Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
HmWr Kredblatt
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Gratisbeilagen: .Illustriertes Sonntagsblatt" und Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage“ Zernsprech-klnfchlutz Nr. 8
Nr. 589. Mittwoch, den 4. Februar 1914.
Bus der Heimat»
* (Immer noch Lehrermangel.) Aus hessischen Lehrerkreisen wird geschrieben: Für einen wegen Krankheit beurlaubten Lehrer wurde in Langen- diebach ein Vertreter gewünscht: die Kgl. Regierung zu Cassel aber konnte wegen Mangels an Schulamts- kandidaten keinen Lehrer für die Schule anweisen. Noch vor Ostern findet die Entlassungsprüfung an den Lehrerseminaren zu Eschwege, Homberg und Rinteln statt; es dürfte dann eine größere Anzahl von Schulamtsbewerbern zur Verfügung stehen.
§ Hersfeld, 2.Februar. Die Alexandriner- & Franzer-Jubiläums-Vereinigung in Frankfurt a. M. hielt dieser Tage eine Sitzung ab, die zahlreich besucht war. Es wurde beschlossen, den alten Angehörigen der beiden Regimenter in den einzelnen Kreisen, welche der Jubiläumsfeier beiwohnen wollen, dringend zu empfehlen, sich in Grupppen zu vereinigen, die Anmeldelistenzusammenaufzustellen und diese an den Vorsitzenden G. Voigt in Frankfurt a. M., Sternstr. 46, so bald wie möglich einzureichen, der auch die Einzelanmelöungen unter Angabe des Namens, Standes, Wohnorts, Dienstzeit und Dienstgrad entgegen nimmt. Es wird beabsichtigt, bei der Königl. Eisenbahn-Direktion wegen Stellung von Sonderzügen mit ermäßigtem Fahrpreis vorstellig zu werden. Die Züge würden in Frankfurt abgehen und inHanau, Gelnhausen, Schlüchtern, Fulda u. Hersfeld halten, um die dortigen Kameraden aufzunehmen. Sobald dievorgeschriebeneAnzahlvonFahrteilnehmern angemeldet sind, wird das weitere veranlaßt. Die Hauptfeier der Alexandriner findet nach neuerer Bestimmung am 17. August, die der Franzer am 18. August d. I. statt und hat der Kaiser zu beiden Feiern sein Erscheinen zugesagt. Die Fahrt nach Berlin können also die alten Angehörigen der beiden Regimenter gemeinsam unternehmen.
§ Hersfeld, 3. Februar. (Neue Beamten- st eilen!) Infolge der Zunahme des Umfangs der Geschäfte bei den Königlichen Veranlagungs-Kom- Missionen sind im neuen Etat für Preußen 150 neue Stellen für Königliche Steuersekretäre vorgesehen worden. Bei der schnellen Entwickelung der Finanzverwaltung wird auch künftig erhöhter Bedarf in dieser Beamtencategorie zu erwarten sein. Die Laufbahn kann deshalb bei der Ueberfüllung der sonstigen Berufe empfohlen werden. Von den Anwärtern wird mindestens Reife für Prima verlangt. Der Einberufung als Supernumerar geht eine Volontärzeit bei den Königlichen Veranlagungs-Kommissionen vorauf, bei denen die Annahme erfolgt.
):( Hersfeld, 3. Febr. Abermals ist ein Kämpfer jener großen Zeit von 1870/71 zur großen Armee abgerufen worden. Im Alter von 68 Jahren v e r - starb gestern der in allen Kreisen unserer Stadt und darüber hinaus bekannte und geachtete Rentier Herr Konrad Wolfs. Eine heftige Lungenentzündung hatte Herrn Wolfs vor einigen Tagen auf das Krankenlager geworfen, von dem er sich nicht wieder erheben sollte.
):( Hersfeld, 3. Febr. Infolge Glatteises st ü r z t e gestern vor dem Frauentor eine Dame und erlitt da- ei einen Beinbruch.
):( Hersfeld, 3. Februar. Dem heutigen Vieh- markt waren nur 185 Stück Rindvieh und 390 Schweine aufgetrieben. Der Handel warnicht besonders lebhaft und die Preise hatten angezogen.
