Hersselder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger ^^^ für den Kreis Hersfeld
Melier Sreisilatt
Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wiederholungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittag».
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage“ Zernsprech-5lnschluh Nr. 8
Nr. 12. Donnerstag, den 15. Januar 1914.
Der heutigen Nummer liegt ein Amtlicher Anzeiger bei.
Bus der Heimat.
* Musikalische Ausbildung der Lehrer.) Die Konferenz preußischer Seminardirektoren hat beschlossen, an maßgebender Stelle zu veranlassen, die Ausbildung für das Kantoren- und Organistenamt erheblich einzuschränken; mehr als die Hälfte der Lehrerschaft brauche kirchenmusikalisch nicht ausgebildet zu werden. Von allen Lehrerstellen sind in der Provinz Hessen-Nassau nur 35,5% mit Kirchen- amt verbunden.
):( Hersfeld, 14. Januar. In dem heutigen Amtlichen Anzeiger befindet sich eine Bekanntmachung über die Bestimmungen betreffend Nachsuchung des Berechtigungsscheins zum einjährigfreiwilligen Militärdienst. Wir machen Interessenten hierauf besonders aufmerksam-
):( Hersfeld, 14. Jan. Dem gestrigen Schweine- markt waren 239 Schweine zugetrieben. Der Handel ging bei zurückgegangenen Preisen flott.
8 Hersfeld, 14. Januar. (S kik u r s i n G e rs - feld-Rhön.) Der Deutsche Touring-Club, Sektion Frankfurt a. M., hält in der Zeit vom 20. bis 26. Januar 1914 in Gersfeld (Rhön) unter der Leitung eines Lehrwartes einen Skikurs nach alpiner fLilien- felder) Technik ab. Der Club ist bereit, den Interessenten der näheren Umgebung Gersfelds die Teilnahme an dem Skikurs zu den für Touring-Club- Mitglieder angesetzten, ermäßigten Bedingungen zu gewähren. Der Kursbeitrag beträgt 5 Mk. Anmeldungen sind an die Zentral-Geschäftsstelle des Deutschen Touring-Club nach München, Prannerstr. 24 oder an die Sekttons-Geschäftsstelle des D. T. C. Frankfurt a. M., Elbestr. 19 zu richten. Dortselbst sind auch kostenlos Prospekte erhältlich.
Caffel, 13. Januar. Das Schwurgericht verurteilte heute den am 27. Juni 1895 in Volkmarsen geborenen Fürsorgezögling Theobald Todt wegen vorsätzlicher Brandstiftung in zwei Fällen zu drei Jahren Gefängnis und fünf Jahren Ehrverlust. Der Angeklagte, der aus der Fürsorgeanstalt in Wabern entwichen war und sich bettelnd herumgetrieben hatte, steckte in der Nacht zum 28. Oktober v. I. einen großen Strohdiemen bei Obermöllrich an, wodurch ein Schaden von etwa tausend Mark entstand. Nachdem er dem Brande von weitem zugesehen hatte, wanderte er nach Caffel, wo er einen Getreideschober des Gärtners Paul an- zündete. Hier betrug der Schaden über 5000 Mark. Dann stellte er sich selbst der Polizei und gab an, infolge Hungers und aus Groll über sein Schicksal die Brandstiftung verübt zu haben. Nur seine Jugend rettete ihn vor dem Zuchthaus.
Marburg, 12. Januar. Die Stadtverordneten begannen heute mit der Beratung einer städtischen Submissionsordnung. Die Einfügung eines Paragraphen, nach welchem Mitglieder der städtischen Körperschaften bezw. der städtischen Kommissionen von städtischen Arbeiten und Lieferungen ausgeschlossen werden können, wurde nach langer Debatte abgelehnt.
Viedenkopf, 12. Januar. Bei der Kreiskasse Biedenkopf stellte sich heraus, daß 6000 Mark unterschlagen worden sind. Die eingeleitete Untersuchung ergab, daß diese Unterschlagungen dem kürzlich verstorbenen Rendanten Jäger zur Last fallen.
