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Hersfelder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger ^H^ für den Kreis Hersfeld WWer Sreisilott

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag non Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wieder­holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.

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Sernsprech-Knschluh Nr. 8

Nr. 14. Sonnabend, den 17. Januar 1914.

Bus der Heimat«

):( Hersfeld, 16. Januar. Nächsten Montag nach­mittag 4 Uhr wird eine Sitzung der S t a d t v e r- ordneten-Versammlungim Rathaussaale ab­gehalten werden. Tagesordnung: Einführung und Verpflichtung der neugewählten Stadtverordneten. Neuwahl des Stadtverordneten-Vorstehers und seines Stellvertreters. Vereidigung des neugewählten Magistratsmitgliedes Herrn Emil Hirschberger. Neuwahl von Mitgliedern der Gesundheitskommission. Wahl eines Ausschusses zur Vorprüfung der Jahres­rechnung der Wasserwerkskasse für 1912. Kostenbe­willigungen. Fluchtlinien. Sonstiges.

):( Hersfeld, 16. Januar. Ueber die beabsichtigte Bebauung des Platzes vor dem Rathaus (am Rainchen) hat der Magistrat ein Projekt aus­arbeiten lassen, welches in der Zeit vom 16. bis 20. d. Mts. zu Jedermanns Einsicht auf dem Stadt- bäuamt ausliegt.

Asbach, 14. Januar. Einen gräßlichen Selbst­mordversuch unternahm heute vormittag eine hiesige Einwohnerin. Die alte Frau, bei der sich bereits seit einigen Tagen Spuren von Irrsinn bemerkbar ge­macht hatten, versuchte sich mit einem Messer den Hals abzuschneiden. Die Frau verletzte sich schwer und wurde in das Landkrankenhaus nach Hersfeld gebracht.

Treysa, 15. Januar. Ein schwerer Unglücks fall mit tödlichem Ausgange hat sich gestern mittag in der Nähe unserer Stadt ereignet. Der Fuhrmann Steinhardt aus Sebbetervde fuhr über die in der Nähe des neuen Bahnhofs gelegene neue Brücke, als die Pferde beim Herannahen eines Zuges zu scheuen anfingen, so daß der Wagen umfiel und den Fuhr­mann unter sich begrub. Mit schweren inneren Ver­letzungen wurde er aufgehoben und ins Krankenhaus Hephata gebracht, wo er nach einer späteren Mit­teilung seinen Verletzungen bereits erlegen ist.

Fulda, 14. Jan. In das hiesige Landkrankenhaus wurde der 16jährige Schüler Karl Orleb aus Bad Orb eingeliefert, der durch einen unvorsichtigen Schützen, der nach Spatzen schoß, eine Schrotladung durch die Leber erhielt.

Cassel, 15. Januar. Die Kaiserin hat im Interesse der hessischen Leinenindustrie angeordnet, daß der größte Teil der Baby-Ausstattung für die Herzogin von Braunschweig dem Vaterländischen Frauenverein zu Cassel zur Beschaffung übertragen wird. Der Ver­ein hat sich mit den geeigneten Stellen im Regierungs­bezirk Cassel in Verbindung gesetzt. Der Auftrag muß bis Ende Februar zur Ablieferung gelangen. Er soll sich dem Vernehmen nach auf 8000 bis 9000 Mark belaufen.

Cassel, 15. Januar. Das Schwurgericht verurteilte heute nachmittag den 20 Jahre alten Schlossergesellen Wilhelm Haake aus Wimmelsdorf bei Eisleben wegen Straßenraubs in zwei Fällen zu sechs Jahren Zucht­haus und fünf Jahren Ehrverlust. Haake war am 10. November v. I. mit den besten Segenswünschen seines Vaters und 90 Mark bares Geld auf die Wanderschaft geschickt worden. Er kam dann in große Städte, wie Hannover und Cassel, geriet in liederliche Gesellschaft und gab mit Frauenzimmern das Geld schnell aus. Um sich wieder in den Besitz von Geld zu setzen, nahm er am 23. und 25. November einem Schreinerlehrling und einem Zimmermeister auf offener Landstraße unter Vorhaltung eines geladenen Revolvers die Fahrräder ab und versetzte sie für 20 bezw. 30 Mark in einer Wirtschaft in der Nähe Cassels. Der Staatsanwalt hatte 9 Jahre Zuchthaus, 10 Jahre Ehrverlust und Stellung unter Polizeiaufsicht be­antragt. Der Angeklagte trat seine Strafe sofort an.