-b- Heringen (Werra), 2. Febr. Am vergangenen Sonnabend, gegen 117/2 Uhr nachts, brach auf dem Anwesen des Landwirts Gebühr hier Großfeuer aus. Das Feuer entwickelte sich in den mit Heu und ®troy gefüllten Oekonomiegebäuden und fand da- 'klbst rerchlrche Nahrung. Die Flammen griffen der- art schnell um sich, daß sie bald drei weitere Scheunen und Ställe anzundeten und einäscherten. Die hiesige wie auch die von den Nachbargemeinden herbeigeeilten Feuerwehren konnten die Feuersbrunst nicht mehr tilgen. Durch das tatkräftige Eingreifen der Bewohner wurde fast sämtliches Vieh gerettet, drei Läuferschweine sind jedoch den Flammen zum Opfer gefallen. Ueber die Entstehungsursache des Brandes ist noch nichts bekannt geworden. Vermutlich liegt aber Brandstiftung vor.
Widdershausen a. d. W.. 2. Februar. Gestern nachmittag wurde der auf dem Bahnhöfe Gilfers- Hausen bei Bebra von einer Arbeitslokomotive über- fahrene und getötete zwanzigjährige Arbeiter Konrad Hopfeld von hier unter allgemeiner Anteilnahme zur letzten Ruhe getragen.
-s- Obergeis, 2. Februar. Die Arbeiten und Lieferungen für unser zu errichtendes Wafferwerk spwie die 100 Hausanschlüsse wurden der Firma Hch. Gesing in Hersfeld übertragen.
Marburg, 2. Februar. Zwei junge Burschen besuchten vor einiger Zeit auf einem Ausfluge Verwandte in Kirchhain. Sie fanden dort freundliche Aufnahme und wurden auch gut bewirtet. Nachdem sie sich verabschiedet hatten, kehrten sie wieder zurück und benutzten die Abwesenheit ihrer Gastgeber, mittels Einbruchs in das Haus etwa 270 Mark zu entwenden. Mit dem Gelde unternahmen sie eine Vergnügungsreise nach Cassel und Hamburg. Das Gericht verurteilte den älteren der Angeklagten, der schon vorbestraft war, zu 9 Monaten und seinen Genossen zu einem Monat Gefängnis.
Göttingen, 2. Februar. In der Göttinger Aluminiumfabrik sind bedeutende Diebstähle an Aluminium entdeckt worden. Nachdem Haussuchungen geradezu überraschende Resultate ergeben haben, sind mehrere Arbeiter entlassen worden. Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen.
Heiligenstadt, 1. Februar. Die hiesige Strafkammer verhandelte vorgestern gegen jene vier kroatischen und bosnischen Arbeiter, welche am 13. November d. J. die schweren Exzesse in Geisleben verübt und vier Ortsbewohner durch Steinwürfe und Messerstiche verletzt hatten. Der Hauptschuldige Stefan Juritschisch erhielt drei Jahre 6 Monate Gefängnis und 8 Wochen Haft; die anderen drei Angeklagten deren zwei je 4 Monate Gefängnis und 4 Wochen Haft, einer 6 Monate und 2 Wochen Haft.
Blankenburg (Harz), 31. Januar. Heute vollendete der hier wohnende ehemalige braunschweigische Kreis- direktor Eduard Lerche sein 102. Lebensjahr. Der alte Herr liest täglich noch seine Zeitung ohne Brille und bekundet für alle Vorgänge des öffentlichen Lebens ein außerordentlich lebhaftes Interesse.
Ilmenau (Thür.), 2. Februar. Heute früh zwischen 3 und 4 Uhr klopfte der 37 Jahre alte Vorarbeiter Johann Hager «us Weiden (Oberpfalz) an die Fensterläden des am Mühlengraben wohnenden früheren Hutmannes Christian Faulstädt. Dieser öffnete das Fenster und schoß mit einem Tesching hinaus. Der Schuß traf Hager in den Hals und führte den sofortigen Tod herbei.
Haua«, 1. Febr. Der 17 Jahre alte Gymnasiast Wolf aus Salmünster, der in der Silvesternacht auf seine Angehörigen Revolverschüsse abfeuerte und seine Mutter, Tante und Bruder schwer verletzte, ist jetzt in das Untersuchungsgefängnis in Hanau überführt worden. Er ist nicht, wie angenommen wurde, geisteskrank.
