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Hersfelder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Serrselder Kreisblatt

Bszugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wieder­holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.

Gratisbeilagen: Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage" §ernsprech-5lnschlutz Nr. 8

Nr. SS. Freitag, den 30. Januar 1914.

Für Februar und (Harz

werden Bestellungen auf das Hersfelder Tageblatt von den Postanstalten sowie von unsern Austrägern und der Geschäftsstelle jederzeit angenommen. Der Bezugspreis beträgt für Hersfeld und die Orte, an denen wir Austräger haben,

nur 50 Pfg. pro Monat.

Der heutigen Nummer liegt ein Amtlicher Anzeiger bei.

Bus der Heimat«

§ Hersfeld, 29. Januar. Die Dampfkessel werden zum Schutz gegen Ansatz von Kesselstein und gegen Rost mit Jnnenanstrichen verschiedener Art versehen. Ein neues Kesselanstrichmittel Siderofthen" hat den Minister für Handel und Ge­werbe veranlaßt auf die Gefahren desselben durch einen Erlaß vom 29. Dezember 1913 hinzuweisen. Nach dem Geschäftsberichte des Sächsisch-Thüringischen Dampfkessel-Revisionsvereins zu Halle a. S. für das Geschäftsjahr 1912/13 sind durch den Gebrauch des KesselanstrichmittelsSiderofthen" nacheinander 5 Arbeiter in einem Kessel ohnmächtig geworden. Durch Sauerstoffzuführung gelang es glücklicherweise, sie wieder zum Bewußtsein zu bringen, doch mußte bei einem von ihnen etwa ^ Stunde lang künstliche Atmung durchgeführt werden. Dies hat den Minister veranlaßt, das Anstrichmittel durch das Königliche Materialprüfungsamt zu Berlin-Lichterfelde auf brennbare und betäubende Gase untersuchen zu lassen. Nach den Prüfungsergebnissen entflammt die unter­suchte Probe im Abelschen Flammpunktsprüser bereits bei 19,5 Grad, entwickelt also schon bei Zimmerwärme brennbare Gase. Sie istfeuergefährlicher als Petroleum, das nicht unter 21 Grad entflammen darf. Was die Entwicklung betäubender Gase anbelangt, so handelt es sich im wesentlichen um ein Erzeugnis der Stein- kohlenteer- oder Oelgasteerverarbeitung, das beträcht­liche Mengen Leichtöl enthält. Von derartigen Er­zeugnissen ist es bekannt, daß sie gesundheitsschädlich wirken können.

):( Hersfeld, 29. Januar. Vor dem hiesigen Schöffengericht fand heute wieder eine größere Sitzung statt, in der 5 Strafsachen und 3 Privatklage- sachen verhandelt wurden. Ein früher in Hersfeld wohnhaft gewesener Arbeiter, der inzwischen nach Emsdetten verzogen ist und wegen weiter Entfernung vom Erscheinen im heutigen Termin auf seinen Antrag hin befreit war, wurde wegen Betrugs zu einer Gefängnisstrafe von 3 Tagen verurteilt. Dieselbe Strafe erhielt ein hiesiger Kuhmelker wegen Diebstahls. Ein Tagelöhner aus Asbach und ein hiesiger Arbeiter waren wegen Körperverletzung, Be­leidigung und Hausfriedensbruchs angeklagt; ersterer wurde zu zwei Monaten und 10 Tagen Gefängnis und letzterer zu zwei Wochen Gefängnis verurteilt. Ein früher in Hersfeld wohnhaft gewesener Kauf­mann wurde von der Anklage wegen Betrugs frei­gesprochen. Ein Tagelöhner aus Reilos wurde wegen Körperverletzung zu 30 Mk. Geldstrafe ver­urteilt. Unter den Privatklagen befand sich auch eine solche seitens mehrerer hiesiger Fabrikbesitzer gegen den früheren verantwortlichen Redakteur des Volks­blattes in Cassel wegen eines vor einiger Zeit in dem sozialdemokratischen Blatte erschienenen Artikels, der sich mit den Arbeits- und Wohnverhältnissen hiesiger Arbeiter beschäftigte.