Fritzlar, 12. Januar. Der Rekrut B. von der 1. Batterie der reitenden Abteilung des Feldartillerie- Regiments Nr. 11, der seit vorigen Dienstag flüchtig war, wurde gestern morgen, als mehrere Soldaten Stroh vom Boden der Kaserne herunterwarfen, im Stroh versteckt aufgefunden. B. wurde sofort einem eingehenden Verhör unterzogen. Er sagte aus, daß er sich seit Sonnabend auf dem Boden befände, die Tage vom Dienstag bis Sonnabend aber in einer unweit der Kaserne stehenden Strohdieme zugebracht habe. Die Furcht vorm Reiten haben ihn veranlaßt zu desertieren. Dem jungen Manne, sind während er sich in der Strohdieme aufhielt, wahrscheinlich beide Beine erfroren.
Nieder-Ohme«, 12. Januar. Eine Submissionsblüte ergab die Ausschreibung der Arbeiten zum Bahnhof-Umbau. Das niedrigste Angebot (Gebr. Ächäfer-Hünfeld) beträgt 53179 Mark, das höchste (H. Seim-Lauterbach) 106 274 Mark.
Birkungen, 13. Januar. Der Landwirt und Tischler Emil Rogge, ein in guten Verhältnissen lebender Vierziger, der Rendant der hiesigen Kirchen- raye war, wurde in seiner Werkstatt tot aufgefunden, -vtlt einem Rasiermesser hatte er sich die Kehle durch
schnitten. Rogge, der infolge Schwermut Haud an sich gelegt haben dürfte, hinterläßt seine Frau und fünf an Diphteritis krank darniederliegende Kinder.
Münden, 18. Januar. Der Registrator Th. Pape der städtischen Kassen in Münden, dem die Magistratskasse unterstellt war, hat sich in Göttingen der Polizei gestellt und eingestanden, Unterschlagungen verübt zu haben. Er hatte das Kranken- und Unfallversicherungswesen unter sich und hat die Unterschlagung im Laufe der Jahre verübt. Um eine Entdeckung zu verhüten, sollen auch falsche Eintragungen gemacht worden sein. Die Polizei und der Magistrat in Münden wurden sofort benachrichtigt. P. spielte in vielen Vereinen eine große Rolle.
Bestwig, 12. Januar. Im sogenannten Seufzertal vergnügten sich junge Bürschchen mit einem Tesching zu schießen. Der 7jährige Knabe der Familie Schröder wurde in den Hinterkopf getroffen. Der Junge starb alsbald nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus.
Gotha, 12. Januar. Bei der Blockstation Siebleben wurde diese Nacht durch den Streckenläufer zwischen den Schienen eine kopflose Leiche gefunden. Heute früh wurde im Schnee auch der zur Unkenntlichkeit zerfahrene Kopf gefunden. Außer einem Taschentuch, gezeichnet O. U., wurde bei der Leiche nichts gefunden, woraus festzustellen ist, wer der Getötete sein kann.
Frankfurt a. M., 12. Januar. Im hiesigen Hauptbahnhof wurden drei Russen verhaftet, die versucht hatten, drei Fahrkarten, die ihnen vom russischen Konsulat zu einer Fahrt nach Leipzig gelöst worden waren, gegen Auszahlung des Fahrpreises dem Schalterbeamten zurückzugeben. Den Aufdruck russisches Konsulat hatten sie entfernt
Darmstadt, 12. Jan. Wegen des am 8. September v. Js. an dem Eisenbahnübergang an der Sprend- linger Straße in Offenbach erfolgten Eisenbahnunfalls, wobei der Milchhändler und die Milchhändlerin Susanna Schäfer aus Sprendlingen getötet wurden, hatten sich heute vor der Strafkammer der 22 Jahre alte Hilfsweichensteller Jakob Herzog und der 59 Jahre alte Weichensteller Burckhardt in Offenbach unter der Anklage der fahrlässigen Tötung zu verantworten. Beide wurden zu einem Monate Gefängnis verurteilt.
Deutscher Reichstag.