Hana«, 2. Febr. Einige 14jährige Jungen schössen am Main mit einem Flobertgewehr. Dabei schoß der Sohn des Weißbinders Wagner dem Sohn des Arbeiters Hau eine Kugel in den Kopf. Der Knabe brach schwer verletzt zusammen und wurde von der Sanitätskolonne ins Landkrankenhaus gebracht.
Frankfurt, 31. Januar. Der vor etwa vierzehn Tagen auf Ersuchen der Polizei in Philadelphia hier verhaftete angebliche Pezirolli hat heute eingestanden, daß er am 30. November 1913 in Philadelphia seine Frau erschossen hat, nicht seine Schwester, wie zuerst mitgeteilt worden war. Pezirolli, der in Wirklichkeit Francesco Palanörani heißt, war in der Predigerstraße festgenommen worden, wo er sich unter dem Namen Pietro Casino aufgehalten hatte.
Mainz, 2. Februar. In der Nacht zum Sonntag wurde in dem Personenzug Nr. 312, der um 1 Uhr 27 Mtn. in Bingerbrück abgeht und um 5 Uhr hier ein trifft, ein Mordversuch in Verbindung mit Raub versucht. Zwischen Nahbollenbach und Oberstetn wurde die Notbremse gezogen. Ein Beamter, der den Zug absuchte, fand in einem Abteil zweiter Klasse einen Herrn mit Schußwunden im Kopse und in der Brust. Die Kugel in der Brust war kurz nnter dem Herzen eingeörungen. Der Herr gab an, bald nachdem der Zug die Station Bingerbrück verlassen hatte, von einem Menschen überfallen und seiner Brieftasche mit einem Inhalt von 270 Mk. beraubt worden sei. Kurz vor Oberstein erwachte der Verletzte erst aus einer Ohnmacht, er ist aber zunächst noch unfähig, seine Personalien anzugeben.
Vom Speffart, 20. Jan. Bei einer in den letzten Tagen stattgehabten Versteigerung von Speffarteichen wurden für einen Eichenstamm von 5,79 Kubikmeter Inhalt 2895 Mark erlöst. Die Speffarteichen finden sich in bester Qualität im Forstbezirk Rothenbuch bei Rohrbrunn. In dem dortigen sog. „Metzgerschlag" stehen noch ca. 500 Riesenstämme, die ein Alter von nahezu 1000 Jahren haben. Sie bleiben auf Wunsch )er Speffartvereive als vielbesuchte Naturseltenheit j tehen.
Altenburg, 2. Febr. Auf einem Felde in Posch- witzer Flur war der 31 Jahre alte Färbereiarbeiter Gerth am Sonnabendnachmittag mit dem Ausnehmen
von Rüben aus der Rübenmiete beschäftigt, als diese plötzlich zusammenstürzte und den Mann begrub. Der Bedauernswerte erlitt einen Bruch der Wirbelsäule, wodurch sein Tod augenblicklich herbeigeführt wurde. Gerth hinterläßt eine Witwe mit drei unmündigen Kindern.
Halle, 31. Januar. Eine zum Nachdenken auffordernde Geschichte, die sich dieser Tage zutrug, wird aus Halle berichtet: In einer angesehenen Familie war plötzlich aus dem Schmuckkasten die wertvolle goldene Uhr der Hausfrau verschwunden. Das Dienstpersonal geriet in Verdacht und schließlich verständigte die Familie die Kriminalpolizei. Eine für alle Teile sehr peinliche Untersuchung begann. Jeder Wohn- genösse wurde in ein scharfes Kreuzverhör gezogen: ohne jeden Erfolg. Da fiel einem der Beamten das auffallend verschüchterte und gedrückte Wesen des neunjährigen Söhnchens des Hauses auf. Er nahm das kleine Bürschchen ins Verhör und hatte einen absonderlichen Erfolg. Nach langem Zögern gestand der Junge ein. die Uhr entwendet zu haben, um dafür — drei „sehr seltene" Reklamemarken zu erhalten! Es gelang schließlich, das „Tauschgeschäft" wieder rückgängig zu machen: der andere „Kontrahent" war ein Junge gleichen Alters, der sehr energisch darauf bestand, die drei kostbaren Reklamemarken zurück- zuerhalten, ehe er die Uhr wieder herausgab.