* (Wieviel Samen ist nötig?) Es ist eine alte Gartenerfahrung, gegen die namentlich von allen Anfängern gesündigtwird, daß im allgemeinen viel zu dick gesäet. Das zu dicke Säen hat zur Folge, daß die jungen Pflänzchen vergelten; bei Zwiebeln, Möhren, und vielem anderen Gemüse kommt es infolge des dichten Standes oft nicht zur Bildung der erwünschten dicken Knollen und Wurzeln. Es wird daher vielen unserer Leser eine Zusammenstellung gerade recht kommen, die der praktische Ratgeber im Obst- und Gartenbau in seiner neuen Nummer veröffentlicht. Es sind da z. B. bei Saat ins Freie und an Ort und Stelle für je 100 Quadratmeter folgende Samen­mengen genannt: Für Möhren, abgeriebene Saat, 100 Gramm, Schwarzwurzeln 165 Gramm, Spinat 800 Gramm, Buschbohnen 1350 Gramm, Petersilie 120 Gramm. Weitere Einzelheiten wollen unsere Leser aus der Nummer selbst entnehmen,- sie wird auf Wunsch vom Geschäftsamt des praktischen Ratgebers in Frankfurt a. O. kostenfrei abgegeben.

Alsfeld, 27. Januar. Der Landwirt O. im be­nachbarten Windhausen geriet in das Getriebe des Göpelwerkes und erlitt schwere Verletzungen.

Rotenburg a. Fulda, 27. Januar. Der Schreiner­meister Johannes N. kam infolge der auf den Straßen herrschenden Glätte derart zu Fall, daß er sich einen Armbruch zuzog. N. hat Schadenersatzansprüche bei der Stadt geltend gemacht.

Aus der Rhön, 28. Januar. Dem weimarischen Landtage ist jetzt eine Vorlage zugegangen, in der auf die Dauer von 10 Jahren pro Jahr 5000 Mk. für die Einrichtung einer Automobilverbindung von Schmalkalden über Dermbach nach Hünfeld gefordert werden. Die Reichspostverwaltung hat an sämtliche an dieser Postlinie interessierten Staaten zur Siche­rung der Rentabilität den Antrag auf Gewährung eines Zuschusses gestellt.

Homberg, 27. Jan. Auf der nahe bei Homberg gelegenen Braunkohlenzeche Nonneberg ereignete sich gestern noch ganz kurz vor Feierabend ein bedauer­licher Unglücksfall. Als der 28jährige Arbeiter Haase aus Caßdorf mit dem Heranfahren von Kohlen be­schäftigt war, lösten sich plötzlich Kohlenmassen, die den Unglücklichen so heftig gegen den Körper trafen, daß derselbe eine Verletzung des Rückgrates und starke innere Verletzungen davontrug.

Frielendorf, 27. Januar. Das hiesige Postamt sandte, wie' dieFuld. Ztg." meldet, vor einigen Tagen den Betrag von 950 Mk. an die Postagentur in Wernswig. Als der Postagent den versiegelten Postbeutel öffnete, fehlte das Geld. Trotzdem ein höherer Postbeamter die Sache untersuchte, ist über den Verbleib des Geldes nichts auszumachen gewesen.

Arnstadt, 28. Januar. Der Einjährig-Freiwillige Max Lorenz der 1. Komp. des 3. Thür. Jnf.-Reg. 71 aus Sondershausen, der in einem hiesigen Gasthaus vor einigen Tagen in selbstmörderischer Absicht einen Schuß auf sich abgegeben hatte, ist im städtischen Krankenhause seinen Verletzungen erlegen. Der junge Mann, ein Pastorssohn, hatte schon vor mehreren Jahren einmal die Waffe gegen sich selbst gerichtet.