Diemerode, 15. Januar. Vom Mißgeschick ver­folgt wird die Familie des Landwirts R. hier. Vor einigen Wochen wurde R., dem die Pferde durchge­gangen waren, vom Wagen geschleudert und erlitt einen schweren Beinbruch. Die Ehefrau ist durch ein Leiden ans Bett gefesselt und gestern fiel ein Sohn auf der Treppe und zog sich einen Armbruch zu.

Eschwege, 15. Januar. Der seit dem 1. Januar verschwundene städtische Kassenassistent Hofmeister, der bekanntlich Unterschlagungen von etwa 9000 Mark verübt hat, ist gestern abend in Burghaun im Kreise Hünfeld durch zwei Eschweger Polizeibeamte, die sich dorthin begeben hatten, verhaftet worden. Hofmeister tzt tn das dortige Amtsgerichtsgefängnis eingeliefert fvvrden. Wie man zu der Verhaftung erfährt, hatte xch. Hofmeister vorgestern bei dem Gastwirt Emil Meister in Burghaun einlogiert. Er war von Fulda gekommen und hatte angegeben, Kriminalbeamter zu t.ln, der Recherchen wegen eines angeblichen Bilder- orevstahls anstellen sollte. In das Fremdenbuch hatte

er sich als Heinrich Fues aus Cassel eingetragen. Der Wirt, der Hofmeister einer Photographie nach kannte und dem seine angebliche Eigenschaft als Kriminal- beamter verdächtig vorkam, wußte ihn in seinem Gast­hofe festzuhalten. Hofmeister hatte übrigens auch einen Brief an seine Frau nach Eschwege gerichtet, der von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt worden war und die hiesige Polizei auf die Spur des Gesuchten führte. Gestern vormittag war Hofmeister, der übrigens recht schneidig auftrat, noch ausgegangen. Er hatte auch ben Bahnhof ausgesucht, wo er jemand zu erwarten schien. Gestern abend trafen die beiden hiesigen Beamten in Zivilkleidung in Burghaun ein und suchten zunächst den Wirt in seinem Privatkontor auf. Hierhin wurde bald darauf Hofmeister gerufen, der sehr überrascht war, als er sich den beiden be­kannten Beamten gegenübersah. Er ließ sich ohne Widerstand festnehmen. In seinem Besitz wurden noch etwa 25 bis 30 Mark gefunden. Daß Hofmeister sich noch im Regierungsbezirk Cassel aufhielt, hatte man nicht erwartet,' seine Flucht hat genau vierzehn Tage gedauert.

Schmalkalden, 14. Januar. Der Sohn des Schmiede­meisters Kraft aus dem benachbarten Näherstille, der bei der Ueberlandzentrale an einem Transformatoren­häuschen beschäftigt war, wurde vom elektrischen Strom so schwer verbrannt, daß er kaum mit dem Leben davonkommen dürfte.

Winterberg, 15. Januar. Ein dreizehnjähriger Knabe wurde bewußtlos auf der Straße zu O. auf­gefunden und durch die Bemühungen der Aerzte wieder ins Leben zurückgerufen. Der Junge war infolge Nikotinvergiftung beim Zigarettenrauchen erkrankt.

