Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger ^^^ für den Kreis Hersfeld
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Nr. 82. Sonnabend, den 7. Februar 1914.
Bus der Heimat«
* (D i e Ferienordnung für Hessen- Nassau für das Schuljahr 1914/15.) Auf Grund der neuen Ferienordnung vom 6. November 1913 sind die Ferien in den Volks-, mittleren und höheren Schulen für das Schuljahr 1914/15 in der Provinz Hessen-Nassau wie folgt festgesetzt: Für den Regierungsbezirk Cassel (mit Ausnahme der Stadt Marburg), das Fürstentum Waldeck und die Städte Frankfurt a. M., Dillenburg, Herborn, Homburg v. d. H., Oberursel, Usingen und Weilburg Ostern 1914: vom 4.—21. April, Pfingsten: vom 29. Mai bis 5. Juni, Sommerferien: 3. Juli bis 4. August, Herbstferien: 29. September bis 15. Oktober, Weihnachten: 23. Dez. bis 5. Januar 1915, Ostern 1915: Vom 31. März ab.
8 Hersfeld, 6. Febr. Der Turnverein Hersfeld läßt es sich in ganz besonderem Maße angelegen sein, die Jugendpflege zu fördern und hat für dieses Jahr daher eine Reihe von Jugendwanderungen, Kriegsspielen usw. vorgesehen. Der erste Turngang, der mit einem Geländespiel verbunden ist, findet am Sonntag den 22. ö. Mts. statt und in der letzten Nummer der Gauzeitung fordert der Bezirksturn- wart, Herr Bernh. Andree, mit folgenden Worten zur Beteiligung an demselben auf: „Liebe Turnge- nossen! Sonntag den 22. Febr. d. Js. wollen wir einen Turngang, verbunden mit einem Geländespiel unternehmen. Der Gedankengang dieses Spiels soll kurz gesagt, etwa folgender sein: Ein feindlicher Luftkreuzer fährt an dem besagten Sonntag über unsere Gegend hinweg. Plötzlich beobachten wir, daß sich der Ballon über dem Wald bei Kohlhausen immer mehr und mehr senkt und schließlich dicht vor der sogenannten „Kerspenhäuser Kuppe" ganz in dem Walde zu einer Notlandung niedergeht. Die Turnvereine des Turn- bezirks Hersfeld sollen sich nun aufmachen, um den Ballon nebst Besatzung aufzusuchen und gefangen zu nehmen. Der Ballon wird markiert durch eine weiße Flagge, welcher etwa 15 Mann mit weißen Armbinden beigegeben sind. Die Aufsuchung dieser soll planmäßig folgendermaßen vor sich gehen. In Hersfeld versammeln sich pünktlich um 1 Uhr mittags an der Post die Turner von Hersfeld, Kalkobes, Friedlos, Mecklar, Meckbach und wunschgemäß Blankenheim und marschieren über Kohlhausen nach der Kerspenhäuser Kuppe. Die Turner von Niederaula, Nieöer- jossa und Breitenbach a. H. versammeln sich um V-2 Uhr mittags am Bahnhof in Niederaula und marschieren über Mengshausen, erst weit nach Süden ausholend, durch den Wald nach der Kerspenhäuser Kuppe. Die Turner von Unterhaun, Eitra und Wehrda versammeln sich um 2*/2 Uhr mittags in Holzheim und marschieren von hier aus aufklärend gegen die Kerspenhäuser Kuppe vor. Welche von den drei Parteien die weiße Flagge mit den 15 Mann gefangen genommen hat, ist Siegerin des Tages. Erwähnt sei noch, daß sich die feindliche Ballonmannschaft mit ihrer weißen Fahne immer geschlossen im Walde bewegen und sich nicht über 2 Kilometer von der Kerspenhäuser Kuppe nach allen Seiten hin entfernen darf. Um 4 Uhr spätestens ist das Spiel beendet, und haben sich alle Teilnehmer auf der Spitze der Kerspenhäuser Kuppe zu versammeln. Ist bis um diese Zeit der Ballon noch nicht gefangen, so hat die Besatzung desselben gesiegt. Punkt 41/2 Uhr erfolgt der gemeinsame Abmarsch Aller nach Niederaula, wo wir noch einige Zeit beisammen bleiben wollen. Das Spiel findet unter allen Umständen — also auch bei Regen oder Schnee — statt und bitte ich um allgemeine recht zahlreiche Beteiligung. Je mehr, desto besser! Je schöner, desto häufiger können wir solche Spiele unternehmen. Seid also alle pünktlich an den bestimmten Versammlungsorten."