Vestwig, 27. Januar. Ein schweres Eisenbahn­unglück hatte sich vorgestern auf dem Bahnhof der Teutoburger Wald-Eisenbahn im nahen Verl ereignet. Durch falsche Weichenstellung war ein Güterzug in die Maschinenhalle des Bahnhofes hineingesaust und durchbrach zwei Wände und kam am anderen Ende der Halle wieder zum Vorschein. Das Zugpersonal und die in der Maschinenhalle beschäftigten Arbeiter konnten sich mit knapper Not noch retten. Der an­gerichtete Materialschaden ist ganz erheblich.

Frankfurt a. M., 27. Januar. Seit etwa zwölf Wochen zeigen auf dem Frankfurter Viehmarkt die Schweinepreise eine rückläufige Tendenz. Auch gestern war wieder ein Rückgang der Preise zu verzeichnen, und zwar gingen vollfleischige Schweine von 80 bis 100 Klgr. und über 80 Klar, pro Pfund Schlachtge­wicht 3 Pfennig gegen die Vorwoche zurück.

Gotha, 26. Januar. Ein Rodelunfall ereignete sich gestern auf der Bahn am Galberg. Eine junge Dame erlitt einen schweren Rippenbruch und wurde bewußtlos in eine Klinik gebracht. Der mit auf dem Rodelschlitten sitzende junge Mann trug eine stark blutende Wunde am Kopfe davon. Infolge von Mißhandlung starb in Sundhausen ein noch nicht schulpflichtiges Kind. Es war im Keller oder auf dem Boden eingesperrt und wurde in fast erfrorenem Zu­stande aufgefunden. Die Staatsanwaltschaft hat die Untersuchung eingeleitet.

Abgeordnetenhaus.

Am Mittwoch wurde die Beratung des landwirt­schaftlichen Etats fortgesetzt. Ein Antrag Bethge- Schackensleben (fonf.) ersuchte, im nächstjährigen Etat die nötigen Mittel zur Ausgestaltung des Instituts für allgemeine Vererbungs- und Züchtigungslehre bereit zu stellen. Abg. Hofer (Soz.) gab an der Land­flucht der Arbeiterfamilien der schlechten Entlohnung und Behandlung durch die Junker schuld. Die För­derung der nicht gewerbsmäßigen Stellenvermittlung werde daran nichts ändern. Abg. v. d. Often-Warurtz (fonf.) wies die falschen Behauptungen des Vorredners zurück. Er betonte, daß die Löhne auf dem Lande tn den letzten 20 Jahren um 200300 Prozent gestiegen seien, ohne daß eine Erhöhung der ländlichen Er­zeugnisse stattgefunden habe. Abg. Stroebel (Soz.), der dem Redner das Wortarroganter Kerl" zuge­rufen hatte, wurde vom Präsidenten Graf Schwerm- Löwitz zur Ordnung gerufen. Abg. v. Oertzen (frk.) gab der Meinung Ausdruck, daß die besten Wohnungen der städtischen Arbeiter schlechter seien als die viel geräumigeren Durchschnittswohnungen auf dem Lande.