Uder (Eichsfelö), 16. Januar. Nach den Auf­zeichnungen der Regenstation Uder des Kgl. preuß. meteorologischen Instituts fielen im verflossenen Jahre insgesamt 749,4 mm Niederschläge (Regen, Schnee, Hagel, Graupeln, Eisregen, Glatteis usw.). Ein Regenfall von 1 mm Höhe liefert pro Quadratmeter 1 Liter Wasser. Die mittlere jährliche Niederschlags- Höhe beträgt nach den Beobachtungen der Station Uder 598 mm; somit wäre ein Mehr von 151,4 mm zu registrieren. Während im verflossenen Jahre 749,4 mm an 182 Regentagen gemessen wurden, fielen im Jahre 1912 an 173 Regentagen 814,9 mm. Der regenreichste Tag war der 18. Mai mit 23,9 mm, im Jahre zuvor der 20. Juli mit 28,2 mm. Die Witterung zeichnete sich im allgemeinen weniger durch angenehme Seiten als durch abnorme Gestaltung aus. Fast niemals entsprach der Witterungscharakter der jeweilig herrschenden Jahreszeit) so gestalteten sich die Nieder- schlagsverhältnisse insofern recht wenig befriedigend, als namentlich der Sommer außerordentlich reich an Regentagen war und erst der SpätherbstNiederschlägein normaler Höhe hatte. Wenn auch die Regenmenge nicht die Höhe des Vorjahres erreichte, so zeigt doch das Mehr von 9 Regentagen, wie schwierig die Ernte für die Landwirtschaft war.

Frankfurt a. M., 15. Jan. In das Goldwaren­geschäft von Pletsch wurde heute nacht eingebrochen. Es wurden Goldsachen im Werte von etwa 30 000 Mk. gestohlen.

Frankfurt a. M., 14. Jan. Selbstmord durch Ver­giftung verübte gestern im Saale der Strafkammer des hiesigen Landgerichts der Malermeister Karl Kurt aus Sternberg. Kurt war wegen Sittlichkeitsver­brechen zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt worden. Nachdem das Urteil verkündet war, setzte er sich nieder und leerte vor den Augen der Richter ein Fläschchen mit Gift. Er wurde sofort ins Krankenhaus gebracht, wo er bald darauf starb.

Ohrdruf, 15. Januar. In Schwabhausen brach im Hause des Landwirtes August Möller eine mit Weizen schwer beladene Schlafstubendecke durch und begrub das im Zimmer anwesende, etwa 30jährige Dienst­mädchen Selma Pohl aus Schwabhausen unter sich. Das Mädchen ist an den Folgen der erlittenen schweren Verletzungen gestorben.

Abgeordnetenhaus.

Preußisches Abgeordnetenhaus. Am Donnerstag begann das Haus seine Sitzung mit der Beratung eines fortschrittlichen Antrags, ein gegen den Abg. Ernst (Fortschr.) anhängig gemachtes Strafverfahren auszusetzen. Das Haus stimmte zu. Abg. Dr v. Heydebrand und d. Läse erklärte bei der fortgewtzten Beratung des Etats den Standpunkt seiner politischen Freunde, der sich durchaus mit dem der Regierung deckte: es sei durchaus ihre Sache, ein neues Wahl­recht vorzulegen. Den Sozialdemokraten und Frei­sinnigen riet er oft unter großer Heiterkeit des Hauses, doch für die Berliner Stadtverordneten­