- b- Niederaula, 5. Februar. Zur Hebung der hreftgen Pferdezucht sind auf der Deckstation Nrederaula 3 Hengste, und zwar 2 Kaltblüter (Füchse) und ein Warmblüter von der Direktion des Gestüts Dillenburg hierher geschickt worden.
- x- Widdershansen, 5. Februar. (Eingesandt.) Infolge der hier ausgebrochenen Bürgermeisterkrise ist man auf der Suche, um dem seitherigen Bürgermeister Schäfer sowie dem jetzigen Gemeinderechner Haas allerlei Makel anzuhängen. So begaben sich am 19. Januar der neugewählte Bürgermeister Konr. Trieschmann 8. und der Schöffe Gg. Trieschmann 4. nach Hersfeld auf das Landratsamt, um einen Betrag von 120 Mk. zu suchen, der in der Gemeinderechnung von 1910 vereinnahmt sein sollte, aber in Einnahme nicht nachgewiesen wäre. Die beiden genannten Herrn haben das Original sowie auch das Duplikat der Gemeinderechnung von 1910 nachgesehen, aber nicht gewußt, daß zu einer Gemeinderechnug auch ein Heft mit Belägen gehört. Von Hersfeld freudig zurückgekehrt, wurden die beiden von den Parteifreunden empfangen, wobei bereits verkündigt wurde, die 120
Mk. seien unterschlagen worden. Sofort wurde an die Staatsanwaltschaft geschrieben und Bürgermeister Schäfer sowie Gemeinderechner Haas wegen Unterschlagung angezeigt. Die Staatsanwaltschaft ließ sofort die nötigen Ermittelungen anstellen, wobei jedoch der Gemeinderechner sofort den Beweis liefern konnte, daß die fraglichen 120 Mk. auf Seite 20, Belag 89, lfde. Nr. 11, in der Rechnung 1910 in Einnahme nachgewiesen war, und die Herren Parteigenossen hatten nun noch den Spott dazu. Ob aber der frühere Bürgermeister Schäfer und der Gemeinderechner Haas diese unerhörte Beleidigung ruhig in die Tasche stecken werden, bleibt abzuwarten. Um so eigentümlicher ist es aber noch deswegen, daß die Herren als Schöffen den Betrag von 120 Mk. sowohl in Einnahme wie auch in Ausgabe eigenhändig unterschrieben hatten. Die Ortsbewohner aber mögen sich einmal fragen wie ein Mann, der vier Jahre Schöffe ist, und einen Betrag von 120 Mk. in einer Rechnung nicht finden kann, als Bürgermeister fertig werden will, besonders bei den heutigen Anforderungen, die an dieses Amt gestellt werden.
Heringen a. d. Werra, 5. Febr. Ein Familien- abend (als Jahrmarkt gedacht), den der hiesige Frauen- verein vom Roten Kreuz am Sonntag veranstaltete, erbrachte einen Reingewinn von über 300 Mark.
Romrod (Oberhessen), 3. Februar. Seit mehr als 300 Jahren ist es hier Brauch, daß bei der Einführung neuer Gemeinderäte diese in feierlicher Sitzung einen silbernen Becher, der genau eine Flasche Wein faßt, in einem Zuge zu leeren haben. Für jeden Tropfen Wein, der sich noch im Becher befand, waren sie gehalten, eine Flasche Wein zu zahlen, diese wurden dann als sog. „Strafflasche/." von der Korona der Gemeinderäte in fröhlicher Runde getrunken. Die Jetztzeit findet nun ein schwaches Geschlecht, das nicht mehr imstande ist, nach Altväter Geflogenheit den Humpen in einem Zuge bis auf den Grund zu leeren. Darum ist es den neugekürten Gemeinderäten gestattet, bei dem Trunk dreimal abzusetzen. Diese alte, in Deutschland vielleicht einzig dastehende Trinksitte wurde auch vor einigen Tagen bei der Einführung von zwei neuen Gemeinderäten geübt, woran sich natürlich auch die „Strafflaschen" schloffen.