Der Reichstag hielt am Dienstag die erste Sitzung nach der Weihnachtspause ab, vom Präsidenten Dr. Kaempf mit guten Wünschen zum neuen Jahre begrüßt. Auf der Tagesordnung standen Petitionen. Die Handelskammer in Nürnberg bat, die Bleistiftindustrie unter diejenigen Gewerbe aufzunehmen, denen für die Verwendung unvergällten Branntweins eine Steuerrückvergütung von 20 Mk. für das Hektoliter gewährt wird. Abg. Nehbel (fonf.) hielt die Erfüllung dieser Bitte für bedenklich, da andere Industriezweige mit ihren Sonderwünschen nachfolgen würden. Im vorliegenden Falle handle es sich noch dazu um eine Lappalie. Abg. Dr. Südekum (Soz.) trat dagegen für eine Ueberweisung zur Erwägung ein. Die Bleistiftindustrie müsse konkurrenzfähig erhalten bleiben. Das Haus erhob den Antrag der Kommission auf Ueberweisung zur Erwägung zum Beschluß. Zu einer längeren Erörterung kam es bei der Petition des Verbandes für Frauenstimmrecht zwecks Ern- führung des Wahlrechts für Frauen. Die Kommission hatte Ueberweisung zur Kenntnisnahme beantragt. Abg. Dr. Cohn-Nordhausen (Soz.) beantragte Ueberweisung zur Berücksichtigung und meinte, die Konier- vativen sollten für die Einführung mittels Kabmetts- order sorgen. Abg. Dr. Bell (Ztr.) erkannte an, daß die Frauen jetzt ein größeres Interesse am öffentlichen Leben zeigen, daß aber daraus die Forderung des Stimmrechts nicht abgeleitet werden könne. Der Wunsch nach einer Kabinettsorder bedeute Verfaßungs- bruch. Abg. Graefe (fonf). betonte, daß man auf dem Lande der Stimmrechtsforderung sehr skeptisch gegen- überstehe. Die Erfüllung dieser Forderung sei kein Segen für das politische Leben, auch nicht für die Frauen. Abg. Dr. Arendt (Rp.) war gleicher Meinung, während Abg. Dr. Haas (Fortschr.) die politische Be- tätigung der Frauen für wertvoll hielt. Nach weiterer Erörterung wurde der Kommissionsantrag angenommen. Der Kölner Männerverband zur Bekämpfung der Unsittlichkeit bat, zu verfügen, daß post- lagernde Sendungen stets den Namen des Empfängers tragen müssen. Während die Kommission Ueberweisung zur Kenntnisnahme beantragte, wünschte Abg. Marcour (Ztr.) die Berücksichtigung. Mit post- lagernden Sendungen werde viel Mißbrauch getrieben; die Post leiste da allerlei Schlechtigkeiten Handlangerdienste. Das Haus beschloß die Ueberweisung zur
Berücksichtigung. Zu dem über ein Lokal in Burg bei Magdeburg verhängten Militärboykott, in dem vor der Wahl eines konservativen Kandidaten gewarnt worden war, bemerkte der Abg. Thiele sSoz.), daß es sich wiederum um eine Kraftprobe des Militarismus handele. Generalmajor Wild von Hohenborn erklärte dazu, daß die Lokalsperre schon im Jnli 1912 aufgehoben sei. Sie sei erfolgt, weil das Generalkommando disziplinstörende Wirkungen befürchtete. Die Sperre sei auch in diesem Falle nicht verhängt worden, um den Wirt zu schädigen. Für die Disziplin hätten derartige Maßnahmen immer die besten Erfolge gezeitigt. Abg. Schöpflin (Soz.) bemerkte, daß man bei den Etatsverhandlungen noch näher auf den Militärboykott eingehen werde. Eine weitere Petition verlangte die Einschränkung der Wandergewerbebetriebe. Dazu bemerkte Abg. König (Soz.), daß man das Hausier- gewerbe schonen sollte. Das Haus beschließt die Ueberweisung der Petition als Material und vertagt sich auf Mittwoch: Petitionen.
Abgeordnetenhaus.