wahlen ein neues Wahlrecht nach ihren Wünschen festzustellen. (Beifall.) Die Konservativen hätten die elsaß-lothringische Verfassung als bedenklich bezeichnet, die Entwicklung der Dinge habe die Berechtigung dieser Auffassung erwiesen. Ob nach den Erfahr- ungen der letzten Tage und der Rede des Abg. Dr. Röchling den Nationalliberalen nicht doch das Be­denkliche ihres Mißtrauensvotums aufgestiegen sei, fragte der Redner, aber die Gefragten riefen nein! Zu Steuerfragen übergehend, betonte er, daß das große Werk der Finanzreform nur ermöglicht worden sei durch die Ablehnung der Erbschaftssteuer. Wer es gut meine mit Preußen, der könne nicht wollen, daß Preußens Rechte an das Deutsche Reich gegeben werden. (Lebhafter anhaltender Beifall.) Die Haltung der Regierung sei im vorigen Jahre sehr schwankend gewesen, obgleich die Stimmung der Wehrvorlage sehr günstig war. An den Grundlagen der Einzelstaaten dürfe nicht gerüttelt werden. Abg. Dr. Bell (Ztr.) betonte, daß seine Partei nicht für eine Verschlechterung des Wahlrechts zu haben sei. Ein Ende müsse nun die Vermehrung der Steuerlasten finden. Die Auf­regung über Zabern sei entstanden, weil keine Auf­klärung über die Rechtslage geschaffen worden sei. Preußens Vormachtstellung müsse gewahrt bleiben. Abg. Schiffer (Natlib.) protestierte gegen den in den Worten des Grafen Porck von Wartenburg liegenden Vorwurf, daß Parlamente die auf Wahlen beruhen, nicht ihre Beschlüsse nach bestem Gewissen fassen. An der Rechtslage des deutschen Staates dürse nichts geändert werden, dafür seien die Nationalliberalen im Falle Zabern eingetreten. Ministerpräsident v. Bethmann Hollweg wandte sich gegen die von Herrn von Heydebrand erhobenen Vorwürfe, die sich gegen die Regierung und den Reichsschatzsekretär richteten. Die Konservativen hätten kein Recht zu solchen Vor- würfen,' sie seien billig wie Brombeeren und lägen auf der Straße. Die Haltung der Regierung erkläre sich aus dem Bestreben, die Wehrvorlagen nicht zu gefährden. Den Reichstag aufzulösen, habe er keinen Grund gehabt. Abg. Dr. v. Woyna (frcikvns.) wünschte Hinzuziehung in den Reichsbankausschuß von Handel, Industrie und Landwirtschaft. Abg. Dr. Pachnicke gab seiner Freude Ausdruck, daß durch die Wehrsteuer die besitzenden Klassen getroffen worden sind, die nun neben den Mund auch den Beutel auftun müßten. Um i/25 Uhr vertagte sich das Haus auf Sonnabend.

Deutscher Reichstag.

Auf der Tagesordnung der Sitzung vom Donners­tag stand zunächst die sozialdemokratische Interpellation über die Vorgänge in Zabern. Staatssekretär Dr. Delbrück erklärte auf Befragen, daß der Reichskanzler diese Interpellation sowie die (inzwischen einge­gangene) der Fortschrittler beantworten werde, sobald das gegen die beteiligten Offiziere schwebende Ver­fahren rechtskräftig abgeschlossen sei. Damit waren beide Interpellationen zunächst erledigt und das Haus wandte sich der ersten Lesung des Gesetzentwurfs über die Regelung der Sonntagsruhe im Handelsgcwerbe zu. Ministerialdirektor Dr. Caspar führte zur Be­gründung aus, daß die Vorlage eine Anzahl Be­stimmungen zusammenfassend regeln und für die Wünsche der Angestellten und Geschäftsinhaber einen Ausgleich schaffen solle. Abg. Bender (Soz.) nannte den Entwurf kümmerlich und unzulänglich und meinte, die Regierung arbeite nur im Interesse der Besitzenden. Abg. Erzberger (Ztrö bezeichnete es als den Hauptfehler der Vorlage, daß sie alles nach der Schablone regele, die den Verhältnissen auf dem Lande nicht angepaßt sei. Die sozialdemokratische Forderung völliger Sonntagsruhe würde den völligen Ruin des größten Teiles des Mittelstandes bedeuten. Auch Abg. List-Eßlingen (nl.) lehnte die völlige Sonntags­ruhe ab und empfahl eine Revision der ganzen Ge­werbeordnung. Die Vorlage habe immerhin einen richtigen Mittelweg eingeschlagen. Abg.Graf v. Carmer- Zieserwitz (kons.) betonte, daß der Kaufmann in den Landstädten auf die Landkundschaft, die nur Sonntags einkaufen könne, angewiesen sei und hoffte, daß die Kommissionsverhandlung eine befriedigende Aus­gestaltung der Vorlage zur Folge habe. Auch die Abgg. Gunßer (fortsch.), Dombek (Pole), Warmuth (Rp.) und Mumm (wirtsch. Vereinig.) sprachen sich gegen eine völlige Sonntagsruhe aus und erhofften von der Kommissionsberatung ein brauchbares Gesetz. Abg. Liz Mumm bemängelte, daß dies Gesetz nicht einen Schritt vorwärts bringe. Er wandte sich dann besonders gegen die Sonderstellung der jüdischen Geschäftsinhaber. In einem christlichen Staat sollten die christlichen Einrichtungen grundlegend sein. Das Haus vertagt sich auf Vorschlag des Präsidenten. Freitag: Kleine Anfragen, Fortsetzung.