Fulda, 5. Febr. Heute früh um 3 Uhr brannte die ehemalige „Ziegelmühle" an der Johannisstraße nieder. Die Angehörigen der darin wohnenden sechs Haushaltungen mußten ohne Mitnahme ihrer Habe flüchten, da fürchterliche Detonationen aus einem Benzinlager die Lage höchst gefährlich gestalteten. Zum Unglück waren die Hydranten eingefroren, so daß die Feuerwehr mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Der auf dem Hause befindliche eiserne Träger von etwa 20Telegraphendrähten, darunter die Hauptleitung nach Frankfurt, verglühte und neigte sich zum Absturz. Trotzdem die Feuerwehr energisch den Brand bekämpfte, gelang es nicht, das Feuer von dem in dem angrenzenden Gebäude befindlichen Lager der Firma Blumenthal (Hessische Drogen-Jndustrie), Fulda, fern zu halten. Durch die hier lagernden großen Vorräte von Lack, Firnis usw. gewann das Feuer immer mehr Nahrung und erschwerte durch die außerordentliche Hitze und die bestehende Gefahr weiterer Explosionen von Benzinvorräten usw. die Löscharbeiten sehr. Gegen 8 Uhr früh wurde auch das südlich angrenzende Lagerhaus der Firma Jos. Herbert-Fulda von dem verheerenden Element ergriffen. In demselben befand sich ein großes Speditionslager von Mehl und vielen anderen landwirtschaftlichen Artikeln im Gesamtwerte von nahe 40 000 Mk. Auch hier ist der Schaden sehr groß. Was nicht durch Feuer zerstört, wurde durch die mächtigen Wassermassen unbrauchbar gemacht. Der Schaden ist durch Versicherung gedeckt.
Frankfurt a. M., 4. Febr. Nach den vorläufigen Schätzungen, die anläßlich der Wehrsteuereinschätzung gemacht worden sind, beläust sich das Vermögen der Frankfurter Einwohner auf über drei Milliarden Mk. Der Generalpardon, der mit der Wehrsteuer verbunden war, hat zur Folge gehabt, daß über 300 Millionen Mark Vermögen mehr angegeben wurden als seither. Der Wehrbeitrag wird in Frankfurt etwa 45 Millionen Mark betragen.
Abgeordnetenhaus.
Das preußische Abgeordnetenhaus setzte die Beratung des Justizetats beim Titel Mmistergehalt am Donnerstag fort. Abg. Kauzow (Fortschr.) machte den Versuch, Beamtenbesoldungssragen zu besprechen, wurde aber vom Vizepräsidenten Dr. Porsch darauf aufmerksam gemacht, daß diese von der allgemeinen Besprechung abgetrennt sind. Fortfahrend beschwerte sich Abg. Kauzow, daß der Staatsanwalt nicht genügend den Anwaltstand vor Beleidigungen schütze. — Justiz
minister Dr. Beseler bemerkte, daß es in dem angezogenen Falle durchaus im Interesse der Anwaltschaft lag, daß es nicht zum Prozeß kam. (Hört, Hört!) Bei der Beschlagnahme unzüchtiger Postkarten ließen sich die Behörden von dem Grundsatz leiten, daß nicht die Kunst, sondern der Mißbrauch der Kunst getroffen werden solle. Die Justizverwaltung könne nicht allein vom Standpunkt des Künstlers ausgehen, sie müsse sich von praktischen Gesichtspunkten leiten lassen. Einzelne Mißgriffe könnten wohl Vorkommen, die wahre Kunst aber würde nicht geschädigt. — Abg. Seyda (Pole) lehnte die im Justtzetat enthaltenen Ostmarken-Zulagen ab, da sie zur Bedrückung der polnischen Bevölkerung durch die Beamten dienen. Auf eine Beschwerde über einen Erlaß an die Staatsanwälte zur Ueberwachung der polnischen Propaganda bemerkte Justizminister Dr. Beseler, daß dieser Erlaß nicht an die Richter gegangen sei, die sich solche Beeinflussung auch verbitten würden. Der Erlab sei aber notwendig geworden wegen der deutschfeindlichen Umtriebe. — Abg. Viereck (freik.) forderte die