Das preußische Abgeordnetenhaus begann am Dienstag die erste Lesung des Etats. Graf Schwerin- Löwitz verkündete die Liste der Toten des Hauses in den letzten Wochen, deren Andenken in der üblichen Weise geehrt wurde. Bei der alsdann folgenden Wahl des Präsidiums wurden auf Vorschlag wieder- gewählt Graf Schwerin-Löwitz, Dr. Porsch, Dr. von Krause. Bei der nun folgenden ersten Lesung des Etats bat der Abg. Winckler (fonf.) den Termin für die Vermögenserklärung zur Wehrsteuer noch über den 20. Januar hinaus zu verlängern, da sich allerlei Unzuträglichkeiten bei der Vermögensfeststellung ergeben haben. Bedenklich sei die Finanzpolitik des letzten Reichstages gewesen, die auf Kosten der Einzelstaaten geschehen sei: Namens feiner politischen Freunde bedauerte Redner diesen beklagenswerten
Schritt. Das Reich dürfte den Staaten nicht die Steuerquellen ausschöpfen. Der provisorische Charakter der Steuerzuschläge dürfe nicht verwischt werden. Ministerpräsident von Bethmann-Hollweg erklärte auf eine Bemerkung des Vorredners, daß an die Einführung einer Arbeitslosen-Versicherung des Reiches für lange Zeit hinaus nicht zu deuken sei. Die Vor- würfe des Abg. Winckler wegen einer Passivität der Regierung gegenüber umstürzlerischen Bestrebungen seien unbegründet. Den Antrag auf Reichsbesitzsteuern habe die Ablehnung der Erbschaftssteuern veranlaßt. Eine Verschiebung der steuerrechtlichen Verhältnisse zuungunsten der Einzelstaaten sei natürlich verhängnisvoll. Im Interesse der Einzelstaaten beklage auch der Reichskanzler die Reichsvermögenssteuer. Ausführlich legte dann der Ministerpräsident die Schwierigkeiten dar bei der Schaffung des Wehrbei. träges, die Zerrissenheit der Parteien war groß, aber im Interesse der Nation mußten die schwersten Opfer gefordert werden. Abg. Herold fZtr.) bedauerte namens seiner politischen Freunde ebenfalls, daß die Erbschaftssteuer in dem Besitzbesteuerungsgesetz enthalten sei. Er vermißte die Erklärung, daß eine weitere Ausdehnung in Zukunft nicht eintreten solle. Bei den Ausführungsbestimmungen zum Wehrbeitrags- gesetz müsse darauf geachtet werden, daß nicht eine Ueberlaftung des Grundbesitzes in Frage kommt. Aufgehoben werden müsse das Jesuitengesetz, das eine Ungerechtigkeit gegen die Katholiken bedeute. Abg. Dr. Röchling (Natlib.) gibt seiner Freude Ausdruck, daß sich die Finanzen in dauernd guter Entwicklung befinden. Wehrbeitrag und Vermögenszuwachssteuer müssen ein Unikum bleiben. Der Landflucht könne man am besten entgegenwirken durch Schaffung kleinbäuerlicher Ansiedlungen. Redner trat weiter für den Schutz der Arbeitswilligen ein und für ein gleiches allgemeines Wahlrecht. Scharf kritisierte er dann unter der Unruhe der Linken des Hauses die Zustände in Zabern. Die größte Schuld trage die Zivilverwaltung, in der es leider ganz an preußischen Elementen fehle. Turmhoch über dem Recht des Einzelnen stehe das des Staates, das dürfe man bei Beurteilung des Falles nicht vergessen. Ministerpräsident von Bethmann-Hollweg geht auf die Ausführungen des Vorredners ein. Er legt Verwahrung dagegen ein, daß man seine im Reichstag gemachten Ausführungen kritisiert, das sei nicht das Recht des Abgeordnetenhauses. Auf die Welfenfrage eingehend, erklärt der Ministerpräsident, daß der Herzog von Braunschweig ihn ermächtigt habe, zu erklären, daß alle Versuche an dem bestehenden Zustande zu ändern, gegen den Willen des Herrschers-seien. Er mahnt dann, die Träumereien steriler Köpfe nicht ernster zu nehmen, als sie es verdienen. Eine Wahlrechtsvorlage würde sich die Regierung von keiner Seite aufoktroyteren lassen, sie würde selbst die Initiative ergreifen. Nach einer persönlichen Bemerkung des Abg. Röchling vertagt sich das Haus auf Mittwoch vormittag 10 Uhr.
oer.