatzes zu erwarten. Der Reichstag dürfe sich jedoch nicht die Kontrolle über die Propaganda aus der Hand winöen lassen. Abg. Dr. Bärwinkel (natl.) betonte die Notwendigkeit, die Kaliindustrie konkurrenzfähig zu erhalten. Abg. Gotheim (fortsch.) bezeichnete es als unmögliche Aufgabe, im Reichstage die Verwendung der Propagandagelder vorzunehmen. Abg. o. Brock- Hansen (kons.) stimmte dem Anträge zu und legte Verwahrung gegen die Behauptung ein, daß seine Freunde sich vom Kalisyndikatbeeinflussen ließen. Der Verteilungsstelle könne man danken für ihre Tätigkeit. Nach weiterer kurzer Debatte schloß die Erörterung. Die Abstimmung wurde auf Montag verschoben. Montag Fortsetzung.
Wetteraussichte« für Dienstag den 10. Februar.
Zunächst heiter, Nachtfrost, später Trübung, Erwärmung, meist trocken.