Errichtung von Taxämtern in Verbindung mit den Katasterämtern im Interesse des Grundbesitzes bei Feststellung des Hypothekenwertes. Abg. Dr. Liebknecht meinte, die Nuditatenschnuffelei arte in Absurdität aus. Die Kriminalität der Jugendlichen gehe überall zurück, wo die moderne Arbeiterbewegung einsetze. Bet dem von der bürgerlichen Presse beschönigten Krupp-Prozeß könne man von seinem Ausgang sagen: Welch eine Wendung durch Herrn von Gottbergs Fügung. (Stürmische Pfuirufe rechts.) Vizepräsident Dr. Porsch rügt diese Persislierung eines solch ernsten Wortes. Der Justizminister trat den Behauptungen des Abg. Liebknecht von einer Klassenjustiz entgegen. Die Justizverwaltung denke gar nicht daran, die Richter zu beeinflussen. Wenn Herr Liebknecht sich über eine wenig freundliche Behandlung seiner Parteifreunde beschwert habe, so möge er doch auch daran denken, wie er die Justizbehörden behandele. Beim Krupp- Prozeß sei doch wirklich sehr wenig herausgekommen. Sehr wenig taktvoll seien die Aeußerungen des Abg. Liebknecht über den abwesenden Minister von Dall- witz gewesen. Entschieden müsse er Beleidigungen Abwesender abweisen. (Beifall rechts.) Abg. Kloppen« borg (Däne) erklärte, daß die Bevölkerung in den Nordmarken das Vertrauen zur Justiz verloren habe, denn die Dänen wurden ungerecht behandelt. Das Haus vertagte sich auf Freitag 11 Uhr. Fortsetzung. Schluß 41/4 Uhr.
Deutscher Reichstag.
Das Haus setzte am Donnerstag die Besprechung über die Handhabung des Vereinsgesetzes fort. Abg. Dr. Jnnck (nl.) hielt die Aufhebung des Sprachen- paragraphen und des Verbots der Teilnahme Jugendlicher nicht für notwendig unh lehnte alle Resolutionen ab. Abg. Dr. Müller-Meiningen (fortschr.) trat für eine freiheitliche Auslegung des Gesetzes und Beibehaltung des Jugendparagraphen ein und sah im Sprachenparagraphen das Schmerzenskind desGesetzes, der in Preußen rechtsirrtümlich angewendet werde. Die Abgg. Delsor (Elf.) und Hanffen (Däne.) brachten zahlreiche Einzelfälle einer angeblich irrtümlichen Auslegung des Gesetzes vor. Abg. Dr. Landsberg (Soz.) versuchte erneut den Beweis widerspruchsvoller Auslegung des Gesetzes, während Abg. Gröber (Ztr.) darauf hinwies, daß das alte preußische Vercinsrecht keinen Sprachenparagraphen und keine „Jugendlichen" kannte, sondern den fest umrissenen Begriff „Lehrlinge und Schüler", der eine widerspruchsvolle Auslegung gar nicht zuließ. An alledem seien die Liberalen schuld. Ministerialdirektor Dr. Lewald betonte, daß bei Beratung des Gesetzes die Beseitigung der vielen einzelstaatlichen Bestimmungen als Notwendigkeit angesehen wurde. Deshalb bedeute das Retchsgesetz eine Vereinheitlichung. Unter lebhaftem Widersprüche der Sozialdemokraten betonte der Redner, daß der Jungdeutschlandbund keine Politik treibe. Nach kurzen Bemerkungen des Abg. v. Trampczynski (Pole) wurde die Weiterberatung auf Freitag vertagt.
Wandervorschläge für Sonntag.
a. 1/2 Tagestour: Hersfeld-Wehneberg-Giegen- berg - Kanzel-Friedlos-Fuldabrücke-Gellenberg- Solzfluß-Obersberg-Hersfeld (8—4 Stb.)
b. 1/2$ agest 0 ur: Hersfeld-Bingartes-Johannis- berg-Hilperhausen-Kerspenhäuser Kuppe-Mengs- Hausen-Niederaula (3—4 Std.) Rückfahrt mit der Bahn.
Die Nagelschuh und der grobe Rock, die tun nichts zur Sache —
In Frack und Glanzschuh'n im Salon, bewegt sich mancher Flache!
Wetteraussichten für Sonnabend den 7. Februar.
Zunehmende Bewölkung, trocken, wärmer, noch Nachtfrost, südwestliche Winde.