Die ländlichen Arbeitgeber hätten alles Interesse, sich in jeder Beziehung gut zu stehen mit den Arbeit­nehmern. Abg. Hofer (Soz.) unterstrich demgegenüber noch einmal die ersten Behauptungen. Abg. v. Steifet (kons.) forderte beim Neubau des Landwirtschafts- ministeriums die Anbringung von 2 Balkönen mit Blumenschmuck. Die Abgg. Grane (Fortschr.) und v. Oertzen (freik.) traten für die Bewilligung von Mitteln ein zur Bewässerung der Obstplantagen in Werder. Abg. Bethge-Schackensleben (kons.) begrün­dete seinen Antrag, dem Abg. v. Loe (Ztr.) zustimmte. Frhr. v. Schorlemer stand dem Antrag freundlich gegenüber und versicherte, daß die Regierung der Züchtungs- und Vererbungslehre dauernde Auf­merksamkeit widme. Der Antrag fand Annahme. Die zweite Beratung des Landwirtschaftsetats war damit beendet. Debattelos wurde der Etat des Landeswasseramts genehmigt. Beim Etat der Gestüt­verwaltung gab Abg. Dr. Becker-Cöln (Ztr.) seiner Befriedigung Ausdruck, daß die Einfuhr fremder Pferde zurückgehe. Zu bedauern sei, daß durch die Buchmacher noch soviel Geld ins Ausland fließe. Abg. v. Plehwe (kons.) kritisierte die Art der Hand­habung der Remonten im vorigen Jahre, die eine schwere Schädigung der bäuerlichen Züchter bedeute. Ihm stimmte Abg. Wachhorst de Wente (natl.) zu. Oberlandesstallmeister v. Oettingen betonte, daß kein Staat der Welt die Höhe unserer Pferdezucht erreicht habe. Bei den Remonteankäufen seien jedoch die Händler nicht zu entbehren. Gekauft würde überall da, wo gute Pferde zu haben seien. Nach weiterer unwesentlicher Debatte, an der sich die Abgg. von Oertzen (frk.) und Brors (Ztr.) beteiligten, vertagte sich das Haus auf Donnerstag: Domänen-Etat. Schluß V26 Uhr. ß M MWM.WW

Deutscher Reichstag.

Der Reichstag hielt am Mittwoch seine 200. Sitzung ab, zu deren Hervorhebung der Platz des Präsidenten mit einem Blumenstrauß geschmückt war, wofür Dr. Kaempf den Schriftführern dankte. Das Haus setzte die allgemeine Erörterung des Etats für das Reichs­amt des Innern fort. Abg. Giesberts (Ztr.) be­zeichnete den Ausbau der Witwen- und Waisen- versicherung, die Herabsetzung der Altersgrenze von 70 auf 65 Jahre, sowie eine Mitwirkung der Arbeiter bei der Gewerbeinspektion als notwend g. Besondere Maßnahmen gegen den Terrorismus halte er nicht für erforderlich. Staatssekretär Dr. Delbrück ging auf verschiedene, im Laufe der Erörterung besprochene Mittelstandsfragen ein. Er betonte, daß der Mittel­stand unter den Begleiterscheinungen der wirtschaft­lichen Entwicklung zu leiden gehabt habe. Von unten sei er von der Arbeiterklaffe und von oben durch Handel und Industrie bedrängt worden. Darum mußte eine bessere technische Schulung angestrebt werden, in der von den Einzelstaaten mit Erfolg ge­arbeitet worden sei. Die stückweise Ermittlung der Verhältnisse der Kleinbetriebe habe Fortschritte ge­macht. Zu einigen besonders aktuellen Mittelstands­fragen lägen bereits Gesetzentwürfe vor, die von Kommisionen beraten werden, so die Beschränkung der Wanderlager, Sonntagsruhe, Hausierhandel. Be­dauern würde er (Redner), wenn die Kommission für das Verdingungswesen eine reichsgesetzliche Regelung fände. Notwendig seien große Handwerksorgani­sationen. Die Frage der Abgrenzung zwischen In­dustrie und Handwerk würde zweckmäßig von einem Schiedsgericht der beteiligten Zweige geprüft werden. Jedenfalls sei Verständnis für die Wünsche des Mittelstandes vorhanden und die finanzielle Er- starkung des Wirtschaftslebens werde auch ihm zu­gute kommen. Abg. Böttger (natl.) bezeichnete die Mittelstandspolitik als eine der wichtigsten Aufgaben der Gegenwart. Ministerialdirektor Dr. Caspar teilte mit, daß eine Denkschrift über die Herabsetzung der Altersgrenze auf 65 Jahre mangels an Material noch nicht erscheinen könne und betonte, daß von einem Stillstände der Sozialpolitik nicht die Rede sei. Abg. Bartschat (fortschr.) suchte festzustellen, daß konservative den Mittelstand, soweit er nicht konservativ stimme, schädigen. Donnerstag: Fortsetzung.

Wetteraussichten für Freitag de« 30. Januar.

Meist trübe und vereinzelt Niederschläge, wärmer, westliche Winde.