3«m Petroleum-Monopol.
Man schreibt uns: Wohl selten haben sich der Durchführbarkeit eines Gesetzentwurfes so unüberwindliche Schwierigkeiten entgegengestellt, als demjenigen für ein Reichs-Petroleummonopol. Denn trotz zweier langwieriger Kommtssions-Lesungen blieben die grundt^cnbsten Fragen, welche die Preise bestimmen und die Versorgung regeln sollen, ungelöst. Anfänglich hoffte man, die Versorgung des Reiches mit Leuchtöl unter Ausschluß der amerikanischen Standard Otl Company ermöglichen zu können. Im Laufe der Zeit haben sich jedoch die Verhältnisse hinsichtlich der Produktion und des Absatzes in den für den Leuchtölbezug in Frage kommenden Ländern derart gestaltet, daß es heute ein Ding der Unmöglichkeit ist, die für Deutschland erforderlichen Petroleummengen ohne die Standard Oil Company zu beschaffen. Haben doch die jüngsten Ereignisse am Petroleummarkt zur Genüge gelehrt, daß das angeblich an Erdölen überaus reiche Rußland nicht einmal in der Lage war, seinen eigenen Bedarf zu decken. Es mußte sogar dazu übergehen, ganz erhebliche Quantitäten amerikanischen Hetzpetroleums auszukaufen und — was gewiß viel sagen will — die zollfreie Einfuhr von Roh- und Heizpetroleum zulassen. Ferner ist auch auf die Lieferung seitensOesterreichs, dessenProduktion beständig zurückgeht, kaum noch, und auf solche aus Rumänien im Gegensatz zur ursprünglichen Annahme nur noch in erheblich beschränktem Maße zu rechnen. Die Leuchtöl-Ausbeute der Steaua Romana, an welcher die Deutsche Bank interessiert ist, hat im letzten Jahre keine Erhöhung erfahren. Diese Gesellschaft dürfte mit ungefähr 100 000 Tonnen auch wohl das einzige rumänische Unternehmen bleiben, welches einem deutschen Monopol liefern würde. Zwar existiert in Rumänien noch eine große Gesellschaft die Romana- Americana, deren Produktion von Jahr zu Jahr steigt. Vom Reiche wird offenbar angenommen, daß es auch diese Produktion als sichere Lieferung für den Reichsbedarf berücksichtigen kann. Da es sich hierbei aber um eine Tochter-Gesellschaft der amerikanischen Standard-Oil-Company handelt, wird man kaum damit rechnen können, daß die gehegten Hoffnungen in Erfüllung gehen werden. Es bleibt dem Reich dann eben nur übrig, die ungeheure Menge des ungedeckten Bedarfs von 650 000 Tonnen Leuchtöl aus Amerika zu beschaffen.
Die Erwartung, hiervon einen großen Teil von amerikanischen sogenannten unabhängigen Gesellschaften geliefert zu erhalten, hat jedoch in jüngster Zeit insofern einen argen Stoß erlitten, als derartige Gesellschaften, wie zum Beispiel die Texas Oil Company sich verbunden haben und somit als Lieferanten für ein deutsches Monopol ausscheiden dürften. Jeder unbefangene Kenner und Beurteiler wird sich der Einsicht nicht verschließen können, welch' unberechenbarer Schaden entstehen wird, wenn man auf bloße Hoffnungen und Voraussetzungen hin die Versorgungsfrage als gelöst betrachten will. Es muß deshalb Sache des Reichstages sein, vorurteilsfrei diese ernste Frage gründlich zuprüfen undGarantienfürdieVersorgungs- möglichkeiten zu verlangen. Wenn diese aber nicht vorhanden sein sollten, wird nicht daran zu zweifeln sein, daß öerReichstagimJnteresseöerüeutschen Verbraucher lieber auf das ganze Gesetz verzichtet._________
Wetterausfichte« für Mittwoch den 4. Februar.
Wolkig, vielfach Nebel, trocken, keine Temperatur- änderung, Nachtfrost, westliche Winde.